Benedikt von Nursia

Die Vita des hl. Benedikt – Einführung in die Lebensbeschreibung des Heiligen

Im allgemeinen wird die Vita des hl. Benedikt von vielen immer noch eher ein wenig belächelt und als erbauliche, legendenumrangte Literatur verlegen bei Seite gelegt. Die Benediktusregel allein sei es, so hört man oft, die das benediktinische Leben begleitet, ihm Fundament und Form gibt und die dem Leser, so Gott will, irgendwann auch zum Buch seines eigenen Lebens wird. Die Lebensbeschreibung des hl. Benedikt aus der Feder Papst Gregors des Großen dagegen führt eher ein Schattendasein – und das zu Unrecht, denn sie ein Buch voller Kraft und voller Weisheit. Sie enthält ähnlich wie die Regel des hl. Benedikt, aber in literarisch ganz anderer Form, gelebte Wahrheit und schildert uns das Leben des hl. Benedikt als ein exemplarisches spirituelles Leben. Die Geschichten, die die Vita erzählt, sind wie Ikonen, die das Antlitz des Ordensvaters und im Tiefsten auch das Antlitz Christi und des Vatergottes aufstrahlen lassen. Deshalb kann die meditierende Lektüre der Vita Benedicti zu einem vertieften Verständnis des Glaubens und des benediktinischen Lebens führen. Der Anlass zur Abfassung der Dialoge

Das zweite Buch der Dialoge Gregors des Großen

Wie kaum ein anderes Werk hat das zweite Buch der Dialoge („Dialogorum Libri quattuor de miraculis Patrum Italicorum“) Papst Gregors des Großen (540 – 604), das die Lebensbeschreibung des hl. Benedikt enthält, die Spiritualität des benediktinischen Mönchtums durch die Jahrhunderte geprägt. Dieses Buch gehörte zu den weitest verbreiteten und meist übersetzten Büchern in den Klöstern unseres Ordens und darf deshalb in seiner Bedeutung für die Tradition, aber auch für uns heute, nicht unterschätzt werden. Die Vita Benedicti ist bis heute die einzige Quelle über Leben und Wirken unseres Mönchsvaters. Es gibt keine zeitgenössischen Zeugnisse über das Leben Benedikts.

Das benediktinische Mönchtum hat seine Formung vor allem durch die Benediktusregel gefunden. Die Person des hl. Benedikt trat und tritt immer hinter seinem Werk, d.h. hinter seiner Regel, zurück. Doch schon Papst Gregor wusste zu berichten: “Wer sein [Benedikts] Wesen und sein Leben genauer kennen lernen will, kann in den Weisungen seiner Regel alles finden, was er als Meister vorgelebt hat: denn der heilige Mann konnte gar nicht anders lehren, als er lebte.“ (Vita 36). In diesen letzten Worten leuchtet für mich das auf, was das eigentliche Geheimnis dieser Vita Benedicti und damit auch des hl. Benedikt selbst ausmacht: Leben und Lehre sind zu einer untrennbaren Einheit geworden. Von uns, den Nachfolgenden, wird nicht mehr und nichts anderes erwartet, als unser Vater Benedikt selbst vorgelebt hat. „Der Abt“, so heißt es im 2. Kapitel der Regula (2, 12), „zeige mehr durch sein Beispiel als durch Worte, was gut und heilig ist“. Und wer von uns wüsste nicht, dass das gelebte Beispiel weit mehr überzeugt als jedes noch so gut gemeinte Wort.

Gregor der Große verfasste die Vita Benedicti in den Jahren 593 und 594, also fast 50 Jahre nach dem Tod des hl. Benedikt (ca. 548). Äußerer Anlass war die Bitte zahlreicher Kleriker und Mönche, Beispiele heiligmäßigen Lebens in Italien niederzuschreiben, um die Menschen zu erbauen und im Glauben zu stärken. Im Vordergrund stand also zunächst ein durchaus pastorales und auch spirituelles Anliegen. Betrachtet man allerdings das Vorwort Gregors zu seinen „Vier Büchern der Dialoge“, so wird deutlich, dass auch ein sehr persönliches Interesse hinter diesem Buch stand. Gregor, ursprünglich selbst Mönch im Andreaskloster in Rom, war bereits nach wenigen Klosterjahren Abgesandter des Papstes in Konstantinopel geworden und wurde dann 590 selbst zum Papst gewählt. Die Bürde des Amtes lastete schwer auf ihm – die Verflochtenheit in weltliche Aufgaben ließ ihn in wachsendem Maße hin- und hergerissen sein zwischen den Pflichten seines Papstamtes und der Sehnsucht nach einem kontemplativen, geistlichen Leben im Kloster.

Als Heilmittel gegen seine eigene innere Unruhe setzt Gregor nun die Erinnerung an Beispiele gelungenen, integrierten, ganzen und heilen Lebens. In der Gestalt des hl. Benedikt findet er ein solches Beispiel. In der Erinnerung an ihn gelingt es ihm, die kontemplative Dimension in seinem eigenen Leben zu bewahren und einen neuen Anfang zu setzen. Insofern hat die Niederschrift der Lebensbeschreibung des hl. Benedikt für Papst Gregor neben der pastoralen auch eine „therapeutische“ Funktion. In den Lebensgeschichten der Väter erfährt er Ansporn, Trost und Stärkung und findet das, was er sich tief in seinem Herzen für sein eigenes Leben wünscht: „Viele von ihnen lebten im Verborgenen in Einklang mit dem Schöpfer“ (Prolog der Vita). Papst Gregor versteht seinen Bericht über das Leben Benedikts also nicht erstlich als Geschichtsschreibung, sondern als Schilderung eines exemplarischen spirituellen Lebens. Am Leben des hl. Benedikt will er darlegen, wie der christliche Weg der Verwandlung in das Bild Jesu Christi gelingen kann und welche Stufen auf dem Weg wachsender Gotteserfahrung zu durchschreiten sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Vita Benedicti nicht einen wahren und zuverlässigen historischen Kern hat. Papst Gregor lagen Erzählungen und Erzähltraditionen, wie z.B. die vom stehenden Sterben des hl. Benedikt, vor. Solche Erzählfragmente verknüpfte er dann auf vielfältige Weise mit unterschiedlichen Topoi (d.h. Erzähl- und Denkfiguren) aus der altkirchlichen Hagiographie. Dabei spielen die beiden großen Modellviten des alten Mönchtums – die Vita Antonii des Athanasius und die Vita Martini des Sulpicius Severus – eine ganz besondere Rolle. Auf diese Weise entstand ein Bild des Menschen Benedikt, der glaubwürdig und konsequent als Christ und als Mönch lebte. In zweiter Linie dann folgte die Intention einer Darstellung des monastischen Ideals, des Bildes eines vollkommenen Abtes und des vollkommenen Jüngers des Herrn. Wichtig ist dabei der untrennbare Zusammenhang mit der Hl. Schrift und der absolute Vorrang des Wortes Gottes. „Wenn die Mönchsregeln nichts anderes sein wollen als die Einschlagstelle der Hl. Schrift im konkreten Leben der Gemeinschaft, dann zeigen die Mönchsviten diese Einschlagstelle der Hl. Schrift im konkreten Leben eines einzelnen.“ (Einleitung zur Vita, hrsg. von der Salzburger Äbtekonferenz, S.34)

