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Predigt von Pfarrerin Beate Jung-Henkel beim Hildegardisfest 2018

Sehr geehrte Brüder und Schwestern im Glauben,
sehr geehrte Frau Äbtissin Dorothea,
sehr geehrter Herr Weihbischof Löhr, sehr geehrter Herr Weihbischof Gebert,
sehr geehrte Schwestern, sehr geehrte Geistlichkeit,
sehr geehrte Pilger und Freunde der Heiligen Hildegard!

Es ist mir eine Ehre, heute hier sprechen zu dürfen.
Eine evangelische Pfarrerin kommt hier in Eibingen an der heiligen Hildegard nicht vorbei,
und das ist auch gut so. In den fast 30 Jahren, die ich hier im Rheingau lebe und arbeite, ist
sie mir lieb und wert geworden.
Zum einen durch die Menschen hier, denen sie etwas bedeutet. Durch die Mitarbeiter und
Mitglieder des Hospizvereins, durch die Schwestern in der Abtei, durch die katholischen
Kollegen und Kolleginnen, durch die Eibinger, denen ich in verschiedenen Bezügen begegne.
Zum anderen durch ihre Präsenz an den verschiedenen Orten, an denen Hospizarbeit und
Klinikseelsorge geschieht.
Diese Wallfahrtskirche hier ist die Kirche, in der die Gottesdienste im hospizlichen
Rahmen stattfinden. Die Hospizarbeit hat hier ihren gottesdienstlichen Ort gefunden.
Im Altar der Kapelle im katholischen Krankenhaus, dem ehemaligen SCIVIASKrankenhaus,
in der auch evangelische Gottesdienste und ökumenische
Gottesdienste stattfinden, befindet sich eine Reliquie der Heiligen Hildegard.
Beide Orte sind Orte gelebter Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen und mir selbst
kirchliche Heimat geworden. Die Ökumene hier ist mit ihrem Namen verbunden.
Was hat Hildegard uns Menschen von heute zu sagen? Welche Impulse kann sie uns heute
noch geben? Darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, ist mein Auftrag heute bei
dieser Reliquienfeier. Und natürlich geht das nicht, ohne auch mir persönlich die Frage zu
stellen: Was hat die Heilige Hildegard einer evangelischen Pfarrerin in der Hospizarbeit und Klinikseelsorge im katholischen Rheingau zu sagen? Ich bin keine Spezialistin, ich erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch – das überlasse ich gerne den Menschen in der Hildegard-Forschung. Ich kann nur in aller Einfachheit sagen, was sie mir bedeutet und was wir Christen uns heute von ihr sagen lassen können.
Nach der Einladung zu dieser Feier bin ich in den vergangenen Wochen mit der Heiligen Hildegard oft innerlich ins Gespräch gegangen. Von Seelsorgerin zu Seelsorgerin, von Theologin zu Theologin, von Ethikerin zu Ethikerin – und natürlich auch von Frau zu Frau, von Kirchenfrau zu Kirchenfrau. Freilich nicht auf Augenhöhe, das wäre ja eine Anmaßung, sondern von Schülerin zu Lehrmeisterin.
Hildegard von Bingen war Seelsorgerin. Sie hat sicher an vielen Sterbebetten gesessen und Menschen im Übergang von dieser in die andere Welt begleitet. Sie hat Trauernde getröstet, Verzweifelte aufgerichtet. Kranke gestärkt und ermutigt. Irdische Bedürfnisse waren ihr dabei nicht fremd. Sie hat selber Krankheit und Angewiesenheit erlebt, sie kannte die körperlichen Schwächen der Menschen, um die sie sich sorgte und die sie begleitete.
In ihrer Seelsorge war sie dem ganzen Menschen zugewandt, wie auch in ihren Visionen. Ihre Seelsorge war zugleich immer auch Leibsorge. Im Liber divinorum operum, dem Buch der Gotteswerke, sagt sie: Der Mensch soll beides haben: Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um die Notdurft des Fleisches. Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um Leib und Seele.
