Gedanken zur Gastfreundschaft

Das 53. Kapitel der Regel des hl. Benedikt ist ganz der Aufnahme der Gäste gewidmet. Die Gastfreundschaft wurde so von Anfang an zu den tragenden Grundpfeilern benediktinischen Lebens.

Um sich dem Thema Gastfreundschaft zu nähern, sollen zunächst die kulturellen und biblischen Grundlagen der Gastfreundschaft kurz in den Blick genommen werden. Xenos = Gast bedeutete ursprünglich im Griechischen der Fremdling, der Unbekannte, der Ausländer, der zunächst einmal Angst und Abwehr auslöste. Er war zunächst also der Feind, der in den eigenen Lebensraum eindringt und der als bedrohlich erfahren wird, weil er anders ist. Auch im Lateinischen bedeutete hostissowohl Feind als auch Fremder. Wenn wir also von Gastfreundschaft in der Antike wie auch in der Bibel sprechen, so darf dies keineswegs als etwas Naturgegebenes verstanden werden. Gastfreundschaft ist eine Kulturleistung ersten Ranges und gehört von alters her zu den prägenden Elementen der Gesellschaft. Neben den vielen Möglichkeiten der zwischen-menschlichen Beziehungen und Hilfe galt sie auch als Form religiöser und sozialer Verantwortung. Sie war keineswegs nur Zeichen liebenswürdigen oder großzügigen Umgangs miteinander, sondern war im wahrsten Sinne lebens-notwendig in einer Welt, in der die gewerbsmäßige Unterbringung von Fremden und Reisenden noch unbekannt war. Jeder, der die Grenzen seiner engeren Heimat, seines Vaterhauses oder seiner Vaterstadt verließ, musste und durfte sie in Anspruch nehmen. Sie war nicht nur gastliche Aufnahme und Bewirtung, sondern umfasste den absoluten Schutz für Leib und Leben. Insofern barg sie in sich immer schon einen existentiellen Kern. Von daher gesehen lag auch eine religiöse Deutung der Gastfreundschaft sehr nahe.

In der Heiligen Schrift gibt es kaum einen dichteren Begriff wie den der Gastfreundschaft. Der durchreisende Fremde, der um ein schützendes Dach bittet, erinnert das Volk Israel vor allem an jene Zeit, da seine Vorfahren als Sklaven in einem fremden Land gelebt haben (Lev 19,33 f). Dankbarkeit gegen Gott für die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten wurde so zum eigentlichen Grundmotiv der Gastfreundschaft. Beachten wir in diesem Zusammenhang das bemerkenswerte und eindringliche Wort aus Ex 23,9: „Achtet auf den Fremden, der unter euch lebt. Ihr wisst doch, wie es Fremden zumute ist. Ihr wart doch selber einmal Fremdlinge in Ägypten.“

Im Alten Testament gilt vor allem die gastliche Aufnahme der drei Fremden durch Abraham unter der Eiche von Mambre (Gen 18,1-8) alsdas nachahmenswerte Vorbild der Gastfreundschaft schlechthin. Die Kirchenväter, allen voran Johannes Chrysostomus und Ambrosius wurden nicht müde, den hingebungsvollen und dienstbereiten Eifer Abrahams zu loben, weisen aber auch darauf hin, dass es hier um mehr gegangen ist als um ein humanes Verhalten. Gerade die Begebenheit an der Eiche von Mambre weist auf die eben schon genannte existentielle Tiefendimension hin, die der Gastfreundschaft innewohnt. Denn wegen seiner Gastfreundlichkeit erhält Abraham von den Fremden (später in der Tradition, wie Sie wissen, auch als Heiligste Dreifaltigkeit gedeutet) die Verheißung der Nachkommenschaft, aus der dereinst der Retter hervorgegangen ist. Die Gastfreundschaft stellt hier also den Beginn des Heils dar, ja wird selbst zum Zeichen des Heils, durch das uns heute noch Erlösung zuteil wird. Dass die Gäste – nebenbei bemerkt – selbst oft auch überraschende „Geschenke“ mitbringen und den groß-zügigen Gastgeber als den eigentlich Beschenkten zurücklassen, wird auch an vielen anderen Stellen der Bibel deutlich. Nur ein Beispiel dafür ist die Witwe von Sarepta, die trotz größter Armut nicht zögert, Elija in ihr Haus aufzunehmen. Dieser offenbarte sich ihr als Mann Gottes, beschenkte sie mit Öl und Mehl im Überfluss und erweckte auch noch ihren Sohn von den Toten (1 Kön 17,9-24).

