Bibel-Tagebuch

Ein Weg, die Heilige Schrift vom Lese- zum Lebensbuch werden zu lassen

Vorbemerkung: Die Frage des Apostels Philippus an den äthiopischen Kämmerer: „Verstehst du auch, was du da liest“ (Apg 8,30), ist die ‚Gretchenfrage‘ schlechthin. Der Dialog, den wir mit der Lektüre der Heiligen Schrift pflegen möchten, gerät durch diese Frage immer wieder auf den Prüfstein, vor allem dann, wenn wir eben nicht oder nicht sofort verstehen, was wir da lesen. Unterscheiden wir zunächst zwischen dem äußerem und dem inwendigen Verstehen. Das äußere Verstehen, d.h. die philologischen Fragen, die Quellen, Hintergründe, Zusammenhänge und Zeitbedingtheiten eines Textes können uns durch gute Bibelkommentare (die es auch im Internet gibt) verdeutlicht werden. Sie können helfen, das Äußere zu verstehen, zu deuten und richtig einzuordnen. Deshalb sind sie wichtig und notwendig, und wir sollten uns nicht scheuen, solche Kommentare ganz bewusst und regelmäßig zur Hand nehmen. Doch ein noch so guter Kommentar kann das Eigentliche, das Wesentliche nicht ersetzen. Der Kern des Ganzen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, auf der, die uns existentiell und in unserer ganzen Person erfassen möchte.

Einen wichtigen Schritt näher kommen wir diesem Kern, wenn wir das Glück haben, erfahrenen Meistern des geistlichen Lebens zu begegnen, die das Evangelium vorleben und uns auch ihr eigenes inneres Ringen mit dem Text und seinem Anspruch nicht vorenthalten. Solche geistlichen Mütter und Väter gab es zu allen Zeiten und gibt es Gott sei Dank auch heute. Doch sie erwachsen nicht von selbst. Um es mit einem Wort von Heinz Schürmann zu sagen: „Gott lässt begnadete Seelenführer in dem Maße erstehen, wie sie gesucht und gebraucht werden.“ Schon die alten Wüstenväter zur Zeit des heiligen Antonius haben sich nicht selbst zum Lehrer ernannt, sondern wurden gesucht und gezielt um Weisung gebeten. Haben wir also ruhig den Mut, aktiv auf die Suche zu gehen nach einem Menschen, der im Geist der Bibel zu leben versucht und darin bereits eine gewisse Erfahrung hat. Und haben wir umgekehrt auch den Mut, Zeugnis zu geben von unserem eigenen geistlichen Weg, wenn andere uns darum bitten.

Schließlich und keineswegs zuletzt sei auf eine, wenn nicht die untrügliche Hilfe zum Verstehen der Heiligen Schrift hingewiesen: das Gebet. Schon der große Origines schrieb einst in seinem Brief an Gregor Taumaturgus, 4: „Wer nicht findet, was er sucht, wer den gelesenen Text nicht versteht, muss Gott anrufen und ihn bitten, ihn erkennen zu lassen; so wird die Lesung zum Gebet, denn es ist absolut notwendig zu beten, um die göttlichen Dinge zu verstehen. Nur Gott selbst kann unsere tauben Ohren öffnen und unsere verhärteten Herzen geschmeidig machen. Nur er selbst kann uns auch im Tiefsten den Sinn und die Bedeutung eines Textes für unser persönliches Leben eröffnen.  „Effata“ – öffne dich. Das ist der Ruf, dem wir uns Tag für Tag anschließen sollten, wenn wir mit der Lesung beginnen

Mein Weg mit dem persönlichen Bibel-Tagebuch

Ich möchte nun von einem ganz persönlichen Weg berichten, der für mein geistliches Leben prägend geworden ist. Es ist der Weg eines Tagebuches mit der Heiligen Schrift, der uns lehren kann, hinter dem Buchstaben den Geist zu entdecken – jenen Geist, der uns bewegt und der die Worte der Bibel zu Worten des Lebens, zu Worten meines ganz persönlichen Lebens macht. Lesen und Leben gehören zusammen. Die Bibel will vom Lese-Buch zum Lebens-Buch werden.  Dies gelingt allerdings nur dann, wenn die Lesung zweckfrei und absichtslos geschieht und allein darin besteht, die Botschaft wirklich mit wachem inneren Ohr zu hören und zu schmecken. Es geht dabei mehr um Verkosten als um Studieren, mehr um Staunen als um Erörtern, mehr um Weisheit als um Wissen. Man sieht nur mit dem Herzen gut – sagte der große Antoine de Saint-Exupéry. Man darf dieses Wort wohl auch abwandeln: man liest nur mit dem Herzen gut.

Wie so oft im Leben entstand bei mir die Idee, ein Bibel-Tagebuch zu führen, eher „zufällig“. Irgendwann in meinem Leben begab ich mich auf die Suche nach einem Geländer, das mir Halt und Orientierung geben konnte, nach einem Weg, der mir die Heilige Schrift ganz persönlich erschließen und nahe bringen konnte. Was lag da näher als ein Bibel-Tagebuch zu schreiben? Schon nach kurzer Zeit bildete sich ein fester Ablauf heraus, den ich bis heute weitgehend beibehalten habe. Zunächst besorgte ich mir eine Tagebuch-Kladde. Dann begann ich, täglich zu einer bestimmten immer gleichen Zeit und an einem bestimmten Ort, den ich mir einmal für immer gewählt habe, die Heilige Schrift zur Hand zu nehmen. Zunächst lese ich das jeweilige Tagesevangelium(z.B. aus dem TeDeum oder aus dem Schott) als Ganzes langsam, Wort für Wort, halblaut vor mich hin. Ich betrachte den Text und denke zunächst darüber nach, was der Kerngedanke und die Grundaussage dieses Abschnitts sein könnte.

Danach lese ich den Text ein zweites Mal – diesmal leise. Ich verkoste den Text in aller Ruhe und stoße meist schon hier auf ein Wort oder auf einen Gedanken, der mich persönlich in besonderer Weise anspricht oder herausfordert. Dort verweile ich. Dann schreibe ich den entsprechenden Satz, Teilsatz oder auch nur ein einziges Wort des Textes in mein Tagebuch. Hinzu füge ich das Datum des jeweiligen Tages.

Nun lasse ich mich von diesem ausgewählten Text tief in meinem Inneren ansprechen. Was will Gott mir mit diesem Text sagen? Was bedeutet dieses Wort hier und heute für mein ganz persönliches Leben? Kann ich es einlösen oder steht es in Spannung zu mir? Fühle ich mich bestätigt oder herausgefordert? Was kann und sollte sich ändern in meinem Leben, wenn ich dieses Wort oder diesen Text ernst nehme?

Dann schreibe ich auf, was in mir gewachsen oder auch nur hochgekommen ist. Dabei gibt es für mich keine Tabus – ich möchte radikal ehrlich sein vor Gott und auch vor mir selbst. Manchmal ist es ein Ringen und ein Kämpfen, manchmal eine Ermutigung und ein Trost, manchmal eine Entdeckung oder auch eine ganz neue Erfahrung mit mir selbst. Zumeist mündet mein Tagebuch-Eintrag dann ein in ein selbstformuliertes Gebet: in Lob oder Dank, Klage, Schrei oder Fürbitte. Auch hier gilt: alles darf sein, alles darf zum Gebet werden. Mit diesem Gebet endet meine Schrift-Lesung.

Erfahrungen und Einsichten

Wenn ich Ihnen nun in einem dritten Schritt von meinen Erfahrungen mit dem Bibel-Tagebuch berichte, so könnte ich diese in einem Wort zusammenfassen: das Tagebuch ist mir zum Lebensatem geworden. Es hilft mir zu leben. Es schenkt mir den Sauerstoff, den ich brauche, um mein tägliches geistliches Leben zu leben. Es verleiht mir Kraft, Ausdauer und Ruhe. Es befruchtet mein Herz und meinen Geist und gibt mir immer neue Nahrung für den Alltag.

Vor allem aber hat mich das Tagebuch – darauf möchte ich vertrauen – Gott ein Stück näher gebracht. Es hilft mir, täglich neu zu versuchen, in Seiner Gegenwart zu leben, alles aus Seiner Hand entgegen zu nehmen. Vielleicht, so hoffe ich, hat es mich auch ein kleines Stück wahrhaftiger werden lassen und mir Schritt für Schritt ein Gespür dafür vermittelt, wer ich bin vor Gott und andererseits, wer Gott ist für mich.

Das Tagebuch hat mich schließlich auch mir selbst ein Stück nähergebracht. Es hat mich eigene, längst vergessene oder auch ganz aktuelle Lebenserfahrungen besser verstehen lassen. Es hat Freuden, aber auch Lebenswunden ans Licht gebracht und sie einem langsamen Prozess der Heilung unterzogen. So hat das Bibel-Tagebuch mein Leben verändert. Es hat sicher auch mein Verhältnis zu den anderen, zu meiner Gemeinschaft, zu meinen Freunden und zu den mir anvertrauten Menschen geprägt.

Dies alles will nicht heißen, dass der Weg nicht oft auch mühsam war. Aller Anfang ist und war auch bei mir schwer. Nicht selten überkommt einen das Gefühl des Längst-Bekannten. Manch leere Seite oder leere Daten zeugen heute noch davon. In solchen Zeiten war und ist es wichtig, trotz aller inneren Widerstände dabei zu bleiben – nicht aufzugeben. Nicht jede Frucht kann man sofort ernten. Wenn ich heute mein Bücherregal anschaue, dann finde ich darin viele vollgeschriebene Kladden. Dahinter verbirgt sich mein geistiger und geistlicher Lebensweg – mit all seinen Kreuzungen, mit seinen Umwegen, mit seinen Stolpersteinen, mit seinen Wüsten, aber auch mit all seinen Oasen und Höhenerfahrungen, mit Freudenzeiten und unverdienten Glücksmomenten.

Manchmal blättere ich auch zurück, nehme eine alte Kladde zur Hand, um zu schauen, was ich mir zu einer Stelle vor zwei Jahren, vor fünf Jahren oder gar vor zehn Jahren notiert habe. Eine lineare Entwicklung findet sich da nicht, wohl aber ein hauchdünner roter Faden, der den Sinn all dessen, was ich erlebt und erfahren habe, erahnen lässt. Das macht mich froh und auch dankbar.

Am Schluss bleibt mir eigentlich nur noch der Wunsch an Sie, es selbst zu versuchen. Machen Sie sich auf den Weg und lassen Sie sich dabei ganz von Gottes Geist führen. Er selbst wird uns, wie verheißen ist, in die ganze Wahrheit einführen. Er selbst ist es, der uns auf dem lebenslangen Weg hinein in die Tiefen seines und unseres Geheimnisses begleitet.

Von Sr. Philippa Rath OSB

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Benediktinische Gedanken zu Psalm 34

Die Aufforderung zum Hören ist das Signalwort der Regula Benedicti (RB). Es eröffnet und strukturiert den gesamten Regelprolog und bringt programmatisch zum Ausdruck, wie der Mönch die Heilige Schrift lesen und lernen soll: als lauschender Hörer des Wortes, der das Ohr seines Herzens neigt (obsculta et inclina aurem cordis tui, RB Prol. 1). Überblickt man die Struktur des Regelprologs, so gruppieren sich um dessen Sinnmitte zwei Psalmenerklärungen: der Weg zum Leben (Psalm 34) und der Weg zum Wohnen im Zelt (Psalm 15).

Im Prolog der Regel steht Psalm 34 an exponierter Stelle und gibt dem eigentlichen Berufungsdialog (RB Prol. 9-18), der ganz und gar vom Hören geprägt ist, allein in diesem Abschnitt wird siebenmal das Wort audire/hören genannt, seine besondere Gestalt. Der Ordensvater Benedikt will ein flüchtiges Lesen verhindern und stellt darum an den Anfang seines Psalmenkommentars ein klangmalerisches Signal. Er mahnt dazu, mit „angedonnerten Ohren“ (adtonitis auribus, RB Prol. 9) auf die laut rufende Stimme Gottes zu hören und fügt subito piano nachforschend hinzu: „Und was sagt er?“. Die Frage „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ (34, 13), wird in der Benediktusregel zu einer persönlichen Motivationsfrage, die vitale Bedürfnisse anspricht, die tieferen Beweggründe hinterfragt und herausfordernd ergänzt: „Wenn du wirkliches und ewiges Leben haben willst, dann …“ (RB Prol. 17). Der Mensch wird hier als homo viator vorgestellt, dem Psalm 34 als Kompass auf dem Lebensweg dient: „Ecce pietate sua demonstrat nobis dominus viam vitae“ (RB Prol. 20). Vor jeder menschlichen Initiative steht die Erfahrung, dass Gott es ist, der zuerst gesucht, angesprochen und herausgerufen hat. Zwischen Berufung und Zumutung liegt nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Lust und die Last der Freiheit, sich dieser unausweichlichen Grundentscheidung zu stellen, und sie persönlich zu beantworten.

Beachtenswert ist besonders der letzte Vers des Psalmenkommentars der Benediktusregel, der sinngemäß der Nukleus des Prologs ist: „Gürten wir uns [a] also mit Glauben und Treue [b] im Guten [c], und gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege [d], damit wir gewürdigt werden [c’], ihn, der uns in sein Reich gerufen hat [b’], zu schauen [a’]“ (RB Prol. 21). Dieser kunstvoll gestaltete Vers, den man als kleinen Chiasmus darstellen kann, fasst Psalm 34 prägnant zusammen: Am Anfang steht der Aufbruch, das sich Gürten (34, 5). Am Ende das Ziel, das Sehen (34, 9). Der Glaube kommt aus dem Hören, dem Ruf und der Berufung (34, 3.12) und konkretisiert sich in der Übung guter Werke (34, 14f). Im Zentrum steht der homo viator, der der Führung und Schulung bedarf. Die Ausgangsfrage (34, 13) wird im Regelprolog mit dem Hinweis beantwortet, sich der Unterweisung der gesamten heiligen Schrift, die hier personifiziert wird, anzuvertrauen. Der Weg des Gehorsams, der Demut, der Gottesfurcht, des Lobpreisens, des Schweigens, des Leidens und der Liebe erweist sich als Weg konkreter Nachfolge. Im Kontext der Benediktusregel ist Christus selbst der Lehrer, der hier ruft und mahnt, und der sich unter der Chiffre des Weges an die Seite des Armen und Suchenden stellt. Vers 21 des Prologs veranschaulicht in nur einem Satz die zeitliche und existenzielle Erstreckung dieser lebenslangen Pilgerschaft: Vergangenheit: vocavit (er hat uns gerufen), Gegenwart: pergamus (lasst uns gehen), Zukunft: ut mereamur videre (damit wir gewürdigt werden, zu sehen).

Der kleine Psalmenkommentar der Benediktusregel zu Psalm 34 skizziert die Voraussetzungen, um das in Aussicht gestellte Ziel auch erreichen zu können. Er appelliert und ermutigt aber zugleich, möglichen Widerwertigkeiten zum Trotz, in dieser Schule (dominici scola servitii, RB Prol. 45) auszuharren und auf dem Weg der Gebote Gottes (viam salutis, RB Prol. 48) mutig voranzuschreiten; wissend, dass sich dadurch zwar nicht die Wegstrecke, wohl aber das Herz weitet. Die dialogische Dimension (Frage-Antwort, Anruf-Aufnahme) verdeutlicht zudem, dass ein persönliches Bekenntnis ein Ich und ein Du voraussetzt, das sich in einem Wir, in einer Gemeinschaft, erschliesst. Psalm 34 erschöpft sich nicht in Belehrungen und Entscheidungshilfen; die Weisung des Psalms ermöglicht ein Hineinleben in eine gesättigte Lebenserfahrung und Lebensform. Die persönliche Antwort vollzieht sich als ein Einstimmen, ein Aufnehmen und Aufgenommenwerden in die Entscheidung, die bereits als Gabe vorgegeben ist. In der Mitte des Psalms und im Zentrum des Regelprologs wird deutlich, dass dies ein immerwährender Lernprozess ist. Und mehr noch: Das Mitlernen und Mitfragen mit dem suchenden Menschen übersteigt jeden bloß organisatorischen Rahmen. Aus Paränese (I) und Theorie (II) will ein achtsamer, gereifter und lebendiger (Mit-)Vollzug werden.

Hüte deine Zunge!