Wenn ich in einem Satz Sinn und Wesen von Krankenseelsorge und christlicher Hospizarbeit beschreiben sollte, würde ich es mit diesen Worten von Hildegard tun.
Aber nicht nur in der Seelsorge, sondern in jeglicher Sorgebeziehung sollten wir uns dies zu Herzen nehmen und beides im Blick behalten. Die Sorge um die Seele und die Sorge um den Leib gehören zusammen. Anders ausgedrückt: Der Glaube an Gott und an Jesus ist mit dem gelebten Leben in Verbindung zu bringen: In der Erziehung unserer Kinder, in der Sorge um unsere alten und kranken Menschen, in unseren partnerschaftlichen Beziehungen, in der Sorge um unsere Gemeinden. Das ist der Auftrag: Die Sehnsucht nach dem Himmel wachhalten und nähren und gleichzeitig dafür Sorge tragen, was wir für ein gutes Leben brauchen.
Auch als Theologin ist mir die Heilige Hildegard Vorbild. Sie war eine Frau mit Herz, Hand und Verstand. Davon ist ihre Theologie geprägt. Mit ihren für eine Frau damals ungewöhnlichen Kenntnissen in Theologie, Schriftauslegung, Medizin und Naturkunde zeigt sie eine erstaunliche Weite des Geistes und eine Breite des Wissens. Damit und darin ist sie ihrer Zeit weit voraus.
Ihre menschenfreundliche Theologie tut gut. Sie spricht von der Mutterliebe Gottes. Sie erzählt von einem Gott, der den Menschen nahe ist, der barmherzig ist. Von übertriebener Askese hat sie nicht viel gehalten. Einem Kirchenmann hält sie einmal entgegen: „Gott sucht nicht immerzu Himmlisches in dir“. Was für ein gnädiger Gott!
Sie hat Theologie und Schönheit miteinander verbunden. Alle „Schönheit des Himmels“ darf sich in unserem Leben, in unserem Glaubensleben, in der Praxis des Glaubens widerspiegeln. Ein Gottesdienst, eine Messe, eine Reliquienfeier darf schön sein. „Man kann Gott nicht lieben, wenn man kein Gespür für die Schönheit hat.“ So hat es die ev. Theologin Dorothee Sölle einmal ausgedrückt. Hildegard könnte es genauso gesagt haben.
Als Predigerin auf den Marktplätzen hat sie sich Gehör verschafft, die Posaune Gottes, wie sie auch genannt wurde. Mit ihrer reichen Bildersprache hat sie sicher vielen Menschen das Glauben-Können erleichtert.
Und ja, Hildegard ist auch Vorkämpferin für die Frauen in der Kirche. Mit Verlaub – wir Frauen in der Kirche dürfen uns schon auch fragen, was sie sie wohl zu dem Wort des Paulus gedacht hat: Die Frau schweige in der Gemeinde? Ob sie ihm das hätte durchgehen lassen? Wahrscheinlich hätte sie auch ihm die Leviten gelesen. Wie sollte sie denn schweigen, wenn Gott durch sie redete? „Schreibe nieder, was du siehst und hörst…“ so hat Gott sie beauftragt.
Sie ist für mich auch eine moralische Instanz, die uns mahnt, Verantwortung zu übernehmen für die Schöpfung, für unsere Erde, Ehrfurcht zu haben für alles Lebendige. Angesichts der Bedrohungen, die wir heute erleben, sind ihre Mahnungen dringlicher und aktueller denn je. Und all dies kann sie sagen und mahnen, nicht aus sich selbst, sondern in Rückbindung zu dem, was sie geschaut hat.
Sie imponiert mir wegen ihres Mutes, mit dem sie sich in die Politik und Kirchenpolitik eingemischt hat. Sie hat es mit den Kirchenleuten ihrer Zeit aufgenommen, ihnen ins Gewissen geredet. Klartext geredet. Sie hat sich nicht gefürchtet, sie hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hat so manches heilige Donnerwetter losgelassen. Dabei hat sie nicht Halt gemacht vor weltlichen und geistlichen Autoritäten, sie war sich sicher, die Sache Christi zu vertreten. Feigheit war für sie ein Laster. Das musste sie tun, denn sie hat ihre Kirche geliebt und sie hat an ihr gelitten.
