„Die Mutter der Menschwerdung des Gottessohnes“
(Scivias I.5.1.)
Eine traurige Frauengestalt begegnet uns auf dieser Miniatur. Sie stellt die Synagoge dar. Wer schon einmal mittelalterliche Figuren der Synagoge meistens zusammen mit der Kirche gesehen hat, auf der die Synagoge als eine Frau mit verbundenen Augen und gebrochenem Zepter dargestellt ist, der mag staunen über die ehrenvolle und würdige Haltung dieser Synagoge des Scivias.

Zum tieferen Verständnis dieser Vision führen einige Überlegungen aus dem Umfeld. Das Verhältnis der Christen zu den Juden bildet seit der urchristlichen Zeit ein Thema theologischer Reflexion. Wie Michael Zöller bemerkt, steht der Scivias „mit seiner Kritik, aber auch mit seiner Solidarität und Hoffnung gegenüber der Synagoge im Horizont der Theologie seiner Zeit“ (Gott weist seinem Volk seine Wege. Die theologische Konzeption des ´Liber Scivias´ der Hildegard von Bingen. Tübingen-Basel, 1997, S. 211). Ein zweiter Hinweis auf den Kontext dieser Vision soll die geschichtliche Situation der damaligen Zeit ins Gedächtnis rufen, und zwar die Judenverfolgung im Jahre 1096 und die ersten beiden Kreuzzüge (1096-99, 1147-49), die auch grausame Judenverfolgungen mit sich brachten. Vor diesem Hintergrund bekommt der dritte Aspekt, der biographische, die Tatsache nämlich, dass Hildegard mit den Juden eine durchaus positive Beziehung pflegte, besondere Bedeutung. Ihre Lebensbeschreibung bezeugt dies: „Wenn aber Juden zu ihr kamen, um sie zu befragen, wurden auch sie durch ihr eigenes Gesetz widerlegt und mit Worten frommer Ermahnung zum Glauben an Christus ermuntert“ (Vita S. Hildegardis II, 3).

Die Gestalt der Synagoge mutet traurig an, und auch einige Details an ihr, z.B. die blinden Augen weisen darauf hin, dass sie das Heil nicht erkannt hat: („Denn die Synagoge schaute nicht in das wahre Licht, sie missachtete den Eingeborenen Gottes“ Scivias I.5.5.). So auch die schwarze Farbe ihres Gewands von der Leibesmitte bis zu den Füßen: (sie „befleckte sich durch Übertretung des Gesetzes und Treulosigkeit am Bunde der Väter“ Scivias I.5.4.). Am schärfsten fällt das Urteil da aus, wo der Tötung Christi gedacht wird: die Füße der Synagoge sind blutigrot, „denn als für sie die Zeit des Endes gekommen war, ermordete sie den Propheten der Propheten“ (Scivias I.5.4.). Dennoch bleibt die Vision nicht bei der Schuld der Synagoge stehen, sondern zeigt in eine hoffnungsvolle Richtung: die blutigen Füße sind von einer blendendweißen, ganz reinen Wolke umschwebt: „Da stand die Kirche auf, denn nach dem Tode des Sohnes Gottes ergoss sich die Lehre der Apostel über den ganzen Erdkreis“ (Scivias I.5.4.). Außerdem trägt die Synagoge die Propheten in sich: Abraham in ihrem Herzen, Moses in ihrer Brust und die anderen Propheten in ihrem Schoß – sie alle erwarteten die Schönheit der Kirche (Scivias I.5.5.). Von der Synagoge wird gesagt, dass sie das Morgenrot, das Kommen Christi und das Entstehen der Kirche, staunend von Ferne erschaute; und in einem anderen Zusammenhang wird sie selbst als Morgenrot bezeichnet und dies als Symbol von Verheißung und Erfüllung im Alten und Neuen Testament interpretiert: „Geht nicht das Morgenrot der Sonne voraus? Aber die Morgenröte entweicht, und die Sonnenhelle bleibt. So tritt auch das Alte Testament zurück, und die Wahrheit des Evangeliums hat Bestand. Denn was die Alten in der Beobachtung des Gesetzes fleischlich vollzogen, das übt das neue Volk im Neuen Bund geistig und bringt im Geiste zur Erfüllung, was im Fleische vorgedeutet war“ (Scivias I.5.6.). In diesem Sinn kann Hildegard das wunderbare Wort über die Synagoge verkündigen: sie ist die Mutter der Menschwerdung des Gottessohnes (Scivias I.5.1.).

Sr. Maura Zátonyi OSB