Die literarische Gestalt und Form der Vita Benedicti

Ein Blick auf die literarische Gestalt der Vita zeigt, dass das Leben des hl. Benedikt in einer Art fiktivem Wechselgespräch zwischen dem Verfasser Gregor und seinem Diakon Petrus dargestellt. Näherhin ist diese Form des Dialogs eigentlich die aus den Väterunterweisungen der Wüste bekannte Form der Fragen und Antworten. Der Diakon Petrus gibt sozusagen die Stichworte, damit die Erzählung weitergeht, oder stellt eine Frage, die es dem Erzähler ermöglicht, die Handlung fortzuschreiben oder auch einen kleinen homiletischen Exkurs über ein konkretes Thema einzuschieben (insgesamt 10 solcher Einschübe z.B. 35,5-7 gibt es)

Vir Dei Benedictus

Betrachten wir zunächst die Bezeichnung Benedikts als „Vir Dei Benedictus“. Schon diese Namensgebung weist auf die besondere Stellung des gesegneten Gottesmannes hin. Bedeutende Gestalten der Patriarchen- und Prophetenzeit führten als Ehrenbezeichnung den Titel „Mann Gottes“: Moses (Dt 33,1), Samuel (1 Sam 9,6), David (2 Chr 8,14), Elja und Elischa (1 Kön 17,18 und 3 Kön 19,16). Was zeichnet einen Vir Dei, einen Mann Gottes aus? Er ist zunächst und vor allem Zeuge für Gottes Heilshandeln in der Geschichte und an uns Menschen. Er lebt selbst ganz aus und in Gott, und versucht, allein Gottes Willen zu verwirklichen. Sodann ist er Prophet, d.h. gesandt, das Heil Gottes in eine bestimmte Situation hinein zu verkünden. Und schließlich steht der Vir Dei in der Nachfolge der Apostel, weniger um missionarisch tätig zu sein – dies kann eher eine indirekte Frucht sein – als vielmehr in dem Anspruch, die gleiche Vollkommenheit zu erreichen, wie diejenigen, die ganz in der Nähe des Herrn lebten.

Schließlich der Name „Benedictus“ in seiner doppelten Bedeutung: der von Gott Gesegnete, der selbst ein Segen für viele wird. Hier ist der Anklang an Abraham deutlich und sicher auch bewusst gewählt: „Du sollst ein Segen sein…“ . Schon für den Verfasser der Vita war der hl. Benedikt ein Gesegneter im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich denke, er ist es geblieben – durch inzwischen fast 1500 Jahre hindurch und auch für uns.

Grundthemen der Vita Benedicti

Wie oben schon gesagt, berichtet Papst Gregor im 36. Kapitel der Vita von der Niederschrift einer „Regel für Mönche“ und von dem untrennbaren Zusammenhang dieser Regel mit dem Leben des hl. Benedikt. Folgerichtig greift die Vita an vielen Stellen in der Form von Geschichten und Episoden aus dem Leben des Heiligen immer wieder die Grundthemen der Regel auf: den Vorrang des Gebetes als dem Zentrum des monastischen Lebens (Dialoge II 4,1-3 – RB 43,8-9), die Beständigkeit (Dialoge II, 25 – RB 4,78; 58,9; 61,5), der Gehorsam (Dialoge II, 7,1-3 – RB 5,1), der Eigenbesitz (Dialoge 19,2 – RB 33,1) und schließlich auch das weite Herz (Dialoge II 35,7 – RB, Prol 49).

Die Wunder

Entscheidender Bestandteil altkirchlicher Vitenliteratur sind die Wunderberichte – so auch in der Vita Benedicti. Gerade diese Wundergeschichten haben viele an der Seriösität der Vita zweifeln lassen. Doch gilt auch hier: wir müssen tiefer sehen und den Kern dieser Wunderberichte verstehen lernen. Die Wunder, so fasst Gregor selbst den Sinn dieser Berichte zusammen, sind das „bonae vitae testimonium“ (Dialoge I,12,6) das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens. Sie stellen die Heiligen in eine Reihe mit den Aposteln und Propheten. Viele der geschilderten Wunder Benedikts sind übrigens Früchte einer Art monastischen Pädagogik und insofern Anschauungsmaterial für unser tägliches klösterliches Leben (Dialoge II, 9: Der Stein in der Mitte; Dialoge II,10: Das Scheinfeuer in der Küche). Meist ist es das Gebet des hl. Mönchsvaters, das das Wunder bewirkt – und dies kann uns helfen, an die heilende und verwandelnde Kraft des Gebetes zu glauben.

Gefährdungen und Versuchungen

Ein Grundthema der Nachfolge sind die Gefährdungen und Versuchungen, ist der Kampf mit dem alten Feind, wie es die Mönchsväter nennen. Kein Leben in der Nachfolge kann ohne Anfechtungen bleiben, das weiß jeder von uns aus eigener Erfahrung. Evagrius Pontikus und in seiner Tradition Johannes Cassian sprachen von den logismoi, den Gedanken, die vom Weg und vom Eigentlichen abbringen und die es immer neu zu bekämpfen gilt. Diese konkretisieren sich in der Vita in verschiedenen Begegnungen des hl. Benedikt mit dem alten Feind und finden ihren Höhepunkt schließlich in dem Wort: „Der Ort änderte sich, nicht aber der Feind“ (Dialoge II, 8,10). In heutige Sprache übersetzt würden wir sagen: so oft wir den Ort auch wechseln, wir nehmen uns immer mit …

