Von Prof. Michael Embach, Trier

Am 17. November 2015 ist Schwester Angela Carlevaris OSB, langjähriges Mitglied des Konventes der Abtei St. Hildegard Eibingen und bedeutende Erforscherin des Lebens und Werkes Hildegards von Bingen, im gesegneten Alter von 94 Jahren verstorben.

Schwester Angela wurde am 21. Juni 1921 in der heute zu Kroatien gehörenden Stadt Rijeka (ital./ungar. Fiume) unter ihrem bürgerlichen Namen Giliola Aloysia Carlevaris geboren.

In Padua absolvierte Schwester Angela ein Studium der slawischen Sprachen, dem sich ein Studium der Altphilologie anschloss. Im Jahre 1944 wurde sie an der Universität Padua mit einer Arbeit über Herodot promoviert.

Im gleichen Jahr, am 23. Februar 1944, trat Schwester Angela in Florenz dem Konvent der Société du Sacré-Coeur-Schwestern bei. Die feierliche Profess fand am 28. Oktober 1946 statt. Schwester Angela übernahm Aufgaben in der Leitung des Gymnasiums sowie, von 1954 bis 1969, im Provinzialrat der Ordensgemeinschaft. Im Jahr 1969 wechselte sie in den Konvent Trinità dei Monti nach Rom. Hier bekleidete sie das Amt der Stellvertretenden Oberin.

Schwester Angelas Eintritt in die Abtei St. Hildegard Eibingen fiel auf den 29. September 1970. Knapp zwei Jahre später, am 6. August 1972, erfolgte die Übertragung der Gelübde auf das neue Heimatkloster.

Seit ihrem Eintritt in die Abtei St. Hildegard Eibingen hat Schwester Angela sich mit großer Beharrlichkeit der wissenschaftlichen Erforschung von Person und Werk Hildegards von Bingen gewidmet. Sie setzte hierbei das Werk bedeutender Forscherinnen aus der Abtei St. Hildegard fort, unter denen die Namen von Maura Böckeler, Marianna Schrader und Adelgundis Führkötter genannt seien. Als rechte Hand von Schwester Adelgundis Führkötter war Schwester Angela an der Erstellung der historisch-kritischen Edition des Scivias, Hildegards erster Visionsschrift, beteiligt. Der Text konnte 1978 als zweibändige Ausgabe (Bd. 43/43A) in der renommierten Reihe des Corpus Christianorum. Continuatio mediaevalis erscheinen. Die Abtei St. Hildegard veranstaltete aus diesem Anlass ein wissenschaftliches Symposion.

Die historisch-kritische Edition der zweiten Visionsschrift Hildegards von Bingen, des Liber vitae meritorum, lag ganz in Händen von Schwester Angela. Nach zahlreichen Bibliotheksreisen und basierend auf einer jahrelangen philologischen Forschungsarbeit wurde der Text im Jahre 1995 als Band 90 des Corpus christianorum. Continuatio mediaevalis veröffentlicht. Wichtige Beiträge leistete Schwester Angela für die Vermittlung von Hildegards Werk nach Italien. Längere Zeit hielt sie sich in Mailand auf, um bei der Übersetzung des Liber vitae meritorum ins Italienische behilflich zu sein. Die Übersetzung erschien 1998 in Mailand unter dem Titel Ildegarda di Bingen, Come per lucido specchio: Libro di meriti di vita, a cura di Luisa Ghiringhelli. Die Gründung der herausgebenden Körperschaft, des Centro Studi St. Ildegarda, ging auf eine Initiative Schwester Angelas zurück. Sie selbst gehörte lange Zeit dem Vorstand des Studienzentrums an. Auch Hildegards von Bingen Kommentar zur Regula Benedicti machte Schwester Angela in Italien bekannt. Das gemeinsam mit Patrizia Alloni erstellte Werk erschien in zwei Auflagen, 1994 beim Centro Studi St. Ildegarda und 1997 bei der Assoziatione Culturale Mimesis. Neben der Einleitung steuerte Schwester Angela zu dieser Publikation die historisch-kritische Edition des lateinischen Originaltextes bei.

