“Ob er/sie Eifer hat für den Gehorsam”

Lauschende

Sie wartet auf Botschaft, schon lange.

Jemand hat ihr gesagt: Sei wachsam, lausche, halte dich still und die Hand ans Ohr.

Irgendwo wird das Wort ausgesprochen. Irgendwo schlägt die Glocke an.

Irgendwann wird sich der Ton ausfiltern lassen aus dem Geräusch des Windes.

Auf diesen Ton bist du gestimmt, so lausche.

(Gertrud Fussenegger)

Das zweite Kriterium, das der heilige Benedikt nennt, um zu beurteilen, ob einer wirklich Gott sucht, ist der Gehorsam. An nicht weniger als 35 Stellen kommen die Begriffe „gehorchen“ und „Gehorsam“ in unserer Regel vor. Dies weist darauf hin, dass wir es hier mit einem Grundbegriff, besser gesagt mit einer Grundhaltung im benediktinischen Leben zu tun haben. Dem Gehorsam ist in späterer Zeit sogar ein eigenes Gelübde gewidmet worden – dem alten Mönchtum war ein Gehorsamsgelübde noch unbekannt.

In unserer Zeit, die durch eine tiefsitzende Autoritäts- und Gehorsamskrise gekennzeichnet ist, tut es vielleicht gut, einmal in die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Lumen Gentium“ hineinzuschauen. Dort wird der Gehorsam als einer der drei evangelischen Räte in Nr. 43 als „donum divinum“, als göttliche Gabe, bezeichnet. Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? Der Gehorsam als Geschenk Gottes an uns, an die Kirche. Ein Geschenk ist immer Zeichen der Liebe des Schenkenden zum Beschenkten. Ein Geschenk will Freude machen. Wie sehr hebt sich von dieser Betrachtungsweise die landläufige Meinung ab, Gehorsam habe nur mit Verzicht und Einschränkung zu tun, enge uns ein in unserer Freiheit und in unserem Recht auf Selbstbestimmung.

Dem heiligen Benedikt hätte die Definition des Konzils sicher sehr gefallen. Am Ende der Regel in Kap. 71,1 nennt er den Gehorsam ein Gut, ein „bonum“, das Gott uns anvertraut, um uns zu sich zu führen. Um den Wert dieses Gutes zu verstehen, braucht es die Sicht des Glaubens. Es reicht also nicht, den Gehorsam nur anthropologisch, psychologisch und soziologisch zu betrachten. Wir müssen unseren Blick auf die geistlich-theologische Dimension hin weiten. Sonst werden wir den Gehorsam niemals verstehen, geschweige denn leben können.

Zu Beginn des Kapitels über den Gehorsam (RB 5,2) kommt Benedikt gleich zum Kern: “Der Gehorsam ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht.“ Letztlich geht es also um die Freiheit zur Liebe, um die Nachfolge dessen, der selbst gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, wie es der Philipperhymnus (Phil 2,8) sagt. Nur wenn wir den Gehorsam aus dieser Glaubensperspektive heraus verstehen, können wir ihm gerecht werden.

Wo aber liegen für uns die Wurzeln eines solchen religiös motivierten Gehorsams? Jeder von uns erfährt als unvollständig und ergänzungsbedürftig, ja als erlösungsbedürftig. Wir stehen als geschaffene Wesen immer schon unter einem Ruf. „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1) – dieses Wort ruft uns zur Ant-wort. Karl Rahner hat den Menschen einmal als „Hörer des Wortes“ definiert. Wir sind also vom Ursprung her auf das Wort und auf das Hören und Gehorchen hin angelegt. Wir können nur dann voll und ganz Mensch werden, wenn wir diesem Anruf folgen – so wie Christus selbst ganz unter dem Anspruch des Willens Gottes stand. Der Gehorsam Jesu war Ausdruck seines tiefsten Wesens selbst, seiner wesenhaften Verankerung im Vater. Und auch wir wollen uns dort verankern, wenn wir beten: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ In diese Schule will uns der heilige Benedikt führen und begleiten.

Nicht umsonst lauten die ersten Worte seiner Regel: “Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters und neige das Ohr deines Herzens“ (Prol 1). Hören ist das Grundwort und der Grundvollzug unseres benediktinischen Lebens. Am Anfang eines jeden Lebens der Nachfolge steht ja eine Berufungsgeschichte, bricht das Bewusstsein in uns durch, dass Gott sein Wort ganz persönlich an mich richtet und auf eine Ant-Wort wartet. Deshalb spielt das Hören und Gehorchen auch im Prolog unserer Regel, der ja eine Berufungsgeschichte in Form eines Dialogs ist, eine so herausragende Rolle. Dieses erste Wort „Obsculta“, „Höre“ greift die biblische Tradition auf, die mit dem Wort „Höre Israel“ (Audi, Israel) die Verkündigung der Tora auf dem Sinai beginnt. Mit dem „Hören“ wird auch die Theophanie auf dem Berg der Verklärung – dem neutestamentlichen Sinai – beschlossen. Dort, auf dem Tabor, sagt die Stimme aus der Wolke: „Auf Ihn sollt ihr hören“ (Ipsum audite). Hier schließt sich der Kreis, und wir beginnen zu ahnen, dass im Hören und Gehorchen das dialogische Geschehen zwischen Gott und Mensch seinen Anfang nimmt und zugleich seine Vollendung findet.