Begleiter auf dem Weg

Ein wichtiges Thema der Vita Benedicti sind auch die begleitenden Gestalten auf dem Weg. Der hl. Mönchsvater war keine einsame Gestalt, sondern traf und fand von Anfang an Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiteten: den Mönch Romanus, der ihm das Gewand des klösterlichen Lebens gab und ihn in der Höhle mit Brot speiste (Dialoge II, 1,4); der Osterbote, der mit seinem Besuch in der Höhle eine Wende in das eremitische Leben Benedikts bringt und ihn auf die kirchliche und gemeindliche Dimension des mönchischen Lebens hinweist (Dialoge II, 1,7); der Mönch Theoprobus, mit dem Benedikt seine prophetische Schau der Zerstörung Montecassinos teilt und vor dem der Heilige nicht einmal seine Tränen verbirgt (Dialoge II, 17); seine Schwester Scholastica, von der uns Gregor berichtet, dass sie mehr vermochte, weil sie mehr liebte (Dialoge II, 33,5); schließlich der Diakon Servandus, mit dem Benedikt auf dem Höhepunkt seines geistlichen Lebens seine große kosmische Vision und die überwältigende Erfahrung des göttlichen Lichtes teilt (Dialoge II, 35,4). Alle diese Wegbegleiter stehen als Symbol für die Wirklichkeit brüderlich-schwesterlicher Gemeinschaft und können Mut machen, unseren je persönlichen Weg nicht alleine zu gehen, sondern im vertrauensvollen Austausch mit anderen an unserer Seite.

Geistliches Leben als Weg

Als letztes, aber keineswegs als letztrangiges Grundmotiv der Vita des hl. Benedikt ist der Weg zu nennen. Geistliches Leben, Leben überhaupt ist ein Weg, den wir gehen und den wir geführt werden. Dem Weg Benedikts geht ein Neuanfang voraus, nämlich seine Bekehrung zum Mönchtum. In diesem Sinne kann der hl. Benedikt ein guter Wegbegleiter sein, denn er war ganz ein Mann des Anfangs.

Benedikt verlässt seine Heimatstadt Rom und er verlässt seine Familie. Er verlässt sein Vaterhaus und seinen Besitz. Er verlässt die Welt und kurz darauf auch seine geliebte Amme. Er findet Aufnahme in einer Gemeinschaft von Männern, die ein asketisches Leben führen, und verlässt die Gemeinschaft von Effide schon bald, um neu zu beginnen in radikaler Einsamkeit. Seine Wüste wird nun „eine ganz enge Höhle“ (Dialoge II 1,4) und er beginnt den Weg zurück zu sich selbst – „reditus in semetipsum“, wie die Väter diesen ersten Schritt auf dem Weg der Gotteserfahrung nennen. Auch später, nach dem Scheitern in Vicovaro wird Benedikt noch einmal an „die Stätte der geliebten Einsamkeit zurück-kehren“ (Dialoge II, 3,5) um dort ganz in der Gegenwart Gottes, was Papst Gregor mit dem berühmten Wort vom „habitare secum“ (Dialoge II, 3,5) beschreibt, zu leben.

In einem weiteren Schritt verlässt Benedikt die Höhle und begibt sich „auf die Erde“ in Subiaco. Er fängt neu an, sammelt die ersten Schüler um sich und gründet 12 Klöster. Die Grundzüge zönobitischen, d.h. gemeinschaftlichen Lebens bilden sich heraus. Der Neid eines feindlichen Priesters veranlasst Benedikt schließlich noch einmal zu einem Ortswechsel und Neuanfang. Der Montecassino symbolisiert nun die letzte Station seines Lebens und wird zum Ort seiner geistlichen Vollendung. Wie sehr der Berg der eigentliche Ort der Gottesbegegnung ist, sagt uns die Hl. Schrift an vielen Stellen, angefangen vom Berg Horeb über den Berg Tabor bis hin zum Ölberg. Auf dem Montecassino wird der hl. Benedikt zum eigentlichen Vir Dei, zum guten Hirten und zum geistlichen Vater seiner Mönche. Hier beginnt er mit der Niederschrift seiner Regel und hier vollendet sich auch sein Leben.

Noch einmal führt Papst Gregor den hl. Benedikt weiter hinauf – an die höchste Stelle, auf den Turm, den nichts mehr zu überragen vermag. In einer nächtlichen Vision erfährt er nun den eigentlichen geistlichen Höhepunkt seines Lebens. Er ist zur Vollendung gelangt und darf bereits das jenseitige Licht der Transzendenz schauen. Ähnlich wie Augustinus einst mit seiner Mutter Monika kurz vor deren Tod am Fenster in Ostia stand (Confessiones IX, 23), so erlebt Benedikt hier bereits seinen Hinübergang in das ewige Licht. Es ist seine Ostererfahrung schlechthin, die ihre liturgische Parallele im Exsultet der Osternacht findet, die mit nahezu denselben Worten das Licht der Auferstehung inmitten der Nacht preist. In diesem Licht darf Benedikt wie einst Moses auf dem Berg Nebo (Deut 34,1-5) das gelobte Land in seiner Ganzheit und in seiner vollen Schönheit schauen. Benedikts Tod ist dann nur noch ein Hinübergang, ein transitus im eigentlichen Sinne. Ein letztes Mal nimmt Papst Gregor hier an dieser Stelle das Wegmotiv des geistlichen Aufstiegs in den Blick. Auf unnachahmliche Weise verwendet er eine Terminologie, die an die Himmelfahrtsperikope erinnert: „Haec est via, qua dilectus Domino caelum Benedictus ascendit“ – Dies ist der Weg, auf dem Benedikt, den der Herr liebt, zum Himmel emporstieg“ (Dialoge 37, 3).

