Bibel-Tagebuch

Ein Weg, die Heilige Schrift vom Lese- zum Lebensbuch werden zu lassen

Vorbemerkung: Die Frage des Apostels Philippus an den äthiopischen Kämmerer: „Verstehst du auch, was du da liest“ (Apg 8,30), ist die ‚Gretchenfrage‘ schlechthin. Der Dialog, den wir mit der Lektüre der Heiligen Schrift pflegen möchten, gerät durch diese Frage immer wieder auf den Prüfstein, vor allem dann, wenn wir eben nicht oder nicht sofort verstehen, was wir da lesen. Unterscheiden wir zunächst zwischen dem äußerem und dem inwendigen Verstehen. Das äußere Verstehen, d.h. die philologischen Fragen, die Quellen, Hintergründe, Zusammenhänge und Zeitbedingtheiten eines Textes können uns durch gute Bibelkommentare (die es auch im Internet gibt) verdeutlicht werden. Sie können helfen, das Äußere zu verstehen, zu deuten und richtig einzuordnen. Deshalb sind sie wichtig und notwendig, und wir sollten uns nicht scheuen, solche Kommentare ganz bewusst und regelmäßig zur Hand nehmen. Doch ein noch so guter Kommentar kann das Eigentliche, das Wesentliche nicht ersetzen. Der Kern des Ganzen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, auf der, die uns existentiell und in unserer ganzen Person erfassen möchte.

Einen wichtigen Schritt näher kommen wir diesem Kern, wenn wir das Glück haben, erfahrenen Meistern des geistlichen Lebens zu begegnen, die das Evangelium vorleben und uns auch ihr eigenes inneres Ringen mit dem Text und seinem Anspruch nicht vorenthalten. Solche geistlichen Mütter und Väter gab es zu allen Zeiten und gibt es Gott sei Dank auch heute. Doch sie erwachsen nicht von selbst. Um es mit einem Wort von Heinz Schürmann zu sagen: „Gott lässt begnadete Seelenführer in dem Maße erstehen, wie sie gesucht und gebraucht werden.“ Schon die alten Wüstenväter zur Zeit des heiligen Antonius haben sich nicht selbst zum Lehrer ernannt, sondern wurden gesucht und gezielt um Weisung gebeten. Haben wir also ruhig den Mut, aktiv auf die Suche zu gehen nach einem Menschen, der im Geist der Bibel zu leben versucht und darin bereits eine gewisse Erfahrung hat. Und haben wir umgekehrt auch den Mut, Zeugnis zu geben von unserem eigenen geistlichen Weg, wenn andere uns darum bitten.

Schließlich und keineswegs zuletzt sei auf eine, wenn nicht die untrügliche Hilfe zum Verstehen der Heiligen Schrift hingewiesen: das Gebet. Schon der große Origines schrieb einst in seinem Brief an Gregor Taumaturgus, 4: „Wer nicht findet, was er sucht, wer den gelesenen Text nicht versteht, muss Gott anrufen und ihn bitten, ihn erkennen zu lassen; so wird die Lesung zum Gebet, denn es ist absolut notwendig zu beten, um die göttlichen Dinge zu verstehen. Nur Gott selbst kann unsere tauben Ohren öffnen und unsere verhärteten Herzen geschmeidig machen. Nur er selbst kann uns auch im Tiefsten den Sinn und die Bedeutung eines Textes für unser persönliches Leben eröffnen.  „Effata“ – öffne dich. Das ist der Ruf, dem wir uns Tag für Tag anschließen sollten, wenn wir mit der Lesung beginnen

Mein Weg mit dem persönlichen Bibel-Tagebuch

Ich möchte nun von einem ganz persönlichen Weg berichten, der für mein geistliches Leben prägend geworden ist. Es ist der Weg eines Tagebuches mit der Heiligen Schrift, der uns lehren kann, hinter dem Buchstaben den Geist zu entdecken – jenen Geist, der uns bewegt und der die Worte der Bibel zu Worten des Lebens, zu Worten meines ganz persönlichen Lebens macht. Lesen und Leben gehören zusammen. Die Bibel will vom Lese-Buch zum Lebens-Buch werden.  Dies gelingt allerdings nur dann, wenn die Lesung zweckfrei und absichtslos geschieht und allein darin besteht, die Botschaft wirklich mit wachem inneren Ohr zu hören und zu schmecken. Es geht dabei mehr um Verkosten als um Studieren, mehr um Staunen als um Erörtern, mehr um Weisheit als um Wissen. Man sieht nur mit dem Herzen gut – sagte der große Antoine de Saint-Exupéry. Man darf dieses Wort wohl auch abwandeln: man liest nur mit dem Herzen gut.

Wie so oft im Leben entstand bei mir die Idee, ein Bibel-Tagebuch zu führen, eher „zufällig“. Irgendwann in meinem Leben begab ich mich auf die Suche nach einem Geländer, das mir Halt und Orientierung geben konnte, nach einem Weg, der mir die Heilige Schrift ganz persönlich erschließen und nahe bringen konnte. Was lag da näher als ein Bibel-Tagebuch zu schreiben? Schon nach kurzer Zeit bildete sich ein fester Ablauf heraus, den ich bis heute weitgehend beibehalten habe. Zunächst besorgte ich mir eine Tagebuch-Kladde. Dann begann ich, täglich zu einer bestimmten immer gleichen Zeit und an einem bestimmten Ort, den ich mir einmal für immer gewählt habe, die Heilige Schrift zur Hand zu nehmen. Zunächst lese ich das jeweilige Tagesevangelium(z.B. aus dem TeDeum oder aus dem Schott) als Ganzes langsam, Wort für Wort, halblaut vor mich hin. Ich betrachte den Text und denke zunächst darüber nach, was der Kerngedanke und die Grundaussage dieses Abschnitts sein könnte.