Der Psalm dreht sich buchstäblich um den Spruch: Hüte deine Zunge! (Nezor LeSchoncha). Zum Lohn dafür verspricht David langes Leben und gute Tage. An diese erstaunliche Unverhältnismäßigkeit von Tun oder vielmehr Unterlassen und Ergehen hat einer der Tora-Riesen unserer Zeit, Rabbi Israel Meir HaKohen Kagan (1883-1933) aus Radin in Polen, mit einem umfassenden Regelwerk angeknüpft, das er nach Psalm 34, 13 unter dem Titel Sefer Chofez Chajim, Buch des Lebenbegehrenden veröffentlichte. Da Tora-Meister gewöhnlich nach ihrem Hauptwerk genannt werden, ruft man den Verfasser eines der bedeutendsten zeitgenössischen rabbinischen Kodizes (Mischna Brurah) allgemein Chofetz Chajim, Lebenbegehrender. Die Regel des heiligen Benedikt zählt 73 Kapitel, das 6. Kapitel befasst sich mit der Schweigsamkeit (De taciturnitate). Der Chofez Chajim widmet allein diesem Punkt 19 Prinzipien (Klalim) und 180 Regeln. In seinem Buch vom Zungenhüten (Sefer Schmirat HaLaschon) begründet er jene Disproportion von Imperativ und Sanktion mit drei moraltheologischen Überlegungen. Erstens ist die scheinbar lässliche Sünde der bösen Zunge (Laschon HaRa) ein folgenschwerer Anfangsfehler, der mehr als jede andere Sünde einen Rattenschwanz von weiteren Sünden nach sich zieht. Wer umgekehrt seine Zunge im Zaum hält, wird sich daran gewöhnen, nicht nur den Ruf, sondern auch das Eigentum und das Leben des Nächsten zu respektieren, so dass er sich mit der Zeit überhaupt keine Pflichtverletzungen mehr gegen ihn zuschulden kommen lassen wird (Tor der Erinnerung 1). Die Gesetze gegen üble Nachrede, Verleumdung, Beleidigung, Verhetzung, Anzeigen, Anklagen und dgl. erfüllen also auch einen wichtigen erzieherischen Zweck: sie lehren die Unantastbarkeit des Anderen. Der zweite Grund dafür, dass die Zunge das Organ der schlimmsten Sünde wie der größten Tugend sein kann, schöpft der Chofez Chajim aus der Lehre der Elemente. Betrachtet man nämlich die vier Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer), dann erkennt man sofort, wie sehr die spirituellen Elemente die materiellen überwiegen, so dass die Letzteren geradezu als quantité negligeable erscheinen. Naturgemäß überwiegen deshalb auch Gebote und Strafen, die mit Wort und Geist zu tun haben, bei weitem sämtliche Gebote und Strafen, die mit dem Körper verbunden sind (ebd.). Der dritte Grund rührt aus den schweren Folgen, die auch gerechte Urteile haben können. Um es kurz und, anders als der Chofez Chajim, ohne kabbalistische Umschweife zu sagen: Urteile vergiften auch dann, wenn sie zu Recht fallen die Atmosphäre. Sie fallen keineswegs nur auf ihre Urheber zurück, sie setzen vielmehr Strafverfolgungen in Gang, die letztendlich allen Schaden zufügen und ein Gemeinwesen zerstören können. Es ist eigenartig, diesen strengen Rabbiner dem Übersehen der Fehler und Sünden, der Versöhnung und dem Frieden das Wort reden zu hören (Tor der Erinnerung 2). Aber gerade damit wird er unserem Psalm gerecht: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“

Martyrium

Während Psalm 34 im Officium per annum eher selten vorkommt, einzig Vers 9 als wohl ältester Kommuniongesang, wird er in der Liturgie für die Gedenktage der Märtyrer auffallend häufig vertont. Zum Introitus (Eingangsgesang) und als Graduale (Antwortgesang auf die erste Schriftlesung) deuten ausgewählte Verse und zentrale Begriffe den Zusammenhang von Bekenntnis und Verfolgung: beständiger Lobpreis (2), Gottesfurcht (10), Gottsuche (11), Errettung aus Ängsten (18), Leiden des Gerechten (20), Schutz (21).

Die Taufspiritualität der Alten Kirche greift diese Dynamik auf und deutet Psalm 34 in vielen Taufkatechesen für Taufbewerber und Neugetaufte als Lehrstück für ein entschiedenes Christsein. Die beständige Gottsuche (V. 5.11), die auch im benediktinischen Mönchtum fortwährendes Kriterium für die Echtheit einer Berufung bleibt (vgl. RB 58,7), wird Lernziel und Lerninhalt der Unterweisung. Der Aufruf zur Umkehr, zu der jeder Getaufte seiner Taufwürde entsprechend bleibend aufgefordert ist, verwirklicht sich in dem persönlichen Bekenntnis der Glaubenszusage und in der entschiedenen Passion für Gott: Leidenschaft und Leidensbereitschaft gehen Hand in Hand. Die mystagogischen Katechesen sehen daher eine Analogie zwischen Taufe, Mönchsprofess und Martyrium. Tauf- und Professriten tragen zunehmend einen personalen Sendungscharakter. So beginnt der Professdialog mit dem zentralen Vers 12 „Venite filii audite me timorem Domini docebo vos“, worauf der Profitent seine brennende Taufkerze zur Hand nimmt und mit einem Vers aus dem Buch Daniel antwortet: „Nun folge ich dir aus ganzem Herzen. Ich fürchte dich und suche dein Antlitz zu schauen. Herr, verlass mich nicht, sondern handle an mir nach deiner Güte und nach deinem großen Erbarmen“ (Dan 3,41f.). Der Wandel vom blutigen Martyrium der ersten Jahrhunderte zum sogenannten „weißen Martyrium“ des Mönchtums, führt damit zu einer neuen Lesart der Taufmotivation und auch der Psalmen. Der Lebensweg der entschlossenen Hingabe erschließt sich nun als beständige Ausrichtung des Lebens coram Deo: in lobpreisender Nachfolge und in einer konkreten Gemeinschaft (vgl. Ps 34, 1-11). So wird das Zeugnis (Griechisch: martyrion) auf Dauer gestellt, und die Gottsuche zur lebenslangen Aufgabe.

Psalm 34 prägt als Leitmotiv die Gesänge der Märtyrerfeste und verbindet Nachfolge und Hingabe des Einzelnen mit der Indienstnahme für alle. Wer ein glückliches Leben sucht (13), wird dies in der Gottesfurcht finden. Nicht fern aller Bedrängnis, sondern durch sie hindurch (20) ist die Güte des Herrn mit allen Sinnen zu erfahren (kostet, seht, 9). Die Gottesfurcht hat nichts mit krankhafter Ängstlichkeit zu tun. Sie kennzeichnet vielmehr das Leben in Gottes Gegenwart als beständige Suche und Hinwendung des Herzens. Da die Herzensbildung grundlegend für ein geistliches Leben ist, erscheint sie in der Benediktusregel als erste Stufe der zwölfstufigen Demutsleiter: „Der Mensch achte stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, Gott je zu vergessen.“ (RB 7,10). Wer nicht schon auf der ersten Sprosse ins Straucheln geraten will, darf diese nicht voreilig und allzu zielstrebig überspringen wollen. Als indica, als Wegweiser und Zeichen, markiert die Gottesfurcht den Anfang und die Fortdauer jedweder Unterweisung, die zum Leben führt (Ps 34, 12).

Schabbat

Das Gebet des Vorbeters David in der Höhle ist zum festen Bestandteil der Gebete der Synagoge und der Kirche geworden. In der Synagoge gehört er zu den Psalmen des Morgengottesdienstes am Schabbat (Psuke DeSimra). Dort figuriert er in den meisten Gebetsordnungen an zweiter Stelle nach Psalm 19. Man kann sich fragen, was der Psalm 34 mit dem Schabbat zu tun hat. Anders als in Psalm 92 fällt das Wort Schabbat nicht und auch das Schöpfungslob des Ps 19 fehlt. Andererseits deutet vielleicht der obstinate Siebener-Rhythmus, der die drei Teile des Psalms durchzieht auf den Schabbat. Versteht man unter Schabbat nicht nur den 7. Wochentag, sondern einen Daseinszustand, eine alternative Lebensform, dann zeugt die Wahl des Psalms für die Schabbat-Liturgie von einem tieferen Verständnis. Die Veränderung (LeSchanot) des Verstandes, die die Überschrift von David berichtet, ist in einem gewissen Sinn auch am Schabbat erforderlich, eine Umstellung der profanen Denkungsart, ähnlich wie die bei frommen Juden zu beobachtenden Umschaltung der Gangart von presto auf lento, der sogennante „Schabbesgang“. Ja, das gleiche Wort, Schnui, ist ein Begriff des Schabbat-Gesetzes, der besagt, dass eine verbotene Arbeit nicht strafbar ist, wenn sie am Schabbat anders, gleichsam mit der „Rückhand“ (Kilachar Jad) ausgeführt wird. Es stimmt, der Psalm enthält keine schöpfungstheologischen Anknüpfungspunkte, wohl aber befreiungstheologische. Man darf nicht vergessen, dass der Schabbat, wenigstens nach der zweiten Version der 10 Gebote eine Fiesta de la libertad ist, die den Auszug aus dem Sklavenhaus kommemoriert und allen Hausgenossen, vom Hausherrn bis zum Vieh Frei gibt (Deut 5, 14-15). In dieser sozialrevolutionären Hinsicht entspricht das Haus der Freiheit, der Höhle Davids, sie sind Reservate des Gebets, des Lernens, der Ruhe und des Glaubens.

Lebensprogramm

In den Apophtegmata Patrum, den Vätersprüchen des frühen Wüstenmönchtums, findet sich folgende Erzählung: „Die Brüder bringen zu Abbas Abraham Pergament und bitten ihn, einen langen Text zu schreiben. Aber er schreibt nur den Vers Psalm 34, 15: ,Meide das Böse, und tu das Gute, suche den Frieden, und jage ihm nach.‘ Die Brüder sagen ihm: ,Schreibe uns doch den vollen Psalm.‘ Doch er antwortet: ,Wenn ihr euer ganzes Leben dem Programm dieses einen Verses angepasst habt, dann werde ich euch einen anderen Text schreiben“ (Coll. Arm. X, 67).
Programmatische und pointierte Worte: Wer wissen will, wie gläubiges Leben gelingen kann, der benötigt, so legt es Abbas Abraham nahe, nicht umfassende Information, sondern ein „Lehrstück“, das sich durch den Vollzug erklärt und das die Reifung des Erfahrenden ermöglicht. Teilgabe an einer lebendigen Tradition will performative Lehre sein. Denn ein Lebensprogramm, das nur gedacht, aber nicht vollzogen wird, wäre nur die halbe Wahrheit und bliebe auf halber Strecke stehen. Daher gilt: meide, tue, suche, jage nach (34, 15). Ein solch zunehmend verständiges Sich-Einüben buchstabiert Psalm 34 von A bis Z durch.

Von Sr.Raphaela Brüggenthies OSB

Benediktinische Aktualisierung von Psalm 1, 2 und 3

Weg nach Innen.

Ora et labora, so lautet die bekannte Kurzformel, mit der benediktinisches Ordensleben gerne zusammengefasst wird: bete und arbeite. Doch es fehlt der Losung mit ungeklärter Herkunft das dritte Standbein, die Tora. Ora et labora et lege – bete, arbeite und lies, so müsste es vollständig heißen.

In seiner Regel gliedert der Ordensvater Benedikt das Kalenderjahr in drei Zeitfenster, denen er ein unterschiedliches Maß an Arbeit, Gebet und Lesungszeit zuordnet. Zugleich reserviert er für das Studium der hl. Schrift, der sogenannten Lectio Divina (RB 48,1), einen besonderen Zeit- und Schutzraum: Die Mönche sollen zu bestimmten Stunden frei sein für die Lesung. Siebenmal gebraucht er innerhalb weniger Verse dafür das Wort vacare, um auf die Notwendigkeit der Spannungseinheit und deren qualitative Prägung hinzuweisen: frei sein (vacent lectionibus), um sich eifrig und aufmerksam der Meditation der hl. Schrift (intentus lectioni) widmen zu können. Kurz: Die Benediktusregel, komprimiert in dem Dreisatz ora et labora et lege, erweist sich als eine Bauidee mit Elastizität. Sie bietet einen hermeneutischen Rahmen und zugleich die Freiheit für Adaptionen und Reinkarnationen. Die Lectio Divina soll den, der sich in die Schrift vertieft und sie verinnerlicht, befähigen, sich auf das Wort Gottes, das buchstäblich in Anspruch nimmt, einzulassen, es existentiell zu erschließen und im Leben zu verwirklichen. Das verbindende „et“ zählt nicht ein minutiös getaktetes Nebeneinander auf. Es geht vielmehr um die innere Verbindung dreier Grundhaltungen und die Konjunktion des gesamten Lebens unter der Führung der göttlichen Weisung: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat“ (RB Prol. 1).

Das Erkannte soll im Tun sichtbar werden.
Prolog der Benediktusregel und Proömium des Psalters stellen gleichermaßen das Porträt eines glückseligen Menschen vor, der aus dem lebendigen Kontakt mit dem Wort Gottes lebt und der seine „Freude hat an der Weisung des Herrn“ (V.2). Er hält sich nicht auf, wo er sich nicht aufhalten soll (V.1); er begibt sich nicht auf das abschüssige Gefälle vom Gehen, über das Stehen, bis hin zum sich niederlassen und festsetzen auf der „cathedra pestilentiae“ (Abstraktum der Vulgata).

Drei Verben der Bewegung führen über eine Antiklimax zum Stillstand: gehen, stehen, sitzen. Von den drei negativen Darstellungen einer sich zunehmend verengenden Sicht- und Handlungsweise (auch die Cathedra der Pestilenz folgt einer logischen Sukzession: vom weiten Rat, über den schmalen Weg bis zum kleinen Kreis), hebt sich die Freiheit des selig zu preisenden Mannes ab. Dieser verortet sich ganz in der Tora, in der Weisung des Herrn, und sinnt über sie nach bei Tag und bei Nacht (in lege Domini meditabitur die ac nocte, V.2). Er versenkt sich in das Wort – und hält im wahrsten Sinn Lectio Divina, „damit wir uns das, was wir murmelnd immerfort wiederholen, im Glauben zu eigen machen“ (Liber Horesi 51). Die monastische Tradition nennt das ruminatio – wiederkäuen, und umschreibt damit eine mystisch-aszetische Grundhaltung beständiger Meditation. Der Gerechte (Zaddik, V.5f.) schluckt nicht einfach das Gesetz, er kaut es wortwörtlich durch. Und wie sich bei der Nahrungsaufnahme Energie und Nährstoffe erst durch bedächtiges Kauen freisetzten, so verhält es sich auch hier mit der stetigen Wiederholung der Worte der Tora. Die Lust am Gesetz, das unerschöpfliche und schöpferische Nachsinnen eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Vertiefung, des Verstehens und der Identifikation: „Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt“. Wurzeln schlagen, um sich entfalten zu können: „Alles was er tut, wird im gelingen“ (V.3). Mehr noch, er ist sogar dem natürlichen Kreislauf der Vergänglichkeit enthoben. Das Laub bleibt paradiesisch immergrün, seine Blätter „welken nicht“ (V.3).

Was im 12. Jahrhundert zum klassischen Vierschritt der Lectio Divina wird (Guigo II., Scala claustralium), finden wir hier bereits in nur einem Vers vorgebildet:

1. lectio – die beständige Wässerung des Baumes (V.3a) – wachsame Lesung der hl. Schrift
2. meditatio – der langsame Reifungsprozess der Frucht (V.3b), die dann zur rechten Zeit ihren Saft und Geschmack abgibt – ständige Wiederholung und einübende Verinnerlichung des Gelesenen
3. oratio – die belebende Wiederholung und Erneuerung der Grünkraft (V.3c), damit die Erkenntnis nicht welkt – Antwort auf die Anrede Gottes
4. contemplatio – der neue Gesichtspunkt des Handelns (V.3d) – Verweilen in der Gegenwart Gottes

Gegenbild dazu ist die Unstetigkeit der Frevler, die wie der nutzlose und unfruchtbare Überrest des Getreides (Spreustaub = der letzte Dreck) vom Wind verweht werden (V.4). Ihnen fehlen Beständigkeit und Ausdauer, etwas durchzustehen. Weder im Gericht noch in der Gemeinde der Gerechten haben sie einen Standort. Mangelnde Zugehörigkeit, die in Isolation und Dissoziation führt. Dass der Wind sie zerstreut, erscheint hier jedoch nicht als Strafe. Es steht spiegelbildlich für die Gottlosigkeit, die in den Abgrund des Chaos führt. Flüchtig und ruhelos (vgl. Gen 4,12), wie Kehricht vom Wind gejagt. Doch nicht allein die Existenz der Frevler verliert sich. Das letzte Wort von Psalm 1 weist darauf hin, dass der Irrweg selbst vergehen wird. Damit ist auch eine alphabetische Klammer, ein Wegweiser vom ﬡ (Aschre, V.1) bis zum ﬨ (Tobed, V.6) gesetzt. Der Mensch muss sich je neu entscheiden, positionieren, verorten.

