Karfreitagsgedanken in Corona-Zeiten

 
 „Wenn wir wirklich Christen sein wollen, muss, müsste die Karwoche eine Zeit sein, in der wir in besonderer Weise teilnehmen an der Passion Jesu. Dies geschieht nicht in erster Linie in frommen Gefühlen, sondern in der schlichten, nüchternen Tapferkeit ohne Aufsehen, mit der wir uns und die Mühsal unseres Lebens annehmen und durchtragen. Gerade dies steht in einem glaubenden Bezug zur Passion des Herrn, indem wir verstehen, dass unser Leben Teilnahme an seinem Schicksal ist.“

Diese Worte des berühmten, lange Zeit fast vergessenen Theologen Karl Rahner sind mir in dieser Karwoche 2020 ganz besonders ins Herz gedrungen. Sie rütteln mich auf, fordern mich heraus und lassen mich diese außergewöhnliche vorösterliche Corona-Fastenzeit tiefer verstehen und, so hoffe ich, aus dem Glauben heraus auch besser bestehen. Da ist keine Rede von erhabenen Gefühlen oder von großen Festen und feierlicher Liturgie, da steht vielmehr der Alltag, unser ganz konkretes Leben heute und jetzt, im Vordergrund. Hier entscheidet sich unser christliches Leben, derzeit besonders. Die Passion, das Kreuz Christi, kommen uns dabei auf einmal ganz nah. Denn viele von uns empfinden unser Leben derzeit als durchkreuztes Leben. Nichts ist mehr so wie es einmal war. Unsere Pläne, unsere Gewissheiten, all unsere bisherigen Erfahrungen werden durchkreuzt. Das Virus stellt alle bisherigen Ordnungen und Gewohnheiten auf den Kopf, es bremst uns aus und führt uns an den Rand unserer Möglichkeiten. Manchmal auch darüber hinaus. Es nagelt uns buchstäblich fest und lässt uns ohnmächtig die Zerbrechlichkeit unseres Lebens spüren. All das macht Angst. Diese Angst hat sich inzwischen vieler bemächtigt, auch vieler gläubiger Christen und derer, die unseren Glauben in der Kirche von Amts wegen lebendig bezeugen und vorleben möchten.

Wenn Sicherheiten zerbrechen, wenn wir nicht mehr Angst haben, sondern wenn die Angst uns im Griff hat, dann ist es gut, innezuhalten und sich zu fragen, auf wen wir noch bauen und was uns Sicherheit, Vertrauen und Hoffnung geben kann. Das ist vielleicht der Moment, in dem wir das Kreuz, die Passion Jesu und den Karfreitag, wieder ganz neu entdecken können und, wie Karl Rahner sagt, verstehen lernen können, dass „unser Leben Teilnahme an seinem, an Jesu Schicksal, ist“.

Betrachten wir ausschnitthaft einige Szenen aus dem Passionsgeschehen.

Nach dem Abendmahl hatte Jesus in einer Atmosphäre enger Vertrautheit seinen Jüngerinnen und Jüngern tröstende Abschiedsworte zugesprochen. Zu Beginn steht da die Aufforderung: “Euer Herz lasse sich nicht verwirren“ (Joh 14,1). „Tarassein“, heißt es im Griechischen, wofür es im Deutschen gleich mehrere Begriffe gibt. „Lasst euch nicht ängstigen, nicht erschrecken, nicht verwirren, nicht erschüttern …“ Von solcher Erschütterung berichtet das Evangelium im Leben Jesus gleich mehrmals: „Jetzt ist meine Seele zutiefst erschüttert“ heißt es etwa in der Perikope von der Auferweckung des Lazarus (Joh 12,27). Jesus hat diese Erschütterung, die ihn auch angesichts des eigenen nahen Todes überwältigte, nicht zu verbergen gesucht. Sie packte ihn am Grab seines Freundes Lazarus. Sie packte ihn auch, als Judas den Abendmahlssaal verließ und er akzeptieren musste, dass es nun kein Ausweichen mehr gab. Und schließlich packte sie ihn in der Nacht des Ringens am Ölberg: hier wird sogar von Agonie, also von Todeskampf, gesprochen. Ja, Jesus ringt darum, sein Leiden und seinen Tod annehmen zu können. Er hat seine Angst und Erschütterung nicht einfach so bewältigt, unangefochten und erhaben. Er hat die Situation nicht wie in einem Heldenepos gemeistert. Nein, er hat sich als Schwacher und Ohnmächtiger seiner Angst gestellt, hat sich ihr ausgesetzt, hat sie durchlitten bis zum Letzten – bis zur Ergebung hinein in das Vertrauen auf Gottes alles überwindende und rettende Liebe. Das Wort am Schluss seiner Abschiedsreden bestätigt noch einmal diese Erfahrung: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Der erschütterte Herr in all seiner Ohnmacht, Angst und Schwäche –  entspricht das nicht genau dem Lebensgefühl, das die meisten von uns heute haben? Dürfen wir uns deshalb nicht in dieser weltumspannenden Corona-Fastenzeit in besonderer Weise von ihm verstanden und mit ihm verbunden fühlen?

