Bermersheim / Disibodenberg / Rupertsberg / Eibingen

Bermersheim
Als „Rheinhessen“ wird auch heute noch jenes mittelrheinische Gebiet zwischen Nahe und südlichem Rheinknie bezeichnet, das ehemals linksrheinische Provinz des Großherzogtums Hessen war. Es ist eine geschichtsträchtige Landschaft, die Spuren aus der Bronze- und Eisenzeit (2000 v. Chr.) aufweist, sodann von der späteren Besiedlung durch die Kelten, Römer und Germanen und schließlich – nach Eingliederung ins Frankenreich – von fränkischen Siedlern. Stets war es das Schicksal dieses Rhein-Nahe-Raums, als Grenz- und Durchgangsland auch mehr dem ,Wandel und der Zerstörung“ ausgesetzt zu sein als andere deutsche Landstriche.
All das ist mit zu bedenken auf der Suche nach Spuren Hildegards, die 1098 im rheinhessischen Bermersheim als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim und seiner Frau Mechtild geboren wurde. Nichts weist heute in diesem kleinen, beschaulichen Ort darauf hin, daß er einstmals der Stamm- oder Herrschaftssitz eines Geschlechtes war, das sich sowohl „durch hohen Adel und überfließenden Reichtum“ als auch „durch erleuchten Ruf und Namen“ – so die Hildegard-Vita – auszeichnete.

Dabei darf sich Bermersheim, wie so viele fränkische Siedlungen mit dem auf die Silbe „-heim“ ausgehenden Ortsnamen, einer jahrhundertelangen Geschichte rühmen. Es wird bereits in der 2. Hälfte des 8. Jh. in Schenkungsurkunden des Klosters Lorsch eine geschlossene „Dorfgemarkung“ genannt; seine Entstehung muß also noch früher datiert werden. Einzige Zeugin aus dieser Zeit kann die kleine Kirche sein, deren massiver Turmbau wohl noch ins vorige Jahrtausend weist; ansonsten haben, wie schon erwähnt, Wandel und Zerstörung“ ihre Opfer gefordert. Es gibt jedoch eine Handschrift von 1731, „Renovation der Bermersheimer Lagerbücher“, die in unmittelbarer Nähe der Kirche noch einen „herrschaftlichen Hof“ verzeichnet. Danach darf also vermutet werden, daß die kleine Kirche – wie im Mittelalter üblich – mit dem Bermersheimer Herrenhof verbunden, und somit wohl auch die Taufkirche Hildegards gewesen ist. Doch mit welcher Sicherheit kann Hildegard überhaupt als Bermersheimerin ausgewiesen werden? Abt Trithemius vom Kloster Sponheim
gibt um 1500 in einer Lebensbeschreibung Hildegards ihren Geburtsort mit Schloß Böckelheim an der Nahe an, doch ging es ihm bei der Darstellung eines Heiligeniebens nie so sehr – wie auch an anderen Stellen deutlich wird – um historische Genauigkeiten.
Die noch zu Lebzeiten Hildegards verfaßten Viten begnügen sich mit der Angabe „… im diesseitigen Frankenland……
bzw. lassen eine Lücke für eine spätere“ Eintragung frei. Lediglich ihre Eltern werden mit Vornamen genannt, – Hildebert und Mechtild, – was für eine rechtskräftige Dokumentierung, etwa von Urkunden, damals völlig ausreichte. Auffällig ist, daß das Güterverzeichnis (Fundationsbuch) des von Hildegard um 1150 gegründeten Klosters Rupertsberg an der Spitze aller Eintragungen über neun Seiten hinweg Schenkungen aus dem Bermersheimer Gebiet aufführt. Zudem wird durch eine Schenkungsnotiz aus der Zeit um 1158 die Vergabung des Herrenhofes zu Bermersheim und anderer Höfe an die „Herrinnen“ des Klosters Rupertsberg bestätigt. Die Aussteller der Schenkung sind nachweislich die drei Brüder Hildegards, – offenbar ohne Nachkommen, – denn Hildegard als Jüngste zählte zu dieser Zeit schon 60 Jahre. Einer der Brüder, Drutwinus, findet erstmals in einer Urkunde des Mainzer Erzbischofs von 1127 als Zeuge Erwähnung.
Damit schließt sich der Kreis, und es dürfte erwiesen sein, daß Hildegard eine „von Bermersheim“ gewesen ist. Erhärtet wird diese Aussage auch dadurch, daß die jeweilige Äbtissin des Klosters Rupertsberg – nach dessen Zerstörung 1632 die des Klosters Eibingen – die Ortsherrschaft über Bermersheim ausübte. Eine Schutzherrschaft übernahmen dazu die Pfalzgrafen, die dann allerdings zur Zeit der Reformation und später zu einer „Gewaltherrschaft“ wurde. Dennoch konnten sich die klösterlichen Rechtsansprüche bis zur Abtrennung des linken Rheinufers zugunsten Frankreichs 1801 durchsetzen. Die Bermersheimer Kirche wurde seit der Reformation immer wieder und schließlich endgültig bis in unsere Tage als Simultankirche von beiden Konfessionen benutzt. Wie für eine fränkische Gründung charakteristisch, steht sie bis heute unter dem Patronat des hl. Martinus.