Geht es nicht vielen von uns genauso heute? Von mir kann ich es jedenfalls sagen: Ich liebe meine Kirche und hin und wieder leide ich an ihr. Weil sie aus Menschen besteht. Es ist wohl so, dass beides zusammengehört: Leiden an ihr kann man nur, wenn man sie auch liebt.
Wir alle wollen eine Kirche, die wir lieben können. Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Die Kirche aus Enttäuschung nicht sich selbst überlassen, sondern für sie kämpfen. Das Leiden an dem, was geschieht, was durch die Menschen geschieht, die Kirche ausmachen, nicht aufstauen, sondern Auseinandersetzung und Veränderung wagen, um die Kirche zu verändern. Kämpferisch, mutig und barmherzig – und weise. So wie die Weisheit ist: kraftvoll und sanft – wie wir es heute Vormittag in der Predigt gehört haben.
Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Das Bild des Weges ist für sie auch hier Programm. Die Kirche ist immer auf dem Weg. Die Welt ist auf dem Weg. Wir Menschen sind auf dem Weg. Auf dem Weg zu Gott. Wir sind hier nicht zuhause. Wir haben hier keine bleibende Stadt. (Hebr. 13, ). Als Wegzehrung haben wir die Hoffnung, einen Überschuss an Hoffnung, und die Erinnerung an unsere Wurzeln, an unsere Geschichte mit Gott von Anbeginn.
Das macht die Heilige Hildegard immer wieder deutlich. Darin steht sie schon in einer langen Tradition. Unsere jüdisch-christliche Kultur ist eine Erinnerungskultur. Durch Erinnern und erzählendes Vergegenwärtigen bleiben unsere Wurzeln erhalten.
Für Hildegard ist die Erinnerung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Gott. Sie versteht Erinnerung als Recordatio, von re-cordare, dem Herzen etwas zurückgeben. Erinnerung heißt: Dem Herzen etwas zurückgeben. Das ist ein wunderschönes Bild.
Auch mit der Erinnerung an Leben und Werk der Heiligen Hildegard wird unserem Herzen etwas zurückgegeben.
Es ist gut, dass die Erinnerung an die Heilige Hildegard hier in Eibingen wachgehalten wird. Dass uns immer wieder, Jahr für Jahr, erzählt wird: Unsere Wurzeln reichen tief. Wir leben alle aus einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben. Wir stehen auf den Schultern von Menschen, die vor uns gehofft, geliebt, gelitten und gekämpft haben.
Jedes Jahr am 17. September werden wir hier in Eibingen durch die gleichen heilsamen Rituale und Abläufe an die Heilige Hildegard erinnert. Diese Tradition ist ein großer Schatz. Sie gibt dem Herzen wieder etwas zurück. Das brauchen wir, denn die Hoffnung kommt nicht aus dem Hirn, sondern aus dem Herzen.
Dass ich als evangelische Pfarrerin heute daran teilhaben kann, freut mich sehr. Es ist ein schönes Zeichen der Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen, die ich als wohltuend in meiner Arbeit in der Hospiz- und Klinikseelsorge erlebe. Das respektvolle Miteinander, das Nebeneinander der verschiedenen Traditionen und Glaubensweisen, das Voneinander- Lernen-Dürfen erlebe ich als sehr bereichernd. Es macht mich dankbar. Verschweigen möchte ich nicht, dass es auch Situationen gibt, in denen ich an der Trennung leide – wie viele katholische und evangelische Christen mit mir. Es wird noch Zeit brauchen. Aber was ist diese Zeit schon angesichts der Ewigkeit.
Eines dürfte uns indes allen klar sein: Die Energie für eine Abgrenzung voneinander können wir uns heute nicht mehr leisten. Es ist eine Zeit angebrochen, in der wir unsere Kräfte bündeln sollten. Aber verschmelzen müssen wir auch nicht. Es wäre schade um die Vielfalt, und so ist auch Ökumene nicht zu verstehen. Vielmehr ist dies die Hauptsache: Miteinander, mit den je eigenen Traditionen, Gaben und Schätzen daran zu arbeiten, dass die Welt an Jesus Christus glauben kann.

