„Caritas abundat“ – die Liebe überflutet das All“

„Caritas abundat“ – die Liebe überflutet das All“, so lesen wir in einer Antiphon der heiligen Hildegard von Bingen. Diesen Gedanken hat Mutter Clementia ausgewählt. Die Liebe überflutet, sie ist nicht kleinlich, nicht kleinkariert, nicht sparsam, nicht einmal in Zeiten der Finanzkrise und der Abzocke. Sie verströmt sich, überflutet und lässt sich nicht einfach festhalten oder kalkulieren. Sie wird nicht fade, verbraucht sich nicht, laugt sich nicht aus. Sie verströmt sich einfach nur – grenzenlos!
Spüren wir etwas davon in den Dunkelheiten unseres Lebens, im grauen Alltag, der so unendlich viel Kraft kostet, weil wir so viel machen müssen, weil wir Getriebene sind, die vom Leistungsdruck regiert werden, herum gehetzt und oft kläglich vor den Scherben unseres gescheiterten Zeitmanagements stehen?

Und doch: caritas abundat – die Liebe verströmt sich – einfach so. Und wir müssen nichts, wir dürfen, wir können uns erfassen lassen von dem Licht der Liebe, die sich von der Dunkelheit nicht zähmen lässt, die nicht in Formen gepresst werden kann, die sie verfügbar und rational fassbar machen. Die Liebe ist größer als wir und unsere Gedanken und doch betastbar, bestaunbar und anfassbar.
An Weihnachten nimmt die Liebe die Gestalt eines Kindes an, wird klein und liefert sich uns aus und schenkt sich uns neu. Gott blickt uns an durch die Augen seines zur Weihnacht geborenen Sohnes und wir werden frei von allen Verkettungen an uns selbst, von aller Mühsal, Last und Not. Wir dürfen Gott zutrauen, dass er sich um die Lächerlichkeit unseres winzigen Lebens sorgt. Und wenn unser kleines Dasein nicht mehr an sich selbst klebt, dann wird es liebend verfügbar für seine Liebe, die alles überflutet – wird zum Geschenk für die anderen.
Der verstorbene Aachener Bischof Klaus Hemmerle wünscht, „dass der Herr jedem und jeder von uns als Weihnachtsgeschenk Schwestern und Brüder schenkt, die sich dafür interessieren, wie es ihr und ihm geht. Und ich wünsche uns, dass er uns ein Herz schenkt wie das seine, das aufgeht und weit wird im Interesse, wie es den anderen geht.“ Wir brauchen nur eintauchen in die Fluten der Liebe Gottes. Wenn wir uns von dieser Liebe ergreifen und tragen lassen, die das All überflutet, sind auch wir allem liebend zugetan und dann entsteht Friede – in uns und um uns herum.

Mutter Clementia wünscht uns allen für das Weihnachtsfest und das kommende Jahr immer wieder die Erfahrung , dass Gottes Liebe unser Leben überflutet und uns in seiner Güte mehr gibt, als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten. In diesem Wunsch bin ich mit eingeschlossen und darf mich ihm für Sie – dankbar für alles – anschließen,
Ihre Schwestern der Abtei St. Hildegard