Leben aus der Liturgie

Es war sicher eine der schwersten Stunden im Leben der heiligen Hildegard: 1178, im letzten Lebensjahr Hildegards, verhängte das Mainzer Domkapitel über ihr Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen das Interdikt. Wie kam es zu einer so harten Maßnahme?

Das Kloster hatte, wie es in damaliger Zeit üblich war, die Erlaubnis, verstorbene Freunde und Wohltäter auf dem Klosterfriedhof beizusetzen. Hildegard ließ einen exkommunizierten Edelmann, der sich mit der Kirche ausgesöhnt hatte, auf ihrem Friedhof bestatten. Da die Aussöhnung mit der Kirche aber nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, forderten die Mainzer Prälaten die Exhumierung und Umbettung des Leichnams. Im Weigerungsfall werde das Kloster mit dem Interdikt belegt.

Und dann geschah es: Hildegard nahm das Interdikt auf sich in der Gewissensüberzeugung: „Besser ist es für mich, in die Hände der Menschen zu fallen, als das Gesetz meines Gottes zu verlassen.“ Interdikt; das hieß konkret in der mittelalterlichen kirchlichen Praxis: Dem Kloster wurde jegliche gottesdienstliche Handlung verboten. Was das für ein Kloster, eine Gemeinde im Kleinen, bedeutet, kann auch jede und jeder ermessen, die bzw. der nicht im Kloster lebt. Hildegard und ihrem Benediktinerinnenkonvent wurde das genommen, was das Herzstück christlichen Lebensvollzugs und die Mitte der benediktinischen Lebensform ist, und von dem in unseren Tagen das 2. Vatikanische Konzil sagte: „Die Liturgie ist der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“

Umso verständlicher ist, was die Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen in einem Brief an das Mainzer Domkapitel zum Ausdruck bringt: „Ich selbst und alle meine Schwestern wurden deswegen von großer Traurigkeit befallen.“ Bis zuletzt kämpft sie gegen das Unrecht, „Gott die Ehre des Ihm zustehenden Lobes zu rauben“, wie sie es schreibt. Und sie hört eine Stimme rufen: „Die Stärke der Gerechtigkeit Gottes ist am Werk und erweist sich als Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dieser Brief ist aber noch viel mehr als nur eine Bekundung ihres Kampfgeistes und ihrer Trauer, nämlich ein kostbares Zeugnis liturgischen Geistes, des Geistes der Einheit von gefeierter und gelebter Liturgie. Hildegard wusste: Wer christliche Liturgie feiert, lebt zum Lob der Herrlichkeit Gottes. Auch in diesem Sinn war sie ganz und gar Benediktinerin. Sie lebte entsprechend der Weisung des hl. Benedikt, der seinen Mönchen ins Stammbuch geschrieben hatte: „Dem Gottesdienst soll nichts, überhaupt nichts vorgezogen werden.“ Warum? Weil Gott uns, den Menschen, nichts vorgezogen hat und sogar seinen Sohn für uns hingegeben hat. Im Glauben wissen auch wir: In der Feier der Liturgie nimmt der Mensch intensiv und auf einmalige Weise Anteil an der Mitte des christlichen Glaubens, an Christus selbst, an seinem Heilswerk, an dem Werk der Erlösung. In ihr wird Vergangenheit, Heutiges und Zukünftiges Gegenwart und eint sich in Christus. Niemals können wir so von der Hoffnung auf Herrlichkeit berührt werden wie in der Feier der Liturgie. Und wer von uns wäre nicht von der Sehnsucht nach Herrlichkeit erfüllt?. Das sind Momente der Fülle und Gnade, der Dichte der Begegnung mit dem lebendigen Gott, der sich uns in der liturgischen Feier offenbaren, kundtun will. In dieser Begegnung werden Himmel und Erde eins. Dieses Einswerden ist einem Wachstumsprozess unterworfen. Mehr und mehr sollen wir in den Leib Christi verwandelt werden, damit wir wie Lebensbäume Frucht tragen, Liebende werden kraft der Liebe, die Gott selbst in uns ist. ‘Deificatio’, Vergöttlichung nennt die Tradition der Väter diesen Prozess. Paulus fasst diesen Werdegang in die Worte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Damit wir darin aber nicht einer Illusion erliegen, ist die Voraussetzung, dass wir diesem Prozess umfassend zustimmen, uns bedingungslos dem Wirken des Heiligen Geistes in uns, in der ganzen Kirche überantworten. Augustinus hat es in unnachahmlicher Weise ausgedrückt: „Werde, was du empfängst: Leib Christi. Empfange, was du bist: Leib Christi.“

Ist ein solcher Glaube, ein christliches Leben aus dem Geist der Liturgie für den Menschen im dritten Jahrtausend noch erstrebenswert? So könnten wir uns fragen. Ist es nicht an der Zeit, dass die Christen endlich aktiv werden und sich nicht wieder einmal – wie schon so oft – in das Ghetto der betenden Kirche zurückziehen? Nein, ich meine, es sei überfällig, umgekehrt zu fragen: Ist es nicht an der Zeit, dass wir wieder beten lernen, uns der eigentlichen Kraftquelle unseres Glaubens neu zuwenden: dem betenden Christus, der sich mit seiner Kirche vereinigen will in der Anbetung des Vaters. Wenn wir uns darauf wieder neu besinnen, mag für uns wahr werden, was Paulus der Gemeinde in Philippi zuruft: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott. Und der Friede, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4, 6-7) Nicht endlose Sitzung, Diskussionen, Aktenberge von Papieren und moralisierende Appelle führen uns zu einer lebendigen Kirche, sondern die Sorge um die Stärkung der inneren Quelle – der Vergegenwärtigung und des Eingehens in das Christus-Mysterium. Wenn wir wirklich lebendig beten, dann „bricht nach allen Seiten hin überirdische Helligkeit, tätiger Friede, Lebens- und Menschenkenntnis, wahre Menschenliebe hervor.“

