Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke am Anfang meines Vortrages zum Thema „Askese“, ist in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung für den Inhalt des heutigen Abends.

Die letzten Zeilen des Gedichtes, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts fast ein Eigenleben geführt haben: „Du musst dein Leben ändern“, sind bewusst als Überschrift gewählt, um sowohl die im Publikum vorhandenen Hypothetiker (diejenigen also, die lieber im Konjunktiv leben), zu irritieren, sowie die hier vielleicht anwesenden Kategoriker (die, die immer genau wissen, wo der Hase langläuft), zu enttäuschen.

Es geht mir in dem programmatischen Titel, ebenso wie in dem Gedicht Rilkes, und ebenso beim Thema „Askese“, nicht um den erhobenen moralischen Zeigefinger jedweder Richtung, sei sie religiöser, politischer, sozialer, ökonomischer, athletischer usw. Natur. Es geht mir (ich muss bewusst sagen: mir, denn man kann das Thema natürlich auch von ganz anderen Seiten her beleuchten!) aber auch nicht um die Beleuchtung des Kuscheleffektes gemeinsamer oder einsamer Fastenaktionen und dem daraus entstehenden befriedigenden Gefühl, etwas geleistet zu haben.

Bei der Frage nach Askese scheint es mir selbst vielmehr um die persönliche Anfrage an mich und um eine klare und auch lebenslange Entscheidung zu gehen. Eine Entscheidung zu einem bewussten Vorwärts, einer Richtung. Oder aber im Gegenteil zum Stehenbleiben und damit möglicherweise zum sich gehenlassen, unterzugehen in den Alltäglichkeiten des Alltäglichen.

Askese ist das sich Herausholen aus dem Strom des normalen Lebens, indem ich den Anforderungen des normalen Lebens auf eine andere, neue Weise entgegentrete. 

D. h., ich möchte in meinem Vortrag zeigen, dass Askese nicht nur ein momentan wieder in Mode gekommener „… ismus“ ist, ein Thema, dass eben „in“ ist, bei dem man mitreden können muss und vielleicht sogar weiß, was im Lthk (Lexikon für Theologie und Kirche) oder in der theol. Realenzyklopädie dazu vermerkt wurde.

Beide Bücher gehen mit ihren Artikel zum Thema Askese theologisch- geschichtlich vor und bleiben dabei notwendig, durch das Vermeiden anthropologischer und künstlerischer Aspekte, ermüdend abstrakt und realitätsfern.

Askese bedeutet keine Frage nach Wiederkehr von Moral und Religion und allem, was sich vielleicht so gebärdet. Meiner Meinung nach gehört Askese zum innersten Wesen und Weg eines jeden, wirklich jeden Menschen, ob religiös oder nicht. Und die Verweigerung der Askese, kommt der Verweigerung des eigenen Menschseins gleich.

Im vorangestellten Gedicht scheinen mir alle Fassetten die unser Thema betreffen, herausragend angesprochen zu sein.

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Der Begriff „Askese“ kommt, wie Sie alle wissen, aus dem Griechischen, und bedeutet schlicht und ergreifend: „Übung“. Sie bezog sich im griechischen Altertum hauptsächlich auf die Athleten der olympischen Kämpfe. Man kann daher auch die Beziehung: Askese- Athletik- Ästhetik knüpfen und die „Übung“ so nicht nur auf das rein Körperliche (was es ja im alten Griechenland auch so nie war) beschränken, sondern den Horizont dahingehend erweitern, dass Askese mit einer höheren und damit vertieften Lebensform zu tun hat und deshalb besonders immer diejenigen betrifft und angeht, die als sogenannte Archetypen, Vorbild und Objekt des Nachahmens für andere sind. Mit einer „höheren Lebensform“ meine ich ein Leben, dass sich seiner Würde als Mensch bewusst, weder Trends noch Ideologien, sondern seinem eigenen Gewissen folgend, sich selbst lebt.

Der Künstler ist so ein Archetyp, wie es der Priester ist, der Mönch (oder die Nonne) der Athlet (oder Spitzensportler, wie man heute einseitig sagt), der Politiker, der König , der Hirte, der Prophet … usw.