Die Letztbeurteilung der Wegverläufe liegt jedoch bei Gott, der allein die ganze Strecke überblickt und eigene Maßstäbe hat (vgl. Mt 7,13-14). Der Mensch auf der Wegkreuzung aber kann sich bereithalten, um aus der gelebten Gottesbeziehung heraus seine Schritte frei zu setzten: „Denn JHWH kennt den Weg der Gerechten“ (V.6). Dieses „Kennen“ (Jodea) meint eine liebende Zuwendung und spricht zugleich von einer Vertrautheit, die sich einer lebendigen Beziehung verdankt. Der Weg des Gerechten ist ein von JHWH „umsorgter“ (Romano Guardini, Deutscher Psalter). Aus dieser Verwurzelung heraus vermag der Mensch, sich zu allem, was ihm begegnet, ihm entgegentritt oder verleitet, zu verhalten. Verwurzelt zu sein an den Quellbächen der Tora, das Ohr des Herzens zu neigen, das Wort zu schmecken (vgl. Jer 15,16; Ez 3,1-3) und seinen Weg zu gehen – das sind Perspektiven, die zur Grundsituation eines freien, aber immer auch fragilen und fraglichen Lebens gehören.
Anders gewendet: Die Lectio Divina fördert geistige und seelische Beweglichkeit und Ausdauer, um bei gesellschaftlichen Überzeugungen und materiellen Gütern nicht einfach stehen oder gar kleben zu bleiben. Durch beständiges Fragen und Suchen erweist sie sich als Ort „fortschreitender“ Gottesbegegnung, denn mit Gott tritt man nicht auf der Stelle (Dietrich Bonhoeffer).

Am Ziel.

Am Aschermittwoch, dem Beginn der österlichen Bußzeit, intoniert der Gesang zur Kommunion Psalm 1,2: „Qui meditabitur in lege Domini die ac nocte, dabit fructum suum in tempore suo“. Möglich, dass damit der Umkehrweg der Fastenzeit beschrieben werden soll: was in diesen 40 Tagen an guten Vorsätzen und Bußübungen gesät wird, möge am Osterfest reiche Frucht tragen. Die Neumen der Communio legen allerdings einen Betonungsschwerpunkt und eine bewusste Verlangsamung der Melodie auf die Worte „in tempore“ – zu seiner Zeit. Nachlässigkeit im Auskosten der Lectio Divina, lässt auf die Dauer unfruchtbar werden im Guten (Cassian, Inst. 10,2,1). Wer sich die Schriftworte nicht durch beständiges Wiederkäuen einverleibt, verliert mit der Zeit Substanz. Fehlt die äußere Ruhe, geht auch die innere Dynamik verloren. Die Gangart des Schweigens will Distanz gewinnen und zugleich Bewegungsfreiheit bewahren und sich gerade nicht vereinnahmen lassen von Zwängen und Meinungen. Eine Erfahrung, die zwei Altväter pointiert ins Wort bringen: „Altvater Sisoes sagte: Schweigen heißt pilgern!“ (Vitae Patrum 7,32,4). Und Altvater Moses: „Geh, setz dich in deine Zelle, und die Zelle wird dich alles lehren“ (Vitae Patrum 5,2,9).
Die erste Prozession am Aschermittwoch war der Gang zum Empfang des Aschenkreuzes, begleitet von den Worten: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst. Kehr um, und glaub an das Evangelium.“ Die zweite Prozession ist der Gang zur Kommunion, begleitet durch das melodische Vor-sich-her-Summen von Psalm 1,2. Fruchtbringen zu dürfen, zu seiner Zeit, entlastet vor falscher Askese und vermeintlich guten Wegen, damit nicht die ichbezogene vana gloria im Weg steht dem „Freisein für Gott“.

Von Sr. Raphaela Brüggenthies OSB

Ich bin …: Selbstoffenbarung – Verheißung – Auftrag

In der Heiligen Schrift begegnen uns an vielen Stellen – im Alten und im Neuen Testament – sog. ICH-BIN-Worte Gottes oder Jesu. Allein im Johannes-Evangelium finden wir 26 Mal solch ein Ich-bin-Wort aus dem Mund Jesu. Und oft ist dieses Ich bin verbunden mit einem Bild, mit einem zumeist ganz einfachen, urtümlichen und selbstverständlichen Bild. Wir kennen sie alle, diese ‚Ich bin-Worte‘: Ich bin die Tür, der Weg, das Brot, der Hirt. In diesen Ich bin-Worten steckt Dreierlei: Da geschieht zunächst einmal Offenbarung und Selbstoffenbarung. Jesus sagt in diesen Bildern etwas von sich, wer er ist. Aber das ist nicht einfach nur eine Information – nach dem Motto: wir fragen, bekommen Antwort und sind hinterher schlauer als zuvor.

Nein, das, was Jesus von sich sagt, das geht noch weiter, das geht uns direkt und ganz persönlich an. Und darum steckt in diesen Worten neben der Selbstoffenbarung zum zweiten immer auch eine Einladung an uns: Wie stehe ich zu dem, was Jesus mir da von sich sagt? Was bedeuten diese Bilder für mein Verständnis und mein Verhältnis zu Jesus Christus. Wie ist mein Gottes-verständnis durch diese Bilder geprägt? Das wäre die zweite Ebene. Und drittens schließlich enthalten diese Ich-bin-Worte auch eine Verheißung und Berufung und damit ein Stück Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Wer bin ich und was soll ich eigentlich?

Jedem einzelnen von uns sind diese Ich-bin-Worte ganz persönlich zugesprochen. Wir sollen sie uns zu Eigen machen. Ich persönlich bin das Brot, die Tür, der Weg, der Hirt oder die Hirtin. Es könnte also spannend sein, den Ich-bin-Worten einmal nachzugehen, sie in mir, in uns, in meinem und in unseren Leben konkret Wirklichkeit werden zu lassen.

Versuchen wir es jetzt einmal bei einigen ausgewählten Ich-bin-Worten :

Ich bin … das Alpha und das Omega

Gott ist der Urgrund allen Seins und das Ziel der ganzen Schöpfung. Er hält unser Leben umfangen – vom Anfang bis zum Ende. Das ist eine tröstliche Gewissheit, gerade in schweren Zeiten, zugleich aber auch eine Heraus-forderung an unseren Glauben. Glauben wir wirklich daran, dass er, Gott allein, das Alpha und das Omega ist, dass er den Anfang setzt und auch das Ende bestimmt? Wie steht es mit meiner Bereitschaft, Gott als den Herrn meines Lebens und der Geschichte anzuerkennen und nicht selbst über alles bestimmen zu wollen? Bin ich bereit, mich einzusetzen für die in Gott begründete Würde des Menschen – vom ersten bis zum letzten Atemzug?

Ich bin … der Ich-bin-da

Welch‘ ein Name ist das. Ich bin der Ich-bin-da. Gott ist immer und überall gegenwärtig. Er ist da, wo immer ich auch bin. Er ist über mir, er ist unter mir und er ist neben mir. Er steht hinter mir, er begleitet mich und geht mir voraus. In allen Begebenheiten meines Lebens, in allen Begegnungen und Widerfahrnissen spricht er mich an. Wenn wir daran wirklich glauben, dann eröffnen sich neue Horizonte und neue Perspektiven. Dann lernen wir unser Leben als ein von ihm geführtes ganz neu kennen und lieben. Dann werden wir dankbare Menschen und können auch unbegreifliche Wege und uns fremd erscheinende andere Menschen annehmen. Denn der Ich-bin-da spiegelt sich in jedem Antlitz und in allem, was geschieht.

Ich bin … das Licht der Welt

Licht spendet Leben. Ohne das Licht, ohne die Sonne, würde kein Leben wachsen und reifen. Ohne das Licht können wir weder mit unseren äußeren Augen sehen noch mit unserem inneren Auge verstehen und begreifen. Denken wir an die Blindenheilungen in der Bibel. Jesus öffnet den Blinden die Augen im doppelten Sinn. Sie können wieder sehen und sie erkennen in Jesus Christus den menschgewordenen Sohn Gottes und folgen ihm nach. Mit wie viel Blindheit sind auch wir oftmals geschlagen. Nicht selten müssen wir ganz neu sehen lernen. Menschen und Ereignisse erscheinen dann in ganz neuem Licht. Ihr seid das Licht der Welt. Wenn wir uns das gesagt sein lassen, dann verändert sich unsere Sichtweise, dann wird die Welt in uns und um uns herum heller und neu.

Ich bin … der Weg

Gegen dieses Wort könnten wir innerlich rebellieren wollen. Wir wollen ja eigentlich nicht in Abhängigkeit geraten, uns manchmal lieber verlaufen, als dass wir uns von einem anderen den Weg weisen lassen. Vom Weg reden, heißt immer auch von Bewegung sprechen. Wer sich auf den Weg macht, der gerät in Bewegung, der bleibt nicht, wo er ist, und der bleibt auch meist nicht, wie er ist. Das kann Angst machen, unbequem sein und mühsam. Andererseits gilt aber auch: wer sich nicht auf den Weg macht, kommt nicht weiter – innerlich und äußerlich. Ich bin der Weg. Niemand kommt zum Vater außer durch mich, so hat Jesus uns gesagt. Jesus macht es uns dabei nicht leicht. Er verspricht uns nicht einen geraden und einfachen Weg, einen Weg ohne Umwege, Kreuzungen, Gabelungen, Seitenwege und Stolpersteine. Aber er sagt uns zu: wenn wir IHM und unserer Sehnsucht folgen, den Weg unseres Lebens – wie immer er auch sein mag – unter die Füße nehmen, dann finden wir Gott. Dann finden wir auch uns selbst und den Sinn unseres Lebens.

Ich bin … die Tür

Jeden Tag gehen wir durch ungezählte Türen. Türen sind etwas Selbstverständ-liches und zugleich Denkwürdiges, ja Merkwürdiges. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes ein Zwischending. Weder ist da einfach eine Mauer, noch ist da einfach ein grenzen- und schrankenloser Übergang. Diese eine Stelle, nämlich die Tür, ist es, die uns den Durchlass gewährt. Türen ermöglichen allerdings das Hindurchgehen in zwei Richtungen: hinaus aus dem Raum, dem Haus, dem Gehäuse, aus der Enge und Begrenztheit ins Freie und in die Weite. Oder umge-kehrt:  aus der Weite, aus der Zerfahrenheit auch, aus dem Herumschweifen in die Begrenzung, Überschaubarkeit und Geborgenheit. Es kommt darauf an, dass wir beide Richtungen kennen- und unterscheiden lernen. Manche Komödie und manche Tragödie unseres Lebens entsteht nämlich aus der Verwechselung der Richtungen: dass wir hinausstürmen und meinen, es geht ins Freie, und setzen dabei die Geborgenheit aufs Spiel; oder dass wir hineindrängen, weil wir es draußen in der Freiheit nicht aushalten, und damit zurückkehren in die Enge und damit die Weite aufs Spiel setzen. Ich bin die Tür, sagt uns Jesus. Und ich denke, dass er für beide Richtungen gleichermaßen steht. Aber eines sagt er uns eben auch: „Wählt die schmale Tür“, die “enge Pforte”.  Das breite Portal wäre uns sicher oft viel lieber. Und er sagt uns auch: Ihr seid die Tür: Öffnet die Türen eures Herzens, eures Denkens und eures Tuns für Neues, für Unerwartetes, für die anderen und auch für Gott, den oft ganz anderen.

Ich bin … der wahre Weinstock

Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige“ sagt. Andererseits heißt es in der Heiligen Schrift: „Ich bin der Weinstock und der Vater ist der Winzer.“ Da ist also die Rede von einem Beziehungsgeflecht. In diesem ist Jesus der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Indem Jesus uns als die Rebzweige bezeichnet, ist gleich mit gesagt, dass es um Fruchtbarkeit geht, und dass die Voraussetzung dieser Fruchtbarkeit das Bleiben ist. „Wer in mir bleibt, der bringt reiche Frucht.“ Bleiben, um Frucht zu bringen – das ist die Lebensaufgabe, die Gott jedem von uns zugedacht hat. Nur wer bleibt, kann wachsen, und nur wenn wir wachsen, erfüllt sich das Bleiben – nämlich im Fruchtbringen. Es gibt Menschen, die sich viel mühen und viel arbeiten, aber ihre Arbeit bringt nur wenig Frucht. Sie drehen sich oft nur um sich selbst – beziehungslos, ohne Ziel und ohne Sinn. Und wenn’s schwierig wird, dann ergreifen sie auf die eine oder andere Weise die Flucht. Standhalten im Leben, mit allem, was es gibt und was es bringt –  in der Hoffnung, dass wir an allem wachsen und reifen können. Das wäre eine Lebensaufgabe. Das ganze Abenteuer des Wachstums ist darauf angewiesen, dass wir mit Ihm, mit Christus, verbunden bleiben, dass wir mit ihm rechnen, immer und überall, dass wir mit ihm in Beziehung bleiben – in guten und in schweren Zeiten: „Ohne mich könnt ihr nichts vollbringen.“

Ich bin … das Brot

Brot gehört zu unseren Grundnahrungsmitteln. Es ist uns tägliche Nahrung und nährt uns ganz elementar. Lassen wir einmal vor unserem geistigen Auge den Prozess des Brotwerdens und Brotbackens Revue passieren. Dieser Prozess trägt Züge einer Leidensgeschichte. Alles beginnt mit dem Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss. Nach der Ernte müssen die Körner gemahlen werden. Die Körner werden aufgerieben, zermalmt, kurz und klein gemacht. Das Mehl für sich wiederum ist nicht genießbar und noch kein Brot. Was jetzt noch fehlt, sieht wieder schlimm und schmerzlich aus: die Glut des Ofens, in dem das Brot gebacken wird. Die Geschichte des Brot-Werdens gleicht der Passionsgeschichte Jesu. Niemand ist so in die Erde gefallen, in die dunkle Einsamkeit wie Er. Niemand ist so aufgerieben worden wie Er. Und niemand hat das Feuer des Leidens so erfahren wie Er. Aber darum ist auch seine Fruchtbarkeit einzigartig und unvergleichlich. Niemand ist so Brot für die Menschen geworden wie Er. Und wie steht es mit uns, mit mir? Bin ich bereit, mich aufreiben zu lassen und auf dem Weg meiner eigenen Selbstwerdung, aber unter Umständen auch für andere durchs Feuer zu gehen? “Ihr seid Brot” – das ist eine Einladung zu gemeinsamen Leben, zum Teilen, dazu, Nahrung zu sein für andere. Gleichwohl aber auch in dem Wissen, dass letztlich kein Mensch – auch kein uns noch so nahestehender – uns in unserer tiefsten Sehnsucht wirklich satt machen kann. Deshalb bleibt das Wort Jesu “Ich bin das Brot” allezeit gültig. Denn nur in ihm haben wir Anteil am Brot des Himmels, am ewigen Gastmahl der göttlichen Liebe.

Ich bin … der gute Hirt

Dieses Wort zu hören, ohne sich gleich wie ein dummes Schaf zu fühlen, das nur dem Herdentrieb folgt, ist eine Herausforderung. Denken wir daran, was ein Hirte tut: er führt die Schafe auf gute Weiden, er kümmert sich um sie, er sorgt für sie, er beschützt sie, er kennt jedes einzelne ganz genau. All dies bedeutet also Hirte-sein. Hirte-sein kann aber auch Hingabe und Ernstfall bedeuten: einstehen für jemanden, hinstehen, das Leben geben. All dies ist in Jesus in einzigartiger Weise verwirklicht. Niemand kennt uns so wie er, und niemand kann jede einzelne von uns so beim Namen rufen wie er. Keiner kann uns so auf die Weide führen wie er, und niemand hat so sein Leben für uns hingegeben. Andererseits gilt aber auch: Ihr seid, d.h. wir sind Hirtinnen und Hirten füreinander – eine Einladung, auch selbst schöpferisch, kreativ, zu werden, eben weil die Sorge umeinander und Liebe zueinander erfinderisch macht. Stellen wir uns ruhig einmal ganz konkret vor, wie Leben sein kann, wenn wir wirklich füreinander Hirten und Hirtinnen sind. Und tauschen wir dabei in Gedanken ruhig auch mal die Rollen, so dass einmal ich das Schaf bin und der oder die andere der Hirt, und das andere Mal ich die Hirtin und der oder die andere das Schaf.