Der betende, Gott suchende Mensch findet Heilung und Heil. Im gemeinsamen Gebet der Kirche, dem wir mit unserem ganzen Sein zustimmen, wird uns die Brücke zur Ewigkeit gebaut. Wir werden verwandelt in den neuen Menschen und gewürdigt, schon hier anfanghaft und in Zukunft auf ewig Lebensfülle zu genießen.

Wie diese Verwandlung des Menschen durch das liturgische Handeln geschehen kann, davon spricht exemplarisch die Berufungsgeschichte des Mose. Sicher ist diese Erzählung nicht auf den ersten Blick auf einen liturgischen Akt hin ausgerichtet. Von daher können wir nicht erwarten, dass in ihr alle zentralen Elemente der Liturgie, des litugischen Betens zur Sprache kommen. Ohnehin bleibt alles Stückwerk, was menschliche Worte über das ‘mysterium tremendum’, das ehrfurchtgebietende Geheimnis der Gegenwart Gottes in der Liturgie aussagen. Dennoch können wir aus ihr Grundelemente liturgischer Gottesbegegnung und Gotteserfahrung ablesen. In einigen Punkten möchte ich diese Grunderfahrungen unserer weiteren Betrachtung anheim geben.

1. In der Feier der Liturgie ergreift Gott die Initiative

Das Buch Exodus berichtet: Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro. Ein Kleinviehhirte der Wüste wird von Gott mitten aus der Arbeit gerufen. Gott ergreift die Initiative und will sich in Erfahrung bringen im Zeichen des Dornbuschs, der brennt und doch nicht verbrennt. Dieses Zeichen muss entfachend gewirkt haben, denn Gott hat in Mose, dem aus dem Wasser Gezogenen, wie sein Name wörtlich übersetzt heißt, der gefährdet war auf Leben und Tod, Faszination, ja nahezu Neugier geweckt, ihn in seinem Innern wachgerüttelt. Herausgerufen aus dem Alltag, bewegt sich Mose auf den zu, der ihn aufgeschreckt hat. Er begibt sich auf den Weg der Suche nach dem „rettenden Engel“, dem Boten Jahwes, dem Retter in der Not. Wie viel an Frage, an keimhafter Hoffnung und gleichzeitig an Verunsicherung mag in diesem Zugehen auf das Feuer verborgen gewesen sein? Mose sieht zunächst nur den brennenden Dornbusch, und erst nach genauem Hinsehen, erkennt er, dass er zwar brennt, aber dennoch nicht verbrennt. Dann spricht er sich selbst Mut zu: „Ich will hingehen und diese gewaltige Erscheinung ansehen.“ Seinen ganzen Willen aktiviert er, um die Chance der Begegnung mit dieser ungewöhnlichen Erscheinung nicht zu verpassen.

Und wir? Lassen wir uns immer neu wie Mose durch die Unverständlichkeiten und das Ereignishafte des Alltags von Gott herausrufen? Sind wir noch von Neugier bewegt? Lassen wir uns von Gott faszinieren, wenn wir uns aus dem Alltag hinbewegen zur Feier der Liturgie? Gott ergreift die Initiative, wenn uns täglich mehrmals wie bei uns im Kloster oder doch allsonntäglich die Glocken zum Gottesdienst rufen. Ist das für uns noch das Zeichen unseres großen Gottes, der sich uns in Christus offenbart hat? Glauben wir wirklich, dass er schon auf uns wartet, bevor wir uns auf den Weg machen? Für uns heute besteht sehr leicht die Gefahr, das wir den Ton der Glocken überhören im Lärm des Alltags. Ja, fast symbolisch gelten Glocken für nicht wenige Zeitgenossen als Lärmbelästigung. Wie soll Gott uns noch wachrütteln, wenn wir unsere Ohren nur mit ‘Walkmen’ und Geräuschkulissen überladen, wenn wir unsere Ohren des Herzens mit den Sorgen des Alltags unnötig überlasten oder gar verbauen? „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“, mahnt uns der Psalmist. Wenn wir uns aufmachen zur Feier der Liturgie, so ist schon das Hingehen, sich auf ein Gotteshaus, dem verdichteten Raum göttlicher Gegenwart zu bewegen, eine Bereitung unserer Herzen für das Kommen Gottes, für seine Gegenwart, die er unserer Zeit im Wort und im Sakrament nicht weniger schenken will als Mose in der Wüste. In früheren Zeiten gehörte es z. B. wie selbstverständlich zur religiösen Erziehung, dass die Familie auf dem Weg zum Sonntagsgottesdienst schwieg, um sich innerlich zu bereiten auf das große Mysterium, an dessen Feier uns Teilhabe geschenkt werden sollte. Darin sollten wir erspüren: Wer sich aufmacht zur Liturgie, begibt sich in eine zielgerichtete Bewegung auf Gott, auf Christus hin, eine Bewegung „vom Anfang zu je neuem Anfang“
Bevor wir uns aufmachen, ist Gott immer schon der Rufende. Er ergreift täglich neu Initiative, wendet uns seinen gütigen, liebenden und sorgenden Blick zu. Es kommt alles darauf an, ob wir uns für diese Initiative Gottes öffnen und bereiten.