Im Neuen Testament begegnen wir der Gastfreundschaft ebenfalls an vielen Stellen – ob dahinter das Motiv steht, Gott nicht noch einmal wie in der vergeblichen Herbergssuche in der Weihnachtsnacht zu verfehlen, mag dahingestellt bleiben. Die meist zitierte Szene erlebter Gastfreundschaft jedenfalls ist dann die Osterbegegnung der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Da kommt ein unbekannter Fremder und gesellt sich den beiden enttäuschten und resignierten Jüngern zu. Diese erkennen in dem Fremden nicht den Herrn. Sie erkennen ihn auch nicht, als er ihnen die Leidensweissagungen auslegt. Erst nachdem sie ihm, dem Unbekannten, Gastfreundschaft erweisen und ihn einladen, mit ihnen zu essen und zu trinken, da gehen ihnen die Augen auf, und es eröffnet sich ihnen die Begegnung mit dem Auferstandenen. Das eigentliche Geheimnis und der tiefste Sinn der Gastfreundschaft besteht seitdem darin, dass sich in ihr wahre Gottesbegegnung und Erkenntnis des Herrn vollzieht. Der hl. Augustinus sagt es so: „Der Herr wollte die Menschen ermuntern, durch den Dienst der Gastfreundschaft zu seiner Erkenntnis zu gelangen, Wenn er sich auch ‚weit über die Himmel’ von den Menschen entfernt hat, so ist er doch – wie bei den Emmaus-Jüngern – bei den Menschen gegenwärtig, die Gastfreundschaft üben.“ (sermo 236,3)

Jesus ist auch an anderen Stellen selbst oft zu Gast und lässt dabei die Gastgeber seine Herrlichkeit schauen: bei der Hochzeit zu Kana, wo er sein erstes Wunder wirkt, im Hause des Pharisäers Simon oder in der besonders eindrucksvollen Geschichte vom Zöllner Zachäus. Ihn, den Fernstehenden, den Kirchenfremden, wie wir sagen würden, holt Jesus aus seinem Versteck im Baum und ruft ihm zu: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein“ (Lk 19,5). Sähen wir uns nicht manchmal selbst auch gerne in der Rolle des Zachäus, den der Herr sich ausgesucht hat, um in sein Haus einzukehren? Neidvolle Seitenblicke dieser Art hat übrigens schon der hl. Augustinus in ihre Schranken verwiesen, in dem er sagt: „Wartet jemand von euch etwa darauf, den im Himmel thronenden Christus aufzunehmen? Dann kümmert euch um den, der im Torbogen liegt, kümmert euch um den Hungernden, kümmert euch um den Frierenden, kümmert euch um den Fremden … Hört auf die Stimme des Herrn: ’Was ihr einem meiner Geringsten tut, das habt ihr mir getan’“ (sermo 25,8).