Ich bin … dein Arzt

Wann gehen wir zum Arzt? In der Regel dann, wenn es uns schlecht geht, wenn wir krank sind. Es kann auch seinen Sinn haben, zum Arzt zu gehen, wenn wir noch nicht krank sind – zur Vorsorge nämlich. Der kluge Patient beugt vor. Wir sollten uns nicht erst dann auf Gott besinnen, wenn es uns schlecht geht. Not lehrt zwar beten, heißt es. Besser ist es aber wohl, immer alles im Gebet Gott hinzuhalten – auch in guten Zeiten. Zu welchem Arzt geht man? Zum Allgemein­mediziner oder zum Facharzt. Wenn wir uns Gott als unseren Arzt vorstellen, sollten wir wissen: Der Herr ist der aller-allge­meinste Allgemein­mediziner, den es geben kann. Denn er ist nicht nur für die Seele und für unseren Geist zuständig, sondern eben auch für unseren ganzen Leib. Er kann uns in jeder Hinsicht heil machen – wobei das Heil, das er uns schenkt, nicht unbedingt mit unseren landläufigen Vorstellungen von Gesundheit übereinstimmen muss. Auch eine Krankheit kann uns im übertragenen Sinne heil machen, kann eine Herausforderung sein und uns neuen und ganz anderen Sinn finden lassen. Wie heilt Gott? Wie hat Jesus geheilt? Schauen wir hier z.B. auf die Heilung des blinden Bartimäus. Am Anfang steht immer die Frage: Willst Du gesund werden? Wollen wir wirklich gesund werden, wollen wir uns heilen lassen von unseren Gebrechen aller Art – seien sie körperlich, seelisch, geistig oder auch moralisch? Trauen wir Gott überhaupt zu, dass er uns heilen kann? Glauben wir daran? Erst wenn wir das für uns geklärt haben, greift Gott hilfreich ein – allerdings dann eben auch oft anders, als wir das erwartet haben. Machen wir ihm keine Vorschriften, sondern bleiben wir offen für sein heilendes Wort und sein heilendes Wirken an uns.

 

Ich bin … die Auferstehung und das Leben

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf – Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht – Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Dieses Gedicht von Marie Luise Kaschnitz spricht von der Auferstehung mitten im Leben. Ja, es gibt sie: Kleine, alltägliche Ostererfahrungen: Leuchtende Kinderaugen. Ein Anruf von einem guten Menschen. Eine gute Nachricht, die den Tag bunt und ganz neu macht. Mitten im Gewohnten. Die Weckuhren, die in dem Gedicht so treffend den Alltag beschreiben mit seinen Zwängen und Vorgegebenheiten, sie ticken einfach weiter. Und trotzdem erscheint alles einen Moment lang “in geheimnisvoller Ordnung”. Wir sind hineingenommen in ein “Haus aus Licht”. Auch die Auferstehungsberichte der Evangelien erzählen davon, dass das ewige Leben schon jetzt beginnt – mitten im Leben. Wir dürfen gewiss sein, dass Gott selbst den Tod umfasst und verwandelt. Dass er stärker ist als alles Dunkle, alles Böse, alle negativen Kräfte. Und dass wir das schon hier und jetzt erfahren können: In den “kleinen Auferstehungen” in unserem Leben. Ihren tiefsten Grund haben sie in der einen “großen” Auferstehung: Denn Gott hat uns in Jesu Auferstehung ein “Haus aus Licht” bereitet, dessen Trost und Kraft uns schon jetzt gegenwärtig ist. So setzt die eine “große” Auferstehung unsere vielen kleinen Auferstehungserfahrungen ins rechte Licht.

 

Ich bin … bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt

Mit diesem Satz endet das Matthäus-Evangelium. Nach seiner Kreuzigung und nach seiner Auferstehung trifft Jesus seine Jünger in Galiläa, in ihrem Alltag, und spricht ihnen diese Worte zu: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Das ist sein Testament. Zusage und Verheißung, die nie wieder zurückgenommen wird, auf die wir uns verlassen dürfen, die gültig bleibt – immer und ewig. Er verlässt uns nicht, er ist immer da, er geht alle Wege mit uns. Darauf dürfen wir vertrauen – heute und alle Tage.

 

Von Sr. Philippa Rath OSB

 

“Ich bin der Weinstock”

Einleitende Gedanken zu den Ich-Bin-Worten

Sobald ein Kind sagen kann: “Ich bin Paula…“, hat es einen entscheidenden Entwicklungsschritt in seinem Leben getan. Es hat erkannt, dass es eine eigenständige Person ist, ein ICH, unterschieden vom DU, das ihm gegenübersteht. Die auf den ersten Blick so unscheinbare Existenzaussage „Ich bin“ berührt den Mittelpunkt menschlichen Begegnens. Jede Begegnung mit einem Unbekannten zielt zunächst auf die direkte oder indirekte Frage: Wer bist Du? Wie bist Du? Das Sein des anderen, sein Ich, wird über die Entwicklung der Begegnung ebenso entscheiden, wie die Art und Weise der Begegnung. Viele Mosaiksteinchen sind es, die die Formel „Ich bin“ inhaltlich füllen und mitteilbar machen. Menschen mühen sich seit jeher darum, denn vom Kontakt mit anderen, von der Begegnung leben wir. Kein Mensch mit seinem individuellen „Ich“ bleibt in einer Gemeinschaft ohne Wirkung, er prägt und gestaltet sie mit, jedes Ich bekommt in der Gemeinschaft eine zusätzliche Dimension. Dabei ersehnen wir Begegnungen bestimmter Art, andere meiden wir lieber. Jede Begegnung hat Konsequenzen unterschiedlicher Tragweite. Die einen verblassen nach einiger Zeit, andere prägen Menschen und Kulturen. So ist die Erkenntnis und der Austausch des „Ich bin“ von Menschen für das Gelingen menschlichen Lebens unabdingbar. Für uns Christen stellt sich darüber hinaus die Frage: „Gott – wer ist das? Wie ist er – auch: Ist ER? Sagt auch er von sich „Ich bin …“, damit Begegnung mit ihm stattfinden kann?

Das Alte Testament beantwortet diese Frage im Buch Exodus. EX 3,14: „Der brennende Dornbusch“. Gott offenbart sich Mose als der ICH-BIN-DA. Gottes Wesen ist es, da zu sein. Er ist der Seiende schlechthin und als dieser ist er auch für uns Menschen da. Durch diese Selbstoffenbarung wird es Mose möglich zu sagen, wer ihn gesandt hat. Erst durch die Offenbarung wird Gott „mitteilbar“. Alle weiteren Beschreibungen und Bilder für Gott in der Bibel (Wasser, Licht, Brot, Guter Hirte …) zeigen auf, dass es einen einzigen Gott gibt und wie er sich zur Welt verhält. Die verwendeten Bilder sind ein Versuch, etwas von Gottes Wesen zu offenbaren, auf die Frage nach dem Wer bist DU? zu antworten. Allen Bildern zu eigen ist, dass sie nur ein Bruchstück vom Wesen Gottes aufzeigen. Gott ist so, aber er ist zugleich auch der ganz andere, der Fremde und Unfassbare.

In der Person Jesu findet die Selbstoffenbarung Gottes als der ICH-BIN-DA und die Erwartung der Menschen auf das Kommen des verheißenen Retters ihre Vollendung. Gott kommt den Menschen in Jesus Christus in einer Art und Weise nahe, die nicht zu überbieten ist. Er wird Mensch, einer von uns. Dies erlebten die ersten Christen in der direkten Begegnung mit Christus, dies können auch wir heute erfahren: in der Begegnung mit Menschen, aus der Beschäftigung mit der Heiluigen Schrift.

Die sieben Ich-Bin-Worte im Johannesevangelium, um die es heute geht, wollen in besonderer Weise deutlich machen, wer und wie Gott zu uns Menschen ist. Bei Johannes geht es um eine Identifizierung Jesu Christi mit dem Inhalt des jeweiligen Bildes, nicht um ein bloßes Gleichnis für Christus. Der Inhalt ist bei allen Bildern derselbe: Das Leben und die Frage an jeden einzelnen: Wer ist Gott für dich! Das Ich-bin gibt dafür Glauben und Vertrauen. Wer erkannt hat, wer Jesus und wer damit Gott ist und für ihn ist, wie nah Gott uns ist und wie sehr er sich um uns sorgt, der muss diese Erkenntnis verlebendigen, in sein Leben umsetzen und andere daran teilhaben lassen.

Die Bilder stammen alle aus dem Alltagsleben Jesu und waren für die Menschen seiner Zeit eingängig und verständlich. Für uns heute sind einige verständlich, andere dagegen fremd, oder ihre Aussagkraft hat sich verändert. Gemeinsam ist den sieben Ich-bin-Worten ihr Aufbau: auf die Selbstvorstellung „Ich bin …“ (Ich bin der Weinstock) folgt die Konsequenz, d.h. eine Aufforderung zum Tun – Wer in mir bleibt. Diese mündet dann ein in eine Verheißung: bringt reiche Frucht.

Das Bild des Weinstocks ist sicherlich den meisten von uns fremd. Wer kennt sich schon im Weinbau aus, hat schon einmal einen Weinstock gesehen, weiß, welche Arbeit und Mühe für die Pflege eines Weinberges notwendig ist. Und doch verbindet jeder bestimmte Gedanken und Vorstellungen damit, wenn er dieses Wort hört. Wer schon einmal selbst im Weinberg gearbeitet hat, wird dieses Bild plötzlich ganz neu verstehen. Für mich, die ich bis zu meinem Klostereintritt nie etwas mit Weinbau zu tun hatte, begann das Weinstockbild sehr lebendig zu werden, als ich die verschiedenen Arbeiten zum ersten Mal selbst gemacht habe. Ich möchte Ihnen nun aus meinen eigenen Erfahrungen etwas über die Arbeiten im Weinberg erzählen.

Das Bild des Weinstocks und Weinbergs ist in der Bibel ein sehr wichtiges und zentrales. Es sind nicht wenige Stellen, gerade im Alten Testament, die davon sprechen. Nimmt man alle Wörter, die mit Wein zu tun haben, kommt man auf 513 Stellen, allein der Begriff Wein kommt 54 mal vor.

Was ich ihnen über die Weinbergsarbeit erzähle, beruht auf dem heutigen Stand. Vieles hat sich seit der Zeit Jesu leicht verändert.

Der Weinstock ist eine Kletterpflanze, die nach Möglichkeit ein Spalier oder eine andere Vorrichtung braucht, an der sie hochklettern kann. So pflanzte man zurzeit Jesu oft einen Feigenbaum und eine Rebe nebeneinander (1Kön: … und jeder saß unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum, solange Salomo lebte). Die Rebe besteht aus mehreren Teilen: Die Wurzeln, die den Rebstock mit Wasser versorgen, reichen oft metertief in die Erde. Auch in trockenen Gebieten oder in sehr trockenen Jahren, kann die Rebe somit gut überleben. Der Rebstamm, der 30-40 Jahre, sogar bis zu 80 Jahre alt werden kann, besteht aus sehr hartem Holz. An ihm wachsen die Reben, die dann die Trauben tragen.

Wird ein neuer Weinberg angelegt, muss zuerst der Boden bereitet werden. Die Fläche liegt ein, zwei Jahre brach. Dann wird die Fläche umgegraben, neue Erde aufgeschüttet, Steine entfernt und das Ganze fein säuberlich geebnet. Jeder Weinstock erhält den gleichen Standraum, genügend Platz, damit er alles Notwendige in ausreichendem Masse hat. (Jer 2,21: … ich aber hatte dich als Edelrebe gepflanzt, als gutes, edles Gewächs; Ez 17, 8: … er war doch auf guten Boden gepflanzt, an reichlich fließendem Wasser, um Zweige zu treiben und Früchte zu tragen und ein herrlicher Weinstock zu werden).

Ein Jungfeld braucht viel Pflege: Stöcke gießen, Unkraut hacken, Boden lockern. Die dünnen Stämmchen bindet man an Stützpfählen an, damit sie gerade wachsen und bei Sturm und Unwetter nicht abknicken. Alle Triebe, die am jungen Stock wachsen, werden bis auf zwei entfernt. Der Stock soll sich darauf konzentrieren, einen geraden, kräftigen Stamm zu bilden; Frucht zu bringen, ist erst später seine Aufgabe. Aus Holzpfählen und Draht wird eine Unterstützungsvorrichtung angelegt, die den Reben Halt bietet. Drei Jahre lässt man dem jungen Stock Zeit, sorgt sich um jeden Stock einzeln. Manche Winzer reden mit ihren Weinstöcken, damit sie gut gedeihen … (Ez 17,6: … und er wuchs heran und wurde zum üppigen Weinstock. Erst dann trägt er das erste Mal. Er darf aber nicht zu viele Trauben tragen, damit er seine Kraft für viele Jahre einteilt, überflüssige schneidet man ab.

Zurzeit Jesu war es oft üblich, den Weinberg mit einer Mauer zu umgeben, damit Tiere nicht die Früchte fraßen, aber auch, um vor Diebstahl der Trauben sicher zu sein. Zur Bewachung wurde eine Hütte oder gar ein Wachturm gebaut, in den zur Zeit der Traubenreife der Winzer zog und so seinen Weinberg bis zur Lese bewachte. Heute ist dies nicht mehr üblich.

Hat man nun alle Mühe und Sorgfalt bei der Pflanzung eines Weinberges angewandt, kann man sich nicht zur Ruhe setzen, vielmehr wiederholen sich Jahr für Jahr viele notwendige Arbeiten damit der Weinberg seinen Ertrag bringt (PS 80,5: … sorge für diesen Weinstock).

Im Winter, wenn die Reben ruhen, beginnt das Schneiden der Reben. Ohne beschneiden, würde der Rebstock wild wuchern und keine Trauben tragen. Bis auf einen Rebzweig, der ausgewählt wird, um die Frucht zu tragen, werden alle anderen abgeschnitten. Nach dem Schneiden erfolgt das sogenannte Ausheben. Alle übrigen Rebzweige müssen aus dem Stützdraht herausgezogen werden, damit die neuen Triebe Platz und Halt bekommen. Dies geschieht von Hand. Dafür braucht man oft Kraft und eine Schere, denn die Rebzweige klammern sich fest an den Draht. Die trockenen Rebzweige werden gesammelt, aus dem Weinberg herausgetragen und verbrannt. Das Holz ist zu nichts anderem zu gebrauchen.

Beginnt der Fruchtsaft in die Rebzweige zu steigen, geht der Winzer zum Gerten in die Weinberge. Die Fruchtrute wird um einen der Drähte gebogen und festgebunden. Sinn dieser Arbeit ist es, die wachsende Rebe in eine Form zu bringen. Diese erleichtert es später die Trauben zu ernten und während des Jahres notwendige Arbeiten schneller zu erledigen. Wieder wendet sich der Winzer jedem einzelnen Weinstock zu. Er muss die Fruchtruten vorsichtig biegen, denn sie brechen schnell ab. Mitte bis Ende April beginnen die Reben auszutreiben. Tag für Tag kann man ihnen beim Wachsen zu schauen (Jes 24,17: Wie ein Weinstock trieb ich schöne Ranken, meine Blüten wurden zu prächtiger und reicher Frucht). Ca. 2-4 Wochen nach dem Austrieb beginnt das Ausbrechen. Man wundert sich, wie aus dem so tot wirkenden alten Stammholz, junge grüne Triebe wachsen können. Diese müssen entfernt werden, der Stock soll seine Energie nicht verschwenden, sondern in die Fruchtruten konzentrieren. Auch würde der Rebstock zu einem üppigen Strauch verkommen, an dem keine oder nur ganz kleine Trauben zu finden wären. Die Triebe werden von Hand entfernt. Da diese Arbeit nur in gebückter Haltung gemacht werden kann, ist sie gerade an heißen Tagen sehr anstrengend.