2. In der Feier der Liturgie wird der Mensch beim Namen gerufen.

Nachdem sich Mose dem Zeichen der göttlichen Gegenwart angenähert hat, geschieht etwas ganz Großes: Der sich offenbarende Gott ruft ihn zweimal beim Namen. Es geht in der Begegnung des Menschen mit Gott um eine ganz persönliche Inanspruchnahme. Die Namensgebung und Namensnennung ist für den biblisch geprägten Menschen etwas ganz Zentrales. Wir haben uns den Namen in der Regel nicht selbst gegeben. Als Kinder, in Taufe und Firmung nannte uns Gott durch unsere Eltern beim Namen. Aber erst im Laufe unseres Lebens haben wir mit seinem Klang uns selbst und all das vernommen, was wir sind und haben: unseren persönlichen Weg mit allen seinen Entwicklungen, mit allem Gelingen und mit allem Missgeschick, mit allem, was zu uns gehört. Wenn Gott Mose und jede und jeden von uns beim Namen ruft, so heißt das im gläubigen Kontext: Unser Name macht unser Wesen aus. Wer mit Gott im Bund steht, wird immer von ihm bei seinem Namen gerufen, denn er ist Gottes Eigentum. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Mein bist du“, bezeugt uns der Prophet Jesaja. Wir alle, die wir jetzt und hier gemeinsam vor Gott stehen, sind von ihm beim Namen und darin zur Lebensfülle gerufen, die er einmal zur Vollendung führen wird. Und wir alle sind einander ein Geschenk Gottes. Jeder und jede Gläubige ist eine Gabe, ein Geschenk Gottes an die Kirche und an die Welt. Dieses frohe Wissen im Glauben feiern wir gemeinsam mit unserem Schöpfer und Erlöser, wenn wir einschwingen in die Liturgie. Die byzantinische Liturgie hat einen alten Ritus bewahrt, der tief anrührt, wenn man ihn erleben darf: Der Priester reicht die Kommunion unter beiderlei Gestalt, in dem er die Hinzutretenden mit Namen anspricht: „Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus für – dann folgt die Namensnennung – zum ewigen Leben.“ Ja, wir alle sind in ganz personaler Weise gefragt. In der Feier der Liturgie geht es um unser Leben, um das ewige Leben. Wer Liturgie mitfeiert, feiert das Leben, feiert Pascha, Hinübergang in ewige Leben. Das kann niemanden kalt lassen, es erfordert von uns eine Reaktion.

3. In der Feier der Liturgie ist der Mensch zur Antwort gerufen.

Mose ist durch den Anruf Gottes ermutigt worden zu antworten. Er sagt: „Ja, da bin ich!“ Seine ganze Aktivität , ja mehr noch: sein ganzes Herz ist eingefordert. Der ganze Mensch, mit Leib und Seele, mit Verstand und Herz muss sich dem Anruf Gottes öffnen. Dieses persönliche ‘Ja’ lässt sich nicht delegieren. Sie ist die eigentliche ‘actuosa participatio’, die tätige Teilnahme aller Gläubigen am Gottesdienst, von der das 2. Vatikanische Konzil so eindringlich spricht. In jedem gesprochenen ‘Amen’, ‘Ja, so sei es,’ „dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden,“ dein Wille auch in meinem Leben, in jedem ‘Amen’ dürfen wir Gott mit ganzem Herzen, mit unserer ganzen Existenz Antwort geben. Das ‘Amen’ kennzeichnet die im Glauben Gereiften. „Kraft der Taufe sind wir – wie es das Konzil gesagt hat – berechtigt und verpflichtet, am Gottesdienst voll, bewusst und tätig teilzunehmen“.
. Dies geschieht, wenn wir mit all unseren Kräften ‘Amen’ sprechen. Mit unserem gläubigen ‘Ja’ sind wir in unserer menschlichen Würde aufgewertet und in unserer christlichen Würde zutiefst von Gott ernstgenommen. Im ersten Petrusbrief werden wir „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm und Gottes Eigentum genannt (1 Petr 2) Niemals ist der Mensch größer und würdevoller, als wenn er vor Gott in der Gemeinschaft der Kirche steht und bezeugt: „Ja, da bin ich. Ich gebe mich ganz dir anheim.“

