Der September ist in unserer Abtei traditionell der Hildegard-Monat. Am 7. September feiern wir unser Kirchweihfest, am Hildegardisfest, d.h. am 17. September, gedenken wir unserer großen Gründergestalt. Hildegard war und ist uns ein Vorbild im Leben und im Glauben – eine Hoffnungsgestalt, die uns immer wieder aufrichten kann.

Einem verzweifelten, orientierungslosen und suchenden Zeitgenossen rief Hildegard von Bingen zu: „Schau auf zum Herrn, und die Welt wird sich verändern, weil du sie mit neuen Augen siehst“ – das ist ein prophetisches Wort: zeitlos gültig und heute so aktuell wie vor 900 Jahren. Ein Wort, das Richtung weist, auch uns. Vielleicht ist dieses Wort sogar der Schlüssel zu einer neuen Hoffnung. Denn ohne Hoffnung können wir nicht leben. Wo keine Hoffnung ist, da stirbt Leben, da öffnen sich keine Türen mehr, da bleibt alles verschlossen und versinkt in einem Sumpf von Resignation und Verzweiflung.

„Schau auf zum Herrn“ – das bedeutet: wende deinen Blick zu Gott hin, der dir das Leben geschenkt hat und aus dessen unendlicher Liebe allein uns Hoffnung zuströmt. Schau auf zum Herrn – das bedeutet aber auch: hör auf, nur dich selbst zu sehen und nur um dich zu kreisen. Richte dich aus auf einen anderen hin, auf Christus, den Auferstan-denen, in dem allein die Quelle und das Ziel unserer Hoffnung liegt. Betrachte die Welt mit den liebenden, gütigen und barmherzigen Augen Gottes – und sie wird sich verändern, denn du selbst wirst dich verändern.

Fragen wir uns, was das Geheimnis Hildegards, dieser großen Frau, ausmacht. Vielleicht liegt es vor allem darin, dass sie lebte, was sie lehrte – und umgekehrt auch lehrte, was sie lebte. So war sie glaubwürdig und überzeugend – eine wirkliche Zeugin des Glaubens und der Menschlichkeit.

1) Eine „Feder im Windhauch Gottes“ – Hoffen auf den Geist

Hildegard liebte es, von sich selbst als einer „Feder im Windhauch Gottes“ zu sprechen. Federleicht wollte sie sein, ganz vom Geist Gottes getragen und geführt. Nicht zielloses Umherschweifen oder hilfloses Hin- und Hergeworfensein in den Wellen des Lebens ist hier gemeint, sondern Offenheit und Verfügbarkeit für den Willen Gottes, Aufmerksamkeit für den Anruf im Augenblick. Hildegard hat in ihrem Leben niemals sich selbst verkündet. Sie verstand sich als Werkzeug in den Händen Gottes, als „Posaune Gottes“ gar, als Prophetin, die die Wahrheit verkündet – ob gelegen oder ungelegen. Sie wollte Fenster sein – „fenestraliter“, das heißt wörtlich „fensterhaft“, durchlässig für das Licht der göttlichen Liebe, durchscheinend auf IHN hin und damit ein lebendiges, weithin sichtbares Zeichen der Hoffnung. Dabei war sie sich ihrer Schwäche, ihrer Begrenztheit und Hilfsbedürftigkeit durchaus bewusst. Aber sie vertraute darauf, dass der Geist Gottes unserer Schwäche aufhilft.
2) Hoffnung als Weg zu Gott und zur Vollendung

In der achten Vision ihres Hauptwerkes „Scivias“ beschreibt Hildegard die Gestalt der Hoffnung. Sie wusste, dass der Mensch bis in seinen innersten Kern ein hoffendes Wesen ist. Schon in jedem Wunsch, den ich anderen zuspreche, mag er auch noch so klein und unbedeutend sein, klingt Hoffnung auf. Wir alle sind Hoffende. Wir hoffen auf das letzte, ewige Heil, darauf, dass wir das haben, worauf es eigentlich ankommt. Letztlich geht es bei solcher Hoffnung um die unbeirrte Zuversicht, dass das Gelingen der menschlichen Existenz wider alle Alltagserfahrung eben doch möglich ist, aber im Wissen, dass solches endgültiges Gelingen noch aussteht.

Hoffnung, das wusste Hildegard, weist uns über unseren natürlichen Gesichtskreis hinaus. Denn in der Hoffnung drückt sich eine Sehnsucht aus, die alle unsere natürlichen Bedürfnisse übersteigt. Von Natur aus können wir das nicht machen. Solche existentielle Hoffnung, die keineswegs identisch ist mit unseren vielen großen und kleinen Hoffnungen des Alltags, ist Geschenk, für das wir uns nur öffnen können.

