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Fasten in der Benediktusregel

Im 49. Kapitel der Regel des heiligen Benedikt gibt dieser seinen Rat, wie die Mönche die Fastenzeit verbringen könnten. Er befiehlt nicht, er rät. Vielleicht sind seine Ratschläge auch für andere hilfreich.

Die 40 Tage

Der lateinische Ausdruck, den Benedikt für die Fastenzeit  verwendet, heißt Quadragesima. Es sind die 40 Tage auf Ostern hin, die uns an Mose und Elija denken lassen und an Jesus selbst. Für Mose waren es in Ex 34,28 die 40 Tage auf dem Sinai, in denen er kein Brot aß und kein Wasser trank und die unmittelbare Erfahrung der Gegenwart Jahwes machen durfte. Er kam vom Berg herunter und die Haut seines Gesichtes strahlte Licht aus. Elija hat zunächst noch gegessen und getrunken(1 Kön 19,8) und dann ging er in der Kraft dieser Speise 40 Tage und 40 Nächte zum Gottesberg Horeb, wo er Gottes Gegenwart erfuhr, im sanften, leisen Säuseln. Jesus, den der Geist in die Wüste trieb, begegnete in den Versuchungen nicht nur dem Versucher, sondern er wurde sich über seine Sendung durch den Vater klar. In seiner Fastenzeit begegneten ihm Engel, die ihn stärkten. Wir gehen die 40 Tage hindurch mit Jesus den Weg nach Jerusalem, hin zum Ölberg, in den Abendmahlsaal, auf Golgotha und feiern an Ostern seine Auferstehung.

Zur Ernsthaftigkeit einer christlichen Lebensführung gehört von der frühen Kirche an als Konsequenz aus dem Ruf zur Nachfolge ein Leben, das auch von Entsagung geprägt ist. Die Entsagung ist aber hin geordnet auf eine Begegnung, auf ein Ziel, auf die Erfahrung der Gegenwart des auferstandenen Herrn. Der Begriff „Sanctum Pascha“ (Heiliges Osterfest) in RB 49, 7 ist nicht nur und in erster Linie als der jährliche Ostertermin zu verstehen. Benedikt hatte sicher das Verständnis der Väter im Hinterkopf, für die dieser Begriff das Paschalamm, der nach Leiden und Tod auferstandene und verherrlichte Christus selbst ist. (1 Kor 5,7: … denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden). Das verlockende Ziel ist Jesus, der auferstandene Herr selbst. Und, noch ein anderer Gedanke, die 40 Tage sind Ausdruck des Weges auf unser eigenes Ostern, auf unsere eigene Vollendung und Verherrlichung hin.

Wenn Benedikt also im Vers 1 sagt, dass der Mönch immer ein Leben führen soll wie in der Fastenzeit, meint er damit nicht in erster Linie eine radikale Bußzeit, sondern diese „Vierzig-Tage-Zeit“, in der der Akzent auf der Freude und Sehnsucht in der Begegnung mit dem verherrlichten Herrn liegt.

 

  1. 1.      Alles beginnt mit der Sehnsucht… (Nelly Sachs)

Benedikt sagt: Mit geistlicher Sehnsucht erwarte er, der Mönch, die Nonne, der Christ, das heilige Osterfest.(RB49,7).

Sehnsucht! Mit diesem Wort drücken wir etwas ganz Wesentliches von uns aus. In jedem  von uns lebt eine Sehnsucht, ein leidenschaftliches Begehren nach etwas, ein Hungern und Dürsten nach Erfüllung, nach lieben und geliebt werden. Eine Sehnsucht kann den Sehnsüchtigen so ergreifen, dass es ihn „siech“, süchtig macht (Sehnsucht kommt von „siechen“, nicht von suchen). Augustinus sagt von der Sehnsucht: „Sie gibt dem Herzen Tiefe (desiderium sinus cordis). Also weh dem, der keine Sehnsucht hat.

Für Ignatius ist die Sehnsucht so wichtig, dass er bei der Aufnahme eines Kandidaten die Frage gestellt haben will, ob er eine Sehnsucht, ein Verlangen (desiderium) verspürt, dem gekreuzigten Herrn mit allen Konsequenzen nachzufolgen. Wenn der Kandidat eingesteht, diese Sehnsucht nur wenig oder gar nicht in sich zu verspüren, so soll man ihn fragen, ob er wenigsten eine Sehnsucht nach der Sehnsucht in sich verspüre, Gott zu lieben und ihm nachzufolgen. Das sei dann schon genug.