4. Die Begegnung mit Gott in der Litugie ist eingebunden in Ausdrucksformen.

Mose hat sein Ja gesprochen. Und doch: Gott kommt ihm zwar entgegen, aber er hört das Wort Gottes: „Komm nicht näher heran!“ „Sosehr Gott in diese Welt einbricht und in ihr da ist, so ist er doch kein Stück dieser Welt, das der Mensch in seinen Griff bekommt.“
Gott durchbricht nicht einfach menschliche Erfahrungsformen. Der Mensch der Bibel weiß: Niemand kann Gott direkt begegnen und am Leben bleiben. Auch Mose weiß das. Er wahrt die Formen der Gottesbegegnung. Er legt zunächst seine Schuhe ab im Bewusstsein: Ich darf heiligen Boden betreten. Noch heute zieht der Orientale die Schuhe aus, wenn er ein Heiligtum betritt. Haben wir noch Gefühl für das Sakrale? Sodann verhüllt Mose sein Gesicht, „denn er fürchtet sich, Gott anzuschauen“. Nicht allein menschliche Angst befällt ihn, sondern Ehrfurcht vor dem unauslotbaren Geheimnis Gottes. Die Liturgie will auch uns immer wieder neu in den ehrfurchtgebietenden Raum des göttlichen Mysteriums führen, das der Mensch niemals erfassen kann. Gott ist für uns nie ganz erkennbar. Ihn zu erkennen, das ist unsere Hoffnung für die Ewigkeit. Gott bleibt auch in der Offenbarung immer der ganz Andere. Die Liturgie will uns die Nähe Gottes in heiligen Zeichen erfahrbar machen und darf deshalb nicht in Banalität, Puritanismus, Kitsch oder zu vieles Reden ausarten. Sie soll uns hinführen zum „Lob seiner Herrlichkeit“ in Schlichtheit und Schönheit, zur Stille, zum Staunen, zur Anbetung und Fürbitte, zur inneren Haltung der Ehrfurcht und liebenden Zuwendung zu allen Brüdern und Schwestern. Nur so ist sie schon hier Abglanz der himmlischen Liturgie.

5. In der Liturgie offenbart sich Gott und sendet den Menschen.

Nachdem Mose sich ehrfurchtsvoll Gott genähert hat, wird ihm ein unsagbares Geschenk zuteil: Gott selbst tritt mit ihm in einen Dialog ein und offenbart sich ihm als der Gott, der bei ihm ist, der mit ihm geht und mit ihm wirkt. Diese Zusage gibt Mose die Befähigung zur Sendung. Er wird berufen zum „Botschafter und Bewirker der von Jahwe für sein Volk gewollten Freiheit“ Gottes zuverlässige, tröstende Gegenwart wird ihm die Kraft geben, seine Sendung zu erfüllen trotz aller Schwachheit und Ängstlichkeit. So ist es auch für uns, wenn wir gläubig die Liturgie mitfeiern. Jahwe, das ist der Gott der uns Menschen sagt: „Ich bin der: Ich bin für dich da. Ich sorge für dich. Ich bin der, der „mit dir geht, der das Leben kennt, der dich versteht, der dich zu allen Zeiten kann begleiten.“ – wie es ein neues geistliches Lied einmal ausgedrückt hat, der in allen Wechselfällen dieser Welt mit dir unterwegs ist. In unerschütterlichem Glauben an diese Gegenwart Gottes in allem, was uns begegnet, hat die hl. Hildegard für die Aufhebung des Interdikts gekämpft. Und ihr wurde Gerechtigkeit zuteil: Im März 1179, sechs Monate vor ihrem Tod, durfte im Kloster Rupertsberg die Glocke wieder zum Gottesdienst rufen. Und wir: glauben wir das wirklich, dass Gott jeden Schritt unseres Lebens mit uns geht, glauben wir noch an die Kraft des Gebetes? Wo immer wir uns auf diesen Gott einlassen, ist er mit uns am Werk. Er geht mit uns hinein in unsere Familien und Gemeinschaften, in unseren Dienst und unsere Lebensaufgaben. Er ist uns nahe in Freude und Leid, in Hoffnung und scheinbarer Ausweglosigkeit, in Liebe und Hass. In jeder lebendigen Mitfeier der Liturgie will er uns umprägen vom ‘homo faber’, dem Menschen der permanenten Aktivität, zum ‘homo liturgicus’, dem Menschen, dessen ganze Person durchstrahlt ist von Gottes Herrlichkeit, von seiner Schönheit, von seinem Licht, seiner Liebe, seiner Treue und seinem Frieden. Hier, in diesem Leben geschieht dies zunächst noch anfanghaft, aber die Anziehung durch den zum Himmel erhobenen Herrn in der Feier der Liturgie wird uns dereinst in den Lebensstrom hineinreißen, der uns führen wird von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Dann wird sich an uns erfüllen, was wir bald in der Sequenz von Ostern singen dürfen: „Ich habe die Herrlichkeit des Auferstandenen gesehen.“ Amen.

Sr. Christiane Rath OSB
(Fastenpredigt im Mainzer Dom am 15. März 1998)

Anmerkungen:
Sacrosanctum Concilium Kp. 1, Art. 10
Hildegard von Bingen, Briefwechsel, Salzburg 1965 S.236 ff
Ildefons Herwegen
Gregor von Nyssa, 8. Homilie über das Hohelied
Sacrosanctum Concilium Art. 14
Erich Zenger, Das Buch Exodus S.46
a. a. O. S. 51

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Das Stundengebet in der Abtei St. Hildegard

“Siebenmal am Tag singe ich dein Lob.” (Psalm 119, 164) 

Vesper in der Abtei (Stundengebet anhören)

Seit Jahrtausenden sind Juden und Christen im Innersten ihres Glaubens miteinander verbunden: im Gotteslob. Nach der Heimkehr des Volkes Israel aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft wurden die Synagogen aufgebaut. Hier versammelte sich das Volk Gottes, um im Gebet Gott zu loben und ihm für sein Heilswirken zu danken.