Sr. Teresa Tromberend OSB

 

Disibodenberg

Wenngleich der Besucher des Disibodenbergs heute nur noch Ruinen als Zeugen einer großen und geistlich bedeutenden Vergangenheit vorfindet, so wird ihn doch die geradezu weihevolle Atmosphäre dieser Stätte beeindrucken und in ihren Bann ziehen. Hier nun hat Hildegard den größten Teil ihres Lebens verbracht.
Der Disibodenberg am Zusammenfluß von Nahe und Glan war spätestens seit dem 7. Jh. ein Mittelpunkt christlichen Lebens, vermutlich aber schon ein Heiligtum in vorchristlicher Zeit. Die auf dem Berg errichtete Taufkirche wurde zum Ausgangspunkt der Missionierung des Naheraums. Missionare aus bereits christlichen Gebieten kamen in dieses Land, darunter auch Disibod, der auf dem s ‚ päter nach ihm benannten Berq eine Zelle für sich errichtete, – der Tradition nach, auf die auch Hildegard sich in ihrer Disibod-Vita bezieht, sogar ein Kloster. Schon vor dem 9. Jh. ist seine Verehrung als Heiliger bezeugt. Um die Jahrtausendwende gründete Erzbischof Willigis von Mainz neben der Taufkirche auf dem Disibodenberg ein Kanonikerstift für zwölf Geistliche, die die seelsorgliche Betreuung der umliegenden Siedlungen übernahmen.

1108 berief der Mainzer Erzbischof Ruthard dann Benediktiner von der Abtei St. Jakob in Mainz auf den Disibodenberg, und noch in diesem Jahr wurde mit dem Bau eines neuen Klosters begonnen, dessen imposante Ausmaße die bis heute erhaltenen Ruinen immer noch erahnen lassen. Eben diese Bautätigkeit hat dann die junge Hildegard mit eigenen Augen verfolgen können, vielleicht auch als Anregung für den späteren Bau ihres Klosters Rupertsberg genommen.

Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend war dem Mönchskloster auf dem Disibodenberg auch eine Frauenklause angeschlossen. Über deren genaue Lage im Klosterbereich können bis heute letztlich nur Vermutungen angestellt werden, da die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen sind. Hier zog Jutta von Sponheim im Alter von 20 Jahren als Klausnerin ein. Die junge Hildegard mit noch zwei weiteren Gefährtinnen wurden ihr zur Erziehung anvertraut. Eine bislang unbekannte Lebensbeschreibung der später als Selige verehrten Jutta läßt auch Rückschlüsse auf die Spiritualität zu, durch die Hildegard in ihrer Jugend geprägt worden war. Neben dieser geistlichen Prägung muß Hildegard aber ebenso eine umfassende und vielseitige geistige Bildung erhalten haben. Benediktinerklöster der damaligen Zeit waren Hochburgen der Kunst und Wissenschaft, und so, wie Hildegard später den Mönch Volmar als gelehrten Berater zur Seite hatte, wird sie auch von frühauf durch die Disibodenberger Mönche in das vielschichtige Geistesgut benediktinischer Tradition eingeführt worden sein. Ihr Lebenswerk gibt Zeugnis von ihrer universal ausgerichteten Bildung, die im Hinblick auf die Theologie, die Natur- und Heilkunde, in der Darstellung von Kosmos, Welt und Mensch oder in ihren Liedkompositionen und zahlreichen Briefen zum Ausdruck kommt.
In den Jahren zwischen 1112 und 1115 hat Hildegard sich endgültig für das klösterliche Leben entschieden und sich durch die benediktinischen Gelübde gebunden. In ihrer Lebensbeschreibung wird Bischof Otto von Bamberg in diesem Zusammenhang erwähnt. Er nahm in der Zeit, da Erzbischof Adalbert 1. von Mainz in kaiserliche Gefangenschaft geraten war, die Belange des Bistums wahr. 11 36 starb Jutta von Sponheim, die Meisterin der Frauenklause auf dem Disibodenberg. „Einmütig“, so ist uns überliefert, wurde Hildegard von dem inzwischen auf zehn Frauen angewachsenen Konvent zur Nachfolgerin gewählt.

