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Ist das ein Fasten wie ich es liebe?

Im 58. Kapitel des alttestamentlichen Buches Jesaja steht der Satz:

„Ist das ein Fasten wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht:
Wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?
Nein, das ist ein Fasten wie ich es liebe: …“

Wer über das Fasten spricht, muss zunächst über den Gegenpol des Fastens, d.h. über Essen und Trinken, sprechen. Essen und Trinken gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen und ihre Befriedigung ist für ihn lebensnotwendig. Der Mensch ist von seiner Geburt an in seiner ganzen Existenz von diesen Grundbedürfnissen abhängig. Er kann diese jedoch mit seinem Verstand lenken und steuern. Er hat grundsätzlich drei Möglichkeiten: entweder erfüllt er sich seine Grundbedürfnisse in dem Maße, indem er sie braucht, um leben und handeln zu können, er verweigert sich ihnen ganz z.B. in der Magersucht, oder er lässt sich von ihnen beherrschen und bestimmen, so dass eine höchstmögliche Erfüllung, ja eine Übersättigung erreicht wird. Dahinter können stecken: Pure Genusssucht, Esssucht auf dem Hintergrund nicht gelöster und unbewältigter Probleme wie Liebeskummer – man spricht ja auch von Kummerspeck – Essen als Ersatzbefriedigung, aus der Angst heraus zu kurz zu kommen oder einfach essen aus Langeweile. Manche sagen, innere Leere und Frustration ähneln in ihren Symptomen dem Hungergefühl. Gerade Menschen, die alles in ihrem Leben haben, stehen deshalb oftmals in der Gefahr der Maßlosigkeit. In armen Ländern, in denen die Menschen nicht einmal das zum Leben-, bzw. Überleben Notwendige haben, stellt sich dieses Problem anders.

Was verbinden wir mit dem Begriff „fasten“: abnehmen, schlank werden, Fastenkuren, hungern, Abstinenz üben, Askese, Heilfasten, Fastenzeit, Enthaltsamkeit, überflüssige Pfunde abhungern, 7 Wochen ohne… Verzicht auf….- um nur einige Stichworte

zu nennen. Wie lässt sich „fasten“ definieren? In dem deutschen Wort fasten steckt das Wort „fest“ im Sinne von Festhalten, beobachten, bewachen. Wahrscheinlich ist der christliche Begriff der Enthaltsamkeit = „sich von etwas enthalten“, zuerst in der ostgotischen Kirche mit dem Wort fasten in Verbindung gebracht worden. Es wurde in dem Sinne gebraucht, dass man sich an den Fasten – Geboten festhalten sollte, dass man gewählte Regeln einhielt.

Fasten, als Gegenpol zum Essen, gehört zu den Grundvollzügen des menschlichen Lebens,
z.b. essen wir während der Nacht oder wenn wir krank sind nichts. In unserer konsumorientierten Gesellschaft ist dies kaum mehr präsent. Im Gegenteil ist alles eher auf die Erfüllung unserer Bedürfnisse angelegt. Verzicht, nicht alles haben oder machen zu wollen, sich freiwillig von etwas enthalten, ist dagegen eher selten geworden. Wer nicht konsumiert, sich also nichts einverleibt, ist für die Gesellschaft uninteressant.
Fasten – und das erscheint mir sehr wichtig zu sein – ist nicht gleichzusetzen mit hungern, so wie es viele ältere Menschen ja noch erleben mussten. Hunger ist nicht freiwillig gewählt, sondern auferlegt und tut weh. Wer fastet, tut dies bewusst und freiwillig. Wer fastet hungert nicht! Fasten hat lebensbejahenden Charakter, denn es will zu einem bewussteren und verantworteteren Leben führen.

Die alljährlich im Kreislauf des Kirchenjahres wiederkehrenden 40 Tage der Fastenzeit sind als Vorbereitungszeit auf das Osterfest zu verstehen. Eine Zeit des Innehaltens und sich Neuorientierens. Der hl. Benedikt schreibt dies seinen Mönchen ins Stammbuch:“…sogar das ganze Leben des Mönches soll eine Beobachtung der Fastenzeit sein, aber weil nur wenige die Kraft dazu haben, so mahnen wir, wenigstens in diesen Tagen der Fastenzeit das Leben ganz rein zu bewahren und in diesen heiligen Tagen zugleich alle Nachlässigkeiten der anderen Zeit zu sühnen.“ Die Fastenzeit sieht Benedikt also als eine Übungszeit für das, was es eigentlich in unserem ganzen Leben zu beachten gilt.