Sind die Triebe ca. 50 cm lang, werden sie geheftet. Die jungen Triebe werden von Hand in den Drahtrahmen eingesteckt. Zwei bis dreimal geht man durch die Weinberge, um den jungen Trieben durch das Einstecken Halt zu geben, denn gerade die grünen Triebe sind sehr empfindlich. Täte man dies nicht, würden sie bei Wind oder starkem Regen einfach abbrechen. Diese Arbeit ist zeitaufwendig, muss aber schnell geschehen, da zu dieser Jahreszeit plötzlich auftretende Gewitter einen ganzen Weinberg zerstören können (PS 78,47: … ihre Reben zerschlug er mit Hagel).

Im Sommer dann ist der einzelne Weinstock kaum vom anderen zu unterscheiden. Die Reben bilden eine grüne Laubwand, in der jeder Stock untergeht. Dieses Laub muss mehrfach geschnitten werden, damit die Rebe ihre Kräfte zur Ausbildung der Trauben gebraucht und nicht für ein unendliches Längenwachstum der Triebe. Der Winzer muss regelmäßig seine Weinberge mit wachen Augen kontrollieren, damit nicht Pilzbefall, Schädlinge oder Nährstoffmangel die Arbeit zu Nichte machen. Immer wieder muss der Boden aufgelockert, die Begrünung zwischen den Zeilen geschnitten, das Unkraut zwischen und unter den Stöcken kurz gehalten werden.

Dann blühen die Reben (Hld 2,13: … die blühenden Reben duften). Es ist eine risikoreiche Zeit, denn starker Regen oder Hagel gefährden die Blüte. Die Rebblüte selbst ist eigentlich unscheinbar, aber sie verbreitet einen feinen, intensiv süßlichen Duft ganz eigener Art. Nach der Blüte lässt sich das weitere Wachsen der Trauben gut verfolgen (Weish 51,15: … und wie nach dem Blühen die Trauben reifen). Haben die Beeren eine solch prächtige, geschlossene Traube gebildet, braucht es Sonne und trockenes Wetter, damit genügend Zucker in den Beeren entsteht. Das Wetter spielt eine wichtige Rolle, der richtige Lesezeitpunkt eine weitere. Er muss mit Glück und einem guten Blick auf die Qualität der Trauben gefunden werden. (Jes 62,9: Schick deine scharfe Sichel aus, und ernte die Trauben vom Weinstock der Erde; wer den Wein geerntet hat, soll ihn auch trinken). Jede Traube wird von Hand abgeschnitten, in einen Leseeimer geworfen. Dann kommt sie in den Legel und wird aus dem Weinberg getragen, dann auf den Traubenwagen geschüttet. Zu Hause wird der Wein gekeltert. Nach der Kelterung reift der Wein langsam heran und bedarf der ständigen Kontrolle und Umsorgung. Heute wird vermehrt maschinell gelesen. Die Arbeit der Lese und die damit verbundene Freude über die heimgebrachte Ernte, verliert ihren gemeinschaftlichen Charakter, gleichzeitig auch die Erfahrung, wie schwer es sein kann, in Kälte oder gar bei Regen zu lesen. Bei uns im Kloster ist die Lese, zu der immer viele Helfer und Freunde kommen, auch eine Art Fest. Es ist schön, die Ernte gemeinsam einzuholen und so die Mühe eines Jahres zu vollenden.

Der Weinstock hat nun seine Hauptaufgabe erfüllt. Die herbstlichen Tage mit Sonne und Wärme nutzt er, um Energien für den Winter im Holz einzuspeichern und für das nächste Jahr gerüstet zu sein. Langsam fällt der Fruchtsaft wieder, die Blätter fallen und bald schon kann der Winzer den Rebstock aufs Neue beschneiden, damit er im nächsten Jahr wieder reiche Frucht bringen kann.

 

Bibelarbeit zu Joh 15, 1-8

Fragen als Anregung, sich mit dem Text intensiver zu beschäftigen:

– Welche Verben werden genannt, von welchen Tätigkeiten wird gesprochen? (abschneiden, reinigen, wegwerfen, verbrennen, in ihm bleiben, Frucht bringen)

– Womit könnte ich sie in meinem/unserem Leben vergleichen, was bedeuten sie für mich?

– Was sagt mir das Bild des Weinstocks, des Weinberges? Wer ist Gott als Vater Jesu Christi für mich / für uns?

– Was wird über Christus gesagt und das Verhältnis zu seinen Jüngern?

– Wer ist Christus für mich im Hinblick auf das Bild des Weinstockes: hänge ich wirklich an ihm, bleibe ich in ihm? Wie sieht das konkret im Alltag aus?

– Stichwort bleiben: Was bedeutet dieses „Bleibt in mir“? Wie sieht das in meinem Leben aus? Wodurch geschieht Trennung von Christus?

– Versuchen Sie in einem Satz zusammenzufassen, worin für Sie die Hauptaussage des Textes besteht.

Stichworte für mich selbst:

  • Jesus allein ist der Erlöser gegenüber den vielen falschen Erlösergestalten, die nur vorgeben, es zu sein;
  • nur in Jesus selbst ist all das zu finden, was dem Menschen das Leben ermöglicht;
  • es geht um den Ursprung des Lebens schlechthin, der im Orient im Baum bzw. Weinstock als Urbild sichtbar und anschaulich wurde;
  • Gott allein ist der Winzer, er kontrolliert Wachstum und Fruchtbringen;
  • Fruchtbringen ist nicht aus eigener Kraft möglich, sondern nur in Verbundenheit mit Christus; Jesus als tragender Grund für ein fruchtbares Leben;
  • aus der geschenkten Gemeinschaft mit Christus erwächst eine Verpflichtung;
  • Wachstum, d.h. ein mehr an Glauben, ist mit Reinigen verbunden; Stillstand bedeutet abgeschnitten werden;
  • Mahnung zum Bleiben nicht als mystische Versenkung gemeint, sondern im Leben fruchtbar zu werden für … d. h. leben in Gemeinschaft mit Christus.

Von Sr. Thekla Baumgart OSB

 

 

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Gott als Grundlage und Ziel klösterlichen Lebens

Ohne Gott ist ein Kloster nicht denkbar. Gott ist die Grundlage und das Ziel christlich geprägten klösterlichen Lebens. Der christliche Gott, in der Tradition des Abendlandes bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch weithin bekannt, ist heute nur noch wenigen geläufig oder gar vertraut.
Aus diesem Grunde möchten wir ihn hier kurz vorstellen. Kenntnis haben wir von ihm durch die Bibel, das bisher am häufigsten verlegte, übersetzte und verkaufte Buch der Welt. Die christliche Bibel gliedert sich in zwei Teile, das Alte und das Neue Testament.
Das Alte Testament verbindet die christliche Religion mit dem Judentum und dem Islam. Wesentliche Teile dieser Texte sind für alle drei Religionen gemeinsam grundlegend, vor allem die Aussage, daß es nur einen einzigen Gott gibt.
Das Neue Testament knüpft an die Existenz von Jesus von Nazareth an. Die sogenannten vier Evangelien, nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes, beschreiben dessen Lebensweg, wie er bis dahin erzählt worden ist. Allerdings handelt es sich in keinem Fall um eine Dokumentation im heutigen Sinne. Vielmehr wird deutlich, daß mit Jesus etwas Neues anbricht, ein neues Verhältnis Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott. Das Alte Testament ist voll von Hinweisen darauf, daß diese Erneuerung notwendig ist, weil der Mensch seine Beziehung zu Gott aufgekündigt hat. So begründet sich die Erwartung des jüdischen Volkes auf den so genannten Gesalbten, den Christus, den Messias.
Diejenigen Juden, die der Auffassung sind, bei Jesus handele es sich um den erwarteten Messias, werden seither Christen genannt. So beschreibt es die Apostelgeschichte, der nächste Text im Neuen Testament. In ihm wird außerdem erzählt, daß nunmehr nicht ausschließlich die Juden das im Alten Testament so genannte Volk Gottes bilden, daß also nicht mehr die Abstammung ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zum Volk Gottes ist, sondern die Einstellung zu Jesus von Nazareth. Wenn man ihn für den vom jüdischen Volk erwarteten Messias hält, zählt man zu den Christen. Die Gemeinschaft der Christen wird schon sehr früh „Kirche“ genannt.
Die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, war es auch, die Ende des 4.Jahrhunderts verbindlich und abschließend festgelegt hat, welche der vielen Texte über Jesus Christus und die Gemeinschaft der Christen, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden waren, zur Bibel gehören sollen. Seither gilt die Bibel als Grundlage für christliches Leben.
Gleichwohl handelt es sich beim Christentum nicht um eine Buchreligion, sondern gründet sich auf Personen, erstlich auf die persönliche Beziehung des einzelnen Christen zu Jesus Christus.

Von ihm wird in der Bibel erzählt, daß seine Anhänger nicht nur seinen Tod am Kreuz miterlebt haben, sondern schon kurze Zeit später, in den Texten ist vom „dritten Tag“ die Rede, zum Teil unabhängig voneinander bemerkt und erfahren haben, daß er nicht mehr tot war, sondern lebt. Die zentrale christliche Botschaft lautet denn auch: „Jesus Christus hat den Tod am Kreuz erlitten und ist begraben worden. Er ist auferstanden am dritten Tag und den Jüngern erschienen.“ Seither ist er bis in unsere Zeit wirksam in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.

Die Christen haben im Nachsinnen über Gott und Jesus Christus dessen Wesen als „Gott gleich“ beschrieben. So entstand nach und nach die Vorstellung vom dreipersonalen Gott, von dem einen Gott, der sich in drei Personen entfaltet: Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott der Heilige Geist, als Verbindung zwischen Vater und Sohn.
Gott, der Vater, wird dabei erstlich als der Schöpfer der Welt und des Lebens angesehen.
Von Gott, dem Sohn, also von Jesus Christus, wird gesagt, er habe die Schöpfung, die sich verselbständigt hat, durch seinen Tod und seine Auferstehung wieder in die ursprüngliche Heilssituation gebracht.
Der Heilige Geist, gleichfalls eigenständige Person, gilt als Verbindung zwischen Vater und Sohn. Die Verbindung zwischen den göttlichen Personen wird für so wichtig gehalten, daß sie ebenfalls als Person dargestellt wird. Die Verbindung vollzieht sich im Gespräch zwischen Vater und Sohn. Von daher kommt dem Wort im Christentum besondere Bedeutung zu. Schon im Johannesevangelium wird Jesus Christus selbst „Wort Gottes“ genannt, durch das Gott die Schöpfung, die Welt, ins Werk setzt.

Im gemeinsamen Nachdenken der Christen über die Bibeltexte hat sich ergeben, daß das Thema des innergöttlichen Gespräches die Welt und das Wohlergehen der Menschen ist.
Abzulesen ist das vor allem an der immer wiederkehrenden Aufforderung der Bibel an die Menschen, Frieden zu ermöglichen und zu bewahren und das menschliche Zusammenleben von der Liebe zueinander bestimmen zu lassen.
Das kann allerdings niemals durch die Verdrängung von Problemen und Konflikten geschehen, sondern durch das gemeinsame Bemühen, die Konflikte auszutragen und die Probleme zu lösen. Der „unerledigte Rest“, den jede Bewältigung von Schwierigkeiten nach sich zieht, ist durch Wahrhaftigkeit und Rücksichtnahme zu entschärfen.
Dieses Existenzmodell liegt nicht nur der christlichen Kirche sondern darüberhinaus der ganzen abendländischen Gesellschaft zugrunde und bestimmt auch mehr und mehr die Arbeit der Politiker, unabhängig davon, ob sie sich zu den Christen zählen oder nicht.

So wird der christliche Gott als ein menschenliebender Gott beschrieben, der in Jesus Christus den Menschen so nahe kommt, daß er, obwohl er Gott ist, selbst Mensch wird. Im Heiligen Geist hinterläßt er den Menschen Anteil am göttlichen Leben und versetzt sie grundsätzlich in die Lage, gut miteinander zu leben. Der Blick ins eigene Leben und der Blick auf die Kirchengeschichte erweisen allerdings, daß dieses Ziel noch längst nicht zuverlässig und auf Dauer erreicht ist.
Die christliche Kirche stellt aber eine Möglichkeit dar, sich ihm manchmal zu nähern.

Sr. Scholastica Steinle OSB

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Das Mysterium des Gebets

„Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott, du mein Retter!
Du hast mir Raum geschaffen als mir Angst war.
Sei mir gnädig und erhöre mein Flehen.“ Ps 4, 2

Der menschliche Akt, den wir „Gebet“ nennen, das Sprechen des Menschen zu Gott und die empfängliche und manchmal wortlose Offenheit für Gottes Wort an uns, hat viele Aspekte:
Menschliche Aspekte, die sich nach Gesetzmäßigkeiten des Menschseins vollziehen, und die man mittels der Humanwissenschaften wie der Anthropologie und Psychologie betrachten kann, aber auch Aspekte, die den Menschen übersteigen. Sie haben mit dem Gesprächspartner Gott zu tun und sind ein Mysterium, dem wir uns nur in ehrfürchtiger Scheu nähern können. Immer aber werden wir vor einem Geheimnis stehen, das größer ist als wir.

Das Gebet ist ein menschlicher Akt, vor allem aber eine Gabe Gottes, ein gnadenvolles Geschehen, eine Erschließung des Mysteriums von Gottes Nähe. Das Gebet ist das Herz einer jeden Religion. Jeder wirkliche Gottesdienst kennt und übt das Gebet, hat eine Gebetserfahrung, hat auch eine Gebetstradition, die einen Menschen lehrt, wie er zu Gott beten soll, wie er sich für die Welt Gottes öffnen und wie er sich voll Vertrauen auf den Weg zu einer Begegnung mit Gott machen kann.
Gebet ist – genau genommen – bewusste Offenheit für das Geheimnis der Nähe Gottes. Ein Leben, das gezeichnet und „durchatmet“ von Gebet ist, nennt die Schrift „Wandel vor dem Angesicht Gottes“. Dem alten Mönchtum war die „Memoria Dei“ wichtig: mit dem Herzen in allem Tun und Lassen bei Gott sein. Es gibt nämlich ein sehr enges Band zwischen dem Gebet und dem Alltagsleben: beides ist miteinander verwoben, existiert nicht nebeneinander. Wenn das Tun nicht den Charakter einer gottesdienstlichen Handlung hat, wenn es nicht „Tora“ ist, ein Handeln nach dem Willen Gottes, hat das Gebet keinen Nährboden, um zu gedeihen, dann sind die Worte unwahr und man betrügt sich selbst. Vor allem das Judentum hat immer vom Gebet verlangt, dass es im Leben verwurzelt sein muss, in der Wahrhaftigkeit des Lebens, wenn es selbst wahrhaftig sein soll. Jesus spricht dies an, wenn er sagt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“

Gebet, in dem sich nicht das Leben des Alltags widerspiegelt, läuft Gefahr, in Scheinheiligkeit zu versanden. Und andererseits ist aufrichtiges gottesdienstliches Handeln auch ein Gebet in Form einer Tat. Gebet hat zu tun mit einer Weise, zu leben, ist selbst auch eine Weise des Lebens: es ist, die Welt in Gottes Licht sehen, sich Gottes Gesichtspunkt zu eigen machen. Es ist Leben auf einer Ebene, auf der man Gespür für die Tiefendimension aller Dinge bekommt und entdeckt, dass alles mit Gott zu tun hat. Es geht darum, den Sinn für Gottes Anwesenheit zu wecken, in allem, was der Geist in unserem Leben zulässt.
In dem Buch „Der Mensch fragt nach Gott“, sagt Abraham Heschel: „Religion ist nicht, was ein Mensch in seiner Einsamkeit tut. Religion ist, was der Mensch mit der Gegenwart Gottes tut. Und der Geist Gottes ist gegenwärtig, wann immer wir bereit sind, ihn zu empfangen.“

Wenn es ums Gebet geht, so ist es gut und heilsam, sich gelegentlich bei den großen Betern aus dem Kreis der ersten Mönche Rat zu holen. Sie wissen, dass das Gebet eine harte Mühe ist, die Energie und Zähigkeit erfordert. Denn der Weg nach innen ist ein langer und sehr mühevoller Weg, auf dem es Augenblicke des Lichts geben kann, auf dem aber nur Gott selbst wachsendes Licht schenken kann.
Das Gebetsleben, das im Grunde mit der Einwohnung des Hl. Geistes in unseren Herzen zu tun hat, ist im letzten ein Mysterium des hervorbrechenden Lichts. Auch in dem Sinn, dass uns ein Licht über uns selbst aufgeht, weil wir unser Tun und Lassen immer wieder im Licht Gottes sehen und dabei zu bestürzenden Erkenntnissen über uns selbst gelangen können. Ein Altvater sagt: „Das Gebet ist für den Menschen ein Spiegel.“ Das Licht Gottes aber kann – die Mystiker sprechen oft davon – die Gestalt des Dunkels annehmen. So ist auch die Dunkelheit Offenbarung Gottes.