Sr. Philippa Rath OSB

Papst Benedikt XVI. über den heiligen Benedikt

BENEDIKT XVI.
GENERALAUDIENZ Mittwoch, 9. April 2008

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über den hl. Benedikt, den Begründer des abendländischen Mönchtums und Schutzpatron meines Pontifikats, sprechen. Ich beginne mit einem Wort des hl. Gregor des Großen, der über den hl. Benedikt schreibt: »Nicht nur die zahlreichen Wunder des Gottesmannes wurden in der Welt berühmt, sondern auch das Wort seiner Lehre strahlte hell auf« (II Dial., 36). Diese Worte schrieb der große Papst im Jahr 592; der heilige Mönch war kaum fünfzig Jahre zuvor gestorben und noch in der Erinnerung der Menschen und vor allem in dem von ihm gegründeten blühenden Orden lebendig. Der hl. Benedikt von Nursia hat durch sein Leben und Werk einen grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Zivilisation und Kultur ausgeübt. Die wichtigste Quelle über sein Leben ist das zweite Buch der Dialoge des hl. Gregor des Großen. Es handelt sich nicht um eine Biographie im klassischen Sinn. Entsprechend den Vorstellungen seiner Zeit wollte er anhand des Vorbilds eines konkreten Menschen – eben des hl. Benedikt – den Aufstieg zu den Gipfeln der Kontemplation veranschaulichen, der von jedem, der sich Gott hingibt, verwirklicht werden kann. Er bietet uns also ein Modell des menschlichen Lebens als Aufstieg zum Höhepunkt der Vollkommenheit. Der hl. Gregor der Große berichtet in diesem Buch der Dialoge auch von vielen Wundern, die der Heilige vollbracht hat, und auch hier will er nicht einfach etwas Sonderbares erzählen, sondern zeigen, wie Gott mahnend, helfend und auch strafend in die konkreten Lebenssituationen des Menschen eingreift. Er will zeigen, dass Gott nicht eine ferne, an den Ursprung der Welt gestellte Hypothese ist, sondern im Leben des Menschen, eines jeden Menschen, gegenwärtig ist.

Diese Sichtweise des »Biographen« erklärt sich auch im Licht des allgemeinen Kontextes seiner Zeit: An der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert wurde die Welt von einer schrecklichen Krise der Werte und Institutionen erschüttert, die durch den Zusammenbruch des Römischen Reiches, das Eindringen der neuen Völker und den Verfall der Sitten verursacht worden war. Mit der Vorstellung des hl. Benedikt als »leuchtenden Stern« wollte Gregor in dieser furchtbaren Situation gerade hier in dieser Stadt Rom den Ausweg aus der »dunklen Nacht der Geschichte« zeigen (vgl. Johannes Paul II., Insegnamenti, II/1, 1979, S. 1158). In der Tat erwiesen sich das Werk des Heiligen und in besonderer Weise seine »Regel« als Überbringer eines echten geistlichen Sauerteigs, der im Lauf der Jahrhunderte weit über die Grenzen seiner Heimat und seiner Zeit hinaus das Antlitz Europas veränderte, indem er nach dem Zerfall der politischen Einheit, die durch das Römische Reich geschaffen worden war, eine neue geistliche und kulturelle Einheit hervorbrachte, nämlich jene des christlichen Glaubens, den die Völker des Kontinents teilten. Gerade so entstand die Wirklichkeit, die wir »Europa« nennen.

Die Geburt des hl. Benedikt wird um das Jahr 480 datiert. Er stammte, so sagt der hl. Gregor, »ex provincia Nursiae« – aus der Gegend von Nursia. Seine wohlhabenden Eltern schickten ihn für seine Ausbildung zum Studium nach Rom. Er blieb jedoch nicht lange in der Ewigen Stadt. Als durchaus glaubwürdige Erklärung dafür deutet Gregor die Tatsache an, daß der junge Benedikt vom Lebensstil vieler seiner Studiengefährten, die ein ausschweifendes Leben führten, angewidert war und nicht in dieselben Fehler wie sie verfallen wollte. Er wollte allein Gott gefallen, »soli Deo placere desiderans« (II Dial., Prol. 1). So verließ Benedikt noch vor Abschluss seiner Studien Rom und zog sich in die Einsamkeit der Berge östlich von Rom zurück. Nach einem ersten Aufenthalt in dem Dorf Enfide (heute: Affile), wo er sich für eine gewisse Zeit einer »religiösen Gemeinschaft« von Mönchen anschloss, wurde er Einsiedler im nicht weit entfernten Subiaco. Dort lebte er drei Jahre lang völlig einsam in einer Grotte, die seit dem frühen Mittelalter das »Herz« eines Benediktinerklosters bildet, das »Sacro Speco« (Heilige Höhle) genannt wird. Die Zeit in Subiaco, eine Zeit der Einsamkeit mit Gott, war für Benedikt eine Zeit der Reifung. Hier musste er die drei Grundversuchungen jedes Menschen ertragen und überwinden: die Versuchung der Selbstbehauptung und des Wunsches, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, die Versuchung der Sinnlichkeit und schließlich die Versuchung des Zornes und der Rache. Es war nämlich Benedikts Überzeugung, dass er erst nach Überwindung dieser Versuchungen den anderen ein für ihre Notsituationen nützliches Wort würde sagen können. So war er, nachdem er seine Seele befriedet hatte, imstande, die Triebe des Ich gänzlich zu beherrschen, um so ein Friedensstifter in seiner Umgebung zu sein. Erst dann beschloss er, seine ersten Klöster im Tal des Anio in der Nähe von Subiaco zu gründen.

Im Jahr 529 verließ Benedikt Subiaco, um sich in Montecassino niederzulassen. Manche haben diese Übersiedlung als eine Flucht vor den Intrigen eines neidischen örtlichen Kirchenmannes erklärt. Doch dieser Erklärungsversuch hat sich als wenig überzeugend erwiesen, da der plötzliche Tod jenes Mannes Benedikt nicht zur Rückkehr veranlasst hat (vgl. II Dial. 8). In Wirklichkeit drängte sich ihm diese Entscheidung auf, weil er in eine neue Phase seiner inneren Reifung und seiner monastischen Erfahrung eingetreten war. Nach Gregor dem Großen nimmt der Auszug aus dem abgelegenen Tal des Anio zum Monte Cassio – einer Anhöhe, die die ausgedehnte umliegende Ebene beherrscht und von weitem sichtbar ist – einen symbolischen Charakter an: Das monastische Leben in der Verborgenheit hat seine Daseinsberechtigung, aber ein Kloster hat auch seinen öffentlichen Zweck im Leben der Kirche und der Gesellschaft, es muss dem Glauben als Lebenskraft Sichtbarkeit verleihen. Als Benedikt am 21. März 547 sein irdisches Leben abschloss, hinterließ er tatsächlich mit seiner »Regel« und mit der von ihm gegründeten benediktinischen Familie ein Erbe, das in den vergangenen Jahrhunderten in der ganzen Welt Früchte getragen hat und noch immer trägt.

