,

Bildband über die Wandmalereien unserer Abteikirche erschienen

Unter dem Titel “Gotteswohnung – Die Wandmalereien der Abteikirche St. Hildegard als ein Hauptwerk der Beuroner Kunstschule” ist jetzt die Doktorarbeit unserer Sr. Klara Antons OSB im Beuroner Kunstverlag erschienen. Der sehr schön gestaltete Band mit einer Fülle von bisher unveröffentlichten Bildern untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum unserer Abteikirche, die in den Jahren 1907-14 von den Malerinnen und Malern der Beuroner Kunstschule unter Leitung von Pater Paulus Krebs ausgemalt wurde. Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang.

Der Band hat 384 Seiten und enthält 277 Abbildungen. Er ist ab sofort über unseren Klosterladen (klosterladen@abtei-st-hildegard.de) zum Preis von € 34,80 zu erwerben.

 

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Bandes und seiner Ergebnisse:

Virulentes Thema gegenwärtiger Liturgiewissenschaft ist der Stellenwert sakraler Räume in einer sich radikal verändernden Gesellschaft. Neuere Forschungen belegen, dass die auratische Wirkung religiöser Orte und Räume stärker als vor einigen Jahrzehnten wahrgenommen und gesucht wird. Die vorliegende Arbeit untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum der Abteikirche St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein (Ausmalung 1907-14). Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang. Der Anspruch der Kunstschule war nicht nur die christliche Kunst zu reformieren, sondern durch die Rückkehr zu den Wurzeln der Gotteserfahrung der „Alten“ den Lebensraum für die Erneuerung des Mönchtums und der Liturgie zu schaffen.

Die als „Beuroner Kunst“ bezeichnete Gesamtgestaltung kultisch/liturgischer Räume ist hervorgegangen aus der gegenseitigen Befruchtung des 1863 in Beuron neugegründeten benediktinischen Reformklosters und einer Künstlergruppe um Peter Lenz (1832-1928), Jakob Wüger (1829-1892) und Fridolin Steiner (1849-1906), die später selbst Mönche wurden unter den Namen P. Desiderius, P. Gabriel und P. Lukas. Die Begegnung mit der altägyptischen Kunst, vermittelt durch die Forschungsberichte der Königlich-Preußischen Expedition nach Ägypten von 1842-45 von Karl-Richard Lepsius, bestärkte in Lenz das Streben nach Überwindung der – seiner Ansicht nach – gefühlvollen Kunst des Historismus und Naturalismus hin zu einer objektiven christlichen Kunst, die überzeitlich gültige religiöse Wahrheiten ausdrücken sollte. Das Zentrum dieser Suche bildet Lenz‘ Arbeit am Kanon, einer aus der Geometrie abgeleiteten Proportionslehre, die zur allgemeingültigen Richtschnur und Konstruktionsgrundlage der Darstellungen der Kunstschule wurde. Durch die strikte Einhaltung des Kanon sollte alle Subjektivität in der Darstellung vermieden werden.

Forschungen zur Beuroner Kunst haben bisher vor allem deren Genese und Stellung in der Kunst der Moderne erarbeitet. Es wurde jedoch noch nie versucht, an einem großen, in sich geschlossenen Werk der Kunstschule dessen Dimensionen aufzuspüren, aufzuzeigen und deren Wirkungen auf die Betrachter und Betrachterinnen zu untersuchen. Die Abtei St. Hildegard bietet sich dafür an, weil sie der einzige Ort in Europa ist, an dem eine fast geschlossene Beuronische Gestaltung und monastische Liturgie noch zusammen kommen.

Die Fragestellung steht unter einem deutlichen Erwartungshorizont. Am Ende der Untersuchung sollen Grundlagen und Horizonte  für die Sanierung des Raumes stehen, für die ein theologisches Gesamtkonzept gegenwärtiger klösterlicher Liturgie in diesem konkreten Raum zu entwerfen ist und in dem kunstgeschichtliche und denkmalpflegerische Positionen ihren je eigenen Stellenwert erhalten.

Die vorliegende Arbeit ist dafür in vier große Teile gegliedert. Im ersten Teil wird einleitend die Geschichte der Abtei St. Hildegard dargestellt. Neben der Bauforschung wird hier auch ein erster Überblick über das theologische Konzept der Ausgestaltung der Kirche und dessen Veränderungen in den 1960er Jahren geboten.