Das Jahr 11 41 brachte in das Leben der neuen Meisterin vom Disibodenberg einen tiefgreifenden Einschnitt. Als sie „42 Jahre und sieben Monate alt war‘, wie sie selbst genau vermerkt, erlebte sie in vollem Umfang den Durchbruch dessen, was sie ihre Schau‘ nannte. Schon von früher Kindheit an war Hildegard mit einer außergewöhnlichen Intuition begabt gewesen. Nun wurde sie gleichsam vom Feuer des göttlichen Geistes ergriff en, wie eine Miniatur ihres ersten Werkes Scivias‘ es darzustellen versucht, und in diesem Licht erblickte sie das „Lebendige Licht“. Nicht mit äußeren Augen und äußeren Ohren, sondern allein in ihrem Innern sah und hörte sie, – wachen Geistes, mit offenen leiblichen Augen und außerhalb jeglicher Ekstase. Diese Art Schau stellt sie in eine Reihe mit den alttestamentlichen Propheten, und wie sie erhielt sie den Auftrag: Schreibe, was du siehst und hörst.‘

Nur mit Widerstreben folgte Hildegard der Weisung und begann 1141 auf dem Disibodenberg mit der Niederschrift ihres ersten theologisch-visionären Werkes „Scivias“, das sie 1151 beendete. In den Zweifeln, die sie während ihrer Arbeit immer wieder befielen, wandte sie sich ratsuchend an Abt Bernhard von Clairvaux, der anfänglich mit Zurückhaltung reagierte. Schließlich aber setzte er sich auf der Synode zu Trier 1147148 in Anwesenheit von Papst Eugen 111. so für Hildegards Visionsschriften ein, daß der, nach Überprüfung der Texte, sie in eigener Person den versammelten Kardinälen vorlas. Damit bestätigte er die Seherin“, der später der Titel „Prophetissa Teutonica“ zuerkannt werden sollte, und ermutigte sie zu weiteren Schriften. Vom „Glanz“ dieser päpstlichen Anerkennung mag damals auch ein wenig auf den Disibodenberger Mönchskonvent gefallen sein.

In eben dieser Zeit bahnte sich aber dann auch die Abtrennung des Frauenkonvents vom Mönchskloster an. 1147 faßte Hildegard – auch ein Beweis ihrer inneren Eigenständigkeit – mit ihren Schwestern den Entschluß, allen Schwierigkeiten zum Trotz den Disibodenberg zu verlassen. Dazu mögen verschiedene Gründe sie bewegt haben, der schwerwiegendste war wohl der nicht mehr ausreichende Lebensraum für die aus 18 Nonnen bestehende Frauengemeinschaft. In einer Schau wurde Hildegard als Platz für das neuzuerbauende Kloster der Ort zugewiesen, wo am Zusammenfluß von Nahe und Rhein einstmals der hl. Rupertus als Einsiedler gelebt hatte. Unter den Gönnern, die den Bau des Klosters Rupertsberg ermöglichten, wird im Rupertsberger Güterverzeichnis an erster Stelle der Pfalzgraf Hermann von Stahleck erwähnt. Zwischen 1147 und 1151 fand die Übersiedlung des Frauenkonventes statt. Für 1152 ist die Weihe der Kirche und des Klosters auf dem Rupertsberg urkundlich bezeugt.