Danach lese ich den Text ein zweites Mal – diesmal leise. Ich verkoste den Text in aller Ruhe und stoße meist schon hier auf ein Wort oder auf einen Gedanken, der mich persönlich in besonderer Weise anspricht oder herausfordert. Dort verweile ich. Dann schreibe ich den entsprechenden Satz, Teilsatz oder auch nur ein einziges Wort des Textes in mein Tagebuch. Hinzu füge ich das Datum des jeweiligen Tages.

Nun lasse ich mich von diesem ausgewählten Text tief in meinem Inneren ansprechen. Was will Gott mir mit diesem Text sagen? Was bedeutet dieses Wort hier und heute für mein ganz persönliches Leben? Kann ich es einlösen oder steht es in Spannung zu mir? Fühle ich mich bestätigt oder herausgefordert? Was kann und sollte sich ändern in meinem Leben, wenn ich dieses Wort oder diesen Text ernst nehme?

Dann schreibe ich auf, was in mir gewachsen oder auch nur hochgekommen ist. Dabei gibt es für mich keine Tabus – ich möchte radikal ehrlich sein vor Gott und auch vor mir selbst. Manchmal ist es ein Ringen und ein Kämpfen, manchmal eine Ermutigung und ein Trost, manchmal eine Entdeckung oder auch eine ganz neue Erfahrung mit mir selbst. Zumeist mündet mein Tagebuch-Eintrag dann ein in ein selbstformuliertes Gebet: in Lob oder Dank, Klage, Schrei oder Fürbitte. Auch hier gilt: alles darf sein, alles darf zum Gebet werden. Mit diesem Gebet endet meine Schrift-Lesung.

Erfahrungen und Einsichten

Wenn ich Ihnen nun in einem dritten Schritt von meinen Erfahrungen mit dem Bibel-Tagebuch berichte, so könnte ich diese in einem Wort zusammenfassen: das Tagebuch ist mir zum Lebensatem geworden. Es hilft mir zu leben. Es schenkt mir den Sauerstoff, den ich brauche, um mein tägliches geistliches Leben zu leben. Es verleiht mir Kraft, Ausdauer und Ruhe. Es befruchtet mein Herz und meinen Geist und gibt mir immer neue Nahrung für den Alltag.

Vor allem aber hat mich das Tagebuch – darauf möchte ich vertrauen – Gott ein Stück näher gebracht. Es hilft mir, täglich neu zu versuchen, in Seiner Gegenwart zu leben, alles aus Seiner Hand entgegen zu nehmen. Vielleicht, so hoffe ich, hat es mich auch ein kleines Stück wahrhaftiger werden lassen und mir Schritt für Schritt ein Gespür dafür vermittelt, wer ich bin vor Gott und andererseits, wer Gott ist für mich.

Das Tagebuch hat mich schließlich auch mir selbst ein Stück nähergebracht. Es hat mich eigene, längst vergessene oder auch ganz aktuelle Lebenserfahrungen besser verstehen lassen. Es hat Freuden, aber auch Lebenswunden ans Licht gebracht und sie einem langsamen Prozess der Heilung unterzogen. So hat das Bibel-Tagebuch mein Leben verändert. Es hat sicher auch mein Verhältnis zu den anderen, zu meiner Gemeinschaft, zu meinen Freunden und zu den mir anvertrauten Menschen geprägt.

Dies alles will nicht heißen, dass der Weg nicht oft auch mühsam war. Aller Anfang ist und war auch bei mir schwer. Nicht selten überkommt einen das Gefühl des Längst-Bekannten. Manch leere Seite oder leere Daten zeugen heute noch davon. In solchen Zeiten war und ist es wichtig, trotz aller inneren Widerstände dabei zu bleiben – nicht aufzugeben. Nicht jede Frucht kann man sofort ernten. Wenn ich heute mein Bücherregal anschaue, dann finde ich darin viele vollgeschriebene Kladden. Dahinter verbirgt sich mein geistiger und geistlicher Lebensweg – mit all seinen Kreuzungen, mit seinen Umwegen, mit seinen Stolpersteinen, mit seinen Wüsten, aber auch mit all seinen Oasen und Höhenerfahrungen, mit Freudenzeiten und unverdienten Glücksmomenten.

Manchmal blättere ich auch zurück, nehme eine alte Kladde zur Hand, um zu schauen, was ich mir zu einer Stelle vor zwei Jahren, vor fünf Jahren oder gar vor zehn Jahren notiert habe. Eine lineare Entwicklung findet sich da nicht, wohl aber ein hauchdünner roter Faden, der den Sinn all dessen, was ich erlebt und erfahren habe, erahnen lässt. Das macht mich froh und auch dankbar.

Am Schluss bleibt mir eigentlich nur noch der Wunsch an Sie, es selbst zu versuchen. Machen Sie sich auf den Weg und lassen Sie sich dabei ganz von Gottes Geist führen. Er selbst wird uns, wie verheißen ist, in die ganze Wahrheit einführen. Er selbst ist es, der uns auf dem lebenslangen Weg hinein in die Tiefen seines und unseres Geheimnisses begleitet.

Von Sr. Philippa Rath OSB