Als Früchte einer lebenslangen Beschäftigung mit Hildegard von Bingen hat Schwester Angela zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, die für die internationale Hildegardforschung von fundamentaler Bedeutung wurden. Sie seien an dieser Stelle ­ ohne Anspruch auf Vollständigkeit ­ kurz aufgeführt:

  • De S. Hildegarde abbatissa (+ 1179). In: Vox latina 15 (1979), S. 205-207.
  • Scripturas subtiliter inspicere subtiliterque excribrare. In: Tiefe des Gotteswissens ­ Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen. Internationales Symposion in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus Wiesbaden-Naurod vom 9. bis 12. September 1994. Hrsg. von Margot Schmidt. Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, S. 29-48.
  • Hildegard von Bingen ­ Urbild einer Benediktinerin? In: Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. von Äbtissin Edeltraud Forster und dem Konvent der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Eibingen. Freiburg i. Br. (u. a.) 1997, S. 87-108.
  • Ildegarda di Bingen, Centro della ruota. Spiegazione della regola di San Benedetto. Traduzione e introduzione a cura di Angela Carlevaris con un saggio di Patrizia Alloni. Milano 1994/1997.
  • Ildegarda e la Patristica. In: Hildegard of Bingen. The Context of her Thought and Art. (Warburg Institute Colloquia, Vol. 4). Ed. Charles Burnett and Peter Dronke. London 1998, S. 65-80.
  • Das Werk Hildegards von Bingen im Spiegel des Skriptoriums von Trier-St. Eucharius. (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, Bd. 12). Trier 1999.
  • Sie kamen zu ihr, um sie zu befragen: Hildegard und die Juden. In: Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongreß zum 900jährigen Jubiläum, 13.-19. September 1998, Bingen am Rhein. Hrsg. von Alfred Haverkamp. Mainz 2000, S. 117-128.
  • Hildegard von Bingen (1098-1179). In: Dizionario Interdisziplinare di Scienza e Fede, Cultura scientifica, Filosofia e Teologia. Ed. Guiseppe Tanzanella-Nitti / Alberto Strumia. Bd. 2. Rom 2002, S. 1846-1853.
  • Die Vision der heiligen Hildegard von Bingen in der Vita Juttae. (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, Bd. 18). Trier 2003.

Das außergewöhnlich fruchtbare wissenschaftliche Schaffen Schwester Angelas erfuhr eine tiefe Zäsur durch die am 4. März 2002 eingetretene Erblindung der großen Forscherin. Doch hat Schwester Angela dieses schwere Schicksal mit der ihr eigenen Ergebenheit angenommen und getragen. Wie bereits in den Jahren zuvor blieb sie auch nach der Erblindung eine allseits geschätzte, weltweit geachtete Autorität in sämtlichen Fragen, die das Leben und das Werk Hildegards von Bingen betrafen. Vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ihren Rat und ihre Meinung suchten, bleibt Schwester Angela in lebendiger Erinnerung als eine äußerst liebenswürdige, stets bereitwillig Auskunft erteilende Stimme, deren Klang Achtung und hohe Wertschätzung genoss. Dass Schwester Angela zudem auf eine vornehme, doch manifeste Weise Zeugnis ablegte vom monastisch-benediktinischen Erbe im Werk Hildegards von Bingen, gehört ohne Zweifel zu den besonderen Vorzügen ihrer wissenschaftlichen Laufbahn.

Es muss Schwester Angela eine tiefe innere Freude bereitet haben, zusammen mit dem gesamten Konvent der Abtei St. Hildegard erleben zu dürfen, dass Papst Benedikt XVI. Hildegard von Bingen, ihre hoch verehrte „magistra“, im Jahre 2012 zunächst heiliggesprochen und bald darauf zur Kirchenlehrerin erhoben hat.

Die internationale Hildegard-Forschung verneigt sich in tiefem Respekt, in Dankbarkeit und Anerkennung vor Schwester Angela Carlevaris, der großen Vermittlerin und Deuterin Hildegards von Bingen.