Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10, 30)
Mit anderen Worten, Jesus sagt: Gott und ich, wir sind ein Herz und eine Seele. Und es ist für uns gleich ob wir sagen “Mein Gott” oder “Mein Herr Jesus” – dahinter steht ein Herz voll Liebe für uns.
Das große Christusbild hier in unserer Kirche zeigt uns diese Offenheit. Kurz vor Beginn der Ausmalung dieses Gotteshauses hatte Papst Leo XIII 1899 die Welt dem Herzen Jesu geweiht. Sollte man nun nicht mit der angesagten Andachtsform mitgehen und den geplanten Christus mit einem großen, von Liebe strahlenden Herzen malen? Man entschied sich dagegen – nicht die moderne Form wurde gewählt, sondern eine zeitlose, bleibend gültige: Christus, Mensch und Gott, mit offenen, einladenden Händen. Wie man ja auch von einem guten Menschen sagt: Er trägt sein Herz in der Hand. Sein Tun offenbart, wie es in seinem Herzen aussieht.
Ursprünglich hatte aber das Untergewand des Christus eine Art Knopfleiste in der Mitte, deren unteres Ende vierpassförmig verbreitert war. Genau an der Stelle, wo die Darstellung des Herzens Jesu zu erwarten gewesen wäre. Wer es wollte, konnte das Herz Jesu darin sehen.
Wer es will, kann es auch heute noch sehen – das verwundete Herz Gottes, das uns zur Liebe, zur Barmherzigkeit ruft.
Denn wenn auch Barmherzigkeit ein sperriger Begriff ist, der nicht mehr unserer Alltagssprache angehört – inhaltlich ist die Rede vom Herzen, auch die vom Herzen Gottes nicht leer geworden. Als bei den Anschlägen in Paris 2015 ein junger Familienvater seine Frau und das kleine Kind die Mutter verlor, schrieb er, was um die Welt ging: “Ihr bekommt meinen Hass nicht!” Bemerkenswert ist aber auch wie dieser Text weitergeht: “Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, ein Wunde in sein Herz gerissen haben.” Die Rede vom Herzen Gottes ist nicht tot. Und sie ist nicht eng.
Teilhard de Chardin erkennt genau das vor einem Herz-Jesu-Bild und betet: “So wird in plötzlicher Umkehrung sichtbar, dass Du, Jesus, durch die Offenbarung Deines Herzens unserer Liebe vor allem das Mittel geben wolltest, dem zu entkommen, was allzu eng, allzu scharf umrissen, allzu begrenzt an dem Bild war, das wir uns von Dir machten. Im Zentrum Deiner Brust bemerke ich nichts anderes als einen Glutofen; und je mehr ich dieses brennende Feuer ansehe, um so mehr scheint es mir, dass überall um es herum die Umrisse Deines Leibes zerschmelzen, dass sie über alles Maß hinaus größer werden, bis ich in Dir keine anderen Züge mehr erkenne als die Gestalt einer entflammten Welt.
Und weiter betet er: “Du, Der Du das Viele knetest, um ihm Dein Leben einzuhauchen, senke, ich bitte Dich, auf uns Deine mächtigen Hände, Deine zuvorkommenden Hände, Deine allgegenwärtigen Hände herab, diese Hände, die nicht hier oder dort berühren (wie es eine menschliche Hand tun würde), die vielmehr in die Tiefe sich hineinbegeben und uns gleichzeitig durch all das erreichen, was es in uns und um uns herum gibt. Bereite mit diesen unsichtbaren Händen zu dem großen Werk das irdische Bemühen, das ich Dir in diesem Augenblick darbringe.
Mag sich die bildliche Darstellungsweise des Herzens Jesu überlebt haben, der Inhalt ist aktuell. Wir suchen in unserer Welt nach Liebe, nach Barmherzigkeit, nach Wärme. Diese Liebe wird wachsen, wenn wir mehr lieben. Um uns herum wird es wärmer werden, wenn wir ein offenes Herz und ein offenes Ohr haben.
Wenn wir in die Worte des Evangeliums, in die Worte Jesu hineinwachsen: Ich und der Vater sind eins. Und dann beten: „Jesus, bilde unser Herz nach deinem Herzen.” oder: „Jesus, bilde unsere Hände nach deinen Händen.

Text: Sr. Klara Antons OSB
Bild: Aquarellentwurf für die Ausmalung der Abteikirche von. P. Paulus Krebs