Für das Kloster Montecassino baute Benedikt zwei Kirchen. So erzählt es Papst Gregor. Eine für die Mönche zu Ehren des heiligen Martin und eine zweite zu Ehren des heiligen Johannes für die Bevölkerung der Umgebung. Die Kirchen seien ihm wichtig gewesen für die Bekämpfung des Heidentums und für seine Bemühung, die Menschen „zum Glauben zu rufen“. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch in der Regel auf das Oratorium zu sprechen kommt, im Kapitel 52. „Das Oratorium sei, was sein Name besagt, ein Haus des Gebetes. Nichts anderes werde dort getan oder aufbewahrt.“ Nun könnte man erwarten, dass Benedikt nach dieser grundsätzlichen Feststellung etwas über die Einrichtung und die Gestaltung der Kirche sagt. Stattdessen spricht er über den Bruder, der vielleicht für sich allein dort beten möchte. Ein solcher Bruder soll nicht gestört werden; dazu ermahnt er nachdrücklich. Das Gebet des Einzelnen ist ihm also sehr wichtig. Dazu ermutigt er: „Wenn ein Bruder still für sich beten will, trete er einfach ein und bete.“ Lateinisch heißt es ebenso schlicht: simpliciter intret et oret.

Der Einzelne zählt

Das lenkt unseren Blick auf das persönliche Beten. Es war damals eine fast allgemeine Überzeugung der Seelsorger, dass das persönliche Beten die Grundlage dafür sei, in rechter Weise am gemeinsamen Beten, also am Gottesdienst der Gemeinde und an der Feier der Sakramente, teilzunehmen. Es war eine Erfahrung, dass ohne dieses Tun des einzelnen die Gefahr besteht, dass das gemeinsame Sprechen und Singen zu einem ausgetrockneten Ritual wird.

Im Kapitel 58 über die Aufnahme neuer Brüder lässt Benedikt nicht prüfen, ob der Neue den richtigen Glauben hat und ob er sich am Leben seiner Heimatgemeinde und an deren Gottesdiensten eifrig beteiligt hat, sondern er sagt: „Man achte sorgfältig darauf, ob der Neue wirklich Gott sucht.“ Damit meint er, ob der oder die Neue ein Mensch ist, der betet. Wer Gott wirklich sucht, der betet. Benedikt kommt es in diesem Zusammenhang nicht darauf an, ob jemand bereit ist, über Gott zu sprechen, sondern ob er sich schon persönlich Gott zugewandt hat. Diese Haltung des einzelnen ist für ihn eine Voraussetzung dafür, dass der oder die Neue sich in die Gemeinschaft des Klosters einleben kann.

Weil Benedikt offensichtlich das persönliche Beten so wichtig ist, setzt er auch den Raum der Kirche dafür ein: Das Oratorium als Bauwerk soll eine Einladung zum persönlichen Beten sein.

Beten und Raum

Es lohnt sich vielleicht, etwas über den Zusammenhang zwischen Raum und Gebet nachzudenken. Überall kann jemand beten; das ist richtig. Benedikt sagt dazu: „Überall ist Gott gegenwärtig.“ Doch fügt er hinzu: „Das wollen wir ohne Zweifel ganz besonders glauben, wenn wir Gottesdienst feiern“ (Kapitel 19). Diese verdichtete Gegenwart des Herrn haftet bildlich gesprochen am Raum. So ist der Raum einer Kirche eine Erinnerung an Gott. Das gilt bei guter Architektur auch für das Bauwerk von außen betrachtet, selbst in unseren Lebensverhältnissen.

Man könnte die Anregung Benedikts, „er trete einfach ein …“, in unterschiedlicher Weise aufgreifen. Wem zum Beispiel das persönliche Beten abhandengekommen ist, kann damit beginnen, dass er an einen Ort des Gebetes geht. So etwas Körperliches bindet die Aufmerksamkeit. Man könnte von Zeit zu Zeit eine bestimmte Kirche aufsuchen, ohne dass dort ein Gottesdienst stattfindet. Wenn man sich dann hinsetzt und sein gegenwärtiges Empfinden von sich selbst wahrnimmt und dies Gott anvertraut, ist das Beten, auch wenn das alles ohne Worte geschieht.

Für die Verbindung von Beten und Raum gibt es noch weitere Gelegenheiten. Auf Reisen besichtigt zum Beispiel jemand eine Kirche. Er könnte als erstes sich hinsetzen, ruhig werden und seine Gedanken auf Gott ausrichten; denn davon spricht der Raum.

„Kulträume öffnen sich für Touristen“, liest man in einschlägigen Magazinen. Bei touristischen Kirchenführungen könnte man den, der die Erklärungen gibt, bitten: „Könnten wir bitte erst einen kurzen Moment der Stille halten?“ Dieses Zeichen der Ehrerbietung ist wie ein kurzes Gebet.

Einfach beten

Benedikt gibt wenig Hinweise zur Art und Weise des persönlichen Betens. Er steht da selbst in einer damals lebendigen Tradition. Lautes Beten und viele Worte hat er nicht gern. Es kommt ihm auf die Regungen des Herzens an. Er bete „mit wacher Aufmerksamkeit des Herzens“ (lateinisch intentio cordis, wörtlich übersetzt: Zuwendung des Herzens). Außerdem weist er auf die Demut hin. Dafür verwendet er den Ausdruck „unter Tränen“, das heißt: im Bewusstsein der eigenen Schwäche, wie der Zöllner im Evangelium.

Fünf Dinge sind für das persönliche Beten wichtig.

  1. Beten ist sich Zeit nehmen.

Man kann überall beten, aber wenn man richtig als ganzer Mensch mit Jesus in Kontakt kommen möchte, muss man innehalten und die Verpflichtungen und Tätigkeiten des Alltags abschalten.

  1. Beten ist ganz Da-sein.

Hinschauen auf das eigene Leben – mit allem, was vorkommt. Die Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Einfach da sein.

  1. Beten ist hören.

Sich auf Jesus ausrichten, einfach an ihn denken. Auf die innere Stimme im Herzen Hören, durch die Jesus sprechen kann.

  1. Beten ist sprechen.

Zu Jesus sprechen in der Überzeugung, dass er hört. Danken oder bitten oder gerade das sagen, was jetzt wichtig ist.

  1. Beten ist wissen.

Beim Beten sehe ich mein Lebens anders: Es wird mir bewusst, was wichtig ist und was zweitrangig ist. Es wird mir immer deutlicher, worauf es im Leben ankommt.

Es ermutigt uns Mönche und Nonnen, wenn wir sehen, dass immer wieder einzelne Besucher in die Kirche unserer Klöster gehen und dort verweilen. Sie besichtigen die Kirche nicht, sondern sind einfach ruhig da. Anscheinend gibt es einen Kontakt zwischen dem Raum mit seiner Botschaft und ihrer Seele.

 

Von Athanasius Polag OSB, Trier/Huysburg