V. Wo und worauf es ankommt
Entfaltung und Ziel des Weges (Tafel 31 – 35)

Die letzte Wegstrecke markieren Haltungen, die mit kleinen Varianten an vorherige Gotteskräfte mit ihren Lasterpaaren erinnern. Dadurch entwickelt sich ein spiralartiger Prozess, wo keine Leistung in dem Sinne erwartet wird, dass man immer größere und bessere Tugenden hervorbringt. Ausschlaggebend ist das Unterwegssein, das vom Ursprung und vom Ziel gehalten wird. Mit einer Zielrichtung auf dem Weg zu sein, verlangt eine Beständigkeit, die vor jeder Art von Unbeständigkeit und Umherschweifen bewahrt. Die Beständigkeit hebt den Zustand des Auf-dem-Weg-Seins nicht auf, aber gibt für dieses noch nicht vollendete irdische Dasein Heimat und Bleibe, wenn nicht anderswie, dann als Geborgenheit in der Sehnsucht nach der ewig bleibenden Stätte.
Das eigentliche Ziel des Tugendweges ist nicht die letzte Gotteskraft, die himmlische Freude. Sie ist eine Zugabe, die man sich durch Wollen und Tun nicht erwerben kann. Wem, wann, wie sie geschenkt wird, bleibt eine pure Gnadengabe. Unser Leben soll auf die vorletzte Haltung, auf die Genügsamkeit zugehen. Sie macht zufrieden mit dem, was wir in unserem Erdenleben zur Verfügung haben. Sei es in Fülle, sei es in kärglichem Maß, ist es für die Genügsamkeit gerade das Richtige. Und darin erfährt sie eine Vorwegnahme der Erfüllung bereits im diesseitigen Dasein:

„Ich aber, ich sitze über den Sternen, weil mir alle Gottesgaben genügen. Ich freue mich an der süßen Musik der Pauken, da ich mein Vertrauen auf Ihn setze. Ich küsse die Sonne, wenn ich Ihn frohlockend besitze; den Mond umarme ich, wenn ich Ihn in Liebe halte, weil mir das reicht, was sie auf dieser Welt wachsen lassen. Und wozu sollte ich mir mehr wünschen als ich brauche? Weil ich Barmherzigkeit für alles aufbringe, ist mein Gewand aus weißer Seide, und weil ich milde gesonnen bin, wo es um die Lebensbedürfnisse geht, ist mein Kleid mit kostbaren Edelsteinen geschmückt. Daher wohne ich im Palast des Königs. Und es fehlt mir an nichts, was nur mein Herz begehrt. Am Gastmahl des Königs nehme ich teil, da ich des Königs Tochter bin.“

Sr. Maura Zátonyi OSB