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Der Gregorianische Choral als Mittel der Verkündigung

“Euch ist aufgetragen, die Würde, Schönheit und Erhabenheit des Choralgebetes sowohl in der Sprache als auch im Gesang zu bewahren. Es handelt sich nicht nur darum, beim Chorgebet die lateinische Sprache beizubehalten und zu würdigen – das wäre zu wenig -, sondern, dass sie eifrig gepflegt wird, da in der lateinischen Kirche der christliche Kult eine überreiche Quelle und ein gesegneter Reichtum der Gottesverehrung ist, dessen Glanz, Schönheit, natürliche Frische solcher Gebete und Gesänge es zu bewahren gilt.
Es handelt sich ausdrücklich um den Choralgesang – “angenehm durch die Stimme der lobpreisenden Kirche” (Hl. Augustinus) -, den eure Gründer euch überliefert haben. Diese Art des Choraloffiziums war besonders auch ein Grund dafür, dass eure Klosterfamilien fest standen und sich durch frohen Zuwachs mehrten.” (Aus einem Brief von Papst Paul VI.: “Sacrificium Laudis” an die monastischen Klöster über die Pflege des Choralgesangs und der lateinischen Kultsprache)

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Das Mysterium des Gebets

„Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott, du mein Retter!
Du hast mir Raum geschaffen als mir Angst war.
Sei mir gnädig und erhöre mein Flehen.“ Ps 4, 2

Der menschliche Akt, den wir „Gebet“ nennen, das Sprechen des Menschen zu Gott und die empfängliche und manchmal wortlose Offenheit für Gottes Wort an uns, hat viele Aspekte:
Menschliche Aspekte, die sich nach Gesetzmäßigkeiten des Menschseins vollziehen, und die man mittels der Humanwissenschaften wie der Anthropologie und Psychologie betrachten kann, aber auch Aspekte, die den Menschen übersteigen. Sie haben mit dem Gesprächspartner Gott zu tun und sind ein Mysterium, dem wir uns nur in ehrfürchtiger Scheu nähern können. Immer aber werden wir vor einem Geheimnis stehen, das größer ist als wir.

Das Gebet ist ein menschlicher Akt, vor allem aber eine Gabe Gottes, ein gnadenvolles Geschehen, eine Erschließung des Mysteriums von Gottes Nähe. Das Gebet ist das Herz einer jeden Religion. Jeder wirkliche Gottesdienst kennt und übt das Gebet, hat eine Gebetserfahrung, hat auch eine Gebetstradition, die einen Menschen lehrt, wie er zu Gott beten soll, wie er sich für die Welt Gottes öffnen und wie er sich voll Vertrauen auf den Weg zu einer Begegnung mit Gott machen kann.
Gebet ist – genau genommen – bewusste Offenheit für das Geheimnis der Nähe Gottes. Ein Leben, das gezeichnet und „durchatmet“ von Gebet ist, nennt die Schrift „Wandel vor dem Angesicht Gottes“. Dem alten Mönchtum war die „Memoria Dei“ wichtig: mit dem Herzen in allem Tun und Lassen bei Gott sein. Es gibt nämlich ein sehr enges Band zwischen dem Gebet und dem Alltagsleben: beides ist miteinander verwoben, existiert nicht nebeneinander. Wenn das Tun nicht den Charakter einer gottesdienstlichen Handlung hat, wenn es nicht „Tora“ ist, ein Handeln nach dem Willen Gottes, hat das Gebet keinen Nährboden, um zu gedeihen, dann sind die Worte unwahr und man betrügt sich selbst. Vor allem das Judentum hat immer vom Gebet verlangt, dass es im Leben verwurzelt sein muss, in der Wahrhaftigkeit des Lebens, wenn es selbst wahrhaftig sein soll. Jesus spricht dies an, wenn er sagt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“

Gebet, in dem sich nicht das Leben des Alltags widerspiegelt, läuft Gefahr, in Scheinheiligkeit zu versanden. Und andererseits ist aufrichtiges gottesdienstliches Handeln auch ein Gebet in Form einer Tat. Gebet hat zu tun mit einer Weise, zu leben, ist selbst auch eine Weise des Lebens: es ist, die Welt in Gottes Licht sehen, sich Gottes Gesichtspunkt zu eigen machen. Es ist Leben auf einer Ebene, auf der man Gespür für die Tiefendimension aller Dinge bekommt und entdeckt, dass alles mit Gott zu tun hat. Es geht darum, den Sinn für Gottes Anwesenheit zu wecken, in allem, was der Geist in unserem Leben zulässt.
In dem Buch „Der Mensch fragt nach Gott“, sagt Abraham Heschel: „Religion ist nicht, was ein Mensch in seiner Einsamkeit tut. Religion ist, was der Mensch mit der Gegenwart Gottes tut. Und der Geist Gottes ist gegenwärtig, wann immer wir bereit sind, ihn zu empfangen.“

