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Bildmeditation “Der Kosmosmensch”

Gott, der Vater und Schöpfer aller Dinge, mit bärtigem Antlitz, überragt die ganze Welt. Er sprengt den Rahmen des Bildes, denn er ist der Herr über alles, was ist. An seiner Brust trägt er das gewaltige Schöpfungsrad, das von der Kraft der Liebe, einer feurigen Christus-Gestalt gehalten und gleichsam umarmt wird. Die gestaltgewordene Liebe sagt von sich: “Ich habe jeden Lebensfunken entzündet. Mit Weisheit habe ich das All geordnet. ich bin das heile Leben. Alles hat seine Wurzel in mir.”
In der Mitte des Kosmosrades steht der Mensch. Der Blick des Betrachters bleibt zunächst wie gebannt auf diese androgyne Gestalt gerichtet, die den Menschen schlechthin symbolisiert. DerMensch steht aufrecht, ganz aufgerichtet, mit ausgebreiteten Armen, mitten im Fadenkreuz des Kosmos. Durch seinen Leib ist er eingeästet in die gesamte Schöpfung wie die Zweige in einen Baum. Seine Fingerspitzen berühren einen der Kreise, die sich um ihn herum befindet.
Nur langsam nimmt man auch die anderen Dinge wahr. Blaue und weiße Kreise sind da zu sehen, Schichten, die von außen nach innen den Äther, das Wasser, die Luft mit Wolken und Regen symbolisieren. Nach mittelalterlicher Vorstellung waren dies die Urelemente der Schöpfung. Genau in der Mitte des Bildes sehen wir eine braune Kugel. Sie steht für die Erde, auf der alles Leben sich ereignet.
Dann sind da, feine, goldene Linien, die die Kreise und auch den Menschen durchziehen und die unterschiedlichen Bereiche und Teile des Bildes mitenander verbinden. Ein geheimes Netzwerk entsteht, das Himmel und Erde, Mensch und Natur – ja alles Leben miteinander in Beziehung setzt. Jedes Geschöpf, so sagt Hildegard, ist von einem anderen abhängig, alles ist miteinander verbunden und aufeinander angewiesen, alles antwortet einander und hält einander in Spannung. Das Geheimnis des göttlichen Schöpfungsplanes, nach dem jeder Mensch in einem dreifachen Beziehungsgeflecht steht: nach oben zu Gott, nach rechts und links zu den Mitmenschen und nach unten zur Tier- und Sachwelt.
Im Übergang von den blauen zu den beiden roten Kreisen ist symbolisch das Windsystem dargestellt. Aus allen vier Himmelsrichtungen entsteigen Tierköpfe: Leopard, Wolf, Löwe und Bär. Von den Sternen rundum gehen Strahlungen aus, die wiederum alle Elemente des Kosmos erfassen. Ein Lichtnetz durchdringt so die ganze Schöpfung. Der Mensch aber hält das Weltennetz in seinen Händen. Er ist Geschöpf, aber auch Mitschöpfer Gottes.
“O Mensch”, sagt Hildegard, “du bist mir verantwortlich”. Jeder einzelne ist also existentiell in diese Verantwortung gerufen. Durch sein unterscheidendes Wissen um Gut und Böse kann er die Welt gestalten und aufbauen – sie aber auch ins Chaos stürzen. Die Entscheidung liegt bei ihm. Die Kraft zum rechten Tun aber muß er sich von Gott erbitten.
Hören wir zum Schluß einen Auszug aus dem Originaltext Hildegards zum Bild des Kosmosmenschen:

“Mitten im Weltenbau steht der Mensch. denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.”

Sr. Philippa Rath OSB

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Hildegard-Musik

Die Musik der heiligen Hildegard ist ohne den Hintergrund ihrer benediktinischen Lebensform nicht zu verstehen. Schon mit 14 Jahren begann für Hildegard das klösterliche Leben im Schatten eines Mönchskonventes. Mit 16 Jahren entschied sie sich auf Lebenszeit für die benediktinische Lebensform. Die heutige Interpretation der Hildegard-Musik ist häufig gelenkt von der Suche nach “Außergewöhnlichem”. Hier nun ein anderer Ansatz: Ihre benediktinische Lebensform, ihr Alltag, der zunächst der gewöhnliche in einem benediktinischen Kloster war.