Künstler zu sein, kann man sich selbst nicht anmaßen. Jeder selbsternannte Archetyp wird in der sogenannten „Öffentlichkeit“ zur Karikatur seiner selbst und des Archetyps, den er verkörpern möchte. 4

 

Wobei die sogenannte „Öffentlichkeit“ meiner Ansicht nach zum größten Teil in sich selbst eine Karikatur und Verzerrung des eigentlichen Lebens und der Wirklichkeit darstellt.

Der Künstler ist in mehrfacher Hinsicht Archetyp, und darum auch in strengerer Weise Asket, weil er nicht nur eine, sich nicht selbst auferlegte Botschaft hat, die Botschaft seiner Kunst, seiner Werke (ich gehe hier vom Künstler schlechthin aus, sei es der bildende Künstler, der Darstellende, der Schreibende) sondern auch die Botschaft seiner Person. Seine Askese bedeutet, die innere Sprache seiner Persönlichkeit wahrzunehmen, diese als Auftrag zu akzeptieren und in einem ungeheuren Nachahmungs- und Lernprozess, auch an anderen Künstlern, zu einem eigenen Stil zu entwickeln. Einen eigenen Stil zu finden, heißt zunächst einmal das Ungeheuerliche, scheinbar Primitive, Stile zu kopieren und nachzuahmen. Mich finden kann ich nur im Kopieren des anderen. Das geht dem kleinen Kind so, wenn es lernt die Welt zu erobern, das geht jedem erwachsenen Menschen so, der irgendwo lebt und arbeitet und liebt und nicht nur dahinvegetieren will in der irrationalen Virtuellen Welt. Mein Leben lang muss ich lernen, kopieren, schauen, reflektieren, entwickeln, kurz gesagt: Üben.

Dieses lebenslange Üben ist also ein allgemein menschliches Phänomen. Aber der Archetyp, hier also insbesondere der Künstler, muss dieses Phänomen des Übens exemplarisch in sich selbst durcharbeiten und in seiner Kunst (in seinem Stil), in eine Wirklichkeit, eine Botschaft, in ein Werk übersetzten. Das ist eine der asketischen Punkte eines Künstlerlebens. Aber es gibt noch andere.

Hier möchte ich auf das anfangs zitierte Gedicht zurückkommen: in diesem Gedicht macht ein Künstler (also Rilke), in einem Kunstwerk (dem Gedicht), ein Kunstwerk (den Torso des Apollo) also den Athleten, bzw. Asketen, darstellt, zum Thema.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz unter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

In diesem Gedicht sind, neben vielem anderen Aspekten, diese drei wichtigen Punkte des heutigen Abends angesprochen: der Künstler – das Kunstwerk – und die Askese. Dieses Gedicht hat in seiner Größe noch weit mehr zu sagen, aber das anzusprechen, würde den Rahmen meines Vortrages sprengen. Was insofern bemerkenswert ist, dass Kunst, die etwas zu sagen hat, feste Strukturen (wie der heutige Abend) aufbricht und unerschöpflich ist.

Die Veröffentlichung dieses Gedichtes 1908, fällt in die Zeit der aufkommenden Körperkultur: der Ertüchtigung des Leibes, der Wiederbelebung der Olympischen Spiele der Schaffung von Turnvereinen. Rilke selbst, eher schmächtig und wenig athletisch, tritt hier ganz hinter seinem Kunstwerk zurück. Aber das kann er nur deshalb, weil er als Künstler den Archetyp verkörpert, der in dem persönlichen Angesprochen- sein eine Sprache findet, die dieses Persönliche in ein Allgemein- Verbindliches, ja Objektives übersetzt, dass das persönlich betroffene Angesprochen- Sein zu einer allgemein gültigen Tatsache macht.

Also 1.: Damit wird die asketische Aufgabe eines Archetypen deutlich: Seine Person ist notwendig für die Vermittlung einer Botschaft, aber sie ist Medium und muss letztlich hinter dem Gesagten, hinter dieser Botschaft zurückbleiben.