Stets bereit sein zu hören, das ist unsere Lebensaufgabe als Gottsucher. Dieses Hören ist ein Hören mit der ganzen Person, mit Leib und Geist, und fordert die Kräfte der Liebe wie auch des Verstandes. Dazu gehört eine Wachheit der Wahrnehmung, eine Offenheit und Achtsamkeit für die leisen Töne, für die Zwischentöne und für die Grundmelodien, die manchmal hinter den vordergründigen Akkorden liegen. Solches im wahrsten Sinne des Wortes diskretes, nämlich unterscheidendes, Hören will gelernt sein und erfordert lebenslange Einübung – ähnlich wie wir es beim Beten gesehen haben. In gewisser Weise fordert das Hören auch eine demütige Grundhaltung des Herzens. Nicht umsonst bezeichnet der hl. Benedikt den Gehorsam als „höchste Stufe der Demut“ (RB 5,1) Wir müssen lernen, im Hören von uns selbst abzusehen (uns selbst zu verleugnen – abnegare semetipsum), nur dann werden wir offen für das Wort und die Weisung Gottes, die uns auf so unendlich vielfältige Weise begegnen kann: in Seinem Wort selbst, in der Liturgie, in Begegnungen mit Menschen, im Ereignishaften und in den berühmten Zufällen unseres Lebens.

Solches Hören können wir allerdings nur dann, wenn wir auch schweigen gelernt haben, wenn wir den Lärm außen, aber auch den Lärm in unseren eigenen Herzen zur Ruhe bringen. Wir müssen uns deshalb in unserem Alltag immer wieder und immer neu kleine Räume der Stille schaffen und, so wir sie gefunden haben, sie hüten wie einen kostbaren Schatz.

Wichtig erscheint mir auch, dass wir uns mehr und mehr unabhängig machen davon, ob uns das Gehörte gefällt oder nicht, ob wir es hören wollen oder nicht. Fragen wir uns einmal ganz selbstkritisch: höre ich nicht oft nur das, was ich hören will? Kann ich überhaupt zuhören? Oder bin ich nur mit halbem Ohr dabei und warte nur darauf, das, was mich beschäftigt vorbringen oder meine Meinung äußern zu können?

Schon das richtige Hören ist schwer. Noch schwerer aber ist oft das Eigentliche. Denn vor allem gilt ja: wir müssen das Gehörte auch tun. Vom Hören (audire) zum Gehorchen (oboedire) ist es manchmal nur ein ganz kleiner Schritt. Dieser allerdings kostet nicht selten Selbstüberwindung und fordert von uns, unsere Ichbezogenheit hinter uns zu lassen und unseren Eigenwillen zu übersteigen.

Der Ernstfall des Gehorsams liegt dort, wo wir einwilligen in den Willen eines anderen – manchmal eben auch gegen unsere eigene Überzeugung, gegen unsere Pläne, Wünsche und Hoffnungen. Wir können dies nur, wenn wir daran glauben, dass Gott in allem, auch in dem, was uns schwerfällt, gegenwärtig ist (wir werden morgen bei den „Obprobria“ noch darüber sprechen). Es ist bezeichnend, dass der hl. Benedikt gerade diesem Ernstfall des Gehorsams ein eigenes Kapitel widmet (Kap. 68). Wenn einem Bruder Unmögliches aufgetragen wird, so heißt es dort am Schluss: „ … dann gehorche er aus Liebe, im Vertrauen auf die Hilfe Gottes“. Wer eine ähnliche Situation selbst schon einmal erlebt hat, der wird wissen, wie schwer dies sein kann, aber auch welche ungeahnten Kräfte uns zuwachsen können, wenn wir diesen Schritt über uns selbst hinaus einmal getan haben. Hier geschehen bisweilen wirkliche Wunder im Alltag. Wir müssen nur Augen haben, sie zu sehen.

Freilich, und darauf legt Benedikt besonderen Wert, soll der Gehorsam, auch wenn er schwer fällt, frohen und beschwingten Herzens geleistet werden. Halbherzigkeit ist seine Sache nicht. „Die Jünger müssen den Gehorsam mit frohem Herzen leisten, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber“ (RB 5,16). Wie oft passiert es uns, dass wir uns in unseren Plänen nur sehr ungern stören lassen, dass wir im Grunde unseres Herzens eigentlich wütend sind und murren, dass unser Gehorsam also nur äußere Fassade ist, hinter der es brodelt und bröckelt. Wir sollten dann ehrlich mit uns und mit den anderen sein und nicht mehr scheinen wollen als wir sind. Der Gehorsam darf schwer fallen, aber er muss um der Liebe willen ohne Murren geleistet werden, „sonst findet er kein Gefallen vor Gott“ (RB 5,18).

