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Predigt von Pfarrerin Beate Jung-Henkel beim Hildegardisfest 2018

Sehr geehrte Brüder und Schwestern im Glauben,
sehr geehrte Frau Äbtissin Dorothea,
sehr geehrter Herr Weihbischof Löhr, sehr geehrter Herr Weihbischof Gebert,
sehr geehrte Schwestern, sehr geehrte Geistlichkeit,
sehr geehrte Pilger und Freunde der Heiligen Hildegard!

Es ist mir eine Ehre, heute hier sprechen zu dürfen.
Eine evangelische Pfarrerin kommt hier in Eibingen an der heiligen Hildegard nicht vorbei,
und das ist auch gut so. In den fast 30 Jahren, die ich hier im Rheingau lebe und arbeite, ist
sie mir lieb und wert geworden.
Zum einen durch die Menschen hier, denen sie etwas bedeutet. Durch die Mitarbeiter und
Mitglieder des Hospizvereins, durch die Schwestern in der Abtei, durch die katholischen
Kollegen und Kolleginnen, durch die Eibinger, denen ich in verschiedenen Bezügen begegne.
Zum anderen durch ihre Präsenz an den verschiedenen Orten, an denen Hospizarbeit und
Klinikseelsorge geschieht.
Diese Wallfahrtskirche hier ist die Kirche, in der die Gottesdienste im hospizlichen
Rahmen stattfinden. Die Hospizarbeit hat hier ihren gottesdienstlichen Ort gefunden.
Im Altar der Kapelle im katholischen Krankenhaus, dem ehemaligen SCIVIASKrankenhaus,
in der auch evangelische Gottesdienste und ökumenische
Gottesdienste stattfinden, befindet sich eine Reliquie der Heiligen Hildegard.
Beide Orte sind Orte gelebter Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen und mir selbst
kirchliche Heimat geworden. Die Ökumene hier ist mit ihrem Namen verbunden.
Was hat Hildegard uns Menschen von heute zu sagen? Welche Impulse kann sie uns heute
noch geben? Darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, ist mein Auftrag heute bei
dieser Reliquienfeier. Und natürlich geht das nicht, ohne auch mir persönlich die Frage zu
stellen: Was hat die Heilige Hildegard einer evangelischen Pfarrerin in der Hospizarbeit und Klinikseelsorge im katholischen Rheingau zu sagen? Ich bin keine Spezialistin, ich erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch – das überlasse ich gerne den Menschen in der Hildegard-Forschung. Ich kann nur in aller Einfachheit sagen, was sie mir bedeutet und was wir Christen uns heute von ihr sagen lassen können.
Nach der Einladung zu dieser Feier bin ich in den vergangenen Wochen mit der Heiligen Hildegard oft innerlich ins Gespräch gegangen. Von Seelsorgerin zu Seelsorgerin, von Theologin zu Theologin, von Ethikerin zu Ethikerin – und natürlich auch von Frau zu Frau, von Kirchenfrau zu Kirchenfrau. Freilich nicht auf Augenhöhe, das wäre ja eine Anmaßung, sondern von Schülerin zu Lehrmeisterin.
Hildegard von Bingen war Seelsorgerin. Sie hat sicher an vielen Sterbebetten gesessen und Menschen im Übergang von dieser in die andere Welt begleitet. Sie hat Trauernde getröstet, Verzweifelte aufgerichtet. Kranke gestärkt und ermutigt. Irdische Bedürfnisse waren ihr dabei nicht fremd. Sie hat selber Krankheit und Angewiesenheit erlebt, sie kannte die körperlichen Schwächen der Menschen, um die sie sich sorgte und die sie begleitete.
In ihrer Seelsorge war sie dem ganzen Menschen zugewandt, wie auch in ihren Visionen. Ihre Seelsorge war zugleich immer auch Leibsorge. Im Liber divinorum operum, dem Buch der Gotteswerke, sagt sie: Der Mensch soll beides haben: Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um die Notdurft des Fleisches. Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um Leib und Seele.
Wenn ich in einem Satz Sinn und Wesen von Krankenseelsorge und christlicher Hospizarbeit beschreiben sollte, würde ich es mit diesen Worten von Hildegard tun.