Und wozu diese Anstrengung? „…Er harre in geistlicher Freude und Sehnsucht dem heiligen Osterfest entgegen.“ (RB 49) Nur mit Blick auf das Osterfest, das Fest unserer Erlösung, erhält die Fastenzeit ihren Sinn. Der hl. Benedikt richtet seinen Blick sogar noch weiter, nämlich auf die Parusie, die Wiederkunft Christi, auf das ewige Ostern. Das Mönchsleben ist dann eine Art Katechumenat für die „Vigil der Todesnacht und des Auferstehungsmorgens in der Ewigkeit“, so nennt es Abt Ildefons Herwegen in seinem Kommentar zur Benediktsregel. Von selbst ergibt sich daraus, dass der Mönch, hinstrebend zur ewigen Vereinigung mit Gott sein ganzes Leben wie in der Fastenzeit leben sollte. Da aber die meisten von uns schwache Menschen sind, bedarf es einer ausgesparten Zeit, um diese Grundhaltung neu einzuüben, eben der Fastenzeit. Am Aschermittwoch, wenn wir das Aschenkreuz auf die Stirn geschrieben bekommen, wird uns knapp und bündig gesagt, wie wir diese Zeit gestalten sollen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Damit ist die Grundmelodie des Fastens vorgegeben: Umkehr und Glauben an Gottes frohe Botschaft.

Wie hat sich nun unsere heutige Praxis der 40-tägigen Fasten- und Bußzeit entwickelt?
Werfen wir einen Blick in das Lexikon für Theologie und Kirche (LTHK). Dort steht unter dem Stichwort „fasten“:

Religionsgeschichtlich versteht man fasten als Nüchternsein, in dem aus religiösen oder kultischen Motiven bewusst und freiwillig bei bestimmten Gelegenheiten, z.B. vor Festen oder in periodischer Wiederkehr, die Aufnahme sonst üblicher fester und flüssiger Nahrung gänzlich oder teilweise, zeitlich befristet, gezügelt, oder auf sie verzichtet wird.
Fasten begegnet uns als Bußübung, Sühneleistung, Bittstellung, Opferersatz, Vorbereitungsritus für kultische, magische oder zauberische Handlungen. Man kennt Trauerfasten bei Todesfällen, asketisches Reinigungsfasten, da man meinte, bestimmte Nahrungen seien von Dämonen besetzt, prophetisches Fasten, um für Offenbarungen, Orakel disponiert zu sein. Außerdem gibt es organisiertes Gemeinschaftsfasten (Fastenzeit, Ramadan). Diese Praxis findet sich in zahlreichen Religionen und Völkern.
Das Fastenverständnis im Alten Testament sieht ähnlich aus. Das Fasten kann mit verschiedenen kultischen Riten begleitet werden (Kleider zerreißen, Asche aufs Haupt streuen, Bußgewand), sowie auch mit sexueller Enthaltsamkeit verbunden sein. Eine Enthaltung von bestimmten Speisen geschieht als Bekenntnis zu Jahwe („ Makk 6,18-31) und dient u.a. als Vorbereitung auf die Begegnung mit Jahwe (vgl. Mose). Öffentliches Fasten begegnet bei der Volksklage, wenn Krieg, Hunger, Plagen abgewendet werden sollen. Ursprünglich soll dabei das Fasten die Klage um die Verlassenheit durch Jahwe und die Bitte um seine erneute Zuwendung verstärken. In der nachexilischen Zeit bringt Israel durch Fasten und andere Riten seine Umkehr zu Jahwe zum Ausdruck. In dieser Zeit übten die Propheten Kritik an einem rein kultischen Fastenverständnis. Als rein kultische Handlung, ohne Taten der Umkehr und Solidarität ist das Fasten wertlos.
Fasten aus Gründen der Askese oder der Geringschätzung des menschlichen Leibes ist im AT nicht belegt.
Im Neuen Testament: Jesus hielt sich mit seinen Jüngern an die vom Gesetz vorgeschriebenen Fasttage. Wir kennen das 40-tägige Fasten Jesu als Vorbereitung auf sein öffentliches Wirken und die Geistsendung. Die von Jesu Jüngern geübte Fastenfreiheit im Gegensatz zu der Fastenpraxis der Jünger des Johannes, deutet Jesus im Bild von den Hochzeitsgästen, die nicht fasten, wenn der Bräutigam da ist. „Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist?…“ (vgl. Mk 2,18ff). In der neutestamentlichen Überlieferung hat das Fasten seine Bedeutung als Ausdruck der Trauer über „die Wegnahme des Bräutigams“ und bekommt damit als Warten auf die Wiederkunft Christi eine eschatologische Dimension. Für die endzeitliche Wachsamkeit wird die Einschränkung zum entscheidenden Merkmal verantwortlicher Lebensführung. Christliches Fasten weist auf eine innere Wende hin.