Wenn es ums Gebet geht, so ist es gut und heilsam, sich gelegentlich bei den großen Betern aus dem Kreis der ersten Mönche Rat zu holen. Sie wissen, dass das Gebet eine harte Mühe ist, die Energie und Zähigkeit erfordert. Denn der Weg nach innen ist ein langer und sehr mühevoller Weg, auf dem es Augenblicke des Lichts geben kann, auf dem aber nur Gott selbst wachsendes Licht schenken kann.
Das Gebetsleben, das im Grunde mit der Einwohnung des Hl. Geistes in unseren Herzen zu tun hat, ist im letzten ein Mysterium des hervorbrechenden Lichts. Auch in dem Sinn, dass uns ein Licht über uns selbst aufgeht, weil wir unser Tun und Lassen immer wieder im Licht Gottes sehen und dabei zu bestürzenden Erkenntnissen über uns selbst gelangen können. Ein Altvater sagt: „Das Gebet ist für den Menschen ein Spiegel.“ Das Licht Gottes aber kann – die Mystiker sprechen oft davon – die Gestalt des Dunkels annehmen. So ist auch die Dunkelheit Offenbarung Gottes.

„Beten verändert“, es verändert uns selbst und unsere Sicht der Welt. Die großen Beter haben erfahren, dass wahrhaftiges Beten unseren Blick für Menschen, Dinge und Ereignisse schärft: wir sehen die Dinge und Ereignisse mehr im Licht Gottes. Nicht, dass das Licht vorher nicht da gewesen wäre, aber unser Auge wird empfindsamer und empfänglicher für das, was das Licht uns offenbart. Isaak der Syrer sagt: „Wer betet, erschaut die Flamme in allen Dingen.“ Das heißt, er dringt durch bis zum göttlichen Kern in allem: Gottes Gegenwart offenbart sich. Gebet ist Erfahrung der Nähe Gottes – oder Sehnsucht nach dieser Nähe. Ein Leben des Gebets macht sie mehr und mehr bewusst und erlebbar. Und plötzlich sieht man auch die Umwelt in neuem Licht.
Gebet ist, wie unvollkommen auch immer, eine winzige Vorwegnahme des Himmels. Die Altväter wissen, dass ein wachsendes Gespür für die Nähe Gottes eine Gabe des Hl. Geistes ist. Mit seinem Licht reinigt Er unser inneres Augen, so dass er in allem Sein Licht sehen kann.

Beter sind Menschen, die eine Begegnung suchen; wenn sie Christen sind, suchen sie die Anwesenheit Christi in ihrem Dasein. Der hl. Benedikt sieht die Gottsuche als das wichtigste Kriterium für eine Berufung zum monastischen Leben an. Und auch für uns bleibt die Frage, ob wir wahrhaft Gott suchen, ein Leben lang gültig und entscheidend, diese Suche kann so etwas wie ein Lebensklima werden.

In einem Vortrag: „Die Askese der Gottsuche“ formulierte es Edward Schillebeeckx es so:
„Immer auf der Suche bleiben nach dem verborgenen Gott und obwohl wir ihn nirgends auf frischer Tat ertappen können, niemals aufgeben, ihn zu suchen. Wir müssen uns weigern, diese Verborgenheit, diese Nicht- Einholbarkeit Gottes als einen Anruf zu erklären, um allein den sichtbaren Menschen zu suchen.“
Das Ideal, dass das ganze Leben wie Sauerteig durchdringt und getragen wird vom Gebet, nannten die alten Mönche das „immerwährende Gebet“.
1 Thess 5, 17 „Betet alle Zeit.“ Die Leser waren nüchtern genug, sich zu sagen, dass dies nicht bedeuten konnte, unausgesetzt Gebete zu sprechen. Sie wussten aus der Erfahrung selbst ihres Alltags, dass man seine Aufmerksamkeit auch auf anderes richten musste, dass es Beschäftigungen gab, die ein Beten unmöglich machten.
Um den Aufruf der Schrift treu nachzukommen, suchten sie die Lösung in der inneren Haltung des Herzens, die so beschaffen sein muss, dass sie sich so oft wie möglich zu ausdrücklichem Gebet kristallisiert.
„Wenn du mit jemandem sprichst und keine Möglichkeit zum Beten hast, bete dann, indem du dem Gefühl des Mangels in dir Raum gibst“, sagt ein Altvater. Und Augustinus sagt eigentlich dasselbe: „Wo du nicht ausdrücklich beten kannst, bete im Herzen durch deine Sehnsucht.
Die „memoria Dei“ der Alten, dieses mit dem Herzen bei Gott sein, ist so eine Spiritualität der Sehnsucht und des Verlangens nach einer Begegnung mit Gott, die das Herz erfüllt.
Die „memoria Dei“ ist weniger eine Aufmerksamkeit des Intellekts, als Bereitschaft und Anwesenheit des Herzens, dieser innersten Mitte unseres Wesens. Der Weg zum Gebet steht allen offen. Es ist ein langer Weg, ein Weg der Einübung, der Läuterung, der vom Hl. Geist gelenkten Askese; er führt zur Reinheit des Herzens, die identisch ist mit der zum Vollmaß gewachsenen Liebe. Das Gebet aber soll das ganze Leben durchsetzen und somit zum Atem des Lebens werden.

Je mehr man auf dem Weg des Gebets vorausschreitet, je mehr wird man sich bewusst, dass das Gebet Gnade ist, lautere Gabe Gottes. Nur der Hl. Geist vermag alles bis zum tiefsten Grund durchsichtig machen. So ist das Schriftwort auch zu verstehen, dass der Geist in unserem Herzen betet. Weil das Gebet Geistesgabe ist, Begnadigung, ist es etwas, das einem eher widerfährt, als dass man es tut.