Aber nicht nur in der Seelsorge, sondern in jeglicher Sorgebeziehung sollten wir uns dies zu Herzen nehmen und beides im Blick behalten. Die Sorge um die Seele und die Sorge um den Leib gehören zusammen. Anders ausgedrückt: Der Glaube an Gott und an Jesus ist mit dem gelebten Leben in Verbindung zu bringen: In der Erziehung unserer Kinder, in der Sorge um unsere alten und kranken Menschen, in unseren partnerschaftlichen Beziehungen, in der Sorge um unsere Gemeinden. Das ist der Auftrag: Die Sehnsucht nach dem Himmel wachhalten und nähren und gleichzeitig dafür Sorge tragen, was wir für ein gutes Leben brauchen.
Auch als Theologin ist mir die Heilige Hildegard Vorbild. Sie war eine Frau mit Herz, Hand und Verstand. Davon ist ihre Theologie geprägt. Mit ihren für eine Frau damals ungewöhnlichen Kenntnissen in Theologie, Schriftauslegung, Medizin und Naturkunde zeigt sie eine erstaunliche Weite des Geistes und eine Breite des Wissens. Damit und darin ist sie ihrer Zeit weit voraus.
Ihre menschenfreundliche Theologie tut gut. Sie spricht von der Mutterliebe Gottes. Sie erzählt von einem Gott, der den Menschen nahe ist, der barmherzig ist. Von übertriebener Askese hat sie nicht viel gehalten. Einem Kirchenmann hält sie einmal entgegen: „Gott sucht nicht immerzu Himmlisches in dir“. Was für ein gnädiger Gott!
Sie hat Theologie und Schönheit miteinander verbunden. Alle „Schönheit des Himmels“ darf sich in unserem Leben, in unserem Glaubensleben, in der Praxis des Glaubens widerspiegeln. Ein Gottesdienst, eine Messe, eine Reliquienfeier darf schön sein. „Man kann Gott nicht lieben, wenn man kein Gespür für die Schönheit hat.“ So hat es die ev. Theologin Dorothee Sölle einmal ausgedrückt. Hildegard könnte es genauso gesagt haben.
Als Predigerin auf den Marktplätzen hat sie sich Gehör verschafft, die Posaune Gottes, wie sie auch genannt wurde. Mit ihrer reichen Bildersprache hat sie sicher vielen Menschen das Glauben-Können erleichtert.
Und ja, Hildegard ist auch Vorkämpferin für die Frauen in der Kirche. Mit Verlaub – wir Frauen in der Kirche dürfen uns schon auch fragen, was sie sie wohl zu dem Wort des Paulus gedacht hat: Die Frau schweige in der Gemeinde? Ob sie ihm das hätte durchgehen lassen? Wahrscheinlich hätte sie auch ihm die Leviten gelesen. Wie sollte sie denn schweigen, wenn Gott durch sie redete? „Schreibe nieder, was du siehst und hörst…“ so hat Gott sie beauftragt.
Sie ist für mich auch eine moralische Instanz, die uns mahnt, Verantwortung zu übernehmen für die Schöpfung, für unsere Erde, Ehrfurcht zu haben für alles Lebendige. Angesichts der Bedrohungen, die wir heute erleben, sind ihre Mahnungen dringlicher und aktueller denn je. Und all dies kann sie sagen und mahnen, nicht aus sich selbst, sondern in Rückbindung zu dem, was sie geschaut hat.
Sie imponiert mir wegen ihres Mutes, mit dem sie sich in die Politik und Kirchenpolitik eingemischt hat. Sie hat es mit den Kirchenleuten ihrer Zeit aufgenommen, ihnen ins Gewissen geredet. Klartext geredet. Sie hat sich nicht gefürchtet, sie hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hat so manches heilige Donnerwetter losgelassen. Dabei hat sie nicht Halt gemacht vor weltlichen und geistlichen Autoritäten, sie war sich sicher, die Sache Christi zu vertreten. Feigheit war für sie ein Laster. Das musste sie tun, denn sie hat ihre Kirche geliebt und sie hat an ihr gelitten.