Im gesamten zweiten Buch der Dialoge erläutert Gregor, wie das Leben des hl. Benedikt in eine Atmosphäre des Gebets eingesenkt war, das tragende Fundament seines Daseins. Ohne Gebet gibt es keine Gotteserfahrung. Die Spiritualität Benedikts war aber keine Innerlichkeit außerhalb der Wirklichkeit. In der Unruhe und Verwirrung seiner Zeit lebte er unter dem Blick Gottes und verlor gerade so nie die Pflichten des täglichen Lebens und den Menschen mit seinen konkreten Bedürfnissen aus den Augen. Indem er Gott sah, verstand er die Wirklichkeit des Menschen und seine Sendung. In seiner »Regel« bezeichnet er das monastische Leben als »eine Schule für den Dienst des Herrn« (Prol. 45) und verlangt von seinen Mönchen, dass »dem Gottesdienst [d. h. dem Officium Divinum bzw. dem Stundengebet] nichts vorgezogen werden soll« (43,3). Er hebt jedoch hervor, dass das Gebet in erster Linie ein Akt des Hörens ist (Prol. 9–11), der dann in konkretes Handeln umgesetzt werden muss. »Nach all diesen Worten erwartet der Herr, dass wir jeden Tag auf seine göttlichen Mahnungen mit unserem Tun antworten«, sagt er (Prol. 35). So wird das Leben des Mönchs zu einer fruchtbaren Symbiose zwischen Aktion und Kontemplation, »damit in allem Gott verherrlicht werde« (57,9). Im Gegensatz zu einer heute oft gepriesenen leichten und ichbezogenen Selbstverwirklichung ist die erste und unverzichtbare Pflicht des Schülers des hl. Benedikt die aufrichtige Suche nach Gott (58,7) auf dem vom demütigen und gehorsamen Christus vorgezeichneten Weg (5,13), dessen Liebe er nichts vorziehen darf (4,21; 72,11), und gerade auf diese Weise, im Dienst am anderen, wird er ein Mann des Dienstes und des Friedens. In der Ausübung des Gehorsams, der mit einem von der Liebe beseelten Glauben in die Tat umgesetzt wird (5,2), gewinnt der Mönch die Demut (5,1), der die »Regel« ein ganzes Kapitel widmet (7). Auf diese Weise wird der Mensch immer mehr Christus ähnlich und gelangt zur wahren Selbstverwirklichung als Geschöpf nach dem Bild und Gleichnis Gottes.

Dem Gehorsam des Jüngers muss die Weisheit des Abtes entsprechen, der im Kloster »die Stelle Christi« vertritt (2,2; 63,13). Seine Gestalt, die vor allem im zweiten Kapitel der »Regel« mit einem Profil von geistlicher Schönheit und anspruchsvollem Einsatz umrissen wird, kann als ein Selbstbildnis Benedikts betrachtet werden, da – wie Gregor der Große schreibt – »der heilige Mann gar nicht anders lehren konnte, als er lebte« (II Dial. 36). Der Abt muss gleichzeitig ein liebevoller Vater und ein strenger Meister sein (2,24), ein wahrer Erzieher. Unbeugsam gegenüber den Lastern ist er jedoch dazu berufen, vor allem die Liebe und Güte des Guten Hirten nachzuahmen (27,8), »mehr zu helfen als zu herrschen« (64,8), »alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar zu machen« und »die Weisungen Gottes durch sein Beispiel zu veranschaulichen« (2,12). Um verantwortlich entscheiden zu können, muss auch der Abt ein Mann sein, der »auf den Rat der Brüder hört« (3,2), »weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist« (3,3). Diese Anordnung macht eine vor fast fünfzehn Jahrhunderten geschriebene »Regel« überraschend modern! Ein Mensch mit öffentlicher Verantwortung, auch in kleinen Bereichen, muss immer auch ein Mensch sein, der hinzuhören weiß und aus dem, was er hört, zu lernen vermag.

Benedikt bezeichnet die »Regel« als eine »einfache Regel als Anfang« (73,8); in Wirklichkeit bietet sie jedoch nützliche Anweisungen nicht nur für die Mönche, sondern auch für all jene, die auf ihrem Weg zu Gott eine Anleitung suchen. Durch ihr Maß, ihre Menschlichkeit und ihre nüchterne Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Zweitrangigen im geistlichen Leben konnte sie ihre erhellende Kraft bis heute aufrechterhalten. Als Paul VI. am 24. Oktober 1964 den hl. Benedikt zum Patron Europas erklärte, wollte er damit das wunderbare Werk anerkennen, das von dem Heiligen durch die »Regel« für die Formung der Zivilisation und der europäischen Kultur vollbracht worden ist. Heute ist Europa – das gerade aus einem Jahrhundert gekommen ist, das von zwei Weltkriegen tief verletzt worden ist, und nach dem Zusammenbruch der großen Ideologien, die sich als tragische Utopien erwiesen haben – auf der Suche nach seiner Identität. Um eine neue und dauerhafte Einheit zu schaffen, sind die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Instrumente sicher wichtig, aber es ist auch notwendig, eine ethische und geistliche Erneuerung zu erwecken, die aus den christlichen Wurzeln des Kontinents schöpft; andernfalls kann man Europa nicht wieder aufbauen. Ohne diesen Lebenssaft bleibt der Mensch der Gefahr ausgesetzt, der alten Versuchung zu erliegen, sich selbst erlösen zu wollen – eine Utopie, die auf verschiedene Weise im Europa des 20. Jahrhunderts, wie Papst Johannes Paul II. festgestellt hat, »einen Rückschritt ohnegleichen in der gequälten Geschichte der Menschheit« verursacht hat (Insegnamenti, XIII/1, 1990, S. 58). Hören wir auf der Suche nach dem wahren Fortschritt auch heute die »Regel« des hl. Benedikt als ein Licht für unseren Weg. Der große Mönch bleibt ein wahrer Lehrmeister, in dessen Schule wir die Kunst lernen können, den wahren Humanismus zu leben. ________________________________________

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Benedikt von Nursia und
Hildegard von Bingen

In der „ZEIT“ schrieb Marion Gräfin Dönhoff vor einigen Jahren den bemerkenswerten Satz: „Erst allmählich zeigt sich, daß die säkularisierte Emanzipation und das ungebremste Streben nach immer neuem Fortschritt, nach Befriedigung der ständig zunehmenden Erwartungen und nach wachsender Macht zu Sinn-Armut, Vereinsamung und Entfremdung führt.
Die totale Säkularisation, also die ausschließliche Diesseitigkeit, die den Menschen von seinen metaphysischen Quellen abschneidet und ihn auf die Belange dieser Welt beschränkt, … kann als einzige Sinngebung auf die Dauer den Menschen nicht befriedigen.“

