Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.
Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. (Joh 10, 11-15)

Wären Sie nicht erstaunt, wenn jemand Ihnen sagte, dass der Bundespräsident Joachim Gauck Sie persönlich kennt? Oder Thomas Gottschalk?
Sie wären sicher erstaunt, und nicht wenige würden sich geehrt fühlen.
Erstaunlich ist auch, was in der Bibel, im Buch Exodus, Gott zu Mose sagt: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7) Und etwas weiter: „Das, was du jetzt verlangt hast, will ich tun; denn du hast nun einmal meine Gnade gefunden und ich kenne dich mit Namen. (Ex 33,17)
Stellen Sie sich das einmal vor: Der Schöpfer der Welt, der Herr des Himmels und der Erde, wendet sich dem Menschen zu und sagt ihm: Ich kenne dich, ich kenne deine Not… Und wenn die Bibel vom „kennen“ spricht, meint sie nicht irgendein Wissen oder eine intellektuelle Erkenntnis, sondern das Kennen findet im Innenraum einer Beziehung statt, es ist Ausdruck dieser Beziehung.
Deutlich wird das, wenn wir auf den Text aus dem Johannesevangelium schauen, den wir eben gehört haben. Dort sagt Jesus: Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.
Hören wir einmal genau hin: Jesus sichert uns zu, uns so zu kennen, wie der Vater ihn kennt und er den Vater kennt. Jesus und sein Vater kennen sich ja nicht, wie man halt jemanden so kennt, wenn man von ihm gehört hat. Jesus wurde bei der Taufe und bei der Verklärung von seinem Vater feierlich als sein Sohn anerkannt und bezeugt. Jesus und der Vater kennen sich, wie ein Vater und ein Sohn sich kennen. Und Kennen bedeutet: lieben.
Jesus sagt also: Ich kenne und liebe euch so wie ich den Vater kenne und liebe. Das ist kein Vergleich, sondern eine Gleichsetzung: die innige Beziehung Jesu zum Vater ist die gleiche, wie zu uns: wir sind da hineingenommen, sind Teil davon. Wir dürfen Gott „Abba – lieber Papa“ nennen. Wir sind wirklich und wahrhaftig Töchter und Söhne des Vaters im Himmel, sind wirklich und wahrhaftig Schwestern und Brüder Jesu.
Und Jesus sagt weiter: „Die Meinen kennen mich…“ Die „Meinen“ – das sind wir – aber kennen und lieben wir Jesus, so wie der Vater ihn kennt und liebt? Wenn wir da Zweifel und Fragen haben, stehen wir nicht alleine; auch den Jüngern ging es so. Man kann fast das Seufzen Jesu hören in der Frage: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus?
Aber wir brauchen nicht verzagen: wir kennen Jesus, weil er selbst uns hilft, ihn kennen zu lernen. Seine Ostergabe an uns ist der Heilige Geist: SEIN Heiliger Geist, der uns alles lehren und in die ganze Wahrheit einführen will. Es ist der Geist der Liebe, die zwischen Vater und Sohn lebendig ist, es ist die Liebe selbst. Wir bräuchten nur offen zu sein, Sehnsucht nach ihm zu haben, „wahrhaft Gott suchen“, wie der Hl. Benedikt es ausdrückt. Das wäre das Entscheidende.
In dieser Zeit zwischen Ostern und Pfingsten werden wir in den Schriftlesungen der Liturgie darauf eingestimmt, den versprochenen Heiligen Geist zu erwarten, ganz sicher mit ihm zu rechnen. Und zugleich zu entdecken, dass er schon tief in uns lebendig ist und wirkt. Schon die Sehnsucht nach Gott ist eine Wirkung des Heiligen Geistes, wie Augustinus uns sagt.
Geben wir dieser Sehnsucht Raum, machen wir uns auf die Suche nach Gott, nach Jesus. Lesen wir in der Heiligen Schrift, um ihn besser kennenzulernen, und entdecken wir seine Spuren in unserem Leben. Wir können uns dabei jederzeit auf die Hilfe, die Stütze und das Feuer des Heiligen Geistes verlassen.
Seien wir uns auch gegenseitig Ermutigung und Stütze auf diesem Weg, und machen wir uns die Worte des Hl. Paulus zu Eigen, der im Philipperbrief schreibt: Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit ihm; sein Tod soll mich prägen (Phil 3,14). Amen.

Von Sr. Petra Knauer OSB