Wenn wir nun schauen, welche Sehnsüchte uns täglich umtreiben, so müssen wir uns eingestehen, dass sie sich nicht immer direkt auf so Erhabenes richten, wie das Osterfest. Manchmal sind es eher Alltagssehnsüchte, wie zum Beispiel Ausschlafen, ein gutes Essen, Zeit verbringen mit Freunden, eine Erkenntnis gewinnen in einem Problem, Urlaubssehnsüchte, Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit. Das ist alles nichts Schlechtes. Diese Wünsche gehören zu unserer Natur als Menschen. Und genau diese kleinen Sehnsüchte helfen uns auf dem Weg zu unserer großen Sehnsucht. Sie helfen uns paradoxerweise nicht, wenn wir sie uns immer wieder bis zur Sättigung oder im Übermaß erfüllen, sondern wenn wir ganz bewusst und aus freien Stücken um eines höheren Gutes willen einen Verzicht setzen. Damit nähren wir in uns eine größere Sehnsucht, verdichten sie durch den Verzicht und gelangen zu einer inneren Freude, die wir nicht machen können, sondern die der Heilige Geist schenkt. Denn es geht nicht um die Freude, besser zu sein als andere, oder stolz sein zu können auf unsere Leistung, sondern darum, Gott unsere Liebe zu zeigen (offerat Deo). Wir nähren unsere Sehnsucht und wir leben mit ihr. Wir machen allerdings im Laufe des Klosterlebens oder des Lebens überhaupt die Erfahrung, dass sie ungestillt bleibt und wohl auch unstillbar ist. Nur Gott wird sie einmal wirklich stillen können, und in manchen Momenten des Glücks oder der Freude ahnen wir, was das heißen kann. Gefragt ist unsere Treue zu dieser unserer Sehnsucht. So heißt es in einem Gedicht von Christine Busta:

Treue zur Sehnsucht

Ich glaube, dass jeder Mensch

mit einer unerfüllten Sehnsucht

von dieser Erde scheidet

 

Aber ich glaube auch,

dass die Treue zu dieser Sehnsucht

die Erfüllung unseres Lebens ist.

 

Zweimal kommt im Kapitel 49 der Benediktsregel die Freude vor! Sie ist sozusagen die Schwester der Sehnsucht.

Vers 6: Und jeder bringe über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Willen etwas in der Freude des Heiligen Geistes Gott dar.

Für mich persönlich ist die Fastenzeit im Kloster immer eine Zeit, auf die ich mich freue, nicht nur weil es Frühling wird. Eine Zeit erhöhter Konzentration auf Wesentliches und des Neuanfangs im geistlichen Bemühen. Eine Zeit, in der die Sehnsucht wachsen kann.

 

  1. 2.      40 Tage Sehnsucht konkret

Nun möchte ich im Blick auf die Regel Benedikts ein wenig von der Fastenzeitpraxis in unserer Abtei berichten. Es ist immer eine Zeit des Neuanfangs, der Intensivierung, der Suche nach dem Wesentlichen.

–         Am Aschermittwoch Nachmittag findet jährlich eine Konferenz unserer Äbtissin statt, in der sie uns einige Impulse gibt.

–         Außerdem sucht sie ein Buch oder Teile eines Buches aus der Heiligen Schrift aus, das oder die wir dann während der Fastenzeit lesen sollen.

Im Kapitel 49 sagt Benedikt: (V15,16) Für diese Tage der Fastenzeit erhalte jeder aus der Bibliothek ein Buch, das er von Anfang bis Ende ganz lesen soll (per ordinem ex integro). Mit bibliotheca ist dabei die Bibel gemeint. Die Art und Weise des Lesens ist dabei jeder überlassen, entweder im klassischen Schema Lectio – Meditatio – Oratio, oder mit Hilfe eines exegetischen Kommentares. Auch kreativer Umgang mit Malen, einer Tonarbeit oder musikalischer Umsetzung, Umtexten oder Formulieren von Gebeten zum Text ist dabei möglich. Eine andere Möglichkeit ist Bibel teilen mit anderen.

Frei sein für Gott – Vacare Deo – und Vacare Lectionibus – frei sein für die Lesung gebrauchen die alten Mönche fast als Synonyme. Einen Teil unserer Freizeit mit dem Lesen des Wortes Gottes verbringen, heißt dann einen Teil unserer Freizeit mit Gott verbringen. Das Vakuum, das manchmal bedrückend sein kann und das wir mit allem möglichen ausfüllen, wird dann erfüllt durch ein sinnvolles Tun.

–         Vor dem Aschermittwoch werden wir aufgefordert unsere „Fastenbriefe“ zu schreiben, in denen wir für das, was wir uns vornehmen für die Fastenzeit von der Äbtissin den Segen erbitten. Diese Fastenbriefe wurden früher am Ende der Konferenz wieder ausgeteilt, heute stecken sie meist schon kurz nach der Abgabe wieder an unseren Zellentüren. Die letzten drei Verse des Kapitels 49 erklären diese Praxis. Es soll nicht darum gehen, dass wir vor uns oder anderen eine Leistung vorzeigen können, auf die wir dann stolz werden. Manchmal kommt es vor, dass ein hochherziger Entschluss von der Äbtissin gestrichen wird. Es ist manchmal schwerer, das Gewöhnliche gut zu tun, als sich im Außergewöhnlichen zu gefallen.

