Das Stundengebet in der Abtei St. Hildegard

„Siebenmal am Tag singe ich dein Lob.“ (Psalm 119, 164) 

Vesper in der Abtei (Stundengebet anhören)

Seit Jahrtausenden sind Juden und Christen im Innersten ihres Glaubens miteinander verbunden: im Gotteslob. Nach der Heimkehr des Volkes Israel aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft wurden die Synagogen aufgebaut. Hier versammelte sich das Volk Gottes, um im Gebet Gott zu loben und ihm für sein Heilswirken zu danken.

In der Apostelgeschichte ist uns überliefert, dass die Apostel in der dritten Stunde des Tages (Apg 2, 15) zum gemeinsamen Gebet versammelt waren. Und von Petrus hören wir, dass er um die sechste Stunde (Apg 10,9) betete und auch um die neunte Stunde, da er, wie es in der Apostelgeschichte (Apg 3,1) heißt, zusammen mit Johannes zur Stunde des Gebetes in den Tempel ging (Apg 3,1). Ist uns überliefert, dass die Jünger ihren Tagesrhythmus vom Gebet her strukturierten, so dürfen wir darauf bauen, dass Jesus Christus ihnen das vorgelebt hat und mit ihnen im gemeinsamen Gotteslob verbunden war.
Für unsere Zeit ist zudem noch ein wichtiger Aspekt zu bedenken: Auch das Leben gläubiger Mohammedaner ist bis heute vom Gebet zu festen Tageszeiten geprägt. So heißt es in einer Sure des Koran: „Gott sei gepriesen am Morgen und am Abend und zur Mittagszeit“ (30,17). Alle an Gott Glaubende sind demnach verbunden in seinem Lob.

Schon seit der Frühzeit der Kirche haben Männer und Frauen, die ihr Leben ganz Gott weihten, den gemeinsamen Lobpreis Gottes als die Mitte ihrer Lebensform verstanden. Priester und Ordensleute erkannten ihren missionarischen Auftrag vor allem im Gebet für Kirche und Welt.
Der heilige Benedikt, nach dessen Regel wir in der Abtei St. Hildegard leben, hat in ganz besonderer Weise dazu beigetragen, dass das Gotteslob bis in unsere Tage hinein für uns die Quelle des Lebens geblieben ist. In seiner Regel ruft er uns eindringlich zu:

„Operi Dei nihil praeponatur.“
„Es werde dem Gottesdienst nichts vorgezogen.“
(RB 43, 3)

Leben wir dementsprechend, so dürfen wir täglich neu erfahren, dass die Liturgie „der Höhepunkt ist, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der alle Kraft strömt.“ (Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Liturgie, 1.Kp., Artikel10)

 

* Beim Morgenlob, den Laudes, rufen wir Gott an, er möge unsere „Lippen öffnen für sein Lob,“ und seinen Segen herabsenden für die ganze Welt. Wer Gott in allem sucht, der findet ihn am Morgen als „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lobgesang des Zacharias, Benedictus, Luk 1, 79), im auferstandenen Jesus Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes.
In den kurzen Gebetszeiten des Tages, in Terz, Sext und Non, begegnen wir Christus und seinen Jüngern täglich neu auf ihrem Lebensweg:

 

* Die Terz ist die Stunde der Herabkunft des Heiligen Geistes, und Gott sagt uns in Jesus Christus zu: „Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28, 20). Sein Heiliger Geist führt und leitet uns.

 

* Die Sext erwähnt die Arbeit im „Weinberg des Herrn“. Wir sind jeden Tag neu gerufen, in Gebet und Arbeit alle Kraft zu investieren, um den Aufbau des Reiches Gottes zu unterstützen. Aber in dieser kurzen Gebetszeit zur Tagesmitte findet auch unser Herz Ruhe, und unser Blick richtet sich neu auf Gott.

 

* Die Non führt uns täglich in das Zentrum unseres Glaubens, das uns der Apostel Paulus so überliefert hat: „Wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden. Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6, 3.8).

 

* Beim Abendlob, der Vesper, sagen wir Dank für alles, was uns an diesem Tag zuteil wurde: für das, was gelingen durfte, aber auch für das, was nicht recht vollendet werden konnte. Christus hört auf unsere Worte, auch auf die in den Psalmen benannten Sorgen und Nöte der ganzen Welt und spricht uns Trost zu. Im altehrwürdigen Gesang des „Magnificat,“ dem Lobgesang der Gottesmutter (Lk 1, 46 – 56), erreicht das Gotteslob seine Krönung, der Abend wird erhellt, weil wir glauben, dass Christus, das lebendige Licht, unter uns ist.

 

* Der Tag schließt mit der Komplet, bevor wir alle in das Schweigen der Nacht eintauchen. Sie ist die stillste Gebetsstunde, die, die uns zurückführen will in den Frieden des Herzens, in die Ruhe der Nacht. Das ganze Leben wird Gottes Segen anheimgegeben.

 

* Nach einer kurzen Zeit der Stille folgt in unserer Abteikirche noch dieVigil, die Nachtwache, in der wir durch längere Lesungen auf Gottes Wort im Menschenwort hören. Gott schenkt uns darin seine Liebe und wir wachen ihm entgegen und halten Ausschau nach seiner Wiederkunft.

 

Das Gotteslob ist für uns Schwestern der Abtei St. Hildegard das Zentrum des Lebens. Wir erfahren in uns: Es ist eine Urbestimmung und ein Urbedürfnis des Menschen, Gott zu loben. Was heißt aber eigentlich „loben“? Alles Loben ist Ausdruck der Freude am Guten, am Schönen, am Wahren. Wer lobt, bringt zum Ausdruck, daß ihm der Gelobte Anlaß zur Freude ist. Der Lobende sagt dem Gelobten: Es ist gut, daß du bist – nicht wegen dieser oder jener Fähigkeit, nicht wegen Gaben, die du mir gibst, sondern weil du bist, wie du bist. In unserem täglichen Gebet rufen wir das Gott zu. Die Psalmen finden immer wieder neue Ausdrucksweisen des Lobens, Ausdrucksweisen, die aus einem tiefen Erleben der Größe und Herrlichkeit Gottes hervorgehen. Der Beter ist ergriffen und überwältigt von Gott. Es gibt so vieles, was uns zum Gotteslob auffordert. Lobpreis ist Ausdruck unserer „Freude am Herrn“ (Neh 8,10) und der Freude, die er uns täglich schenkt. Darin liegt unsere Stärke. Wer Gott lobt, der muß ihn bevorzugen und tut das aus der Bevorzugung Gottes heraus. Von daher ist das letzte Geheimnis des Lobens die Liebe, unserer Liebe zu Gott in Christus Jesus.

Sr. Christiane Rath OSB