Ein solches Wort läßt aufhorchen. Nicht nur, weil es die geistigen „Grenzen des Wachstums“ aufzeigt und die Schattenseiten der säkularen Gesellschaft offen beim Namen nennt, sondern vor allem, weil es auch die Wurzel des Übels deutlich ins Gedächtnis rufen: Der Mensch heute hat den Kontakt zu seinen Lebensquellen verloren. Er ist im wahrsten Sinne „abgeschnitten“ vom Ursprung und Grund seines Seins. So, scheinbar befreit von aller Rückbindung, schwebt er nun im leeren Raum, ist haltlos und orientierungslos – dürstend nach Sinn und ständig auf der Suche nach sich selbst. Daß Marion Dönhoffs nüchterne und in einem ganz konkreten Sinn wegweisende Gegenwartsanalyse aber nicht nur für unsere Zeit zutreffend ist, zeigt ein Blick zurück in die Geschichte. Vor fast 900 Jahren schrieb Hildegard von Bingen in ihrem großen Alterswerk „Welt und Mensch“ ihren Zeitgenossen folgendes ins Stammbuch:

„O Mensch, achte auf die Worte desjenigen, der war und der ist, ohne dem Wandel der Zeiten unterworfen zu sein. Wer zu seinem Schöpfer aufblickt und sagt ‚Mein Gott bist du‘, der entzündet das Feuer der Liebe, aus dem alles Leben und alles Gute hervorgeht…Der Mensch hat die Wahl, denn er kann nicht zwei Herren dienen. Wer etwas anderem dient als Gott, der schaut nur auf sich selbst und kann mit dem, was er schafft, keinem anderen dienen. Wer aber Gott und seinen Willen erkennt und ihm dient, der leuchtet wie die Sonne und wandelt im Licht der Wahrheit.“

Die Sprache ist eine andere. Aber ist das, was Hildegard hier beschreibt, nicht dem, was Marion Dönhoff meint, verblüffend ähnlich? Gehen wir noch einmal 600 Jahre zurück. Im 6. Jahrhundert lebte ein Mann, der aus langer gelebter Erfahrung eine Lebensregel für Mönche niederschrieb – Benedikt von Nursia, der Vater des abendländischen Mönchtums und der Patron Europas. Er legte seinen Brüdern (und Schwestern) im Prolog zur Regel folgende Mahnung ans Herz:

„Öffnen wir unsere Augen also dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschreckten Ohren, wozu uns die mahnende Stimme ruft: Wenn ihr heute seine [Gottes} Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht … Lauft, so lange ihr das Licht des Lebens habt.“

Wiederum ist die Sprache eine ganz andere. Aber der Inhalt? Fragen wir uns, was die drei prophetischen Mahnungen aus ganz verschiedenen Epochen gemein haben. Zum einen: sie alle sind in eine gesellschaftliche Umbruchs- und religionsgeschichtliche Wendezeit hinein gesprochen. Gegebene Wertordnungen und Lebensmodelle hatten und haben sich als nicht mehr tragfähig erwiesen. Orientierungs- und Haltlosigkeit bestimmen das Bild. Zugleich aber ist da die Suche nach dem, was bleibt, was festen Grund gibt, um in einer sich wandelnder Zeit bestehen zu können.

Zum anderen: alle drei haben den Mut, auf die Transzendenz hinzuweisen. Sie zeigen dem Menschen und seinem Machbarkeitswahn (der offenbar zu allen Zeiten derselbe war) seine Grenzen auf. Und sie rufen ihn zur Umkehr: unmißverständlich, klar, ohne faule Kompromisse. Und schließlich: sie wagen es, Alternativen zu benennen, Werte und Wege aufzuzeigen, mit deren Hilfe Leben gelingen kann.

Jede Zeit braucht ihre Propheten, heißt es – Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Manchmal weisen die Propheten aber auch über ihre Zeit hinaus und haben den Menschen aller Zeiten etwas zu sagen. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Sie können auch heute richtungweisend sein – durch ihr Wort und durch ihr Lebensbeispiel. Beide hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und die Welt prophetengleich aus wahrhaft ‚ver-rückter‘ Perspektive zu betrachten. Benedikt, der mit seiner Lebensregel die ganze abendländische Kultur geprägt und ihr die entscheidenden Werte vermittelt hat, und Hildegard von Bingen, die in ihrer Zeit im Geist benediktinischer Lebensordnung lebte und ihn in ganz eigenständiger Weise neu geprägt und weitergegeben hat.

Es lohnt sich also, diesem Geist und diesen beiden Persönlichkeiten nachzuspüren. Vielleicht können sie auch helfen, die von Marion Dönhoff eingangs benannten Fragen unserer Zeit einer Lösung ein wenig näherzubringen.

Die Suche nach dem transzendenten DU
Hildegard von Bingen verstand sich als Prophetin. Vor allem anderen sah sie sich berufen, ihre Zeitgenossen aus dem „Schlaf der Gottvergessenheit“ wachzurütteln. In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihren Werken, daß solche Gottvergessenheit, wie sie es nennt, ins Chaos führt – ins Chaos der individuellen menschlichen Beziehungen, aber auch zur Zerstörung des Kosmos insgesamt. Ohne Einschränkung verweist sie die Menschen auf Gott als den Schöpfer aller Dinge. Nur in Ihm kann der Mensch den wirklichen und wahren Sinn seines Lebens finden. Spüren nicht auch wir heute immer deutlicher, daß der Mensch sich selbst niemals genug sein kann und nur dann Sinn findet, wenn er über sich selbst hinausschaut?. Kein innerweltliches Glück, weder Erfolg noch Macht, weder Konsum noch Leistung vermögen ihn auf Dauer zu befriedigen – das wußte Hildegard, und das wissen im Grunde auch wir. Seine Ursehnsucht und seine Suche nach Sinn verweisen den Menschen auf das Absolute und auf das Ewige. Das ist eine Wahrheit, die zu allen Zeiten ihren Bestand hatte.

Nicht umsonst steht die Suche nach Gott für Benediktinerinnen und Benediktiner seit jeher im Mittelpunkt ihres Lebens. Auch Hildegard war und blieb immer eine Suchende und Fragende. Gott und seinen Willen suchen in allen Dingen, in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten des Alltags – das war ihr Lebensprogramm. Dabei blieb sie allerdings stets nüchtern und illusionslos, fest verwurzelt im Glauben und im Vertrauen auf eine immer neue Zukunft in Gott. Die Suche nach dem Transzendenten also – wäre sie nicht auch heute im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend für unsere Zeit? Suchen nicht auch wieder zunehmend viele Menschen nach diesem sie selbst übersteigenden Ursprung und Ziel – oft allerdings auch dabei steckenbleibend im Vorletzten? Der personale Gott läßt sich finden, wenn wir ihn suchen. Aber „machen“ können wir dies nicht – nicht durch noch so ausgefeilte Techniken, Meditationsübungen oder Kurse. Das Bild der leeren Hände und offenen Herzen, in die sich die Gnade ergießt, ist dabei keineswegs ein frommer Überbau. Es wird Realität, wenn es uns gelingt, von uns selbst weg auf den ganz Anderen zu schauen.