Dabei geht es um die in der Benediktsregel angesprochenen Punkte:

–         V2: In großer Reinheit (puritas) oder Lauterkeit sollen wir auf unser Leben achten. Der Mönchsvater Cassian versteht darunter vor allem das Bemühen um die Liebe. In seinen Institutiones 4,43 schreibt er: „Durch die Reinheit des Herzens wird die Vollkommenheit der apostolischen Liebe möglich“. Die Liebe steht also am Anfang. Die Liebe zu leben, die anderen so anzunehmen wie sie sind, die gegenseitige Achtung und Ehrfurcht vor dem Geheimnis des anderen gehört sicher zur größten Herausforderung in jedem Gemeinschaftsleben. Aber die immer neuen Versuche lassen uns selber wachsen und reifen, auch das immer neue Eingeständnis, dass wir dazu Gottes Hilfe brauchen, seine Gnade, die bei unserer Schwäche ihren sichersten Ansatzpunkt hat.

–         Dem Hl. Benedikt geht es, wie wir im Weiteren sehen (V 4) um unser Sein vor Gott, um unsere Wahrheit. Wie stehen wir vor Gott? Das Gebet unter Tränen geschieht dem, der sich im Innersten selbst erkennt und erkennt, wer Gott ist, wie Gott ist, mit welcher Barmherzigkeit er auf uns schaut. Wirkliche Reue ist nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern ein innere, echte Betroffenheit, die zur Umkehr treibt.

–         Erst dann geht es in der Fastenzeit auch um ganz einfache, handfeste Verzichte, beim Essen, Trinken, Schlafen, bei Geschwätz und bei Albernheiten. (loquacitas und scurrilitas) Dazu wieder Cassian (Instit.5, 6): „Alles Übermaß, auch an Speisen, bringt den Menschen aus dem Gleichgewicht und macht ihn unfähig zur Kontemplation.“ Die letzten beiden Punkte lassen erst etwas stutzen, aber ich denke, Benedikt geht es um Ernsthaftigkeit und dann um echte Freude. Er möchte nicht, dass wir an der Oberfläche bleiben.  „Freund, wozu bist du gekommen?“ diese Frage aus RB 60, 3 , die er in seinem Konvent, der wohl früher fast nur aus Brüdern bestanden hat, gerade den Priestern stellt, rüttelt mich immer wieder auf.

Noch einmal möchte ich Vers RB 49,6 zitieren, den ich schon im Zusammenhang mit der Freude zitiert habe:

Jeder bringe

über das ihm zugewiesene Maß hinaus

aus eigenem Willen

in der Freude des Heiligen Geistes

etwas Gott dar.

–         Es ist gut, wenn wir wissen, dass jeder von uns mitmacht. Deshalb muss man nicht alles hinausposaunen (siehe Evangelium). Aber ein gemeinsames Bemühen ist ansteckend. Es gibt auch die Ansteckung im Guten.

–         Dann ist es wertvoll, wenn jeder sein Maß kennt. Besser mit guten Nerven durch die Fastenzeit, als übernächtigt und gereizt. Trotzdem sollen wir etwas darüber hinaus gehen. Cassian Instit. 5,7: „Die Schwachheit des Fleisches ist kein Hindernis für die Reinheit des Herzens, vorausgesetzt, dass man die Nahrung nach dem Bedürfnis der Gesundheit bemisst und nicht nach dem Begehren.“

–         Mit dem Anstoß oder Impuls, sich auch wieder besonders um das Gebet zu mühen (V4 und 5) möchte ich schließen. Das ist in jedem Fall die Sache des eigenen Herzens, ob es sich um das Gebet in der Gemeinschaft oder um das persönliche Gebet handelt.

Sr. Francesca Redelberger OSB

 

Benediktsregel Kapitel 49:

Von der Beobachtung der Fastenzeit

1 Der Mönch soll zwar immer ein Leben führen wie in der Fastenzeit.(Quadragesima)

2 Dazu aber haben nur wenige die Kraft. Deshalb raten wir, dass wir wenigstens in diesen Tagen der Fastenzeit in großer Lauterkeit (puritate) auf unser Leben achten

3 und alle gemeinsam in diesen heiligen Tagen die früheren Nachlässigkeiten tilgen.

4 Das geschieht dann in rechter Weise, wenn wir uns vor allen Fehlern hüten und uns um das Gebet unter Tränen, um die Lesung, die Reue des Herzens und um Verzicht mühen.

5 Gehen wir also in diesen Tagen über die gewohnte Pflicht unseres Dienstes hinaus durch besonderes Gebet und durch Verzicht beim Essen und Trinken.

6 So möge jeder über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Willen in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen;

7 er entziehe seinem Leib etwas an Speise, Trank und Schlaf und verzichte auf Geschwätz und Albernheiten. Mit geistlicher Sehnsucht und Freude erwarte er das heilige Osterfest.

8 Was aber der einzelne als Opfer bringen will, unterbreite er seinem Abt. Es geschehe mit seinem Gebet und seiner Einwilligung;

9 Denn was ohne Erlaubnis des geistlichen Vaters geschieht, wird einmal als Anmaßung und eitle Ehrsucht gelten und nicht belohnt.

10 Also werde alles mit Einwilligung des Abtes getan.