Der zweite Teil besteht im Kern aus einer nur leicht kommentierten und mit zeitgenössischem Bildmaterial illustrierten Quellenedition zum Wirken der Kunstschule für die Zeit der Ausmalung in St. Hildegard. Dadurch können sich die Leser und Leserinnen selbst ein Bild machen von den Erwartungen und Handlungsimpulsen der beteiligten Persönlichkeiten. Die Edition der Quellen zum Entstehungszusammenhang des Gesamtkunstwerkes der Eibinger Abtei St. Hildegard bietet nicht nur einen detaillierten Einblick in die komplexe Entstehungsgeschichte der Wandgemälde, sondern zeigt darüber hinaus viele Einzelheiten und Zusammenhänge zum Klosterleben und zur Organisation der Kunstschule am Anfang des 20. Jahrhunderts auf.

Der dritte Teil wertet die Quellen aus, untersucht die Malereien der verschiedenen Raumteile im Einzelnen und zeigt ihre Genese, Vorbilder, Deutungen und Wirkungen auf. Mit dem Rekurs auf die verschiedenen altägyptischen Vorlagen wird der Blick über Bekanntes hinaus geweitet. Durch die Erforschung der einzelnen Wandbilder (zusammen mit den Ergebnissen des vierten Teils)  wird gleichzeitig eine Art Raumbuch geschaffen, sodass in nahezu vollständiger Weise zu jedem Bild Vorlagen, Entwürfe, Kartons, historische Fotos und Unterlagen zu Restaurierungen und Veränderungen bis hin zum materialen Schichtaufbau der Wände greifbar werden. Die Betrachtung bleibt aber nicht auf der pragmatischen Ebene, sondern nimmt auch die geistes- und theologiegeschichtlichen Hintergründe in den Blick. Das Ziel ist eine theologisch-spirituelle Erschließung des ikonografischen Konzepts als Grundlage für einen adäquaten Umgang mit dem Raum und seiner restauratorischen Ertüchtigung in Hinblick auf Liturgie und Spiritualität, aber auch in Hinblick auf wachsende Touristenströme.

Im vierten Teil werden die technischen Daten zur Malerei aufgearbeitet und die im Laufe der Zeit vorgenommenen Veränderungen untersucht. Den wichtigsten Teil nimmt hierbei die Aufarbeitung des Prozesses ein, der zur Übermalung der Malereien im Frauenchor geführt hat.

Als Ergebnisse stehen in Kapitel fünf unter dem Titel Perspektiven einerseits die Eckdaten für den anstehenden Prozess der Erstellung eines soliden Sanierungs- bzw. Restaurierungskonzeptes, bei dem es gilt, Denkmalpflege und Liturgie, ökonomische und ökologische Gesichtspunkte, Außen- und Innenperspektive miteinander in Einklang zu bringen. Darüber hinaus betrachtet die theologische Reflexion die gewonnenen Ergebnisse von der Meta-Ebene aus und beleuchtet ihre kirchliche und gesellschaftliche Relevanz.  

Dabei wird deutlich, dass Beuroner Kunst – entgegen dem Vorurteil – keine flache Schablonenmalerei ist. Thomas Holenstein und Paulus Krebs haben eine geniale kontextuelle Theologie für den Frauenchor entworfen, deren Verlust durch Übermalung sowohl aus kunsthistorischer als auch frauentheologischer Perspektive schwer wiegt. Die Bildfindung der Beuroner Malerei in St. Hildegard ist überraschend neu und unangepasst. Die Darstellungen sind Ausdruck des Selbstverständnisses der Nonnen, die ihren aufgetragenen Dienst – den Vollzug des kirchlichen Stundengebetes – gewissenhaft und selbstbewusst als gleichsam priesterlichen Dienst wahrnehmen. Insgesamt ergibt sich ein verblüffend modernes theologisches Konzept, welches die beiden Seiten der Liturgie dargestellt, lange vor den diesbezüglichen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort wird ausgesagt, dass christlicher Gottesdienst ineinander verschränkt Ereignis ist, das uns geschieht, und Tun, das wir vollziehen. „Opus Dei“, so der Fachbegriff benediktinischen Gottdienstes, ist zugleich Gottes Werk an uns und unser Werk für Gott. Die geschenkhafte (katabatische) Dimension ist im Kirchenschiff zum Ausdruck gebracht, die darbringende (anabatische) im Nonnenchor. So ist die Abteikirche mit ihrer Beuronischen Malerei kein purer Versammlungsraum. Sie ist christlicher Sakralraum und darüber hinaus religiös offener Transzendenzraum.