Der Archetyp, hier der Künstler- Asket, ist dabei immer in Gefahr, sich selbst und seine Aufgabe, seine Kunst, zu stilisieren. Das ist das Gegenteil von Stil. Wenn ich „meinen“ Stil, oder den gerade gewünschten Stil, oder den avantgardistischen Stil „gefunden“ habe, bin ich höchstwahrscheinlich am Ende meiner Kunst angelangt. Dann liegt das Zukünftige eher in der Perversion eines wirklichen Stiles, also in der Stilisierung. Eine, meine ich, große Gefahr für jeden Künstler, jederzeit: sich dem Erfolg zu verschreiben und nicht der eigenen aufgetragenen Botschaft, die Askese und Verzicht voraussetzt: also das ständig neue Üben und Suchen und sich Zurücknehmen.

Die Schlüsselwörter Suchen und Üben finden sich auch in der Benediktusregel, nach der wir Benediktiner seit 1600 Jahren leben (laut „theol. Realenzyklopädie“ eines der ersten Bücher, die eine Einführung in das asketische Leben geben). Dort wird der Mönch, oder der Mensch, (das ist in der Benediktregel eindeutig austauschbar) als „Suchender“ beschrieben. Ein Kriterium für die Aufnahme in eine klösterliche Gemeinschaft ist: „ … ob er wahrhaft Gott sucht.“ (RB 58) Oder als Mahnung an den Abt (den Vorsteher der Gemeinschaft, also auch so etwas wie ein Archetyp): „ …er suche danach, mehr geliebt als gefürchtet zu werden“ (RB 64).Im Lateinischen heißt es: „…studeat plus amari quam timeri“: was direkt übersetzt heißt:“… er übe sich darin, mehr geliebt als gefürchtet zu werden.“ Üben und Suchen sind also austauschbar.

Dann 2. das Kunstwerk entsteht aus dem im Menschen innewohnenden Druck einer gestalterischen Kraft. Bei Kindern vor der Pubertät ist diese gestalterische Kraft noch natürlich, wie paradiesisch vorhanden. Bevor das Bewusstsein die Dinge rational analysiert, kann etwas Künstlerisches entstehen. Aber erst, wenn sich im Künstler Bewusstsein mit dem unterbewussten Drang verbinden, kann wirklich Kunst entstehen. Wie sonst könnten diese stilistisch fein durchgearbeiteten Sätze Rilkes im Leser die Fantasie beflügeln, Bilder entstehen lassen, die man selbst so nie kannte:

„…Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.“

Und dann: „…und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“

Rilke ist betroffen von der Tatsache, dass ein Torso, also der Rest einer zerstörten Figur, eine Vollkommenheit spiegelt, die die fehlenden Stücke überflüssig machen. Diese Erkenntnis ist, wie Sie alle wissen, eine Entdeckung besonders der modernen Kunst.

Das Kunstwerk bedarf des Betrachters, auch wenn es in sich selbst seinen Wert hat. Das Kunstwerk betrifft den Betrachter und regt ihn zum Bedenken, Überdenken, Umdenken ein, um dann zu einer Bewegung zu werden: der Veränderung, Erweiterung des eigenen Bewusstseins und damit zur Askese, sprich Übung. Aber nur, wenn der Betrachter selbst diese innere Religiosität, den Wunsch zur Transzendenz, die Sehnsucht, über sich hinauszugehen, in sich trägt. Das schließt die Erkenntnis ein, dass Leben nicht ausschließlich im sichtbar Erlebten liegt, sondern in dem inneren Wert meines eigenen Daseins.

„… denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern“

Und 3.: die Askese des Athleten spiegelt sich in der Vollkommenheit des athletisch durchgearbeiteten Körpers. Sichtbar wird, wie wir schon festgestellt haben, diese Vollkommenheit in dem Torso, in der Unvollkommenheit des Kunstwerkes. Die Askese des Dichters in dem vollendeten Gedicht. Der Eindruck der Größe dieses Kunstwerkes und ihres unerschöpflichen Inhaltes fordern den Betrachter zu einer neuen Lebenshaltung auf, einer Haltung, wie sie der Künstler in der Erschaffung des Werkes und wie sie der dargestellte Athlet hatten: einer Herausnahme seiner Selbst aus dem alltäglichen Strom des Lebens: ein Umkehren, neu Anfangen.