Amen

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Hildegardisfest 2018

PROGRAMM

Sonntag, 16. September

21.00 Uhr: Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Str. 3

Nacht der Lichter: Meditation mit Texten der heiligen Hildegard und Liedern von und mit Pf. Eugen Eckert, begleitet von Prof. Dr. Thomas Kolb

 

Montag, 17. September

07.30 Uhr: Lateinisches Choralhochamt in der Abtei St. Hildegard

10.00 Uhr: Pontifikalamt vor der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Straße 3

Hauptzelebrant: Weihbischof Franz Josef Gebert, Trier, anschließend Beichtgelegenheit

12.00 Uhr: Mittagstisch, Kaffee und Kuchen an der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Straße 3, und im Klostercafé der Abtei St. Hildegard

15.00 Uhr: Reliquienfeier

Festansprache: Pfarrerin Beate Jung-Henkel, Rüdesheim

Kinderkatechese

Prozession mit dem Reliquienschrein (Der Reliquienschrein ist nach dem Pontifikalamt und nach der Reliquienfeier zur Verherung geöffnet)

18.00 Uhr: Hildegardis-Vesper in der Abtei St. Hildegard

 

 

 

Hildegard-Wallfahrtszeit 2018

Wir freuen uns, Sie zur diesjährigen Hildegard-Wallfahrtszeit begrüßen zu dürfen

• zwischen dem 10. Mai, dem Tag der Heiligsprechung Hildegards,

• und dem 7. Oktober, dem Tag ihrer Erhebung zur Kirchenlehrerin,

• vor allem aber zum alljährlichen großen Hildegardisfest am 17. September

Wir laden Sie ein zur Begegnung mit Jesus Christus,
zu dem uns die Heilige Hildegard immer wieder neu führen möchte.

• Sie können während der Wallfahrtszeit (10.5.-7.10.)
an einer Pilgermesse teilnehmen immer samstags um 11.00 Uhr
in der Wallfahrtskirche oder nach Vereinbarung
mit Einzelsegen mit der Wallfahrtsreliquie der Heiligen Hildegard.

• Sie können in stillem Gebet in der Wallfahrtskirche
und am Schrein verweilen.

• Sie sind jeden Mittwoch um 15.00 Uhr eingeladen zur Meditation am Schrein der Heiligen Hildegard mit unserer Sr. Hiltrud Gutjahr.

WALLFAHRTSTAG FÜR MENSCHEN MIT UND OHNE BEHINDERUNG
FEIERLICHE ERÖFFNUNG DER HILDEGARD-WALLFAHRTSSAISON

MITTWOCH, 9. MAI 2018

AB 9 UHR:
Ankommen, Möglichkeit zum Erfrischen in der Abtei St. Hildegard

10 UHR:
Beginn des Wallfahrttags an der Statue der Heiligen Hildegard
Pilgerweg in die Wallfahrtskirche St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen. Der Weg führt durch die
Weinberge und kann in kleinen Gruppen oder individuell gegangen werden.

12 UHR:
Mittagessen im Hof der Wallfahrtskirche

14 UHR:
Gottesdienst mit Bischof Dr. Georg Bätzing
Nach dem Gottesdienst besteht die Möglichkeit zum Einzelsegen mit der Wallfahrts-Reliquie bzw.
zur Verehrung des Hildegardis-Schreins.

18 UHR
Feierliche Vesper zum Abschluss des Wallfahrtstages

ANMELDUNG BITTE BIS MONTAG, 30. APRIL 2018
KOSTEN:
10€ (Pilgerbuch, Mittagessen, Getränke)

NÄHERE INFORMATIONEN UND ANMELDUNG:
Bischöfliches Ordinariat
Referat Seelsorge für Menschen mit Behinderung
Jochen Straub
Roßmarkt 4 | 65549 Limburg
Tel. 06431-295 298 | Mail: j.straub@bistumlimburg.de

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Ansprache von Mutter Dorothea beim Hildegardisfest 2017

Lieber Bischof Georg, liebe Pilger, Verehrer und Freunde der heiligen Hildegard!

Wir feiern heute das Hildegardisfest, fast fünf Jahre nach der Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin am 7. Oktober 2012. In diesem Jahr fällt das Fest mit dem Ende der Limburger Kreuzwoche, dem Kreuzfest, zusammen.

Christlicher Glaube und das Kreuz sind untrennbar verbunden, so gehörte das Kreuz auch zum Leben und zur Verkündigung der heiligen Hildegard von Bingen, die für den Glauben, das Evangelium und die Wahrheit brannte.

Ihr erschlossen sich die Heiligen Schriften und das, was das Evangelium konkret für unser Leben bedeutet und fordert, durch die Stimme aus dem Himmel, die zu ihrem Innern sprach, durch das lebendige Licht, das sie zu Worten und zu Taten drängte.