3) Ehrfurcht als Frucht der Hoffnung

Gebet und Meditation haben Hildegard zu einem frohen und dankbaren Menschen werden lassen. Dankbarkeit und Freude, Freude und Hoffnung gehören für mich eng zusammen. Hildegard hat uns dies immer wieder gezeigt und ermahnt uns, die Augen zu öffnen z.B. für die Schönheit der Schöpfung. Diese ist trotz allem, was der Mensch ihr antut – und wohl auch schon zu Hildegards Zeiten angetan hat -, voller Hoffnung. In der Schöpfung – so lehrt Hildegard uns – ist ein schier unerschöpfliches Hoffnungspotential enthalten. Woher wissen wir denn, dass nach jedem Winter ein Frühling kommt, dass aus jedem Weizen-korn eine Ähre wächst? Bedeutet das nicht, dass in der Schöpfung per se immer schon Hoffnung am Werk ist? Wer Umgang mit der Schöpfung hat, der kann eigentlich nicht anders als ein Hoffender sein. Für Hildegard ist die Grünkraft, die „viriditas“, die sie so oft erwähnt, nichts anderes als die liebende Schöpferkraft Gottes, die alles durchweht, und die damit durch und durch Hoffnungskraft ist. Die Schöpfung ist ein einziges, großartiges Lesebuch und Lebensbuch der Hoffnung. Deshalb sollten wir sie in Ehrfurcht betrachten. Der ehrfürchtige Mensch kann das Große im Kleinen entdecken. Alles hat für ihn seinen Wert, weil auch im Unscheinbarsten die Größe Gottes aufleuchten kann.

Hildegard war ganz und gar durchdrungen von solcher Art zu sehen. Nicht umsonst kommt übrigens das Wort „Vision“ vom lateinischen Wort „videre“ – sehen. Sehen in biblischer Hinsicht bedeutet ja nicht zuerst äußeres Sehen und äußeres Wahrnehmen der Wirklichkeit. Sehen in der Heiligen Schrift bedeutet immer „liebendes Erkennen“, Einsicht in die Wesenheit der Dinge, die Gesamtschau der Zusammenhänge, ja letztlich die Erfahrung des unsagbaren Geheimnisses, das Gott selbst ist. In diesem Sinne ist solche Art des Sehens – ist auch die Vision Hildegards – bereits eine Vorform des jenseitigen Schauens, die anfanghafte Vorausgestalt dessen, worauf wir hoffen.

4) Hoffnung drängt zur Tat

Wenn wir Hildegard als Hoffnungsgestalt betrachten, dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Schau, die Kontemplation, bei Hildegard – ganz im benediktinischen Geist – eng verbunden war mit der Tat. Hoffnung ist kein Besitz, der ein für allemal gesichert ist und mit dem es sich ungestört leben lässt. Man hat der christlichen Hoffnung immer wieder vorgeworfen, sie sei so sehr auf die Vollendung der Welt und des Menschen ausgerichtet, dass nichts mehr übrigbliebe an Hoffnung für das Leben in dieser Welt. Hildegard hat bewiesen, dass gerade das Gegenteil wahr ist. Die Hoffnung, welche den Zielen Gottes und damit der absoluten Zukunft gilt, muss auch der Ursprung und Quell für die Schwungkraft unseres hiesigen Strebens sein.

Hildegard war in diesem Sinne eine leidenschaftlich engagierte und tatkräftige Frau. Sie wartete nicht in Ergebenheit und Untätigkeit darauf bis Gott sozusagen mit einem Schlag alles zur Vollendung führt, sondern sie zeigte Einsatz, Kraft und Mut zum Wagnis. Sie verstand sich nicht nur als Geschöpf Gottes, als „Opus“, sondern auch als „Operarius“, als Mitschöpferin Gottes. In diesem Sinne tat sie alles, um dem Guten in der Welt zum Sieg zu verhelfen. Der Mensch, so sagt sie, hat einen Auftrag in der Welt und trägt Verantwortung für sich und für die gesamte Schöpfung. Und das gilt für alle, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Wir alle sind verantwortlich, dass es Hoffnung gibt für viele, die sonst verzweifeln. Kein noch so kleines Bemühen ist dabei umsonst. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Jedes gute und heilsame Wort, jede gute und aufbauende Tat, jedes Salböl der Barmherzigkeit und Liebe hat Auswirkungen auf das Ganze und lässt das Angesicht der Erde wieder ein Stück menschlicher erscheinen.