In der alten Kirche lehnte man sich zunächst an die jüdische Fastenpraxis an. Man fastete zweimal in der Woche: Mittwochs, als dem Tag der Gefangenennahme Jesu und Freitags: als dem Sterbetag Jesu und als Erinnerung an seine Passion. Schon bald bildete sich eine Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern heraus. Anfangs diente sie für die Katechumenen als Vorbereitung auf die Taufe in der Osternacht und war durch Fasten, Gebet, hl. Lesung, Gottesdienst und Katechese geprägt. Dauerte sie zunächst nur ein bis drei Tage, so schon bald die ganze Karwoche und ab der ersten Hälfte des 4. Jh. die Zeit der 40 Tage. Die Zahl 40 ist ein biblisches Zeitmaß. Mose weilte 40 Tage fastend auf dem Berg Sinai (Ex 34,28), 40 Jahre dauerte die Wüstenwanderung des Volkes Israel, bevor es das gelobte Land erreichte, der Prophet Elija wanderte fastend 40 Tage zum Gottesberg Horeb, 40 Tage zog sich Jesus in die Wüste zurück, um zu beten und zu fasten. Vierzig – das ist eine von Gott bemessene gute Zeit, eine Zeit des Heils, über die Gott bestimmt, eine Zeit der persönlichen Erfahrung der Gegenwart Gottes. Für uns bedeutet dies: Es kommt nicht darauf an, auf welche Weise man auf etwas verzichtet oder fastet, sondern es geht immer darum, diese Zeit des Heils zu nutzen zur Umkehr, zur Hinkehr zu Gott. Fastenzeit ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Heilszeit – Zeit des Heiles.

Wie könnte nun konkret ein Fasten aussehen?
Menschlich lebensnotwendige Vollzüge wie Essen, Schlafen, miteinander Kommunizieren, könnten wir sparsamer gebrauchen, um wachsamer zu werden, für das, was in uns lebt. Greifen wir noch einmal den Text aus dem Propheten Jesaja auf. Dort finden wir weitere Gedanken zu dem, was ein Fasten ist, das der Herr liebt:
„Die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.“ (Jes 58,6-7)

Hatte der Prophet Jesaja die konkrete Situation in seiner Zeit im Blick, so ist es sicher auch erlaubt, dies in übertragenem Sinn für uns zu deuten. Geändert werden sollen Missstände unter den Menschen, aber auch im eigenen Leben. Unter welchem Joch lebe ich, welche Fesseln trage ich, welche konkrete Not in meiner Umgebung kann ich tatkräftig lindern?
Wer fastet, versucht erstarrte Lebensgewohnheiten aufzubrechen, innerlich frei zu werden und herauszufinden, was oder wer letztlich sein Leben trägt. Es gilt sich selbst zu fragen: woran hängt mein Herz, wovon bin ich so besetzt, so dass es mich unfrei macht? Ruhmsucht, „Ordnungsfimmel“, das Sammeln von Dingen, das Auto, ein Hobby, eine Gewohnheit, jeder wird sich selbst genau kennen. Die Fastenzeit kann eine Chance sein innezuhalten, Gewohnheiten und Dinge daraufhin zu befragen, ob ich nicht auch eine Zeit ohne sie auskommen kann. Jeder von uns wird sehr schnell merken, ob er noch Herr über sich selbst ist oder schon Sklave seiner Launen und seiner Gewohnheiten. Wirklich lebensnotwendig ist am Ende nur sehr wenig.