Die Benediktregel kennt das Gelübde der „conversatio morum“ oder der „conversio morum“, der „Bekehrung der Sitten“, wie man schön altertümlich eindeutig übersetzten müsste. Man kann es aber auch nur schlicht und einfach „tägliche Umkehr“ nennen. D. h., ich verpflichte mich für mein ganzes Leben, der Botschaft Jesu: „Kehrt um“ nicht nur zu glauben, sondern diese Umkehrung, wo und wie immer auch, täglich zu vollziehen.

Tägliche Umkehr impliziert Aufmerksamkeit zuerst auf mich selbst, dann aber auch genauso auf meine Umgebung. Die asketische Übung und ihr Potenzial liegen in der gleichzeitigen Tatsache, auf mich als Person geworfen zu sein wie auf mein soziales Umfeld. Umkehren und üben heißt, mich in Frage stellen, weil ich in Frage gestellt werde. Wer sich auf diese Umkehr einlässt, (und ich meine, das gilt nicht nur für uns Benediktiner!) der wird umgedreht, gerät in eine Drehung. Immer da, wo er steht und ist, wird er sozusagen gedreht, nochmals in eine andere Richtung verwiesen, immer in Frage gestellt.

Ein faszinierender Gedanke und ein faszinierendes Gelübde: das sich immer wieder Umdrehen, Umkehren. Sich selbst immer wieder umdrehen, aber auch, sich drehen lassen. Das bedeutet also nicht den einmaligen Akt der Bekehrung, der mich einmal die Richtung wechseln lässt, sondern den täglichen Akt der Übung. Man kann nie sicher sein, ob es geradeaus weitergeht, weil diese Umkehrdrehung in sich immer die Übung, die Askese ist, die mein Menschsein, wenn ich es ernst nehme, zu dem macht, was es sein soll.

Diese Askese ist in sich ein religiöser Akt. Am Ende des Rilke- Gedichtes findet sich, vor der Aufforderung zur Lebensänderung dieser merkwürdige, schon mehrfach erwähnte, Satz:

“… denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht….“

Wer sieht mich, was sieht mich? Es ist der Torso einer griechischen Skulptur. Hier leuchtet ein oder das Mysterium des Transzendenten auf. Und nur der, der in irgendeiner Form für das Religiöse offen ist, wird diesen Anruf verstehen und auf ihn antworten können.

Ist Askese möglich, ohne diesen Anruf von außen?

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Ich komme zum Schluss:

Sein Leben ändern ist: Umkehren, ist: Askese, ist: Übung, ist: Suchen, ist: sich zurücknehmen, und ist: Stilfindung.

Alle scheinbar kategorische Imperative sind in Wirklichkeit Einladung und Frage:

Eine Einladung an den Kategoriker, die vierspurige Autobahn zu verlassen.

Eine Frage an den Hypothetiker, sich ans Steuer zu setzten.

Oder hier besser gesagt: die Aufforderung an den Maler, den Pinsel in die Hand zu nehmen, die an den Dilettanten, ihn liegen zu lassen.

Wie der Einzelne darauf antwortet, ist jedem selbst überlassen, die Kraft der eigenen Möglichkeiten ist Aufforderung und Verantwortung.

Je größer die Begabung, umso tiefer kann man fallen.

Rilke war sich seines Auftrages bewusst und er hat schwer an dieser Askese getragen. Der Künstler hat immer einen besonderen Auftrag und ist deshalb auch besonders in der Gefahr hinter dem, was in ihm steckt, zurückzubleiben.

Menschsein ist Aufgabe und Askese, Künstlersein umso mehr. Wo der Lohn liegt, wage ich nicht zu sagen: vielleicht nur in der Hoffnung, sich selbst und dem eigenen Anspruch treu geblieben zu sein.

Gebe Gott, dass jeder von uns immer ohne Scham in den Spiegel schauen kann.

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Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen angelangt.

Dass ich mich nicht direkt auf die Ausstellung und einzelne Objekte bezogen habe, mag den ein oder anderen enttäuscht haben, was durchaus in meiner Absicht lag: so kann Askese aktuell geübt werden. Ich selbst habe mich in der Beschränkung auf persönliche Überlegungen geübt, in dem Glauben, dass darin die Möglichkeit zu mehr liegt. Im Austausch, in der Begegnung, im Hören, im Betrachten der hier ausgestellten Werke, und sich betreffen zu lassen: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit