„Wie die Kirche, die neue Braut des Lammes, vom Leuchten der Sonne der Gerechtigkeit überstrahlt und mit der Glut des Heiligen Geistes ausgestattet, zur Vollendung ihrer Schönheit gelangt, so muss auch der gläubige Mensch, der die Wiedergeburt in Geist und Wasser (die hl. Taufe ) empfangen hat, mit der Salbung des himmlischen Lehrers gestärkt werden.“
( Sc II, 4 )
Ein großer runder Turm aus einem weißen Stein mit der Frauengestalt, der Kirche, in der Menschen hindurchziehen, prägen diese Miniatur. Der Turm aus einem einzigen weißen Stein symbolisiert den Heiligen Geist in seiner leuchtenden Klarheit, der alle Geschöpfe umkreist. Aus den drei Fenstern des Turmes, die mit Smaragden besetzt sind (diese bedeuten die Tugenden und Mühen der Apostel) bricht ein heller Glanz hervor. Der Dreifaltige Gott tut sich in der Ausgießung der Gaben des Heiligen Geistes kund. Sowie die Kirche vom Heiligen Geist erfüllt, gestärkt und geführt ist, so sollen auch die Getauften gefirmt, d.h. mit Heiligem Geist erfüllt werden.
Das Visionsbild zeigt die Frauengestalt vor dem Turm, die Kirche im Heiligen Geist gefestigt. Die Kirche ist mit der feurige Gabe des Heiligen Geistes ausgerüstet, so dass sie „niemals der Torheit irgendeines Irrtums verfallen kann. Durch den himmlischen Schutz wird sie sich immer der Liebe ihres Bräutigams erfreuen.“ Dies verdeutlicht die Miniatur in der goldenen ( göttlichen ) Farbe der Kirchengestalt, die mit geöffneten Händen in der Haltung des Empfangens in der Mitte vor dem weißen Turm steht, der ebenso in goldenes Licht getaucht ist. Hildegard schaute Menschen, die durch den Leib der Gestalt hindurchzogen, in großer Herrlichkeit aufleuchten. Sie haben die Unschuld der Herzensreinheit der Taufe bewahrt als Kinder des Lichtes. Sie sind von der Stirn bis zu ihren Füßen von Goldglanz übergossen, von der Salbung im Heiligen Geist. Andere leuchten ohne Goldglanz, weil sie nur im Bad der Taufe gereinigt sind, nicht die Salbung mit Chrisam besitzen, sie sind noch nicht gefirmt, noch nicht mit Heiligem Geist gesalbt. Die Kirche ruft den Menschen zu: „Fürchtet den Vater, liebt den Sohn, glüht im Heiligen Geist!“
O Mensch, lass dich überfluten von der Neugeburt des Erlösers und dich salben mit der Salbung der Heiligkeit! Fliehe den Tod, jage dem Leben nach!
Dass einige der Menschen auf einen hellen Glanz blicken (auf den dreifaltigen Gott), andere auf einen unruhigen Schein, der im Osten flackert, ist im Bild nicht klar zu erkennen.
Die Menschen, die den reinen Glanz betrachten, haben helle Augen und starke Füße und gehen beherzt im Leib der Gestalt umher. Weil sie nach dem Himmlischen trachten, richten sie sich nach den Geboten Gottes in ihrer hingabebereiten Einstellung. Andere haben kranke Augen und schwache Füße, gehen mit Krücken und gebeugt in der unteren Bildhälfte. Sie werden vom Wind hin und her geweht, weil sie hochmütig sich in abweichenden Sitten ergehen.
Diese Vision zeigt auch die Verschiedenheit der Getauften, Menschen mit hellen Augen und schwachen Füßen, die vor der Kirchengestalt in der Luft umherschweben. Sie hinken in der Erfüllung der Gebote. Menschen mit kranken Augen und starken Füßen wanken matt vor der Gestalt dahin. Sie haben ihren Sinn mehr auf das Irdische als auf das Himmlische gerichtet. Andere machen sich von der Gestalt davon, bekämpfen die Kirche, belästigen sie mit Irrtümern. Dass einige dann wieder zurückkehren durch Buße, andere verhärtet bleiben im Stolz, ist in der Miniatur nicht zu sehen.
Gott festigt die Menschen durch die Firmung auf ihrem Weg, die Taufe zu leben.