Einer der wichtigsten Texte zur biblischen Lehre über das Gebet finden wir im Römerbrief 8, 22 – 27 (Übersetzung von Fridolin Stier):
„21 Deshalb wir auch sie – die Schöpfung – freigelassen aus der Knechtschaft des Verderbens, um zur Freiheit der Kinder – Gottes – Herrlichkeit zu gelangen. 22 Wir wissen ja, dass die ganze Schöpfung allzumal stöhnt und allzumal in Wehen leidet bis zum Jetzt. 23 Aber nicht nur sie! Nein, auch wir, welche die Erstlingsfrucht des Geistes innehaben – auch wir selber stöhnen zuinnerst, auf die Sohnschaft wartend: den Loskauf unseres Leibes. 24 Denn nur auf Hoffnung hin wurden wir gerettet. Eine Hoffnung aber, die man erblickt, ist keine Hoffnung. Denn: Was einer erblickt – was hofft er noch? 25 Wenn wir aber erhoffen, was wir nicht erblicken, so warten wir im Ausharren.
26 Dementsprechend aber nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn: Wie wir bitten sollen um das, was uns Not tut, das wissen wir nicht, der Geist selbst jedoch springt dafür ein – in wortlosem Seufzen. 27 Der Erforscher der Herzen aber weiß, was das Sinnen des Geistes ist, weil er Gott gemäß für die Heiligen einspringt.

Paulus erkennt den Zusammenhang zwischen dem Seufzen des menschlichen Herzens und dem Seufzen der ganzen Schöpfung nach erlösender Vollendung und dem Gebet aus dem Geist. Er, der uns durch die Taufe ins Herz gegeben ist, seufzt in uns nach dem Augenblick , in dem Er uns vollkommen erfüllt. Jedes geistgewirkte Gebet ist ein Gebet um Vollendung, eine Bitte um das Kommen des Reiches, also eine Bitte um das volle Leben des Geistes.
Das Seufzen der Schöpfung durchzieht auch das Gebetssingen des Menschen, und in diesem Seufzen und Sehnen spricht und ruft der Geist. Er leiht allem, das sich in uns nach Vollendung sehnt, seine Stimme.
Jedes aufrichtige Verlangen des Menschen , jede Sehnsucht trägt die Möglichkeit in sich, Gebet zu werden; denn in ihr kann der Geist wirken. Er muß uns helfen, zum tiefsten Kern unserer menschlichen Sehnsucht vorzustoßen, zum Hungern nach Gott. Dieses Hungern nach Gott muß uns bewusst werden, dann wird jeder Hunger in uns zum Gebet, jede Unruhe zu einer Hinwendung zu Gott, zum Auf unseres Abgrunds nach Gottes Abgrund, der allein die Erfüllung bringen kann.
Wir sind nun dann wirklich Menschen des Gebetes , wenn der Geist Gottes unsere ganzes menschliches Verlangen und Begehren zum Gebet macht zu einem Ruf nach dem Absoluten. Das Verlangen wird dann zur Stimme des Geistes.
Der Weg des Gebetes, der ein langer, mühseliger Weg sein kann, ist die wachsende Sensibilität für das Mysterium der Nähe Gottes. Denn es ist die wirkliche Begegnung mit Gott, auf die ein jeder hofft, der den Weg des Gebetes einschlägt.
Wann das sein wir? Es ist Gottes Stunde, es ist Gottes Gabe: seine Gnade, heilende Nähe, ein Nähe, die Er uns erfahrbar macht.
Noch einmal Abraham Heschel:
„Im Gebete öffnen wir uns dem Geistgebet als ein Weg der Erkenntnis, nicht als eine Weise, zu sprechen. Gebet rettet uns vielleicht nicht, macht uns aber wert, gerettete zu werden. Bei allem geheiligten Tun steht das Gebete an erster Stelle“

und Augustinus:
Denn das immerwährende Gebet ist das nie nachlassende Verlangen. Das Verlangen betet immer, auch wenn die Zunge schweig t… Wann schläft unser Gebet? Nur, wenn unsere Sehnsucht sich abkühlt.“

Die Benediktsregel bringt keine systematische Abhandlung über das Gebet. Sie gibt einige Anweisungen, sehr schlicht und sehr nüchtern, und weist auf die inneren Haltungen hin, die Verfassung des Herzens.
Der Traktat über die Ordnung des gemeinsamen Gebetes, der die Kapitel 8 – 18 umfasst, findet eine sehr zurückhaltende spirituelle Deutung in dem nur sieben kurze Verse umfassenden 19. Kapitel der Regel.
Wir glauben, dass Gott überall zugegen ist und die Augen des Herrn an jedem Ort auf die Guten und Bösen schauen…“ Der erste Satz von Kap. 19 stellt unmittelbar die Verbindung zur 1. Stufe der Demut her, die die Grundlage des monastischen Lebens ist. Es ist die Grundlage des Glaubens.