Ehrfurcht – ein vergessener Wert?
Hildegard verweist ihre Zeitgenossen in einem weiteren Schritt auf die Dankbarkeit. Für sie ist das Leben Geschenk, sie weiß sich verdankt und ruft dazu auf, den Irrglauben einer falschen Autonomie über Bord zu werfen. Wer sich verdankt weiß, erfährt, daß eben nicht alles machbar ist, daß vieles, ja das Wesentliche unseres Lebens, Geschenk ist und nur dankbar staunend angenommen werden kann. Wer sich verdankt weiß, der wird auch mit dem Leben, mit allem Leben, ehrfürchtig und mit Achtung umgehen. Auch hier war Hildegard ganz Benediktinerin, heißt es doch in der Regel des hl. Benedikt: „Die Brüder und Schwestern sollen einander in Ehrfurcht zuvorkommen“, und an anderer Stelle: „sie sollen alles wie heiliges Altargerät behandeln“. Alles – jeden Menschen ohne Ausnahme, jedes Tier und jede Pflanze, auch alle Dinge – in Ehrfurcht betrachten, im Wissen um die Größe und Schönheit allen Lebens und das Wunder Gottes, das uns in allem Geschaffenen begegnet. Hildegard hat gezeigt, daß dies kein Traum bleiben muß. Jeder kann bei sich selbst anfangen, kann der Wegwerfmentalität im eigenen Herzen begegnen. Und vielleicht wird mancher staunen, wie sehr sich auch durch kleine Schritte die Welt verändern kann. Wäre die Wiederentdeckung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht nicht ein Schritt zur Wiederherstellung gesunder menschlicher Beziehungen – im Großen wie im Kleinen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie im normalen Alltag?

Das Maß aller Dinge
Auf dem Weg zu einer neuen Ehrfurcht nennt Hildegard von Bingen als wichtiges Hilfsmittel die „Discretio“, die weise Maßhaltung und Unterscheidung, die Benedikt in seiner Regel einst als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit war und ist offenbar zu allen Zeiten die Versuchung schlechthin. Liegt ihr Ursprung nicht im Bestreben des Menschen, in allem autark und autonom zu sein, niemanden zu brauchen und alles selbst zu beherrschen? Doch nicht erst wir Heutigen wissen, sondern auch Hildegard wußte bereits, daß solche Art Unmäßigkeit und Maßlosigkeit im wörtlichen Sinne weitreichende Folgen haben kann. Die vielen verschiedenen Formen der Sucht in unserer Zeit – Alkohol, Tabletten-, Drogen-, aber auch Arbeits-, Freizeit-, und Spielsucht – sprechen davon eine beredte Sprache. Sie alle, das wissen wir nur zu gut, sind Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Ausgewogene und maßvolle Lebensführung dagegen kann solchen „Krankheiten“ vorbeugen und darüberhinaus die Grundlage für eine neue Kultur des Alltags schaffen. „Ordo“ und „Regula“, Schlüsselbegriffe benediktinischen Lebens, weisen den Weg zu einer Lebensordnung, die zu heilen vermag. Das gilt für alle Bereiche des Lebens: für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Arbeit und Muße, Einsamkeit und Gemeinschaft. Hildegard, die Zeit ihres Lebens in der Ausgewogenheit des benediktinischen „Ora et Labora“ lebte, hat eine solche im wahrsten Sinne heil-bringende Ordnung immer neu im Bild der Harmonie beschrieben. Sich einfügen in das Ordnungsgefüge der Welt, Mitschwingen in der Harmonie des Kosmos und des Lebens, darum geht es. Und um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge, um das, was man heute Lebenstil nennen würde. Der Mensch braucht die Anstrengung ebenso wie das Zur-Ruhe-Kommen, die Stille ebenso wie die Unterhaltung, die Hinwendung zum Mitmenschen ebenso wie die Hinwendung zu Gott. Mit dem, was manche Zeitgenossen heute als Lustprinzip bezeichnen, hat das nur wenig zu tun. Auch die vielzitierten, sogenannten „Sachzwänge“ würde Hildegard nicht gelten lassen. Denn meist genügt schon ein kleiner Schritt, um die Meßlatte für Sinn, Inhalt und Ausrichtung des alltäglichen Lebens im Sinne der „Discretio“ wieder zurechtzurücken. Allerdings braucht es dazu den konkreten Willen zur Veränderung. Die Möglichkeit der Einsicht dazu hat der Mensch durch seinen Verstand. Er ist eben nicht dem eigenen Sosein hoffnungslos ausgeliefert, sondern kann sein Leben ändern. Er ist in der Lage, in Freiheit das rechte Maß zu finden und das Gute zu tun, denn, so wußte Hildegard von Bingen schon vor 900 Jahren: „O Mensch, du hast das Wissen um das Gute und Rechte in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen“. Womit entschuldigen wir uns?