Hier kommen wir zum Kern dessen, was christliche Gastfreundschaft ausmacht. Wenn sich Christus zu den Notleidenden und Fremden bekennt, wenn er sich sie so zu eigen macht, dass er „Ich“ sagt, dass er sich selbst mit ihnen identifiziert, dann erhalten sie eine ganz neue Würde. Diese neue Würde macht den Fremden gleichsam zumsacramentum, zum Zeichen der Gegenwart Christi. So erlangt die Gastfreundschaft ihre tiefste Begründung in der Gleichsetzung des Gastes mit Christus. Wer einen Gast aufnimmt, der nimmt Christus selbst auf. Von daher verstehen wir auch, dass Jesus die Gastfreundschaft in der Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46) zur ersten Vorbedingung und zum Maß des Heils erhebt: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ Wer also einen Fremden aufnimmt, der nimmt Christus auf. Und wer Christus aufnimmt, der wird vom Vater aufgenommen und zum Gastmahl geladen, zu dem Gott, der Herr, selbst in seinem Reich einlädt.

Die frühchristlichen Gemeinden und die alte Kirche haben die Weisung des Herrn „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ sehr ernst genommen. und Sie verstanden sie als Ausdruck der brüderlichen Gemeinschaft derer, die vom Geist geleitet sind. Viele Stellen in der Apostelgeschichte und in der neutestamentlichen Briefliteratur zeugen von der hohen Kultur der Gastfreundschaft in den ersten christlichen Gemeinden (Röm 12,13; Hebr 13,1 ff.; 1 Petr 4,7-11).

Der hl. Benedikt hatte all diese Beispiele sicher lebendig vor Augen, als er das 53. Kapitel seiner Regel niederschrieb. So beginnt er auch gleich mit einem kräftigen Paukenschlag, der so in der monastischen Väterliteratur absolut einmalig ist: „Alle Gäste, die kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden, denn er wird sagen: ’Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen’. Der Bezug zu der schon zitierten Matthäusstelle ist hier sicher kein Zufall. Im Fremden, der zu Gast ist, wird Christus selbst gesehen – Gastfreundschaft wird damit zum bevorzugten Ort der Gottesbegegnung und Gotteserfahrung. Bemerkenswert ist hier vor allem das in Vers 1 und 2 gleich zweimal vorkommende kleine Wörtchen alle. Allen soll die ihnen zukommende Ehre erwiesen werden, eben weil in jedem einzelnen Christus selbst erkannt wird. Grundsätzlich gibt es für die Gastfreundschaft also keine Grenzen und keine Ausnahmen. Sie gilt allen ohne Unterschied der Person, weil der Ruf Jesu zur Nächstenliebe eben auch allen galt und zwar ganz radikal bis hin zur Feindesliebe. Interessant ist auch, dass der hl. Benedikt in dem Zitat aus dem Matthäusevangelium (Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen) den Text der Vulgata leicht verändert und das Wort „collegistis“ durch „suscepistis“ ersetzt. „Suscipere“ ist – wie wir wissen, eines der Urworte unserer Regel und das entscheidende Wort in unserem Professgesang. Es beinhaltet eben nicht nur eine funktionale, sondern eine zutiefst geistliche Bedeutung. „Suscipere“meint Aufnahme und Annahme gleichermaßen. Der Herr nimmt uns auf, weil er uns angenommen hat – und er nimmt uns an, weil wir immer schon Aufgenommene sind. So heißt es denn auch weiter im 53. Kapitel: Nachdem die Mönche dem Gast die Füße gewaschen haben, beten sie Ps 48,10: „Suscepimus, Deus, misericordiam tuam in medio templi tui.“ Der Gast wird verwiesen auf die Barmherzigkeit Gottes, und die Mönche empfangen dann auch ihrerseits, in dem sie den Gast an Christi Stelle aufnehmen, diese Barmherzigkeit Gottes. Ist das nicht ein wunderbares Wechselspiel von Geben und Nehmen, von Hingabe und Empfangen – und ist dieses Wechselspiel nicht die entscheidende und prägende Erfahrung, die jeder Gastfreundschaft innewohnt?