„Beten verändert“, es verändert uns selbst und unsere Sicht der Welt. Die großen Beter haben erfahren, dass wahrhaftiges Beten unseren Blick für Menschen, Dinge und Ereignisse schärft: wir sehen die Dinge und Ereignisse mehr im Licht Gottes. Nicht, dass das Licht vorher nicht da gewesen wäre, aber unser Auge wird empfindsamer und empfänglicher für das, was das Licht uns offenbart. Isaak der Syrer sagt: „Wer betet, erschaut die Flamme in allen Dingen.“ Das heißt, er dringt durch bis zum göttlichen Kern in allem: Gottes Gegenwart offenbart sich. Gebet ist Erfahrung der Nähe Gottes – oder Sehnsucht nach dieser Nähe. Ein Leben des Gebets macht sie mehr und mehr bewusst und erlebbar. Und plötzlich sieht man auch die Umwelt in neuem Licht.
Gebet ist, wie unvollkommen auch immer, eine winzige Vorwegnahme des Himmels. Die Altväter wissen, dass ein wachsendes Gespür für die Nähe Gottes eine Gabe des Hl. Geistes ist. Mit seinem Licht reinigt Er unser inneres Augen, so dass er in allem Sein Licht sehen kann.

Beter sind Menschen, die eine Begegnung suchen; wenn sie Christen sind, suchen sie die Anwesenheit Christi in ihrem Dasein. Der hl. Benedikt sieht die Gottsuche als das wichtigste Kriterium für eine Berufung zum monastischen Leben an. Und auch für uns bleibt die Frage, ob wir wahrhaft Gott suchen, ein Leben lang gültig und entscheidend, diese Suche kann so etwas wie ein Lebensklima werden.

In einem Vortrag: „Die Askese der Gottsuche“ formulierte es Edward Schillebeeckx es so:
„Immer auf der Suche bleiben nach dem verborgenen Gott und obwohl wir ihn nirgends auf frischer Tat ertappen können, niemals aufgeben, ihn zu suchen. Wir müssen uns weigern, diese Verborgenheit, diese Nicht- Einholbarkeit Gottes als einen Anruf zu erklären, um allein den sichtbaren Menschen zu suchen.“
Das Ideal, dass das ganze Leben wie Sauerteig durchdringt und getragen wird vom Gebet, nannten die alten Mönche das „immerwährende Gebet“.
1 Thess 5, 17 „Betet alle Zeit.“ Die Leser waren nüchtern genug, sich zu sagen, dass dies nicht bedeuten konnte, unausgesetzt Gebete zu sprechen. Sie wussten aus der Erfahrung selbst ihres Alltags, dass man seine Aufmerksamkeit auch auf anderes richten musste, dass es Beschäftigungen gab, die ein Beten unmöglich machten.
Um den Aufruf der Schrift treu nachzukommen, suchten sie die Lösung in der inneren Haltung des Herzens, die so beschaffen sein muss, dass sie sich so oft wie möglich zu ausdrücklichem Gebet kristallisiert.
„Wenn du mit jemandem sprichst und keine Möglichkeit zum Beten hast, bete dann, indem du dem Gefühl des Mangels in dir Raum gibst“, sagt ein Altvater. Und Augustinus sagt eigentlich dasselbe: „Wo du nicht ausdrücklich beten kannst, bete im Herzen durch deine Sehnsucht.
Die „memoria Dei“ der Alten, dieses mit dem Herzen bei Gott sein, ist so eine Spiritualität der Sehnsucht und des Verlangens nach einer Begegnung mit Gott, die das Herz erfüllt.
Die „memoria Dei“ ist weniger eine Aufmerksamkeit des Intellekts, als Bereitschaft und Anwesenheit des Herzens, dieser innersten Mitte unseres Wesens. Der Weg zum Gebet steht allen offen. Es ist ein langer Weg, ein Weg der Einübung, der Läuterung, der vom Hl. Geist gelenkten Askese; er führt zur Reinheit des Herzens, die identisch ist mit der zum Vollmaß gewachsenen Liebe. Das Gebet aber soll das ganze Leben durchsetzen und somit zum Atem des Lebens werden.

Je mehr man auf dem Weg des Gebets vorausschreitet, je mehr wird man sich bewusst, dass das Gebet Gnade ist, lautere Gabe Gottes. Nur der Hl. Geist vermag alles bis zum tiefsten Grund durchsichtig machen. So ist das Schriftwort auch zu verstehen, dass der Geist in unserem Herzen betet. Weil das Gebet Geistesgabe ist, Begnadigung, ist es etwas, das einem eher widerfährt, als dass man es tut.

Einer der wichtigsten Texte zur biblischen Lehre über das Gebet finden wir im Römerbrief 8, 22 – 27 (Übersetzung von Fridolin Stier):
„21 Deshalb wir auch sie – die Schöpfung – freigelassen aus der Knechtschaft des Verderbens, um zur Freiheit der Kinder – Gottes – Herrlichkeit zu gelangen. 22 Wir wissen ja, dass die ganze Schöpfung allzumal stöhnt und allzumal in Wehen leidet bis zum Jetzt. 23 Aber nicht nur sie! Nein, auch wir, welche die Erstlingsfrucht des Geistes innehaben – auch wir selber stöhnen zuinnerst, auf die Sohnschaft wartend: den Loskauf unseres Leibes. 24 Denn nur auf Hoffnung hin wurden wir gerettet. Eine Hoffnung aber, die man erblickt, ist keine Hoffnung. Denn: Was einer erblickt – was hofft er noch? 25 Wenn wir aber erhoffen, was wir nicht erblicken, so warten wir im Ausharren.
26 Dementsprechend aber nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn: Wie wir bitten sollen um das, was uns Not tut, das wissen wir nicht, der Geist selbst jedoch springt dafür ein – in wortlosem Seufzen. 27 Der Erforscher der Herzen aber weiß, was das Sinnen des Geistes ist, weil er Gott gemäß für die Heiligen einspringt.

Paulus erkennt den Zusammenhang zwischen dem Seufzen des menschlichen Herzens und dem Seufzen der ganzen Schöpfung nach erlösender Vollendung und dem Gebet aus dem Geist. Er, der uns durch die Taufe ins Herz gegeben ist, seufzt in uns nach dem Augenblick , in dem Er uns vollkommen erfüllt. Jedes geistgewirkte Gebet ist ein Gebet um Vollendung, eine Bitte um das Kommen des Reiches, also eine Bitte um das volle Leben des Geistes.
Das Seufzen der Schöpfung durchzieht auch das Gebetssingen des Menschen, und in diesem Seufzen und Sehnen spricht und ruft der Geist. Er leiht allem, das sich in uns nach Vollendung sehnt, seine Stimme.
Jedes aufrichtige Verlangen des Menschen , jede Sehnsucht trägt die Möglichkeit in sich, Gebet zu werden; denn in ihr kann der Geist wirken. Er muß uns helfen, zum tiefsten Kern unserer menschlichen Sehnsucht vorzustoßen, zum Hungern nach Gott. Dieses Hungern nach Gott muß uns bewusst werden, dann wird jeder Hunger in uns zum Gebet, jede Unruhe zu einer Hinwendung zu Gott, zum Auf unseres Abgrunds nach Gottes Abgrund, der allein die Erfüllung bringen kann.
Wir sind nun dann wirklich Menschen des Gebetes , wenn der Geist Gottes unsere ganzes menschliches Verlangen und Begehren zum Gebet macht zu einem Ruf nach dem Absoluten. Das Verlangen wird dann zur Stimme des Geistes.
Der Weg des Gebetes, der ein langer, mühseliger Weg sein kann, ist die wachsende Sensibilität für das Mysterium der Nähe Gottes. Denn es ist die wirkliche Begegnung mit Gott, auf die ein jeder hofft, der den Weg des Gebetes einschlägt.
Wann das sein wir? Es ist Gottes Stunde, es ist Gottes Gabe: seine Gnade, heilende Nähe, ein Nähe, die Er uns erfahrbar macht.
Noch einmal Abraham Heschel:
„Im Gebete öffnen wir uns dem Geistgebet als ein Weg der Erkenntnis, nicht als eine Weise, zu sprechen. Gebet rettet uns vielleicht nicht, macht uns aber wert, gerettete zu werden. Bei allem geheiligten Tun steht das Gebete an erster Stelle“

und Augustinus:
Denn das immerwährende Gebet ist das nie nachlassende Verlangen. Das Verlangen betet immer, auch wenn die Zunge schweig t… Wann schläft unser Gebet? Nur, wenn unsere Sehnsucht sich abkühlt.“

Die Benediktsregel bringt keine systematische Abhandlung über das Gebet. Sie gibt einige Anweisungen, sehr schlicht und sehr nüchtern, und weist auf die inneren Haltungen hin, die Verfassung des Herzens.
Der Traktat über die Ordnung des gemeinsamen Gebetes, der die Kapitel 8 – 18 umfasst, findet eine sehr zurückhaltende spirituelle Deutung in dem nur sieben kurze Verse umfassenden 19. Kapitel der Regel.
Wir glauben, dass Gott überall zugegen ist und die Augen des Herrn an jedem Ort auf die Guten und Bösen schauen…“ Der erste Satz von Kap. 19 stellt unmittelbar die Verbindung zur 1. Stufe der Demut her, die die Grundlage des monastischen Lebens ist. Es ist die Grundlage des Glaubens.

a) Das liturgische Leben, so kann man erstens daraus schließen, kann vom übrigen Leben nicht getrennt werden. In ihm lebt eine Kommunität, die das Verlangen hat, sich dem Wirken Gottes zu öffnen. Die Kommunität selbst ist „Opus Dei“, Werk Gottes, das sich an diesem bestimmten Ort verwirklicht.
In der Liturgie manifestiert sich unsere Gemeinschaft und drückt sich im gemeinsamen Glaubensbekenntnis aus. Gemeinsam erkennen wir in Dankbarkeit die Liebe Gottes, die immer zuerst da ist, die Gegenstand des tiefsten, unbegrenzten Verlangens für jeden Einzelnen und für alle in der Nachfolge Christi ist.
Die Liturgie ist Opus Dei, weil sie das offenbart, was im Herzen eines jeden und aller lebendig ist.

b) Die Liturgie, so kann man weiter schließen, ist Ausdruck des Lebens der Kommunität – und zwar mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Momenten des Elans und der Müdigkeit. Nach einem Tag harter Arbeit ist vielleicht im Chorgebet Unlust, Ermüdung oder Gereiztheit zu spüren. Das ist unsere Wahrheit, die manchmal schwer zu ertragen ist – aber sie ist ein Teil unseres Weges, den das 7. Kapitel der Benediktsregel beschreibt. Das zu wissen, ist heilsam. Wir kommen dann nicht in Versuchung, die Schuld auf den Kantor, den Organisten oder sonst andere zu schieben.

c) Die Liturgie ist im ganzen Leben verankert und wird durch das ganze Leben vorbereitet.
Es ist wichtig, dass wir uns in unserem Tageslauf um eine gewisse Ausgewogenheit bemühen, dass neben dem Raum, der der Liturgie gewährt wird, auch Raum für die anderen, das Glaubensleben nährenden Werte gegeben ist: lectio divina, persönliches Gebet, Meditation, Zeiten des Schweigens, das Bemühen, sich nicht zu verzetteln.
Diese Ausgewogenheit ist vielleicht wichtiger als alle liturgischen Neuerungen oder Änderungen, die für sich allein oft nicht viel bewirken.

Die Teilnahme an der Liturgie erfordert eine bestimmte innere Haltung, sagt uns das 19. Kapitel der Benediktsregel. Das Bemühen um Aufmerksamkeit, das ein bewusster Glaubensakt ist.
Wenn die Liturgie Ausdruck des Glaubens der Kommunität ist, so ist die Liturgie ihrerseits der Ort, an dem die Kommunität genährt und geformt wird.
Teilnahme am Stundengebet ist Teilhabe am Wirken des Hl. Geistes, der sich in der Kommunität vernehmen lässt. Das ist nicht einfach ersetzbar durch „privates“ Beten, auch wenn das manchmal unumgänglich ist. Aber der Ort des Hl. Geistes ist die betende und feiernde Gemeinschaft.

Was für jedes Werk gilt, gilt auch für die Liturgie: sie erfordert eine Vorbereitung – und zwar eine „entferntere“ durch das Studium der Hl. Schrift, der Psalmen, durch die lectio divina – und sie verlangt auch eine unmittelbare und persönliche: das Vorbereiten der Bücher, Schweigen, Sammlung.
Kap 19 schließt mit dem bekannten Satz: „Stehen wir so beim Psalmensingen, dass unser Geist in Einklang ist mit unserer Stimme.“
Das heißt nicht, dass wir nicht während des Chorgebets von Tausend Gedanken, Plänen und Sorgen geplagt sein können, aber unser Herz muss sich engagieren. Wir müssen uns einlassen auf das Mysterium, das jenseits der Worte auf uns wartet. Davon soll unsere Leben im innersten geprägt sein.
Es ist nicht leicht, mehrmals am Tag die Arbeit einfach aus der Hand zu legen. Manchmal wird es auch nicht gehen. Die Regel sieht vor, dass am Ende jeder Hore der Abwesenden gedacht wird, dass sie dadurch mit hineingenommen werden.
Aber es ist unbestritten, dass das Stundengebet für den hl. Benedikt der Ort und der Raum schlechthin ist, in dem die Gemeinschaft sich als Einheit erfährt.
Gemeinsames Gebet und persönliches Gebet bedingen und ergänzen einander. In der Regel folgen die Kapitel 19 und 20 unmittelbar aufeinander
So kurz Kapitel 20 auch ist, es ist doch Träger einer ganzen spirituellen Tradition. Es verweist in seinem ersten Satz ebenfalls auf die 1. Stufe der Demut. Es sieht den Ort des Gebetes nicht auf der Ebene des Denkens, sondern auf einer inneren Haltung. Beten heißt: vor Gott sein in der Aufrichtigkeit des Herzens. Beim Beten wird das Herz rein. Rein ist nicht gleich fehlerfrei: das reine Herz wird fähig, die Liebe in ihrer Fülle aufzunehmen.

Das Gebet, wie es im 20. Kapitel der Benediktsregel beschrieben ist, ist das Gebet des „Armen“. Es ist Bittgebet, flehentliches Gebet, das seine eigene Armut kennt und sich an den wendet, der Ursprung und Quelle von allem ist. Nicht in vielen Worten ergießt sich das Gebet, sondern im Warten und im Vertrauen.

Das persönliche Gebet muss also wahr sein. Es darf daher auch kurz sein. Aber es muss in Treue vollzogen werden und immer wieder neue Hinwendung zu Gott sein.

Die Treue zum Gebet in aller Einfachheit und Schlichtheit ist Schlüssel zur Treue im monastischen Leben.

Sr. Simone Weinkopf OSB

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10 Gebote der Gelassenheit
Werkzeuge der geistlichen Kunst

Ort des Lebens – Ort des Segens 

10 Gebote der Gelassenheit – Werkzeuge der geistlichen Kunst
ein Weg durch unseren Alltag
eine Einladung zum Verweilen im Eilen

„Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten: an jedem Tag, zu jeder Stunde, ohne Übertreibung, mit Geduld.“ ( hl. Papst Johannes XXIII.)