5) Hoffnung führt zusammen

Ein Weiteres: Hoffnung ist keine Privatsache einzelner. Zur Hoffnung sind wir gemeinsam berufen, jede und jeder für sich, aber eben auch für den anderen. Hoffnung können wir uns nicht selbst zusprechen, sie muss uns von anderen zugesagt werden. Dass und ob jemand hoffen kann, hängt zutiefst auch von der Art und Weise ab, wie ich mit ihm umgehe. Wir Menschen sind füreinander Hoffnungsträger, im natür-lichen, erst recht aber im übernatürlichen Sinne. Einander anschauen mit den Augen der Hoffnung, mit den Augen der Zukunft, mit den Augen der Offenheit, mit den Augen der Liebe – das schafft Hoffnung.

Hildegard war eine Frau, die zuhören konnte und jedem, der zu ihr kam, ein Wort der Hoffnung zusprach. Sie wusste aber auch, dass sie selbst immer wieder auf ein solches Wort angewiesen war, auf Menschen, die sie aufrichteten, wenn sie selbst müde, mutlos oder krank geworden war. Deshalb hat sie Zeit ihres Lebens die Nähe zu Gott, aber auch die Nähe zu den Menschen gesucht, hat Freundschaften gepflegt, hat Gemeinschaft gestiftet. Darin fand sie selbst die Kraft zur Freude und zur Hoffnung und die Kraft, das Geschenkte weiterzugeben.

6) Hoffnung wider alle Hoffnung

Ein letzter Gedanke: Ausgesprochen, noch häufiger unausgesprochen begegnet uns beim Thema Hoffnung die Frage nach dem Tod. Durch den Glauben an die Auferstehung und die Hoffnung auf Vollendung ist die Tragik dieser Welt ja nicht aufgehoben. Aber es ist ihr ein Ende gesetzt. Der Tod, so meine ich, ist geradezu das Sprungbrett zur Hoffnung hin. Aus dem Tod, aus jedem Tod, erwächst neues Leben: „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht“. Das gilt auch für die vielen kleinen Tode, die wir in unserem irdischen Leben Tag für Tag sterben müssen: Enttäuschungen, Verzichte, Zurücksetzungen, Kränkungen – die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

Hildegard war ein Mensch, der diese kleinen Tode bewusst auf sich nahm und ihnen einen Sinn zu geben vermochte. Noch kurz vor Ende ihres Lebens mussten sie und ihre Gemeinschaft großes Unrecht ertragen. Sie taten es ohne zu jammern und zu klagen – ganz im Vertrauen darauf, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen werde. Hildegard lehrt uns also, dass Zweifel, ja sogar Verzweiflung, kein Gegensatz zur Hoffnung sein müssen, ja dass Zweifel und Verzweiflung sogar erst den Raum für neue Hoffnung schaffen können.

Der Professgesang, der uns Benediktinerinnen unser Leben lang begleitet und den auch Hildegard schon gesungen hat, heißt: „Nimm mich auf, o Herr, gemäß deiner Verheißung, und ich werde leben. Und lass mich in meiner Hoffnung nicht zuschanden werden.“ Ein Vers aus Psalm 119, ein einmalig dichtes Gebet der Sehnsucht, der Erwartung und der Gewissheit. Keine Hoffnung bleibt unerhört, der Hoffende wird am Ende nicht enttäuscht werden, weil er auf das göttliche DU hin ausgerichtet ist, auf Jesus Christus, das menschliche Antlitz Gottes.

In der Sterbestunde jedes Mönches und jeder Nonne wird dieser Professgesang seit alters her ein letztes Mal gesungen. Auch bei uns wird dieser Brauch gepflegt, wenn eine Mitschwester im Sterben liegt. Als Hildegard am 17. September 1179 starb, soll dabei ein hellstrah-lendes Licht am Himmel zu sehen gewesen sein. So dürfen wir gewiss sein, dass Hildegard, die für so viele Zeugin der Hoffnung geworden ist, am Ende den schauen durfte, auf den sie ihr Leben lang geschaut und gehofft hat.

„Schau auf zum Herrn, und die Welt wird sich verändern, weil du sie mit neuen Augen siehst“. Hildegard hat dies nicht nur gesagt, sondern gelebt. Folgen wir ihrem Beispiel.

Von Äbtissin em. Edeltraud Forster OSB