Bei Hildegards Weggang vom Disibodenberg dürften sich bereits erste Anzeichen der Dekadenz im Benediktinerkonvent angedeutet haben. Sie führten im- 13. Jh. zum Niedergang, so daß der Mainzer Erzbischof das Kloster mitsamt seinem Besitz den Zisterziensern übergab, die sich etwa 300 Jahre lang halten konnten. 1559 war dann der endgültige Untergang besiegelt, der sich trotz mancher Versuche der Wiederbelebung nicht mehr rückgängig machen ließ. Von der Mitte des 18. Jh. an begann die Zerstörung der Gebäude, die fortan als Steinbruch benutzt wurden, bis das Gelände 1804 in private Hände überging.

Die letzte private Besitzerin, Ehrengard Freifrau von Racknitz, geb. Gräfin von Hohenthal, überführte am 21. Mai 1989 das ehemalige Klostergelände in eine Stiftung. Die Disibodenberger SCIVIAS-Stiftung bemüht sich um weitere Forschungsmaßnahmen und den Erhalt bzw. die Sicherung der Ruinen als Zeugen einer über 1000jährigen christlichen Kulturtradition.

Sr. Teresa Tromberend OSB

Der Rupertsberg

Wer auf den Spuren der hl. Hildegard von Bingen wandert, wird die letzten authentischen Reste ihres ersten Klosters auf dem Rupertsberg nur finden, wenn er den Schleier einer doppelten Verfremdung zerreißt. Der Ort ihres Klosters heißt seit dem 19. Jh. Bingerbrück. Und was die Zeit übrig ließ vom Kloster Rupertsberg – fünf Arkaden der Klosterkirche – ist heute ein Teil des Ausstellungshauses der Firma Würth. Diese fünf Arkaderl führen den Spurensucher jedoch zurück in das 12. Jh. Zwischen 1147 und 1151 verließ Hildegard den Disibodenberg und gründete über dem Grab des hl. Rupertus ihr erstes Kloster. Ihre Vita erzählt: „Hildegard wurde vom Heiligen Geist jene Stätte gezeigt, wo die Nahe in den Rhein mündet, nämlich der Hügel, der früher vom heiligen Bekenner Rupertus seinen Namen erhielt.“ Über die Baugeschichte des Klosters Rupertsberg ist wenig bekannte Aus verstreuten Bemerkungen und bildlichen Darstellungen läßt sich die Klosteranlage annähernd beschreiben. Den Mittelpunkt der Anlage bildete die Klosterkirche, die 1152 durch Erzbischof Heinrich von Mainz konsekriert wurde. Es war eine dreischiffige Kirche, für die man folgende Maße errechnete: 30 m lang, Hauptschiff 7 m breit, Seitenschiffe je 4,35 m breit. Die zur Nahe hin gelegene Schauseite, der Ostchor, besaß eine halbrunde A ‚ psis mit bekrönendem Giebel. Flankiert wurde das Hauptschiff von zwei breiten Türmen. Die Kirche besaß kein Querschiff, die Apsiden der Seitenschiffe waren in den Türmen untergebracht.
Urkunden erwähnen eine gewölbeartige Gruft, den Aufbewahrungsort der Reliquien des Klosterheiligen Rupertus und seiner Mutter Berta. Diese Gruft wurde dann auch Grabstätte der hl. Hildegard. Sie lag wie in allen Kirchen unterhalb des Altarraumes. Ein Stich von Meissner, um 1620 entstanden, zwölf Jahre vor der Zerstörung durch die Schweden, zeigt die Kirche, umgeben von zahlreichen hohen und niedrigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Der gesamte Klosterbezirk ist von einer Ringmauer umgeben. Über die Zuordnung der verschiedenen Gebäude läßt sich folgendes ausmachen: Vom südlichen Seitenschiff aus gelangte man über Stufen in den tieferliegenden Kreuzgang. Um den Kreuzgang herum waren die Prälatur, das Konventgebäude, das Dormitorium, das Kapitelhaus und die Klosterschule