1. Benediktinische Liturgie im Mittelalter – das Umfeld Hildegards

Wie sah Mönchtum, benediktinisches Leben zur Zeit Hildegards aus? Ja, man darf wohl sagen, das sich viele Spuren, die Grundwerte, bis in unsere Tage erhalten haben. Mönchtum nach Benediktusregel bedeutet, dem Gottesdienst nichts vorziehen. Der Glaube der Mönche äußert sich nirgendwo so intensiv wie in der Liturgie – leiturgia: Gottes Werk an uns, unser Werk für ihn – Dienst. Liturgie steht im Mönchtum in engster Verbindung mit dem gesamten monastischen Leben. Allein schon die Tagesordnung in einem mittelalterlichen Kloster zeigt dies auf: das Opus Dei ist die Hauptpflicht eines Klosters im Mittelalter. Gleichzeitig ist sie damit auch Quelle aller monastischen Bildung zu der sie gleichzeitig anregte und worin sie sich verwirklichte, denn in ihr begegnet der Mönch zu einem großen Teil der Hl.Schrift und den Gedanken der Kirchenväter, also der theologischen Überlieferung. In der Liturgie fand die monastische Bildung aber auch ihre vornehmliche Ausdrucksmöglichkeit. Für die Liturgie, oder durch sie angeregt, verfaßten die Mönche ihre meisten Schriften, ja man darf auch sagen: ihre Meisterwerke, die heute zum Allgemeingut abendländischer Liturgie geworden sind. Liturgie, d.h. hier im weitesten Sinn: alle Ausdrucksformen des Gebetes. Im Mittelalter gewinnt immer mehr die besondere Hochschätzung des öffentlichen Gottesdienstes an Bedeutung, ja sie wird zum Merkmal monastischen Lebens schlechthin. Das ganze monastische Leben verlief unter dem Zeichen der Liturgie, im Rhythmus des Stundegebetes, der Zeiten und Feste des Kirchenjahres. Liturgie war einfach das Beherrschende im Mönchsleben, die Sorge: Gott in allem zu verherrlichen. Dieses Grundanliegen kommt in allen Schriften zum Ausdruck und zwar in dreifacher Hinsicht:

1. Schriften, die Themen der Liturgie behandeln
2. Texte, die für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt waren
3. Schriften, die den Einfluß der Liturgie auf die Frömmigkeit der Mönche bezeugen.

Im Zusammenhang des Themas interessiert besonders der 2.Punkt: Die Schriften, die die Mönche für die Liturgie verfaßten. In diesen Jahrhundert entstehen eine Fülle neuer Texte: Tropen, Hymnen, Sequenzen – Gedichte von höchster künstlerischem Wert – bis hin zu Mysterienspielen. Alle diese Werke haben nur das eine Ziel: Gott zu loben, ihm Antwort zu geben auf seine Liebe. So schreibt z.B. Walter von Coincy, daß alle Mönche in seinem Kloster “die lieblichen Litaneien, die schönen und süßen Sequenzen mit lauter Stimme und in hellen Tönen” sangen. Es gab sogar Klöster, die ein Fest einsetzten oder einen Festrang erhöhten, nur um der Freude willen, dabei schöne Texte zu singen oder vorzutragen.

Was kennzeichnete diese Literatur?: Sie nährten sich aus der Bibel und den Schriften der Väter. Die Ausdrucksweisen sind konkret und reich an Bildern. Ihre Worte wiegen weniger durch das, was sie sagen, als durch das, was sie sagen wollen; die Kraft der Vergegenwärtigung ist größer als die begriffliche Genauigkeit. Jedes Wort gleicht einer Note, die den ganzen Akkord zum Klingen bringt. Die mittelalterlichen Autoren bedienen sich der Worte der Heiligen Schrift in freier, harmonischer Form. Die großen Heilswahrheiten der Offenbarung stehen im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, ihres Denkens. In ihren Gottesdiensten feiern die Mönche die Geheimnisse der Erlösung, die Heiligen, die deren lebendige zeugen waren, die Gottesmutter Maria, in der sich die Geheimnisse des Glaubens erfüllt haben. In allen Dichtungen spiegeln sich froher Glaube, glühende Begeisterung, innige Freude und Vertrauen in die Führung Gottes wider. Freude an Gott, an seinen Wohltaten in der Schöpfungen – das mußten die Mönche des Mittelalters einfach heraussingen, herausjubeln und immer wiederholen.