Drei große Arten von Ängsten treiben viele derzeit um: Die Angst vor dem Nichts, vor der Vernichtung, vor dem Tod. Die Angst vor Einsamkeit, vor Verlassenheit, vor dem Alleinsein. Und schließlich die Angst vor dem Dunkel, vor Leere und Sinnlosigkeit. Durch alle diese Ängste ist Jesus am Karfreitag hindurchgegangen. Wenn wir den Mut finden, uns wie er auf unsere Ängste einzulassen, uns in sie hineinzuwagen, dann kann es sein, dass wir in aller Einsamkeit und Trostlosigkeit auf einmal ein Stück Geborgenheit spüren, dass wir im absurdesten Widersinn einen Sinn erahnen und dass wir angesichts unausweichlicher Vernichtung etwas vom Unzerstörbaren und Unvernichtbaren erspüren. Was uns in solchen Momenten, auch wenn sie noch so kurz sein mögen, aufgeht, ist letztlich Gott selbst. Die Erfahrung der Angst kann zur Erfahrung des lebendigen Gottes und zum Geschenk einer ganz persönlichen Begegnung mit ihm werden.

Sören Kierkegaard, der große dänische Philosoph und Theologe des 19. Jahrhunderts, schrieb einmal: „Eines fehlt mir noch, das suche ich: mein unsicheres, geängstigtes Leben auf etwas gründen zu können, was nicht mein Eigenes ist, worin ich mich mit den tiefsten Wurzeln meiner Existenz einlassen könnte; sozusagen in das Göttliche eingewurzelt und verankert, auch wenn die ganze Welt zusammenstürzt. Danach suche und strebe ich …“

Streben wir danach nicht alle – zu allen Zeiten und heute ganz besonders?

Werfen wir nun einen Blick auf die Passionsgeschichte des Karfreitags. Auf seinem Kreuzweg begegnet Jesus vielen ganz unterschiedlichen Menschen. Auch dort ist die Angst allgegenwärtig. Selbst Pilatus, der Vertreter der römischen Machthaber, hat Angst – um seine Macht, um seine Ehre und um seinen Ruf. „Er fürchtet sich noch mehr“, heißt es in Joh 19,9, als die aufgebrachte Menge zu schreien beginnt: „Ans Kreuz mit ihm!“. Zuvor schon hatte Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirchen bauen will, Angst, sich zu seinem Meister zu bekennen. Gleich dreimal verleugnete er ihn – aus purer Angst, dass es auch ihn treffen könnte. Immerhin war er Jesus noch bis zum hohenpriesterlichen Palast gefolgt. Die anderen Jünger hatten da schon längst die Flucht ergriffen und beobachteten das Geschehen nur von Weitem, aus sicherer Entfernung. Einzig die Frauen, die tapferen und bedingungslos liebenden, überwanden ihre Angst und gingen Jesu Kreuzweg mit bis zum bitteren Ende.

Dann, so berichten es die Evangelien: „kam Finsternis über das ganze Land,“ – kosmische Finsternis, Gottesfinsternis. „Gottesfinsternis,“ so sagte einmal der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, „ist der Charakter der Weltstunde, in der wir jetzt leben.“ Diese Gottesfinsternis ist wohl die tiefste aller menschlichen Ängste. Das jüdische Volk hat sie durchlitten – zu allen Zeiten bis zur Shoah. Und auch Christus hat sie durchlitten, als er um die neunte Stunde auf Golgatha schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). In seiner Todesstunde kommt er uns noch einmal ganz nah, identifiziert sich mit uns, den Zweiflern, den Verängstigten und Kleingläubigen. Er verlässt die Welt nicht als strahlender Held, sondern mit der Frage nach dem „Warum?“ auf den Lippen. Genau hier, in dieser immer wieder und immer neu gestellten Frage nach dem Warum, wird vielleicht das große Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus besonders erfahrbar. Am Kreuz leidet Gott auch unsere Angst, unsere Verlassenheit, unser Sterben mit. Er schafft unser Elend nicht ab, er steht es mit uns durch. Gott hat sich in die Grausamkeit unserer Welt hineinbegeben, mitten hinein in alle ungelösten Fragen. Aus dem KZ Auschwitz ist uns ein Vorfall überliefert, der unser ganzes gewohntes Gottesbild in Frage stellt. Ein Junge soll gehängt werden, weil er Untergrundnachrichten weitergegeben hat. Alle Blockinsassen mussten zusehen, wie er lebendig an einen Pfahl gehängt wurde und einen qualvollen Todeskampf durchlitt. Einer der Umstehenden rief leise, anklagend: „Wo ist denn jetzt Gott, wo ist er?“ Der Jude Elie Wiesel, erinnert daran, wie er da eine Stimme in seinem Inneren antworten hörte: „Dort hängt er, – dort am Galgen.“

Gott am Kreuz, er verwandelt unser Leid nicht, indem er es wegnimmt, sondern indem er in den untersten Grund der Not zu uns herabsteigt. Gott ist kein bequemer und berechenbarer Gott. Mit dem Kreuz streicht er alle Gottesbilder durch, die nur unseren menschlichen Wunschträumen entstammen. Vielleicht fängt Glaube dort ganz unten an, in Ohnmacht und Verzweiflung. Vielleicht wagen wir das einmal: zulassen, dass Gott uns fallen lässt, – ins Ungewisse, ins Bodenlose, ohne Licht und Trost. Wo Glaube eigentlich sinnlos geworden ist und Liebe lächerlich, wo es keinen Menschen mehr gibt – dort, ganz unten, an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt, da wartet Er, um uns aufzufangen und nicht mehr loszulassen. Vielleicht geht es nur um diesen Glauben, der durchhält: das Unbegreifliche stehen lassen, die Durchkreuzungen unseres Lebens akzeptieren, unsere Ängste annehmen und sie Gottes verwandelnden und erlösenden Händen übergeben. Vielleicht ist dieser Durchhalteglaube das einzige, was wirklich zu tragen vermag. Nicht nur am Karfreitag.

Von Sr. Philippa Rath