angeordnet. Südwestlich vom Kreuzgang lag der Friedhof mit der Michaelskapelle. In Urkunden werden im Klosterbezirk noch andere Gebäude erwähnt: das Sommerhaus, das Propsthaus mit dem „Patersgarten“, das Gästehaus. Im Klosterbereich lag ebenfalls der Konventgarten, von dem zwei Morgen als Weingarten angelegt waren. Gesindehaus und Wirtschaftsgebäude fehlten ebenfalls nicht. Von den Wirtschaftsgebäuden innerhalb der Klostermauern führte ein Tor nach Weiler, wo sich der Meierhof des Klosters befand. Eingebaut in die Klostermauer, also von beiden Seiten zugänglich, war die Nikolauskapelle, und nahe bei dieser Kapelle lag die Klosterpforte mit der Pförtnerwohnung.
Das Hildegardkloster auf dem Rupertsberg war wohl keine repräsentative Anlage, der eine geschlossene architektonische Idee zugrunde lag. Die Schilderung des Wibert von Gembloux aus dem Jahre 1177 wird der Wirklichkeit sehr nahegekommen sein: „Dieses Kloster ist nicht von einem Kaiser oder Bischof, einem Mächtigen oder Reichen der Erde, sondern von einer armen, zugezogenen, schwachen Frau gegründet worden. Innerhalb kurzer Zeit, seit 27 Jahren hat es sich sowohl dem monastischen Geist als auch dem äußeren Aufbau nach so hoch entwickelt, daß es nicht durch prunkvolle, aber durch stattliche und geräumige Gebäude … in allem wohl bestellt ist.‘
Die geistige Ausstrahlung des Rupertsberges erlosch mit dem Tod Hildegards im Jahre 1179. Die Quellen berichten zwar interessante Details über die konfliktreiche Nachbarschaft zwischen Bingen und dem Kloster, über Verfallszeiten und Reformen, aber eine spirituelle Rolle hat das Kloster wohl nie mehr spielen können. Bis zur Zerstörung durch die Schweden im Jahre 1632 war der Rupertsberg wie viele andere Nonnenklöster eine mit benediktinischen Elementen versehene“Versorgungsanstalt“ für die Töchter des Adels. Der zerstörte Rupertsberg wurde nie wieder aufgebaut. Er blieb Klostergut der zweiten Gründung Hildegards in Eibingen, wo nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein monastischer Neuanfang gesetzt wurde. Die Klosterruine diente fortan als Steinbruch zum Bau von Wirtschaftsgebäuden des Klostergutes, wobei die Kirchenruine mit Apsis, Giebel, Turmstümpfen und Außenmauern bis zum Ende des 18. Jh. romantische Generationen beeindruckte. Nach der Säkularisation kam das Klostergut in private Hände, und die Zerstörung durch Verbauung nahm ihren Fortgang.
Als 1857 für den Bau der Nahetal-Eisenbahn der Felsen gesprengt wurde, auf dem sich die Reste der Türme und des Chores befanden, verschwanden auch die letzten sichtbaren Spuren der Klosteranlage. Dieser Sprengung fiel auch, soweit noch vorhanden, die Grabkrypta unter dem Chorraum zum Opfer. Es blieben nur die Teile der romanischen Kirchenarchitektur erhalten, die in Wohngebäude mit einbezogen waren, eben die fünf Arkadenbögen im heutigen Würthschen Haus. Immer wieder berichten die Quellen vom Neu- oder Umbau der Kelleranlagen. Was davon bis ins 12. Jh. zurückreicht, wird, wenn überhaupt, nur durch gründliche Untersuchungen festzustellen sein. Die von Herrn Würth liebevoll gepflegten und der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Kellergewölbe atmen den Geist der langen und wechseivollen Geschichte dieses authentischen Ortes des Lebens der hl. Hildegard von Bingen.