Die armen Reichen und die reichen Armen
Eng verbunden mit der „Discretio“ ist für Hildegard der Wert der Armut im umfassenden Sinne. Armut hat im heutigen Sprachgebrauch einen ausschließlich negativen Klang. Im benediktinischen Sinne geht es bei der Armut nicht um die Idealisierung von Not oder Mangel, sondern um ein konkretes Mehr an Leben, um ein Reicherwerden an Freiheit – im Loslassen der Dinge, die uns binden. Mehr Lebensqualität kann durchaus darin bestehen, sich zu bescheiden und die eigenen Grenzen anzuerkennen, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, großmütig und gern. Gewinn durch Verzicht – wäre das nicht auch heute ein ganz und gar alternatives Lebensmodell? Dabei muß freilich der ganze Mensch in den Blick genommen werden. Zu allen Zeiten strebten die Menschen danach, zu haben, zu besitzen, mehr zu haben und immer mehr zu besitzen – und das nicht nur in materiellem Sinne. Der Mensch kann vieles, ja nahezu alles haben wollen: Begabung, Wissen, Zeit, Ehre, Ansehen, Beruf, Erfolg, Geld, Freiheit, Sicherheit, Gesundheit, Schönheit, Macht, Recht, Liebe, um nur einiges zu nennen. Wer aber alles haben will, der hat am Ende nichts. Wenn Hildegard und lange vor ihr der heilige Benedikt von Armut und Demut – diesem heute so vielfach verkannten Wert – sprechen, dann geht es ihnen darum, von „Menschen des Habens“ zu „Menschen des Seins“ zu werden. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale liegt für sie der eigentliche, oft ungeahnte Reichtum des Lebens. Nur, wer sich selbst loslassen kann, ist auch in der Lage, sich selbst zu überschreiten – hinein in die Unendlichkeit. Ahnen wir eigentlich noch, daß es durchaus möglich sein kann, sich selbst zu verwirklichen, in dem man sich selbst zurücknimmt? Wissen wir noch – oder vielleicht wieder – , daß das Wesentliche des Lebens eben nicht darin besteht, alles zu haben und alles zu tun, was wir tun möchten und tun können? Dies alles hat nichts mit Einschränkung und Minderung zu tun, viel aber mit wahrer Freiheit und mit Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute eine neue Befreiung, eine Emanzipation von der Versklavung an die Selbstsucht – hinein in eine neue Freiheit in Gebundenheit und Verantwortung.

Weltgestaltung in Freiheit und Verantwortung
Die Spannungseinheit von Freiheit und Verantwortung ist vielleicht der für uns heute wichtigste Kerngedanke, den uns Hildegard von Bingen ans Herz legt. Zwar ist der Mensch frei erschaffen, aber diese Freiheit darf keineswegs mit Beliebigkeit oder gar Willkür gleichgesetzt werden. Der Mensch ist Geschöpf und von daher eingebunden in die Schöpfungsordnung. Er ist immer und von jeher Gerufener, Hörender und Antwortender zugleich. Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick in die Benediktus-Regel zu werfen, aus der Hildegard gelebt und geschöpft hat. Nicht umsonst beginnt dieser auch nach 1400 Jahren noch faszinierende Text mit dem Wort „Höre!“ – „Obsculta o fili, praecepta magistri“ (Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters). Hören setzt Schweigen voraus, ebenso aber die Bereitschaft, dem Anruf in Freiheit zu antworten. Ant-wort und Ver-antwort-ung gehören dabei untrennbar zusammen. Für Hildegard wie für Benedikt ist der Mensch nicht nur „Opus“, freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich auch „Operarius“, Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller gebraucht. Der Mensch hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt und trägt Verantwortung für sich selbst wie für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Hildegard betont dabei immer wieder die Wechselwirkung zwischen dem Handeln des einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein Bemühen ist umsonst. Ist dies nicht ein tröstlicher, aber auch ein ungeheuer herausfordernder Gedanke angesichts des in unserer Zeit oft so entsetzlichen Gefühls der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte und Gewalten? Wissen wir überhaupt noch um diese einmalige Würde des Menschen, die ihn befähigt, sich selbst und die ganze Welt sinnvoll zu gestalten? Schaffen wir uns noch Raum für das Schweigen, aus dem erst das Hören geboren werden kann und in einem zweiten Schritt das zielorientierte Handeln möglich wird? Haben wir den Mut zur Veränderung: in Freiheit und Verantwortung?

Liebe und Barmherzigkeit als Heilmittel für eine kranke Welt
Ein Letztes: in Freiheit übernommene Verantwortung für sich selbst und für die ganze Welt ist für Hildegard ein schöpferischer Akt der Liebe. Es ist die liebende Antwort des Menschen auf die unendliche, ganz und gar ungeschuldete, immer schon dagewesene Liebe Gottes zum Menschen. Die Liebe bewegt die ganze Welt, sie sitzt genau in der Mitte der Achse und entscheidet darüber, ob die Welt im Lot bleibt oder aus den Fugen gerät. Das zeigt einmal mehr, daß Liebe im eigentlichen Sinn nicht erstlich eine Sache des Gefühls ist. Hildegard, wie nach ihr der große Thomas von Aquin, versteht die Liebe als eine vernünftige, geordnete, bewußt gewollte und weise Lebenskraft, die schöpferisch wirkt und alles zusammenhält. Daß solche Liebe auch Mühe kostet und Kraft, ja sogar Leiden schaffen kann, ist selbstverständlich. Die Liebe ist für Hildegard „brennende Vernunft“, „rationalitas“, in der Gottes Geist selbst west und immer neu – oft unter Schmerzen – Leben schafft. Liebe hat also mit Vernunft zu tun. Sie muß gewollt sein und erstrebt werden. Wäre nicht auch das für uns heute ein geradezu revolutionärer Gedanke? Wissen wir überhaupt noch um eine solche vernünftige, auch kämpferische Liebe – oder baden wir nur noch in der unverbindlichen Gefühligkeit dessen, was moderne Zeitgenossen uns als wahre Liebe verkaufen wollen? Die Liebe beweist sich in der Standhaftigkeit und Treue und ist deswegen keineswegs immer der leichtere, wohl aber der wahrhaftigere Weg.

Gilt die Liebe allen Menschen – und das wäre das Ziel -, so erweist sie sich vor allem in der Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Für Hildegard – und auch hier steht sie ganz in der Tradition des hl. Benedikt – ist solche Barmherzigkeit die „magna medicina“, die Medizin für Leib und Seele schlechthin. Wer barmherzig sein kann mit sich und vor allem mit anderen, der weiß um seine eigene Begrenztheit und Schwäche, besitzt aber gleichermaßen eine Ahung dessen, wie Gott sich den Menschen und seine ganze Schöpfung ursprünglich gedacht hat. Er kann Fehler nachsehen, strahlt Güte aus und vor allem Geduld. Uns Heutigen sind solche Haltungen vielfach abhanden gekommen, obwohl wir uns im Grunde unseres Herzens so sehr danach sehnen. Besinnung tut da not, aber auch Neuanfang in kleinen Schritten. Wie befreiend und tröstlich kann es sein, wenn wir Menschen begegnen, die etwas ausstrahlen von dem, was im wahrsten Sinne des Wortes Heil und Leben spendet. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Doch auch heute können wir Menschen dieser Art begegnen oder danach streben, solche zu werden. Wir sollten sie nicht vorschnell als weltfremde Utopisten und Träumer abtun. Denn sind sie es nicht eigentlich, die uns hoffen lassen? Hoffen, daß es sich lohnt, zu werden, was wir sind: Menschen?

Sr. Philippa Rath OSB