Leben

„Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben, ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.“

02

Herr,
schenke mir Augen, die weiter sehen
schenke mir Ohren, die tiefer lauschen
schenke mir Gedanken, die unaufhörlich nach dir fragen
schenke mir Menschen, die dich mit mir suchen
und wenn wir dich gefunden haben,
dann blüht unser Mauerwerk auf
im Atemwind deines Geistes
wachsen Trost und Segen,
weil du überall auf uns schaust

 

Werkzeug
Fest überzeugt sein, dass Gott überall auf uns schaut. RB 4,49

apertis oculis nostris

ad deificum lumen
adtonitis auribus audiamus
divina cottidie clamans
HODIE

 

Sorgfalt 

„Nur für heute werde ich mit größter Sorgfalt auf mein Auftreten achten. Ich werde niemanden kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern. Nur mich selbst“

03

sed magis benedicere 

Herr Keuner ging in ein Lebensmittelgeschäft, das sich gleich um die Ecke seines Hauses befand. „Gott zum Gruße“, sagte er beim Eintritt, doch man schenkte ihm nur ein müdes Lächeln. Er habe die Perle im Acker gefunden und wolle ein kleines Fest geben, ob die Herrschaften nicht kommen wollen, fragte er, jeder sei willkommen. Doch man

runzelte nur die Stirn und tat zugleich so, als habe man seine Worte nicht gehört. Mönch zu werden, ja, darüber habe er schon häufiger nachgedacht, mehr theoretisch als praktisch, aber plötzlich habe es ihn dann ergriffen und es lasse ihn nicht mehr los; nein, besser: ER lasse ihn nicht mehr los. Ob jemand der Anwesenden auch so eine beglückende Erfahrung gemacht habe, wollte er wissen, doch man schrie ihn an, er möge endlich still sein. Totenstille trat ein – und Herr Keuner trat aus, um schließlich woanders schweigend einzutreten. Die Perle aber, die ließ er im Acker.

Werkzeug
Von der Liebe nicht lassen. Die uns verfluchen, nicht auch verfluchen, sondern – mehr noch – sie segnen. RB 4,26.32

einmalig
unersetzbar
ähnlich und doch verschieden
zum Verbinden und Ergänzen geschaffen
Geduld ist gefragt und Ausdauer
Sorgfalt
mit dir und mit mir
Puzzleteile im Acker unseres Lebens


 Glück 

„Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich geschaffen bin, glücklich zu sein, nicht nur für die andere, sondern auch schon für diese Welt.“

04

jubelnde Seele
streck deine Hände aus
grab nach der Quelle
hier ist der Garten
Ölberg und Eden
auch deines Lebens Rosen
wollen hier blühen
Dornwald und Wüste
Manna und Tränen
der Mächtige tut Grosses an uns
heute
hier
auch jetzt
und in der Stunde unseres Todes
stell dich in den Segen
lobpreise den Herrn

Werkzeug
Das ewige Leben mit allem geistlichen Verlangen ersehnen.
Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben. RB 4,46f.

Realismus 

„Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass sich die Umstände an meine Wünsche anpassen.“

05

UM-WÖRTER 

In unserem Alltag benutzen wir viele
Wörter, die mit „um“ beginnen.
Manche dieser „Um-Wörter“ wollen eine
Veränderungen andeuten: Um-zug, Um-schwung, Um-wandlung.

Andere „Um-wörter“ verweisen auf
neue Wegstrecken (Um-wege) und längere Prozesse, die mitunter schmerzhaft verlaufen können: um-gehen, um-biegen, um-erziehen, um-pflanzen, um-leiten.

Aber es gibt auch „Um-wörter“, die selbst in scheinbar un-um-stößlichen Situationen neue Perspektiven eröffnen: Um-verteilung, Um-widmung.

Um-orientierung gelingt freilich nur, wenn aus der neuen Um-schreibung nicht sofort wieder ein neuer Um-stand wird, den man lieber gleich um-schiffen würde.

Ist in unserem Leben denn wirklich alles so vergebens und um-sonst?

Nein!

UM-KEHR – conversatio – ist nicht umsonst, aber dafür „gratis“ – eben voll der Gnade.

Jeden Tag neu!

Werkzeug
Nicht murren. RB 4,39

 Lesen 

„Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.“

06

 

Wie treffend, dass es von diesem „Gebot“ gleich zwei Varianten gibt: Lesen und Stille.

Beides liegt auch in unserem Kloster nah beieinander: Bibliothek und Oratorium.

Lectio und Oratio.

In das kleine Heftchen dürfen Empfehlungen geschrieben werden: Leseempfehlungen für das Leben der Seele.

Manchmal liest sie sich spannender als das Buch, das man sich gerade ausleihen möchte: die Leihkarte mit den Namen derer, die schon vor einem dieses Buch gelesen haben.

Leseempfehlungen der stillen Art.

Welcher Reichtum liegt hier verborgen.

Werkzeug
Heilige Lesungen gern hören. RB 4,55

Stille 

„Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit der Stille widmen und Gott zuhören. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, so ist das Horchen auf Gott in der Stille notwendig für das Leben der Seele.“

07

Werkzeug
Sich oft zum Beten niederwerfen. RB 4,56

Vorübergang des Herrn
tritt einfach ein
bete
und lass die Welt
vorübergehen

simpliciter intret et oret 


Handeln

„Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen – und ich werde es niemandem erzählen.“

08

keine Schatten
sondern Licht wirfst du in unser Leben
malst bunte Farbe auf grauen Stein
verwandelst finstere Ecken
in helles Leuchten
zart
verspielt
für Achtsame
nur einen Augenblick
wie leises Säuseln
o Schöpfer der Welt
wie staunenswert
ist dein Blick
für uns
ist dein Atem
in uns
ist dein Antlitz
unter uns
Licht ist gesät
schon keimt es
seht ihr es nicht?
nur einen Augenblick
und das Angesicht der Erde
wird neu

Werkzeug
Arme bewirten.
Nackte bekleiden.
Kranke besuchen.
Tote begraben
Bedrängten zu Hilfe kommen.
Trauernde trösten. RB 4,14-19

Überwinden

„Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.“

09

Mittagshore 

erhitzte Gemüter
neigen das Haupt

die Stirn trägt Wunden
dein Wort lässt heilen
was Worte verletzten

zur Ruhe kommen
die Stille finden

Mitten am Tag
notwendig
Not wendend
heilend

die Stille gefunden
zur Ruhe gekommen

vergebende Worte
dein Wort, das vergibt
alle Schuld dieser Welt

als du dein Haupt neigtest
über erhitzte Gemüter

zur Mittagszeit

Werkzeug
Nicht stolz sein,
nicht trunksüchtig,
nicht gefräßig,
nicht schlafsüchtig,
nicht faul sein. RB 4,34-38

contentus sit monachus


Planen

„Nur für heute werde ich mir ein genaues Programm vornehmen. Auch wenn ich mich nicht genau daran halten werde – ich werde den Tag planen. Ich werde mich besonders vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.“

10

Danke,

Herr, dass du unser Wollen in ein anderes Licht stellst
und voller Sanftmut
einen zarten Strich
durch unsre Pläne machst.

11

 

 

in aller Gelassenheit und im Gehorsam

cum omni mansuetudine et oboedientia

 

 

Werkzeug
Gottes Weisungen täglich durch die Tat erfüllen. RB 4,63

 


Mut

„Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, und mich an allem freuen, was schön ist. Und ich werde an die Güte glauben.“

12

Werkzeug
Vor allem: Gott den Herrn, lieben
mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft.
Ebenso: Den Nächsten lieben wie sich selbst. RB 4,1f.

wie klopfte mir damals das Herz
bei den ersten Schritten
Einsamkeit und Gemeinschaft

„lass dich nicht sofort von Angst verwirren
fliehe nicht vom Weg des Heils
er kann am Anfang nicht anders sein als eng
folge mir nach“

Heimsuchung Gottes
Zeitenwende in seinem Zelt
Hände in Hände gelegt

welch unsagbares Glück:
hier brennt der Dornbusch

und das Herz schlägt mir noch heute


Vertrauen

„Nur für heute werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten – , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.“

13

 

GEMEINSCHAFT ausbuchstabiert (mit RB 72) 

G ott fürchten

e inander selbstlos

m it glühender Liebe

E igenwillen aufgeben

i m gegenseitigen Gehorsam

n ichts vorziehen

s o gibt es den guten Eifer

c harakterliche Schwächen mit unerschöpflicher Geduld ertragen

H ilfe des Herrn erbitten

a uf die Weisung des Meisters hören

F ührung des Evangeliums

t äglich durch die Tat erfüllen

ecce quam bonum
Wurzel und Stamm
Grundstock für Generationen
im Vertrauen auf Gott
wachsen neue Triebe
getragen und gestützt
habitare in unum

Werkzeug
Seine Hoffnung Gott anvertrauen. RB 4,41

 

Von Sr. Raphaela Brüggenthies OSB

 

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Viriditas: Die Schöpfungskräfte im geistlichen Leben des Menschen

Im fünften Kapitel ihres zweiten großen Visionswerkes “Welt und Mensch“ (liber divinorum operum) schenkt uns die hl. Hildegard eine bedeutungsvolle Zusammenschau der schöpferischen Kraft Gottes im Sechs-Tage-Werk und dem geistlichen Leben des Glaubenden. Es ist die gleiche viriditas (Grünkraft), die das All vollendet und die Heilung des Menschen zum Ziel hat. Beides ist aufeinander bezogen und führt zur Heilung, zur Wiederherstellung der gestörten Schöpfungsordnung.
Um die Kraft der viriditas ein wenig zu verstehen, könnte man als Vergleich die Photosynthese der Pflanzen anführen. Sie besagt, dass das Blattgrün die „schöpferische“ Fähigkeit besitzt, Sonnenlicht aufzunehmen und es in Energie zu verwandeln, die für den Organismus lebensnotwendig ist. Dieser Stoffwechselvorgang ist einer der wichtigsten physiologischen Prozesse und Voraussetzungen für die Existenz des Lebens. Die Pflanze erhält mittels des Lichtes, einer von außen auf sie treffenden Energie, eine neue Qualität. In Analogie dazu ist festzustellen, dass auch die geistigen Schöpfungskräfte des Menschen im Aufstieg zu Gott in eine höhere Seinsstufe gehoben werden. Dabei verlassen wir den klassischen Weg-Gedanken des geistlichen Lebens: sich Gottes erinnern, zu Ihm rufen, gegen die eigene Schwachheit kämpfen, nach der Niederlage in Reue zu Gott umkehren und geheilt werden, und schließlich das Werk Gottes mit eigenem Tun in Beziehung setzen und damit zur Vollendung der Schöpfung beitragen.
Jetzt umkreisen wir eher das geistliche Leben, so wie auch die Seele mit ihrer Kraft das All umkreist.

Der erste Tag:
„Die Erde ist noch wüst und leer, von Finsternis und Chaos beherrscht. Der Geist Gottes schwebt über diesem Chaos. Und Gott spricht: ‚Es werde Licht!’“ (Gen 1,2f.)
In das Chaos bricht von oben her das Licht ein, hinein in die verworrene Masse. Die erste Kraft des Lichtes (prima virtus lucis) ist im Menschen die compunctio cordis, die Zerknirschung des Herzens, ein unerhörter Aufbruch zu Gott hin. Schmerzlich beglückt verlangt der Mensch aus seiner Gebrochenheit heraus nach Gott. Dieses Sehnen kommt vom Himmel her, auch wenn der Mensch der Sünde verhaftet bleibt. Die compunctio cordis ist wie ein unaufhörliches Tagen, das von keiner Finsternis verdeckt wird. Es ist ein bewegender Aufschrei: „Herr, erbarme dich meiner“, so beschreibt ihn Hildegard, „und wenn man alle Wüsten und Meere durchmessen könnte, würde man kaum das Ausmaß der Heilung mit all’ ihrer Freude und unbeschreiblichen Herrlichkeit bleibenden Lebens ermessen können“.
Uns mahnt sie: „Ihr verbietet eurer Seele dieses Sehnen und nötigt sie, keine Hilfe bei mir zu suchen. Wer aber kann jemandem antworten, dessen Stimme er nicht hört? Niemand. Ihr richtet ja keinen Ruf um Hilfe an mich. Welche Gabe (Heilung) soll dem gegeben werden, der gar nichts sucht, sondern vor dem Geschenk flieht? Ihr verlangt nichts mehr von mir.“

Der zweite Tag:
„ … es scheide sich Wasser von Wasser. Gott machte das Firmament…“ . (Gen 1,6f.)
Dieser beständige Prozess der Scheidung und Unterscheidung ist im Menschen die Kraft der discretio, der weisen Maßhaltung. Sie ist nicht so sehr ein opus, ein Werk, sie ist vielmehr die Unterstützung, der Halt für alles. Die Kraft der discretio ist entscheidend, bedeutend bis in die höchsten Stufen der Vollkommenheit. Solche Kraft berücksichtigt und unterscheidet beides: die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um das Irdische. Der Leib ist ja, so Hildegard, „im Feuer des Heiligen Geistes gestaltet worden. Er soll weder durch maßlos Auferlegtes Gutes wirken, noch durch negatives Verhalten zugrunde gehen.“ Er sollte im Wechsel von Gebet, Arbeit und Erholung leben.
Die discretio ist eine Treppe oder Leiter, auf ihr soll die Seele zum Himmel emporsteigen und zur Erde herunterklettern um des irdischen Bedürfnisses willen. Beides ist Gott wohlgefällig.
In einem Brief an eine besorgte Äbtissin rät die Meisterin Hildegard: „Sei Martha und liebe Maria!“
„So besteht das Gefüge der Tugend in beiden Lebensweisen, indem der Mensch in rechtem Maß die Unterscheidung trifft.“ Die discretio lenkt Leib und Seele und schafft feste Lebensgewohnheiten. Sie ist sozusagen ein Tugendgesetz, das das konkrete Leben mit einbezieht, die sanfte Rücksicht nimmt und Augenmaß hat (doctrina quae respicit ad vitam).

Der dritte Tag:
… es erscheine das Trockene. … Die Erde bringe Kräuter und Samen hervor. (vgl. Gen 1,9.11)
Die mütterliche Erde erhält die Kraft, Grünes hervorzubringen. Hildegard sieht in der Demut (humilitas – humus) die dritte Schöpfungskraft, d.h. der Mensch erkennt seine Schwachheit in seinem irdischen Leib. Der gefallene Engel Luzifer brach in Gelächter aus, als er den Plan Gottes vernahm, den Menschen in der Hinfälligkeit des Leibes zu schaffen. Er begriff nicht, dass Gott selbst sich zur Erde geneigt und das Gewand des Menschen angezogen hat, den Leib. Gerade in der Schwachheit des Leibes wollte Gott uns erlösen und den Teufel besiegen.
Demut heißt: auf die Niedrigkeit seines Fleisches schauen und bedenken, dass wir aus Ton sind. „Wie verwehende Asche bin ich vor dir.“ „Nur wer bei der Wurzel mit dem Aufstieg beginnt, kommt nicht so leicht zu Fall. Nur wer die Fühlung mit der Erde behält, kann den Himmel erreichen.“
Hildegard schreibt über die Verkündigung, dass Maria zuerst auf die Erde schaute, aus der sie genommen war, dann seufzte sie auf zum Himmel und sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“.
Hildegard erklärt weiter: „Wenn das Wort einer Zurechtweisung angenommen wird, dann fällt der Same Gottes auf gute Erde und bringt die Frucht der virtutes, der Kräfte Gottes und der Tugend des Menschen hervor.“

Der vierte Tag:
„Es werden Lichter am Himmelsgewölbe…“ (Gen 1,14)
Aus den Gaben des Heiligen Geistes sollen Lichter hervorgehen, damit der Mensch Gott und seinen Nächsten liebe wie sich selbst. – Wie soll das geschehen?
„Mit der ganzen Kraft seiner Seele (viriditas) soll der Mensch beharrlich zu Gott flehen und nicht – gleichsam von außen her – glaubenslos, einen anderen Helfer als Gott suchen, sondern kraftvoll, ohne zu wanken auf Gott schauen.“ Es überrascht, dass Hildegard das als einzige Notwendigkeit vermerkt, will man der Liebe Ausdruck geben. Den Nächsten zu lieben, heißt zuerst einmal, nicht würdelos mit ihm umzugehen, als sei er der Untergebene. Immer die Würde des anderen respektieren! „Erde verwirft die Erde nicht, ihr seid eine Erde!“ Dann gilt es, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihm zu helfen, ihn nicht zu verachten, sondern Gemeinschaft mit ihm zu haben.