Sr. Teresa Tromberend OSB

Eibingen / Hildegardisschrein

Hildegard von Bingen gründete zwei Klöster: das Kloster Rupertsberg bei Bingen sowie das Kloster Eibingen unweit von Rüdesheim. Dort hatte die Adelige Marka von Rüdesheim 1148 ein Augustiner-Doppelkloster gestiftet, das bereits 1165 verwaist war, bedingt durch die von Kaiser Barbarossa ausgelösten Kriegswirren. Das Anwachsen des Rupertsberger Konvents bewog Hildegard, die beschädigten Gebäude 1165 zu erwerben. Sie ließ sie für 30 Benediktinerinnen herrichten und fuhr selbst zweimal in der Woche vom Kloster Rupertsberg aus über den Rhein zu ihrer neuen Klostergemeinschaft. Am 22. April 1219, rund vier Jahrzehnte nach Hildegards Tod, unterstellte Papst Honorius III. das Kloster Eibingen seinem Schutz. Die Aufsichtsrechte der Rupertsberger Meisterin hinsichtlich der Zweitgründung regelte erstmals eine Urkunde vom 28. November 1268.
Laut Verzeichnis der Eibinger Äbtissinnen – zunächst Meisterinnen – trug Benigna von Algesheim 44 Jahre lang Würde und Bürde des Amtes (1373-1417) – länger noch als Hildegard selbst. Die Nonnen waren im Kloster Eibingen teilweise bürgerlicher Herkunft. Im ausgehenden 15. Jh. und im Laufe des folgenden traten häufig – wie z.B. zwischen Kurmainz und Pfalz – Spannungen auf; diese wirkten sich bis in den Klosterbereich aus. Unter dem Mainzer Erzbischof Jakob von Liebenstein erfolgte um 1505 die Klosterreform in Eibirigen. Doch auch diese vermochte die rückläufige Entwicklung nicht aufzuhalten. 1575 lebten im Kloster Eibingen nur noch drei Schwestern, die schließlich auf Anweisunq des Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg in die nahegelegene Zisterzienserinnenabtei Marienhausen übersiedelten. So konnte Eibingen den vor der Welle der Reformation flüchtenden Augustinerinnen von St. Peter bei Kreuznach viele Jahre eine Bleibe bieten. Nach langwierigen Unterredungen erreichte Cunigundis Freiin von Dehrn, Äbtissin von Rupertsberg, die urkundlich verbürgte Rückgabe des Klosters
Eibingen und seiner Besitztümer. Seit 1603 ist daher der Titel üblich Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen“ ‚
Im Dreißigjährigen Krieg, 1632, zerstörten die Schweden durch Brand das Kloster Rupertsberg. Die Nonnen kamen mit den Hildegard-Reliquien 1636 über Köln zum Kloster Eibingen, wo Not und Entbehrung herrschten. Die Plünderung durch Kriegsvolk gab später Anlaß zur Flucht nach Mainz. Erst Ende 1641 kehrten die Nonnen zurück. Anna Lerch von Dirmstein, die letzte Äbtissin von Rupertsberg, blieb nur kurze Zeit in Eibingen; 1642 mußte sie ihr Amt niederlegen. Ein gedeihlicher Zeitabschnitt begann für das Kloster Eibingen mit der jungen Abtissin Magdalena Ursula von Sickingen. Das monastische Leben im Wechsel von Gebet und Arbeit blühte wieder auf. Im Alter von 52 Jahren starb Äbtissin Magdalena im Sommer 1666 an der Pest. Ihr Wappen ziert noch heute die Türumrandung aus Sandstein im Innenhof der Eibinger Pfarrkirche.
Innerhalb einiger Jahre hatte sich die wirtschaftliche Lage des Klosters Eibingen so gefestigt, daß sich auch größere Bauvorhaben ausführen ließen. Die Erneuerung der wohl ursprünglich quadratischen Klosteranlage verlief in drei Etappen. Betreut von Architekt Giovanni Angelo Barello wurden von 1681 bis 1683 Kirche und Westflügel von Grund auf restauriert. Einem 1701 von Papst Clemens Xi. ausgestellten Ablaßbrief zufolge hatte die den Hil. Rupert und Hildegard geweihte Kirche sieben Altäre. In Mainz wurde 1709 bei Johanil Mayren auf Veranlassung des Eibinger Konvents ein Andachtsbüchlein gedruckt: Verzeichnuß der fürnehmsten Reliquien … So in dem HochAdelichen Jungfrau-Closter Eybingen im Rheingau Ehrerbietlich aufbehalten Im selben Jahr errichtete man ein Kreuz „Zur Ehr Gottes und für die Abgestorbene[nl“, das jetzt seinen Platz auf dem alten Teil des Friedhofs hat. Der Besuch der Klosterkirche nahm zwar zu, doch entwickelte sich keine eigenständige Wallfahrt nach Eibingen. Pilger, die morgens nach Marienthal oder Nothgottes zogen, hielten auf dem Heimweg hier lediglich Einkehr zu stillem Gebet, vor allem am Fest Mariä Geburt (8. September). Am 21. Februar 1737 begann man mit dem Abbruch des Ostflügels. Die Baupläne für den Neubau shatte der Mainzer Architekt Johann Valentin Thoman entworfen. Die feierliche Setzung des Grundsteins erfolgte am 21. März, dem Fest des hi. Benedikt. Bei der Ausführung wurde tragfähiges Gemäuer aus Hildegards Zeit mit einbezogen. Bis zum 8. November hatten die Zimmerleute das Gebälk aufgeschlagen. Das Dach konnte im Oktober 1738 mit Schiefer gedeckt werden. Zwischen 1746 und 1752 entstanden der Südflügel sowie Stallungen und Scheune. Das Aussehen des alten Klosters Eibingen gibt eine von Propst Joseph Otto (1763-1788) angefertigte Zeichnung wider. In der kurzen Spanne der Klosterleitung durch Maria Hildegard von Rodenhausen (1780-1788) verstärkte sich der Einfluß einer neuen Geistesströmung, der Aufklärung. Unter Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal sollte aus Kloster Eibingen ein weltliches Damenstift werden. Diese Absicht löste bei den Nonnen heftigen Widerspruch aus. Vorsorglich brachte man 1789, im Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolution, das Klosterarchiv nach Alzey, wo es bis 1798 verblieb. Der Verlust der Güter links des Rheines beeinträchtigte jedoch die wirtschaftliche Lage. Zudem hatte der Zeitgeist das klösterliche Leben ausgehöhlt. 1802 wurde das Kloster aufgehoben, 1814 auf Beschluß der nassauischen Regierung geräumt. Den Ostflügel verwandelte die Behörde in ein Zeughaus, die Kirche in ein Waffenlager. Beim Abriß von West- und Südflügel verlor 1817 der Gebäudekomplex seine quadratische Form. 1831 kaufte die Gemeinde Eibingeri das Anwesen. Statt der baufällig gewordenen Dorfkirche diente nun die ehemalige Klosterkirche als Pfarrkirche. Das Patrozinium der Dorfkirche, Johannes der Täufer, wurde übernommen. Pfarrer Ludwig Schneider gelang es 1857, die Echtheit der Hildegard-Reliquien nachzuweisen.
Dr. Werner Lauter +