Ein Hilfsmittel auf dem Weg zum Fasten ist das Feststehen in der Wachsamkeit. Nur wer sich und das Leben mit wachen Augen offen und ehrlich betrachtet, wird merken, an welchen Punkten er beginnen muss sich zu ändern, umzukehren und für Gott neu offen zu werden. Betrachten wir kurz das Evangelium des ersten Fastensonntags über die Versuchung Jesu in der Wüste. Nachdem er 40 Tage und Nächte gefastet hatte, trat der Versucher an Jesus heran. Eben erst zu dem Zeitpunkt, als er geschwächt und somit für die Verlockungen des Versuchers, des Diabolus, d.h. des Durcheinanderwerfers, verwundbarer war. Dieser verstand es, Jesus an den Schwachpunkten des Menschen anzugreifen: Genusssucht (er hatte bestimmt Hunger), Geltungsbedürfnis (Ansehen und Anerkennung braucht eigentlich jeder…) sowie Machtgier und Habsucht. Jesus wiederstand den Versuchungen, denn sein Leben war fest in Gott verankert. Durch die Zeit des Fastens hatte er die tragende Kraft Gottes sicher erfahren. Darin ist er uns Menschen voraus. Wie leicht lassen wir von unseren guten Vorsätzen ab; …“unterlassen Gutes und tun das Böse….“ wie wir im Schuldbekenntnis bekennen. Wer in der Fastenzeit bewusst sein bisheriges Leben ändern will, wird erfahren, wie sensibel und leicht verwundbar er wird. Gerade die Punkte, die er sich vorgenommen hat, werden ihm dann zur Versuchung. Es erscheint uns verlockender, ohne diese Mühen auszukommen, es letztlich ohne Gott zu versuchen. Doch liegt – davon bin ich überzeugt – gerade in diesen „Verlockungen“ und „Versuchungen“ eine große Chance zum Glauben. Wer in der Versuchung standhält, der verwandelt diese in die Suche nach dem tragenden Grund seines Lebens: nach Gott.

Fasten meint also in erster Linie keinen Verzicht, sondern die Bereitschaft, sich selbst neu erfüllen zu lassen. Gerade der Bereich oder die Gewohnheiten, die ich durch bewusstes Fasten aufgebe, bilden Leerräume, die Gott neu füllen kann. Es ist wie bei einem Weinfass, in dem Wein lagert. Es ist voll und kein neuer Wein passt mehr hinein. Der alte Wein muss zuerst aus dem Fass heraus, bevor der neue Wein hineinkommen kann. Und dies nicht, weil der Wein etwa schlecht wäre. Wir müssen also nicht nur frei von unseren Fehlern sein, sondern auch das Gute und Positive in uns muss Platz machen für die Ankunft Gottes. Gott wird unsere Vorsätze für uns fruchtbar werden lassen. Wir müssen dabei keine Höchstleistungen erbringen oder Erfolge vorweisen können. Was zählt, ist unsere innere Bereitschaft, aus dem gewohnten Alltag für eine bestimmte Zeit herauszutreten und die Aufmerksamkeit neu auf Gott zu richten. Fasten und Umkehr gehören so verstanden untrennbar zusammen. Wer umkehrt, muss auf Liebgewonnenes und Gewohntes verzichten und umgekehrt: wer fastet, versucht sein Leben neu auszurichten und macht eine Kehrtwendung – kehrt um von seinem bisherigen Weg. Allein, aus eigener Kraft vermögen wir das nicht. So dürfen wir Gott bitten:“ Kehre uns, Herr, dir zu, dann können wir uns zu dir bekehren.“(vgl. Klagelieder 5,21) Oder, um es mit Martin Heidegger zu sagen: „Verzicht nimmt nicht. Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.

Wir empfehlen: Fastenbrevier der Aktion Misereor – einen meditativen
Impuls für jeden Tag der Fastenzeit”

Sr. Thekla Baumgart OSB