So grenzen- und ausnahmslos die Gastfreundschaft allen Menschen gegenüber auch ist, so sehr betont der hl. Benedikt andererseits aber auch die eigene Identität des Klosters, die des Gastes wegen nicht aufgegeben werden darf. „Zuerst sollen sie gemeinsam beten“, heißt es in Vers 4. Die Priorität des Gebetes wird hier betont – und diese soll auch für den Gast gelten. Oder in Vers 9: „Man liest dem Gast zur Erbauung aus dem göttlichen Gesetz vor.“ Auch die Schriftlesung als wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens soll dem Gast von Beginn an nahegebracht werden. In Vers 10/11 heißt es dann: „Der Obere bricht des Gastes wegen das Fasten … die Brüder jedoch sollen das übliche Fasten beibehalten.“ Hier geht es um die gemeinsame Lebensordnung und um den Rhythmus des Kirchenjahres – alles soll, soweit möglich – in aller Ernsthaftigkeit weiter geschehen und befolgt werden. Das gilt nicht zuletzt auch für das Schweigen. So heißt es am Schluss in Vers 23 mehr als deutlich: „Mit den Gästen darf niemand ohne Erlaubnis verkehren oder reden.“ Was ist mit diesen auf den ersten Blick so hart klingenden Weisungen intendiert? Der Gast soll eingeladen werden, sich auf den Lebensrhythmus des Klosters einzulassen, sich dem Gebet, der Stille und der Tages- und Lebensordnung zu überlassen. Hier wird kein Programm gemacht für die Gäste, sondern im Gegenteil vorausgesetzt, dass die Gäste ihrem Gastgeber und seinem Leben in Ehrfurcht und Achtung begegnen und sich in das Vorgegebene einfügen. Die eigene Identität des klösterlichen Lebens wird nicht verleugnet, sondern sie wird konsequent gelebt und offen als Einladung verstanden. Ich denke, das ist ein wichtiger Aspekt, der für die Gastfreundschaft im Kleinen gilt, aber auch für die Gastfreundschaft, die wir anderen Völkern und Kulturen, anderen Religionen und Konfessionen gegenüber erweisen.

Das Stichwort von der eigenen Identität führt noch zu einem weiteren Aspekt der Gastfreundschaft, der im Alltag vielleicht sogar der entscheidende ist: die Gastfreundschaft nicht nur dem Fremden gegenüber, sondern die Gastfreundschaft als Grundhaltung allen Mitmenschen gegenüber, sogar auch uns selbst gegenüber.

Fremde sind in unserer Gesellschaft in jüngster Zeit mehr zum Gegenstand der Ablehnung, ja der Feindseligkeit als der Gastfreundschaft geworden sind. Globalisierung und multikulturelle Gesellschaft haben eher zu mehr Abgrenzung und Argwohn geführt als zu mehr Verständigung und Vertrauen. Es fällt uns zunehmend schwerer, den anderen und das andere angstfrei gelten zu lassen. Worin mag der Grund für diese Entwicklung liegen? Vielleicht darin, dass wir uns unseres eigenen Standortes nicht mehr bewusst sind, dass wir unsere eigene Identität verloren haben und uns im Überangebot der Lebensentwürfe und Lebensziele nicht mehr zurechtfinden? Nur wer sich selbst und seine Identität gefunden hat, der kann auch dem anderen, kann dem Fremden, wie Henri Nouwen es in seinem Buch Der dreifache Weg sagt, „einen Raum der Freiheit, der Annahme und Geborgenheit gewähren, der ihm die Möglichkeit bietet, bei uns einzutreten und zum Freund zu werden statt zum Feind.“ Wir müssen uns selbst annehmen können, um andere an- und aufnehmen zu können. Solche Gastfreiheit bedarf der Demut. J.B. Metz sagt in seinem Buch „Armut im Geiste“: „Wir müssen uns vergessen können, zurücktreten, damit der andere in seiner Einmaligkeit bei uns wirklich ankomme. Wir müssen ihn sein lassen können, ihn freigeben in seiner Eigenart, die uns oft aufscheucht und zur schmerzlichen Verwandlung ruft … Denn das Geheimnis des Lebens erschließt sich nicht der Selbstgefälligkeit, sondern nur der schöpferischen Gegenseitigkeit.“

Sr. Philippa Rath OSB