 

Der Untergang des Klosters Eibinqen 1814 war gleichzeitig der Beginn der Beziehungen der Binger St. Rochuskapelle zur hl. Hildegard. Zur Einrichtung der 1795 zerstörten und 1814 wiederaufgebauten St. Rochuskapelle kaufte die Rochusbruderschaft die gesamte Inneneinrichtung der Eibinger Klosterkirche. Hinzu kam der Reliquienschatz, vor allem die Gebeine des ehemaligen Rupertsberger Klosterheiligen St. Rupertus. Dadurch wurde die Rochuskapelle Heimat der wohl wichtigsten authentischen Spur der Hildegardzeit und der gesamten klösterlichen Tradition auf dem Rupertsberq und in Eibingen. Durch die Ausgestaltung der Rochuskapelle mit Altären und Bild-ern aus der Klosterkirche in Eibingen wurde diese im 19. Jh. zu einer Hildegard-Gedächtniskirche. Der Brand der Kapelle 1889 zerstörte fast alle Spuren Hildegards bis auf einige gerettete Bilder. In Erinnerung an diese Hildegardtradition war in der neuen St. Rochuskapelle von 1895 ein aufwendiger Hildegard- und Rupertusaltar vorgesehen, doch nur der Hildegardalter wurde vollendet. In Anlehnung an das gerettete großflächige Vita-Bild der Heiligen hatte Max Meckel den Entwurf erstellt, die Steinheimer Schnitzerfamilie Busch ihn ausgeführt. Die Stifterin des Hildegardaltars war die Witwe Margarethe Krug, geb. Merz. Aus diesem Grunde befindet sich an der geschlossenen Seite des Baldachins das Bild der hl. Margaretha. Zentrum des Altars ist eine Halbreliefstatue der hi. Hildegard. Um diese Statue herum sind acht Stationen des Lebens der Heiligen szenisch dargestellt, vier im Mittelteil des Altars, je zwei rechts und links der Statue, sowie je zwei auf den inneren Seiten der Altarflügel. Die Vita Hildegards beginnt für den Betrachter links oben:

  • Hildegard schaut als Kind ein geheimnisvolles Licht.
  • Hildegard wird von ihren Eltern zu Jutta in die Klause auf den Disibodenberg gebracht.
  • Hildegard schreibt auf dem Disibodenberg ihr Werk „Scivias“ ‚
  • Erzbischof Heinrich von Mainz legt 11 47 auf der Synode von Trier Papst Eugen 111. und Bernhard von Clairvaux die Schriften der hl. Hildegard vor.
  • Die Begegnung mit Bernhard von Clairvaux (historisch falsch).
  • Kaiser Barbarossa empfängt Hildegard 1155 in Ingelheim.
  • Hildegard predigt vor Klerus und Volk.

