Die heilige Hildegard von Bingen gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts. In ihrem Leben fügen sich heiligmäßiger Lebenswandel, theologisch-schriftstellerische Tätigkeit und gesellschaftlich-kirchenpolitisches Wirken zu einer untrennbaren Einheit zusammen. Schon zu Lebzeiten und bald nach ihrem Tod am 17. September 1179 wurde ihr Lebenszeugnis als Ausdruck göttlicher Gnade und Vollendung betrachtet.

Im Jahr 1098 im heutigen Rheinhessen geboren, begab sich Hildegard im Jahre 1112 mit ihrer Meisterin Jutta von Sponheim auf den Disibodenberg, um sich dort Gott zu weihen. Sie machte sich die Ideale der Benediktusregel – Gottesfurcht, Einfachheit, hochgemute Demut und Gastfreundschaft – zu Eigen und entdeckte die Heilige Schrift und die Liturgie als Quelle ihres Lebens.

Nach dem Tod Juttas wurde sie zur „Magistra“ gewählt. Ihr Amt übte sie mit weiser Maßhaltung und mit der Gabe der Unterscheidung aus. Um das Jahr 1150 gründete sie ein eigenständiges Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Einige Jahre später erfolgte eine zweite Klostergründung auf der anderen Rheinseite in Eibingen.

Noch auf dem Disibodenberg, im Jahr 1141, begann Hildegard, wie sie selbst berichtet, aufgrund einer überwältigenden Lichterfahrung ihre Visionen aufzuschreiben. Dabei war es ihr ein Anliegen, ihre Schriften vom kirchlichen Amt autorisieren zu lassen. In diesem Akt des Gehorsams leuchtet Hildegards Liebe zur Kirche auf, wie Sie selbst, Heiliger Vater, es in Ihrer Katechese vom 1. September 2010 herausgestellt haben: „Die Person, die mit übernatürlichen Gnaden beschenkt wird, prahlt nicht mit ihnen …, sondern unterstellt sich im Gehorsam der Autorität der Kirche. Jede Gabe des Heiligen Geistes trägt zum Aufbau der Kirche bei, und es ist die Kirche, die wiederum durch ihre Hirten deren Authentizität anerkennt.“1

Der heiligen Hildegard ging es in all ihren Schriften und in ihrem Wirken immer um das umfassende Heil des Menschen. In diesem Bestreben war sie ganz und gar Benediktinerin und Äbtissin. Sie wollte den Menschen den Weg zu Gott weisen, indem sie ihnen eindringlich vor Augen führte, dass Gott bereits seine Wege zu den Menschen gegangen ist und weiterhin geht.

Sie, Heiliger Vater, haben den theologischen Grundsatz Hildegards betont, dass der Mensch von Gott selbst in die Mitte der Schöpfung gestellt ist, und darauf hingewiesen, dass diese Lehre in enger Verbindung mit der Christozentrik ihres Werkes steht.2

Christus, das menschgewordene Wort, wendet sich aus dem innersten Geheimnis der Trinität heraus dem Menschen in Liebe zu und zugleich vom Menschen her zurück zu Gott. Die Kirche, Gottes erste Gabe an die Welt, bietet dabei den Raum, in dem Gott seine Geschichte mit den Menschen verwirklicht. Damals wie heute ruft die heilige Hildegard jeden einzelnen zur Bekehrung auf. Diese besteht darin, den ganzen unteilbaren Glauben als Antwort auf die Liebe Gottes anzunehmen und zu leben.

1 PAPST BENEDIKT XVI.: Katechese zu Hildegard von Bingen am 1. September 2010.

2 Vgl. PAPST BENEDIKT XVI.: Katechese zu Hildegard von Bingen am 8. September 2010.