Geht es nicht vielen von uns genauso heute? Von mir kann ich es jedenfalls sagen: Ich liebe meine Kirche und hin und wieder leide ich an ihr. Weil sie aus Menschen besteht. Es ist wohl so, dass beides zusammengehört: Leiden an ihr kann man nur, wenn man sie auch liebt.
Wir alle wollen eine Kirche, die wir lieben können. Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Die Kirche aus Enttäuschung nicht sich selbst überlassen, sondern für sie kämpfen. Das Leiden an dem, was geschieht, was durch die Menschen geschieht, die Kirche ausmachen, nicht aufstauen, sondern Auseinandersetzung und Veränderung wagen, um die Kirche zu verändern. Kämpferisch, mutig und barmherzig – und weise. So wie die Weisheit ist: kraftvoll und sanft – wie wir es heute Vormittag in der Predigt gehört haben.
Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Das Bild des Weges ist für sie auch hier Programm. Die Kirche ist immer auf dem Weg. Die Welt ist auf dem Weg. Wir Menschen sind auf dem Weg. Auf dem Weg zu Gott. Wir sind hier nicht zuhause. Wir haben hier keine bleibende Stadt. (Hebr. 13, ). Als Wegzehrung haben wir die Hoffnung, einen Überschuss an Hoffnung, und die Erinnerung an unsere Wurzeln, an unsere Geschichte mit Gott von Anbeginn.
Das macht die Heilige Hildegard immer wieder deutlich. Darin steht sie schon in einer langen Tradition. Unsere jüdisch-christliche Kultur ist eine Erinnerungskultur. Durch Erinnern und erzählendes Vergegenwärtigen bleiben unsere Wurzeln erhalten.
Für Hildegard ist die Erinnerung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Gott. Sie versteht Erinnerung als Recordatio, von re-cordare, dem Herzen etwas zurückgeben. Erinnerung heißt: Dem Herzen etwas zurückgeben. Das ist ein wunderschönes Bild.
Auch mit der Erinnerung an Leben und Werk der Heiligen Hildegard wird unserem Herzen etwas zurückgegeben.
Es ist gut, dass die Erinnerung an die Heilige Hildegard hier in Eibingen wachgehalten wird. Dass uns immer wieder, Jahr für Jahr, erzählt wird: Unsere Wurzeln reichen tief. Wir leben alle aus einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben. Wir stehen auf den Schultern von Menschen, die vor uns gehofft, geliebt, gelitten und gekämpft haben.
Jedes Jahr am 17. September werden wir hier in Eibingen durch die gleichen heilsamen Rituale und Abläufe an die Heilige Hildegard erinnert. Diese Tradition ist ein großer Schatz. Sie gibt dem Herzen wieder etwas zurück. Das brauchen wir, denn die Hoffnung kommt nicht aus dem Hirn, sondern aus dem Herzen.
Dass ich als evangelische Pfarrerin heute daran teilhaben kann, freut mich sehr. Es ist ein schönes Zeichen der Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen, die ich als wohltuend in meiner Arbeit in der Hospiz- und Klinikseelsorge erlebe. Das respektvolle Miteinander, das Nebeneinander der verschiedenen Traditionen und Glaubensweisen, das Voneinander- Lernen-Dürfen erlebe ich als sehr bereichernd. Es macht mich dankbar. Verschweigen möchte ich nicht, dass es auch Situationen gibt, in denen ich an der Trennung leide – wie viele katholische und evangelische Christen mit mir. Es wird noch Zeit brauchen. Aber was ist diese Zeit schon angesichts der Ewigkeit.
Eines dürfte uns indes allen klar sein: Die Energie für eine Abgrenzung voneinander können wir uns heute nicht mehr leisten. Es ist eine Zeit angebrochen, in der wir unsere Kräfte bündeln sollten. Aber verschmelzen müssen wir auch nicht. Es wäre schade um die Vielfalt, und so ist auch Ökumene nicht zu verstehen. Vielmehr ist dies die Hauptsache: Miteinander, mit den je eigenen Traditionen, Gaben und Schätzen daran zu arbeiten, dass die Welt an Jesus Christus glauben kann.

Amen