Gerechtigkeit und Heiligkeit (Tafel 23 – 30)
Wenn es um Formung und Bildung geht, ist der einzelne Mensch gefragt. Ohne Zweifel ist er der verantwortliche und tatkräftige Verwalter der Tugenden.
Man kann nicht die ganze Welt gerecht machen, wohl aber sein eigenes Herz. Das bedeutet aber nicht, dass Tugendleben ohne Gemeinschaft gelingen kann. Der Mensch gehört in die Gemeinschaft hinein – in die Familie, das Volk, den Freundeskreis, die Klostergemeinschaft. Die Wahrhaftigkeit der Herzensbildung erweist sich in der Gemeinschaft.
Die wichtigste Tugend für das gemeinsame Leben ist die Gerechtigkeit, die sogar vor der Liebe eingefordert wird. Ihre Grundformel heißt: „Jedem das Seine anerkennen und geben“ (Josef Pieper: Über die Gerechtigkeit ). Es setzt die Anerkennung der von Gott eingerichteten Ordnung voraus, die sich im Respekt ausdrückt. Der Respekt vor der Schöpfung ist die Verantwortung. Der Respekt vor dem anderen Menschen ist die Achtung und die Ehrfurcht. Der Respekt vor Gott ist der Dienst und die Anbetung. Diese Haltung ermöglicht, dass der Mensch jedem Seienden sein Sein, Dasein und Sosein lässt. Er nimmt sich nicht vor, die anderen formen zu wollen, sondern bejaht sie so, wie sie sind. Wer sich auf die anderen so einlassen und sie sogar annehmen kann, ordnet sich in eine größere Ordnung ein, die in ihrer Vielfalt eine Ganzheit bildet. Damit erreicht man noch nicht die Harmonie, sie bleibt für das Ziel im ewigen Leben vorbehalten, aber eine Symphonie kann entstehen. Das heißt, wenn unsere Verschiedenheiten nicht als Ecken und Kanten wahrgenommen werden, sondern als Bereicherung füreinander.
Um zu dieser Symphonie zu gelangen, genügen natürliche Gefühle nicht. Gerechtigkeit soll vom Übernatürlichen, von der Gottbeziehung her fundiert sein. Dort, wo sie um die tieferen und höheren Schichten des Seins, um die bleibenden Werte, um den letzten Grund des Lebens weiß. Dieses Wissen teilt die Heiligkeit mit – eine Gotteskraft, die heute sicher auf Unverständnis und Desinteresse stößt. Aber gerade weil ihr Gegenbild, die Gottvergessenheit („Ich spüre Gott nicht und deshalb kenne ich ihn nicht“), so sehr unsere Welt, unsere Realität auch im eigenen Herzen bestimmt, ist Heiligkeit gefragt. Heiligkeit, nicht wie sie durch viele falsche Vorstellungen uns befremdet, sondern die handfeste Kraft, die Fürstin der Schlachtreihe Gottes, wo sich viele Tugenden zusammenschließen. Da kommt es auch zur Symphonie, indem die vertikale Ausrichtung auf Gott in den horizontalen Angelegenheiten zum Vorschein kommt, indem das groß geschriebene Leben vor dem Angesicht Gottes in dem kleinen Leben unter den Mitmenschen ernst genommen wird.

Sr. Maura Zátonyi OSB