Zur Gnade und zum Licht gehören immer auch Abgrund und Dunkel des Kreuzes. Wir erfahren das auch heute jeden Tag. Gerade in unserer Zeit müssen viele Menschen, auch Christen, wegen ihres Glaubens viel Leid und Verfolgung erfahren, Benachteiligung und sogar den Tod. Wo nur Schmerz zu sein scheint, gibt es doch auch Mut, Standhaftigkeit und die Kraft des Erleidens, die als Kraft und fruchtbringende Energie in der Welt bleibt – so wie aus dem Opfer, dem Kreuzestod Christi das Leben der Kirche erwächst.
Die Liebe Christi hat seit Beginn des Christentums bis zu uns hin viele Menschen berührt. Sie hat ein Feuer in ihnen erweckt, das sie befähigt, selbst ein Werkzeug der Liebe zu werden – immer wieder auch Zeugen der Liebe bis zur Selbsthingabe zu werden. Dies sehen wir an den großen Heiligen, aber auch an allen Menschen, die treu ihrem Gewissen folgen, sich für andere einsetzen und Licht in die Welt tragen.

Hildegard hat Christus im lebendigen Licht erfahren und gehört. Sie hat die Herrlichkeit Gottes, die Wahrheit und die abgrundtiefe Liebe Gottes erfahren – und sie hat dabei auch das Kreuz erlebt, das wesenhaft zur Herrlichkeit gehört.

So hörte Hildegard durch das lebendige Licht und schrieb in ihrem Hauptwerk SCIVIAS:

„Ich, das lebendige Licht, das das Dunkel erleuchtet, habe den Menschen, den ich wollte und den ich, wie es mir gefiel, erschüttert habe, in großen Wundern über das Maß der alten Menschen hinausgestellt, die in mir viele Geheimnisse schauten. Doch ich habe ihn auf die Erde hingestreckt, damit er sich nicht in irgendeiner Überheblichkeit seines Geistes aufrichtet.“

 

Die „Erschütterung“, das „Hingeworfen-Sein“, die Demut, die Erfahrung der Unwissenheit im Licht des Allwissens und der Herrlichkeit Gottes – dies sind die Weisen wie der begrenzte Mensch auf das Geheimnis Gottes reagiert, wenn er sich in Aufrichtigkeit und Wahrheit dafür öffnet.
Diese Erfahrung ist durch die Generationen vertraut. Hildegard hat sie intensiv gelebt und auch wir, jeder/jede einzelne hat daran Teil und ahnt um die verborgene Fruchtbarkeit und Kraft dieser „Erschütterung“.

So hat Hildegard das Kreuz erlebt, wenn sie konkret auf das Krankenlager geworfen wurde, weil sie sich scheute, die Worte des lebendigen Lichtes aus sich heraus dringen zu lassen.

Auch wir kennen ein Ringen um die Wahrheit, ein Ringen in Angst und in der lähmenden Frage „Wie soll das gehen! Wie soll eine schwere Situation sich lösen, wie soll ich da durchkommen? Wie soll ich das tun, so dass es auch für den anderen gut, gerecht und in der Wahrheit bleibt?“

Wir haben die Zusage des Heiligen Geistes, der uns hilft zu sprechen, zu handeln und das Evangelium auszustrahlen, wie es z.B. im 2. Korintherbrief heißt:

„Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit. Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn (3,17-18)“.

Wirklich zu leben, was wir sind und was wir erfahren haben durch Gottes Liebe, geht oft durch das Kreuz, weil es von uns fordert, uns zu lassen, uns erschüttern zu lassen, uns hinzugeben und die Wahrheit und Liebe Gottes ganz durch uns nach außen dringen zu lassen. Die Wahrheit braucht oft Überwindung und Mut, weil sie unbequem sein kann und Änderung, Umkehr einfordert.

Die heilige Hildegard hat Not, Schwäche, Krankheit, das Dunkel des Kreuzes durchlebt und sich dann unter Gottes Willen gestellt. Sie hat erlebt, wie durch ihr Eingehen und Einwilligen auf Gottes Anspruch Gott selbst wirkt, wie Gott Heil, Kraft und Licht schenkt. Und Gott hat durch Hildegard hindurch in besonderem Maße Kraft und Heil geschenkt: damals als sie mit den Menschen sprach und für sie schrieb, wie auch heute, wenn wir ihre Schriften lesen und ihrem Beispiel folgen. Sicher hat sie Stärkung beglückend erfahren, wenn sie sich auf Gottes Willen einließ, doch hat sie wohl auch die Mühsal ertragen und durchlebt. So ermutigt sie uns durch ihr Beispiel, durch ihren Gehorsam.