Hildegards Tod auf dem Rupertsberg.
Leider wurden nur die Szenen auf den Seitenflügeln als fein geschnitzte Holzreliefs fertig ausgearbeitet. Das gesamte Mittelstück des Altars einschließlich der Predella scheint lediglich eine Vorstufe, nämlich ein aus Gips geformtes, anschließend bemaltes Modell. Die Ausarbeitung in Holz unterblieb aus Geldmangel. Daher wirken die Figuren des mittleren Altarteils grob – man vermißt die weichen Linien der Figurengruppen auf den Seitenflügeln. Dieser gestalterische Mangel hat die Beliebtheit des Hildegardisaltars jedoch keineswegs beeinträchtigt. Die Außenseiten der seitlichen Flügel sind versehen mit zwei Großgemälden des leidenden Heilands, rechts ein Ecce-Homo-Bild, wohl in Erinnerung an die großeEcce-Homo-Statue aus Eibingen in der alten Rochuskapelle, links der vom Kreuz abgenommene tote Christus. In der Mitte der Predella ist der Reliquienschrein der hl. Hildegard eingefügt. Der Schrein wird frankiert von je zwei Heiligenbüsten. Sie stellen die hl. Berta dar sowie den hl. Wigbert, den hl. Bernhard und den hl. Rupertus.
Dr. Josef Krasenbrink +

Der Hildegardis-Schrein in der Pfarrkirche

Im Jubiläumsjahr 1929 wurde der Hildegardis-Schrein für die nunmehrige Pfarrkirche nach dem Entwurf von Bruder Radbod Commandeur, in Maria Laach und in Köln angefertigt. Das vergoldete Reliquiar ähnelt einem Gebäude, auf dessen Türflügeln die Kardinaltugenden allegorisch dargestellt sind: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Auf Vorder- und Rückseite sind je vier Heilige wiedergegeben. Außer Schädel, Haar, Herz und Zunge verwahrt der Schrein Gebeine der hl. Hildegard und kleinere Reliquien der Hll. Giselbert, Rupert und Wigbert.
Drei Jahrhunderte nach der Zerstörung von Kloster Rupertsberg brach in der Nacht vom 3. zum 4. September 1932 in der Eibinger Kirche aus ungeklärter Ursache ein Feuer aus. Trotz Rauch und Hitze gelang es, den Hildegardis-Schrein in Sicherheit zu bringen. Kirche und Ostflügel brannten nieder. Unter Berücksichtigung früherer Stilelemente entstand dann eine neue Kirche, die am 14. Juli 1935 durch den Limburger Bischof Antonius Hilfrich eingeweiht und unter den Schutz sowohl des hl. Johannes des Täufers als auch der Ortspatronin Hildegard gestellt wurde. Aus praktischen Erwägungen liegen die beiden Portale nach Osten. Altarbild, Kieselsteinmosaik und Fenster gestaltete Ludwig Baur, Telgte. Der Glasschrank an der linken Seite enthält u.a. den Schädel der hi. Gudula, Patronin von Brüssel. Hildegard erhielt diese Reliquie vermutlich von Freunden aus Brabant. An der Südecke der Kirche steht über dem Grundstein eine von Frariz Bernhard, Frankfurt am Main, geschaffene Hildegard-Skulptur aus fränkischem Muschelkalk. Sie wurde 1957 in das Mauerwerk eingefügt und soll an die erste Hildegardis-Prozession erinnern, die 1857 stattfand. Besonders am 17. September, dem Todestag Hildegards, kommen in zunehmendem Maße Wallfahrer nach Eibingen, um an der Reliquienprozession zu Ehren der großen Heiligen teilzunehmen.

Dr. Werner Lauter +