Der fünfte Tag:
„Das Wasser bringe Kriechtiere hervor und die Vögel über der Erde unter dem Himmel!“ (Gen 1,20)
Hier setzt Hildegard die contemptio mundi, den Abstand, die innere Distanz von der Welt an. Das Herz solle weder an Güter noch an Laster gebunden werden. (Man denke an den Hochmut, den Eigenwillen, die Habsucht etc..) Nichts festhalten wollen, an nichts kleben und haften, sich selbst beherrschen in Beten, Fasten und Enthaltsamkeit. Gleichsam wie die Vögel zum Himmel fliegen können.
Es folgen bei Hildegard bemerkenswerte Aussagen: „Wer alles um meines Namens willen verlässt [Eigenwille, Begierden, Hochmut] und auf mich schaut, der wird hundertmal so viel Ruhe, den Frieden des Herzens (quies cordis) auf irdische Weise empfangen, gerade weil er die Sorge um das Irdische abgelegt hat und mir [Gott] gefolgt ist … . Ein solcher Mensch verlässt die Welt und durchdringt sie zugleich mit dem Tau des Heiligen Geistes. Er zieht Scharen von Menschen an sich, so dass viele in Gott wiedergeboren werden … . Ein solcher Mensch ist in allem gelöst und heiter.“
Doch gerade auf der hohen Stufe der Vollkommenheit warnt Hildegard vor der Maßlosigkeit. „In allem aber soll der Mensch sich das rechte Maß auferlegen. Die discretio allein ist es, die die Distanz von der Welt lenkt, dass sie nicht im Überschwang des Geistes höher steige, als sie getragen werden kann.“

Der sechste Tag:
„Die Erde bringe lebendige Wesen hervor … . Und Gott sprach: ‚Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde!’“ (Gen 1,24.26)
Der sechste Tag ist dem Gehorsam zugeordnet: jener starken Kraft, die in Gott dem Tod seine Macht nimmt. Alle Geschöpfe sind dem Menschen untertan (gehorsam). Der Mensch kann nach dem Beispiel Christi seinen Eigenwillen aufgeben, den Geboten Gottes und den Weisungen heiliger Lehrer gehorchen. Und er ist auch anderen Menschen im Gehorsam untertan. Darin liegt für Hildegard ein Doppeltes, nämlich ein männliches und ein weibliches Tun. Einmal ist es die große Kraft des Gehorsams, die weder vor sich noch vor einem anderen feige jedweder Ungerechtigkeit ausweicht. Gott selbst ist diese Kraft der Gerechtigkeit im Gehorsam des Menschen. Hildegard schreibt an die Mainzer Prälaten einen Brief, in dem sie für die Gerechtigkeit ungeschminkt eintritt. „Die Gerechtigkeit Gottes ist eine starke Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dem Gehorsam wohnt aber noch eine zweite Kraft inne, die Hildegard dem Wirken der Frau zuschreibt: „So wie Gott sich des Elends des Menschen annimmt und in seine Reue das Öl der Barmherzigkeit gießt, so soll sich auch der Mensch des anderen barmherzig annehmen.“ An anderer Stelle lässt die hl. Hildegard dies poetisch anklingen:
„Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter weht,
und wie Tau, der auf die Gräser träufelt
und wie Regenluft, die wachsen macht.
Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus
auf alle, die da Sehnsucht tragen!
Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft,
ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet
und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet,
und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde,
indem er ihnen seine Seele gibt.“

Der siebte Tag:
„Also wurden vollendet Himmel und Erde…“ (Gen 2,1)
Am siebten Tag schaut Gott in den Schoß der Jungfrau wie der Adler in die Sonne schaut und bringt alles zur Vollendung in Seinem Sohn. Er ist gewissermaßen die Vollendung, das siebte Werk Gottes. Im Reich der Welt trägt er dann in Maria die Vollendung hinein in die Kirche. Er ist der kostbare Edelstein, mit dem Gott all’ seine Werke schmückt. Gott ruht aus in seinem Sohn von seinen Werken. Der Sohn fängt an, im Schoße der Jungfrau zu wirken.
Er, der Sohn, ist die interiora benedictio, die innerste, tiefste Segnung, die Heilung. Der Mensch aber vermag an seiner Vollendung mitzuwirken, indem er den göttlichen Sohn nachahmt. Und worin besteht solche Nachahmung vor allem?
So wie Christus uns in die Fülle der Freude gehen lässt, indem Er uns jede Schuld vergibt, die wir ehrlich bekennen und bereuen, so ist es die größte Würde und Herrlichkeit des Menschen, wenn er wie Christus jedwedes Unrecht seinem Nächsten vergibt. Auf diese Weise wird dann der Mensch in der Vollendung seines geistlichen Lebens zum Segen, zur Heilung für die Wunden und Unversöhnlichkeiten der ganzen Welt. Wir werden immer nur diese oder jene der schöpferischen Kräfte Gottes in unserem Wirken „gebären“, und doch stehen wir schon im Gefüge des Ganzen, denn alles antwortet einander. Im Bekenntnis unserer Schwachheit aber ist es uns jederzeit möglich, das Licht Gottes über unserem Chaos aufleuchten zu lassen. Wer solchermaßen im Glauben offen bleibt für den Heiligen Geist, wird – so Hildegard – habilitas, d.h. bewohnbar nicht nur für Gott, sondern auch für die Mitmenschen. Er kann ihnen bei sich Heimat geben, Gastfreundschaft im tiefsten Sinne gewähren. Wie viel Sehnsucht gibt es heute danach! Darüber hinaus entsteht ein Stück konkret „bewohnbare“ Erde.
In jenem fünften Kapitel ihres Visionswerkes sieht die Prophetin die Erde in bewohnbare und unbewohnbare Bereiche aufgeteilt; nicht im geographischen Sinne, dennoch nicht irreal oder imaginär, sondern wirklich vorstellbar. Man kann auch die Gestalt der Seele oder eines Engels nicht beschreiben, und doch sind diese Unsichtbaren real und sehr stark da. Die Unbewohnbarkeit ist für Hildegard eines der Symptome der zerfallenen Schöpfung. In Jer 22,6 heißt es: „Sion, ich mache dich zur unbewohnbaren Stadt.“ Ein solches Wort mag stellvertretend stehen für die vielen Gerichtsworte der Hl. Schrift. Auf der anderen Seite hören wir die Heilsverheißungen Gottes an Sein Volk: „Ich führe dich zur bewohnten Stadt. Israel soll in Sicherheit wohnen.“

Anmerkung:

Die sieben Tugendkräfte – Zerknirschung des Herzens (compunctio cordis), Unterscheidung, weise Maßhaltung (discretio), Demut (humilitas), Liebe, ganze Kraft der Seele (viriditas), Enthaltsamkeit, innere Distanz, (contemptio mundi), Gehorsam (oboedentia) und Barmherzigkeit (misericordia) – werden von der hl. Hildegard – sozusagen in einer Art ‚Selbstvorstellung’ – in ihrem Werk „Der Mensch in der Verantwortung“ (Liber vitae meritorum) beschrieben.
Es ist kein Zufall, dass die Barmherzigkeit bei Hildegard in das grüne Gewand der viriditas gekleidet ist, jener Grünkraft, die die elementare Lebenskraft überhaupt ist.
Sr. Caecilia Bonn OSB

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Von der Berufung zur Freude

Freude und Schmerz schließen sich nicht aus, sondern gehören eng zueinander. Diese Erfahrung machen wir nur allzu oft in unserem Leben. Papst Benedikt XVI. hat in einer Meditation auf diesen Zusammenhang eindringlich hingewiesen. Er sagte:

„Die Weisung ‚gaudete’ – freut euch – kommt in den Briefen des hl. Paulus sehr häufig vor, ja man könnte sagen, dass sie gleichsam der ‚cantus firmus’ seines Denkens ist. Im so mühseligen Leben des Paulus, einem Leben mit Verfolgungen, Hunger, Leiden aller Art, ist dennoch das Schlüsselwort ‚gaudete’ immer gegenwärtig.

Hier erhebt sich die Frage: ist es möglich, die Freude gleichsam anzuordnen? Die Freude, möchten wir sagen, kommt oder kommt nicht, sie kann nicht auferlegt werden wie eine Pflicht. Und hier hilft es uns, wenn wir an den bekannten Text über die Freude in den Paulusbriefen denken, das heißt an den des Sonntags ‚gaudete’ mitten in der Liturgie des Advent. ‚Gaudete, iterum dico gaudete, quia Dominus prope est’ [Freut euch, wiederum sage ich, freut euch – denn der Herr ist nahe].

Wenn mir der Geliebte, die Liebe, das größte Geschenk meines Lebens, nahe ist, wenn ich sicher sein kann, dass er, der mich liebt, mir auch in schwierigen Situationen nahe ist, dann empfinde ich im Grunde meines Herzens eine Freude, die größer als alles Leiden ist. Der Apostel kann sagen: ’gaudete’, denn der Herr ist jedem von uns nahe. Deshalb ist diese Weisung in Wirklichkeit eine Einladung, dass wir uns der Gegenwart des Herrn, der uns nahe ist, bewusst werden. Sie ist eine Sensibilisierung für die Gegenwart des Herrn. Der hl. Paulus will uns aufmerksam machen auf diese verborgene Präsenz Christi, der jedem von uns nahe ist. Für jeden von uns gelten die Worte aus der Offenbarung: Ich klopfe an deine Tür. Höre mich, öffne mir. Es ist also auch eine Einladung, für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür klopft, empfänglich zu sein. Ihm gegenüber nicht taub zu sein, weil die Ohren unseres Herzens so erfüllt sind von den vielen Geräuschen der Welt … Prüfen wir, ob wir bereit sind, die Türen unseres Herzens zu öffnen … Er klopft an die Tür, er ist uns nahe, und damit ist uns die wahre Freude nahe, die stärker ist als alle Traurigkeit der Welt und unseres Lebens.“

Soweit die Worte unseres Hl. Vaters Benedikt XVI. Greifen wir ein paar Gedanken des Papstes etwas konkreter auf.

Der Apostel Paulus fordert uns in seinen Briefen an die Philipper und an die Thessalonicher ganz bewusst und sehr eindringlich zur Freude auf. Wenn er dies so auffallend hervorhebt, dann muss es sich hier offenbar um eine ganz besondere Freude handeln. Es geht hier nicht um eine Freude, wie sie uns sonst in unserem Alltag widerfährt, wir können diese Freude auch nicht selbst machen. Die Freude, die der hl. Paulus meint, ist ganz und gar Geschenk, ist reine Gnade und Geschenk des Hl. Geistes. Sie ist die Freude im Herrn, der Mensch geworden ist und uns damit auf wunderbare Weise nahe gekommen ist. Es ist die Freude am Herrn, der unser Leben teilt und uns erlöst hat durch sein Blut.

„Freut euch im Herrn allezeit, noch einmal sage ich euch: freuet euch“ – wir alle sind hier angesprochen, jede und jeder einzelne. Alle, die wir unseren Lebensort im Herrn haben, die wir uns ihm verbunden wissen, in ihm verankert sind und aus der Erfahrung seiner Liebe, seines Erbarmens und seiner Hingabe heraus zu leben versuchen. Er allein ist der Grund unserer Freude. Gerade deshalb ist diese Freude unabhängig davon, ob uns Gutes widerfährt, ob wir gerade glücklich sind, ob unser Leben gelingt und erfüllt ist. Der Herr ist da – ecce adsum – nicht nur in Tagen, die uns freudig erscheinen und willkommen sind, sondern gerade auch in Zeiten, in denen wir schwere Lasten zu tragen haben, in Zeiten, die vielleicht leer und einsam sind. Die Freude am Herrn vergeht nicht in Not und Leid, sondern kann gerade in solchen Prüfungen tragen, weil der Herr uns gerade dann besonders nahe ist.

Die nächste Nähe des Herrn erfahren wir in der Eucharistie, in den Zeichen von Brot und Wein. Was kann uns scheiden von der Liebe des Herrn, sagt Paulus im Römerbrief (8,35-37). Weder Bedrängnis noch Ängste, weder Verfolgung noch Gefahr, weder Hunger noch Kälte. Nichts kann uns scheiden von seiner Liebe, die uns umgibt, die uns trägt und die uns hält. Solche Liebe schenkt wahre Freude und inneren Frieden, eine Freude, die uns niemand nehmen kann, nur wir selbst.

Ja, wir selbst können der Freude im Wege stehen. Warum? Gewöhnlich empfinden wir unser Leben eher als glanzlos. Wir schleppen uns allzu oft nur so dahin, sind zermürbt von vielen kleinen und großen Ängsten und Sorgen, von Krankheit und Einsamkeit, von zuviel Arbeit und Überforderung. Der Engel der Weihnacht aber hat gerade in diesen unseren Alltag hinein sein Wort gesprochen: „Ich verkünde euch eine große Freude!“ Und die Hirten haben sich aufgemacht, mitten in der Nacht. Freude verlangt manchmal auch Anstrengung und Mut, möchte man sagen. Unglücklich sein kann jeder. Fragen wir uns ruhig einmal, wie es wäre, wenn der Engel der Weihnacht heute zu uns käme. Würden wir ihm antworten, würden wir uns auf den Weg machen, würden wir auch lieb gewordenes Unglück hinter uns lassen und der Freude entgegeneilen? Die alten Mönchsväter sahen eine bestimmte, oft auch heute nur allzu beliebte Form von Traurigkeit als Laster an, das es zu bekämpfen gelte. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, ob sie nicht manchmal recht haben. Freude verlangt auch Anstrengung. Freude kann also Arbeit sein, vor allem Arbeit an uns selbst. Sie muss wie die Liebe gewollt, manchmal auch erkämpft werden. In der Vätertradition wurde die Freude immer als die Schwester der Liebe betrachtet. Gott ist die Liebe (1 Joh 4,8). Und darum ist Gott auch der Ursprung der Freude. Nicht umsonst war die erste Kunde von Jesus, dem Gott unter uns, die Freude. „Ich verkünde euch eine große Freude“.

In der Benediktsregel gibt es nur drei Stellen, an denen die Freude erwähnt wird. Doch diese drei Stellen haben es in sich. Da heißt es zum ersten im Kap. 5,16 über den Gehorsam: „Gott liebt einen freudigen Geber“. Freude, so kann man daraus schließen, entsteht in der Selbstlosigkeit und in der selbstlosen Hingabe. Freude wird mir nicht für mich selbst geschenkt, sondern ist dazu da, weitergegeben und geteilt zu werden. Sie bleibt nicht in sich, sondern sie strahlt aus. Christus selbst ist uns hierin das Vorbild schlechthin. In der Loslösung von sich selbst hat sich Weihnacht ereignet, Menschwerdung Gottes. In seiner Selbsthingabe sind wir erlöst worden. Wäre unsere Antwort auf dieses Geschenk der Erlösung nicht eine freudige Gelöstheit in allen Situationen, auch den schweren, unseres Lebens? „All das“, so sagt der hl. Benedikt in Kap. 9,39 „überwinden wir freudigen Herzens durch den, der uns geliebt hat“. Im festen Glauben an die Liebe und an die Nähe des Herrn dürfen wir und sollen wir uns freuen.

Die dritte Stelle (Kap. 49,6), an der der hl. Benedikt die Freude erwähnt, fasst beide genannten Motive noch einmal wie in einem Brennglas zusammen: „Ein jeder soll also von sich aus…in der Freude des Hl. Geistes etwas als Opfer darbringen…und harre in Freude und Sehnsucht des Geistes dem heiligen Osterfest entgegen.“ Sich selbst darbringen –dieses Opfer will eingelöst werden, jeden Tag neu und zumeist in ganz kleinen Dingen. Versuchen wir das, was uns bedrückt, was uns müde macht, was uns fern hält von der Freude des Herzens, auf den Altar Gottes zu legen oder ans Kreuz Christi zu heften.

Wie können wir das konkret tun? Schauen wir einmal auf das, was der Apostel Paulus den Thessalonichern kurz und bündig ins Stammbuch schreibt: „Freut euch zu jeder Zeit. Betet ohne nachzulassen. Dankt für alles.“

Versuchen wir, dankbare Menschen zu werden, denn in der Dankbarkeit wird uns die Freude mitgeschenkt. Wir haben so viel Grund zur Dankbarkeit, im Kleinen wie im Großen. Fragen wir uns am Ende eines jeden Tages im Gebet, wofür wir heute Grund zum danken haben. So werden wir wirklich frohe Menschen, die Freude ausstrahlen und die auch den anderen freundlich und geduldig begegnen.

Blaise Pascal, der große Mathematiker und überzeugte Christ, hinterließ das schöne Wort: „Der Mensch ist für die Freude geboren“. Und Paul Claudel fügte dem in einem Bittgebet hinzu: „Herr, lehre die Christen, dass sie keine andere Aufgabe haben als die Freude.“

Sr. Philippa Rath OSB