Sie hat das Kreuz erfahren, wenn ihr Gewissen sie zur Barmherzigkeit drängte und sie dabei auf Widerstand der kirchlichen Autoritäten stieß wie z.B. als sie den Adligen, der sich vor einem Priester bekehrt hatte, beerdigen ließ und daraufhin tiefe Einschränkungen, das Interdikt für ihren gesamten Konvent, erdulden musste. Unverstandensein und daraus Unrecht erleiden, ist ebenfalls eine Form des Kreuzes.

Im Kontext des Kreuzes stehen auch die beiden Gestalten aus der 1. Vision des ersten Teils von SCIVIAS: die Furcht des Herrn und die Armut im Geiste.

„Und vor ihm, am Fuße des Berges, steht eine Gestalt, über und über mit Augen bedeckt. Es ist die Furcht des Herrn, die vor den Augen Gottes in Demut auf das Reich Gottes blickt; umgeben von Klarheit der guten und gerechten Absicht, bewirkt sie in den Menschen Eifer und Beständigkeit … und vertreibt alles Vergessen der göttlichen Gerechtigkeit.“

Die Furcht des Herrn darf nicht mit „Angst“ verwechselt werden: Furcht des Herrn bedeutet Ehrfurcht, aufmerksame und liebende Hinwendung.
Die Furcht des Herrn blickt nur auf Gott, daher ist sie ganz von Augen bedeckt, sie erblickt das Wahre und strahlt daher Klarheit aus. Der Furcht des Herrn folgt die Haltung der Armut im Geiste. Sie folgt treu den lichten Spuren des Gottessohnes. Indem sie sich ganz hingibt, wird sie umflutet von der Herrlichkeit und der Kraft Gottes – so sehr, dass nur noch der Glanz Gottes zu sehen ist, nicht mehr ihr Antlitz:

„Auf ihr Haupt fällt ein so heller Glanz von dem, der auf dem Berg sitzt, dass du ihr Antlitz nicht anzuschauen vermagst; denn die so große Strahlkraft der Heimsuchung durch Ihn, der ruhmvoll über die gesamte Schöpfung herrscht, verströmt die Macht und Stärke dieser Seligkeit so reich, dass du in deiner sterblichen schwachen Betrachtung seine Absicht nicht erfassen kannst; denn Er, der den himmlischen Reichtum besitzt, hat sich demütig der Armut unterworfen.“

Die Furcht Gottes und die Armut im Geiste: Beide sind ganz auf Gott ausgerichtet. Sie schauen ganz auf Gott und sind ganz durchlässig für Gottes Herrlichkeit und Kraft. So verschwindet in Hildegards Bild der Armut im Geiste ganz das eigene Antlitz.

Der Mensch, der auf einem solchen Weg der Hingabe und Durchlässigkeit ist, so dass ihm geschieht nach den Worten Johannes des Täufers: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden (Joh 3,30)“ erfährt das eigene Unvermögen, Nicht-Verstehen, seine Angst und Leere als Wunde, Schmerz und Kreuz. Wenn aber das Abnehmen immer mehr von Gottes Wachsen abgelöst wird, wenn der Mensch immer mehr in die Gottesebenbildlichkeit hineinwächst, dann ist das Verschwinden des eigenen Antlitzes ein mehr in Gott hinein und das bedeutet ein Mehr an Wahrheit und ein Mehr an Selbst.

In einem Brief an Abt Philipp schreibt Hildegard: „… gewährt mir eure Gebetshilfe, damit ich in der Gnade Gottes zu verharren vermag. Ihr habt mich bis jetzt vor euch auf meinem Krankenlager da nieder liegen sehen. Denn ich behielt keinerlei Sicherheit in mir und habe all meine Hoffnung und mein ganzes Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes gesetzt.“
Keinerlei Sicherheit in ihr – so empfindet es Hildegard – so sieht sie ihre Wahrheit und es kostet Mut, diese Wahrheit anzunehmen. Und doch liegt gerade im Annehmen der eigenen Unsicherheit Stärke und Kraft, weil sie sich auf eine andere Sicherheit verlassen kann, die sie in Barmherzigkeit umfängt und die in ihr wirkt.