a) Das liturgische Leben, so kann man erstens daraus schließen, kann vom übrigen Leben nicht getrennt werden. In ihm lebt eine Kommunität, die das Verlangen hat, sich dem Wirken Gottes zu öffnen. Die Kommunität selbst ist „Opus Dei“, Werk Gottes, das sich an diesem bestimmten Ort verwirklicht.
In der Liturgie manifestiert sich unsere Gemeinschaft und drückt sich im gemeinsamen Glaubensbekenntnis aus. Gemeinsam erkennen wir in Dankbarkeit die Liebe Gottes, die immer zuerst da ist, die Gegenstand des tiefsten, unbegrenzten Verlangens für jeden Einzelnen und für alle in der Nachfolge Christi ist.
Die Liturgie ist Opus Dei, weil sie das offenbart, was im Herzen eines jeden und aller lebendig ist.

b) Die Liturgie, so kann man weiter schließen, ist Ausdruck des Lebens der Kommunität – und zwar mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Momenten des Elans und der Müdigkeit. Nach einem Tag harter Arbeit ist vielleicht im Chorgebet Unlust, Ermüdung oder Gereiztheit zu spüren. Das ist unsere Wahrheit, die manchmal schwer zu ertragen ist – aber sie ist ein Teil unseres Weges, den das 7. Kapitel der Benediktsregel beschreibt. Das zu wissen, ist heilsam. Wir kommen dann nicht in Versuchung, die Schuld auf den Kantor, den Organisten oder sonst andere zu schieben.

c) Die Liturgie ist im ganzen Leben verankert und wird durch das ganze Leben vorbereitet.
Es ist wichtig, dass wir uns in unserem Tageslauf um eine gewisse Ausgewogenheit bemühen, dass neben dem Raum, der der Liturgie gewährt wird, auch Raum für die anderen, das Glaubensleben nährenden Werte gegeben ist: lectio divina, persönliches Gebet, Meditation, Zeiten des Schweigens, das Bemühen, sich nicht zu verzetteln.
Diese Ausgewogenheit ist vielleicht wichtiger als alle liturgischen Neuerungen oder Änderungen, die für sich allein oft nicht viel bewirken.

Die Teilnahme an der Liturgie erfordert eine bestimmte innere Haltung, sagt uns das 19. Kapitel der Benediktsregel. Das Bemühen um Aufmerksamkeit, das ein bewusster Glaubensakt ist.
Wenn die Liturgie Ausdruck des Glaubens der Kommunität ist, so ist die Liturgie ihrerseits der Ort, an dem die Kommunität genährt und geformt wird.
Teilnahme am Stundengebet ist Teilhabe am Wirken des Hl. Geistes, der sich in der Kommunität vernehmen lässt. Das ist nicht einfach ersetzbar durch „privates“ Beten, auch wenn das manchmal unumgänglich ist. Aber der Ort des Hl. Geistes ist die betende und feiernde Gemeinschaft.

Was für jedes Werk gilt, gilt auch für die Liturgie: sie erfordert eine Vorbereitung – und zwar eine „entferntere“ durch das Studium der Hl. Schrift, der Psalmen, durch die lectio divina – und sie verlangt auch eine unmittelbare und persönliche: das Vorbereiten der Bücher, Schweigen, Sammlung.
Kap 19 schließt mit dem bekannten Satz: „Stehen wir so beim Psalmensingen, dass unser Geist in Einklang ist mit unserer Stimme.“
Das heißt nicht, dass wir nicht während des Chorgebets von Tausend Gedanken, Plänen und Sorgen geplagt sein können, aber unser Herz muss sich engagieren. Wir müssen uns einlassen auf das Mysterium, das jenseits der Worte auf uns wartet. Davon soll unsere Leben im innersten geprägt sein.
Es ist nicht leicht, mehrmals am Tag die Arbeit einfach aus der Hand zu legen. Manchmal wird es auch nicht gehen. Die Regel sieht vor, dass am Ende jeder Hore der Abwesenden gedacht wird, dass sie dadurch mit hineingenommen werden.
Aber es ist unbestritten, dass das Stundengebet für den hl. Benedikt der Ort und der Raum schlechthin ist, in dem die Gemeinschaft sich als Einheit erfährt.
Gemeinsames Gebet und persönliches Gebet bedingen und ergänzen einander. In der Regel folgen die Kapitel 19 und 20 unmittelbar aufeinander
So kurz Kapitel 20 auch ist, es ist doch Träger einer ganzen spirituellen Tradition. Es verweist in seinem ersten Satz ebenfalls auf die 1. Stufe der Demut. Es sieht den Ort des Gebetes nicht auf der Ebene des Denkens, sondern auf einer inneren Haltung. Beten heißt: vor Gott sein in der Aufrichtigkeit des Herzens. Beim Beten wird das Herz rein. Rein ist nicht gleich fehlerfrei: das reine Herz wird fähig, die Liebe in ihrer Fülle aufzunehmen.

Das Gebet, wie es im 20. Kapitel der Benediktsregel beschrieben ist, ist das Gebet des „Armen“. Es ist Bittgebet, flehentliches Gebet, das seine eigene Armut kennt und sich an den wendet, der Ursprung und Quelle von allem ist. Nicht in vielen Worten ergießt sich das Gebet, sondern im Warten und im Vertrauen.

Das persönliche Gebet muss also wahr sein. Es darf daher auch kurz sein. Aber es muss in Treue vollzogen werden und immer wieder neue Hinwendung zu Gott sein.

Die Treue zum Gebet in aller Einfachheit und Schlichtheit ist Schlüssel zur Treue im monastischen Leben.

Sr. Simone Weinkopf OSB