Es ist bezeichnend, dass Benedikt nicht nur den „sozialen“ Gehorsam dem Oberen oder den Älteren gegenüber einfordert, sondern seinen Schülern auch den gegenseitigen Gehorsam besonders ans Herz legt. Im 72. Kapitel steht sogar der wuchtige Satz: “Sie sollen sich in gegenseitigem Gehorsam überbieten“. Hier werden alle Autoritätsverhältnisse transzendiert. Und genau an dieser Stelle kommen wir dann auch zum wichtigsten Deutungspunkt des Gehorsams. Der Gehorsam ist Ausdruck unserer Liebe. An vier Stellen verbindet der hl. Benedikt den Gehorsam und die Liebe miteinander: RB 5,2; RB 7,34; RB 68,5 und RB 71,4. Keine Befehle also oder Entgegennehmen von Befehlen, aber eine Kultur des gegenseitigen Wohlwollens und der brüderlich-schwesterlichen Dienstbereitschaft: die Erziehung zu einer offenen, wohlwollenden Hörbereitschaft untereinander. Hier wird Gehorsam zu gegenseitiger Dienstbarkeit in Liebe. Solche Liebe ahmt den liebenden Gehorsam Christi nach, wie er vor allem im Johannesevangelium immer wieder bezeugt wird.

Von der christlichen Ethik her kennt der Gehorsam, wie wir wissen, nur eine Grenze: wenn ein Auftrag unvereinbar ist mit dem persönlichen Gewissen – Gewissen, nicht persönliche Einsicht, die wir ja gerne fürs Gewissen halten. Der Gehorsam, wie der heilige Benedikt ihn versteht, ist kein Kadaver-Gehorsam. Er stellt hohe Anforderungen an unsere Verantwortung. Dabei bleibt er aber immer personal auf Gott hin ausgerichtet: „Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38; RB 7,31). Wer sich auf den Weg der Christusnachfolge macht, der wirft sein ganzes Leben in die Waagschale. Billiger ist es nicht zu haben. Wir dürfen aber fest darauf vertrauen, dass Gott uns einlädt aufgrund unserer Berufung, uns in diesem Gehorsam preiszugeben, um uns zutiefst zu befreien. Denn, so sagen die Väter, der Gehorsam ist befreiend wie nichts sonst. Diese Verheißung gibt uns auch die Benediktsregel, wenn es dort im Prolog 49 heißt: „Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem weitet sich das Herz, und er geht den Weg der Gebote Gottes in unsagbarer Freude der Liebe.“

Am Schluss möchte ich noch ein etwas längeres Zitat eines modernen Kirchenvaters vorlegen. Es stammt von Karl Rahner und ist bereits so etwas wie ein Klassiker geworden. Meines Erachtens fasst es all das zusammen, worüber wir gemeinsam nachgedacht haben.

„Was kann man tun, um am Ende seines Lebens vor Gott bestehen zu können? Nichts kann natürlich bei ihm bestehen, als was er in seiner Gnade als seiner würdig aus reinem Erbarmen geschenkt hat … Man kann sich aber einem Größeren ausliefern; man kann dafür sorgen, dass dieses Größere nicht nur Ideal und Theorie bleibt, die man im Grunde doch immer selbst in der Hand und Gewalt hat und die man nach eigenem Gutdünken formen kann, so dass man sie von den bloßen Götzen unseres Herzens nicht mehr deutlich unterscheiden kann … Und dies geschieht, wo das Größere, dem wir uns ausliefern, eine reale greifbare Macht eigener, von uns aus unberechenbarer Größe wird: wenn das Wort der befehlenden Forderung an uns ergeht – und wenn wir gehorchen. Schweigend gehorchen, in einem wahren Sinn fraglos gehorchen, wenn wir dienen und uns von der Forderung, die wir nicht selbst ausgedacht haben, verbrauchen lassen… Vielleicht glückt es uns dann, Person zu werden, die ist, in dem sie sich vergisst, und opfert, in dem sie gehorsam ist. Vielleicht muss man, um gehorsam zu werden, damit man sich selbst überschreite und verliere –  die einzige Möglichkeit, sich wahrhaft zu gewinnen – sogar am Gehorsam gar nichts Besonderes finden, gar nicht an ihn denken, sondern an die Wirklichkeit, der man dient, der man dient, selbstverständlich dient, weil sie allen Dienst und alle Liebe verdient, weil sie letztlich keine Sache ist, sondern die Person schlechthin: Gott. Vielleicht ist der wahrhaft Gehorsame einfach der Liebende, dem das Opfer der Hingabe süß ist und ein seliges Müssen.“