Bei ihrem Tod, so wird in ihrer Lebensgeschichte von Zeitgenossen berichtet, ist am Himmel ein hellstrahlendes Kreuz erschienen – hier ist es das Kreuz der Erlösung, des Sieges über alles, was nicht dem Evangelium entspricht.
Das strahlende Kreuz ist ein Gegensatz, der in unserem Denken nicht aufgelöst werden kann. Gerade durch das Nicht-aufgelöst-werden-Können ist es ein Zeichen der unendlichen Liebe und Herrlichkeit Gottes. Durch das Leben in der Nachfolge kann immer mehr Annäherung an die Unendlichkeit der Liebe, Barmherzigkeit und Herrlichkeit Gottes geschehen. In dieser Unendlichkeit fallen die Gegensätze zusammen und alles wird als strahlende Liebe sichtbar.

Diese unbegreifliche und doch für unser Leben konkrete Unendlichkeit hat Hildegard uns in Ihrer Schau, wie sie sie in ihren Bildern ausdrückte, aufgezeigt und sie hat einen Weg immer mehr in die Wirklichkeit Gottes und in Seine Wahrheit gewiesen.

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Hildegard-Wallfahrt 10. Mai – 7. Oktober 2017

Feierliche Eröffnung 10. Mai 2017
17.30 Uhr Hildegardis-Vesper in der Abteikirche
Anschließend Prozession durch die Weinberge zur Wallfahrtskirche
19.00 Uhr Pontifikalamt
Hauptzelebrant: Weihbischof Dr. Thomas Löhr, Limburg
Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
Im Anschluss: Stehempfang mit Imbiss

Regelmäßiges Angebot im Wallfahrtsjahr 2017
Pilgermessen für Wallfahrer, Gäste und alle Gläubigen in der Wallfahrtskirche: Jeweils samstags um 11.00 Uhr.
Falls Sie die Messe mitgestalten möchten, melden Sie sich bitte an. Auf Wunsch kann ein Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
erteilt werden.

Festlicher Abschluss 7. Oktober 2017
17.00 Uhr Pontifikalamt in der Wallfahrtskirche
Hauptzelebrant: Abt Winfried Schwab OSB, Stift Neuburg, Heidelberg
Anschließend: Abendliche Lichterprozession um das ehemalige Klostergelände in Eibingen; Komplet (Abendgebet), begleitet von der Schola der Abtei St. Hildegard

Die Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen ist ganzjährig täglich von 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.
Sie sind herzlich zum Beten, zum Verweilen und zur Teilnahme an den Gottesdiensten eingeladen. Möchten Sie eine Andacht beten oder wünschen Sie eine Führung, melden Sie sich bitte im Pfarrbüro an. Wallfahrer in Begleitung eines Priesters können gerne nach Anmeldung die Eucharistie feiern.

 

Hildegardis-Festwoche im September

Sonntag, 10. September 2017
Jutta Hoppe: „SCIVIAS– Hildegard von Bingen: Ein Lebensbild mit Musik“
Aus Anlass der Eröffnung des großen Hildegard-Pilgerwanderwegs von Idar-Oberstein über den Disibodenberg und Bingen nach Eibingen
Ort: Abteikirche St. Hildegard
Uhrzeit: 15.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten.

Samstag, 16. September 2017
Open-Air-Aufführung des Films : „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“
Regie: Margarete von Trotta
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche (Bei Regen in der Kirche)
Uhrzeit: 20.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten

Sonntag, 17. September 2017

Hildegardisfest und Kreuzfest des Bistums Limburg

10.00 Uhr: Feierliches Pontifikalamt
Hauptzelebrant und Festpredigt: Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche
Anschließend: Präsentationen auf dem Festgelände und in der Abtei St. Hildegard sowie vielfältige gastronomische Angebote
Beichtgelegenheit und Segnung der Andachtsgegenstände

15.00 Uhr
Reliquienfeier mit Reliquienprozession durch Eibingen
Festansprache: Äbtissin Dorothea Flandera OSB, Abtei St. Hildegard, Eibingen
Kinderkatechese: Kinder begegnen der heiligen Hildegard
Ort: Pfarrhaus, erster Stock

18.00 Uhr
Hildegardis-Vesper in der Abteikirche St. Hildegard

Hildegardisvesper