Darüber hinaus ist der Kirchenraum nicht nur, wie ausgehend dargelegt, „Subjekt“ der Liturgie, sondern wirkt durch seine Ausstrahlung auch als „Subjekt“ der Denkmalpflege. Das bedeutet einerseits, dass der Kirchenraum quasi selbst für seine Erhaltung verantwortlich ist. Wenn seine Stellung – überregional und international bekannt durch die Verehrung der hl. Hildegard – so ist, dass er auch als Identifikationspunkt für die Stadt Rüdesheim und den Rheingau wirkt, ist seine Erhaltung das Anliegen vieler. Wenn die Identifizierung dazu noch familiär, lebensgeschichtlich und emotional ist, kann sie enorme Ressourcen freisetzen, diesen geistlichen Mittelpunkt zu erhalten. Damit ist zugleich ausgesagt, dass Kirchenräume eben nicht nur „Adiaphora“ sind, sondern konstitutiv für den Glauben und die Beheimatung in der Glaubensgemeinschaft. Ein nur virtueller Besuch kann diesen Eindruck nicht vermitteln. Der technische Fortschritt kann nicht die Einkehr am „heiligen Ort“ ersetzen. Dem entspricht, dass Globalisierung nicht identisch ist mit fortschreitender Homogenisierung aller Kulturen, sondern es vielmehr immer unterschiedene, unterschiedliche Identitäten gibt und geben wird. Durch „Glokalisierung“, den „spatial turn“ zum einzigartigen Ort werden Räume der Selbsttranszendenz neu wahrgenommen. Kulturdenkmäler erlauben einzutreten in eine fremde und offene Welt, einen Hybridraum der Transzendenz. Kirchen stellen ein Angebot dar für Menschen, die nach Orientierung und Sinn suchen; und das auf mehreren verwobenen Ebenen: der Ebene des Religiösen, der Kunst und der Zeit.

Die Beuronische Ausmalung in St. Hildegard bietet einen Einstieg in den Andersort auch durch die „Heterochronie“ der dargestellten Szenen. Die Arche Noah mit ihren altorientalischen Parallelen, der Sphinx und viele andere Details für die altägyptische Kultur, der Altar des unbekannten Gottes und die Siegeskränze der Heiligen für den griechischen Kulturkreis und die Zitation der römischen Basiliken für den lateinischen. Dargestellt ist eine „Anhäufung von Zeit und Wissen am unerschütterlichen Ort“. Durch die Bilder hat der Kirchenraum „Haken“ oder „Passstellen“ in die wie ein Puzzle-Stück passgenau jeweils aktuelle Blickpunkte und Theologien verankert wurden und verankert werden können. Der Anhäufung von Zeit entsprechen eine Anhäufung von Energie der Verehrung und Klangspuren, die die Raumqualität quasi materiell verdichten. Der bergende Kirchenraum verbindet mit den Generationen von Vorfahren am Ort und dargestellten Heiligen und öffnet den Blick in die Zukunft. Damit ist der Kirchenraum die „materialisierte Erinnerung an die Erinnerung“.

Diesen besonderen und wirkungsvollen Ort gilt es zu bewahren. Ihn den verschiedensten Menschen, auch den zufällig vorbeikommenden Wandernden und Touristen und Touristinnen als Sinn­ort und Transzendenzort offen zu halten ist eines, ihn darüber hinaus als Liturgieort erkennbar lebendig und inspirierend zu nutzen, könnte ihn noch mehr zu einem spirituellen Kraftort für Suchende und zu einem Glaubenszentrum in der Diözese werden lassen. Ein Drittes ist, die Malerei auch wieder oder neu als besonderes Kulturphänomen, als außergewöhnlichen Kunst- und Kulturschatz zu begreifen, der den Rheingau und die Stadt Rüdesheim am Eingangstor zum Unesco-Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal bereichert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.01.2018