Nun mußten die Texte aber noch in eine musikalische Form gebracht werden. In ihren Gottesdiensten wurde – und bei uns in Eibingen wird es bis auf den heutigen Tag – alles gesungen. Gottesdienst war aber selbstverständlich kein Konzert oder primär ästhetisches Tun. Ja im “Speculum virginum” (unbekannter Verfasser) wurde sogar gesagt: “Lieber mit rauher Stimme singen als sich im Chor langweilen.” “Musicus et monachus” – das war für mittelalterlichen Mönche ein wichtiges Zusammenspiel in einer Persönlichkeit (Guido v. Arezzo). Sie wurden Musiker, weil sie Mönche waren. In allen ihren Schriften stehen nebeneinander Theorien über modi und toni und Gedanken über Liturgie und monastisches Leben. Der Zweck ihrer Arbeit sahen sie darin, ihren Mitbrüdern zu helfen, sich durch einen wohlgeordneten einmütigen Gesang dem Lobpreis anzuschließen, den das All und die Engel Gottes darbringen und schon auf Erden den ewigen Gesang im Himmel vorwegzunehmen.

Insgesamt kann man sagen: Die Liturgie hat dem ganzen Leben der Mönche, der ganzen monastischen Kultur ihr Siegel aufgedrückt. Die Liturgie und ihre Feste haben den Lebensrhythmus der Mönche geprägt. Umgekehrt gilt: Die Liturgie ist Widerschein und Krönung ihrer Kultur. In den Texten und Kompositionen verdichtet sich die Theologie der Mönche, fand ihre Sehnsucht nach Gott den ihr angemessenen Ausdruck. In der Liturgie hatten die Mönche Anteil am ewigen Lobgesang

2. Hildegards musikalisches Schaffen im Rahmen ihrer benediktinischen Lebensform

“Nunc omnis ecclesia in gaudio rutilet ac in symphonia sonet.” “Nun erstrahle die ganze Kirche in Frohlocken und erschalle in symphonischen Klang.” Diese Worte aus dem Hymnus, den wir gerade gehört haben, treffen ins Zentrum dessen, was bisher allgemein über das Mönchtum gesagt wurde. Wie zentral die Musik im Leben, in der Theologie, in der Anthropologie und Kosmologie Hildegard war, läßt sich schon an folgendem Phänomen festmachen: In unzähligen Variationen besingt sie Gott, das Schöpfungsgeschehen, das Mysterium der Inkarnation, ja den gesamten Kosmos mit einer Bildersprache aus dem Bereich der Musik. Vom Urbeginn her ist alles vom Musik durchtönt. Schlüsselworte ihres Werkes sind: Symphonie, Harmonie, Klang.

Ich möchte nun in drei Punkten über das musikalische Schaffen Hildegards sprechen: 1. Aspekte der Überlieferung des musikalischen Werkes Hildegards. 2. Die Texte der Gesänge und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg.3. Die musikalische Umsetzung der Texte.

2.1 Aspekte der Überlieferung

Die Lieder der hl. Hildegard sind uns in zwei bedeutenden Handschriften hinterlassen. Die ältere Handschrift, Kodex 9 (Villarenser Kodex, Kloster Villers) des heutigen Klosters Dendermonde ist noch zu Hildegards Lebzeiten auf dem Rupertsberg geschrieben worden. Dann die jüngere HS, kurz nach dem Tod Hildegards ev. im Zusammenhang mit dem Heiligsprechungsprozess auf dem Rupertsberg geschrieben, der sogenannte Riesenkodex, heute HS 2 in der Hessischen Staatsbibliothek/Wiesbaden. Sodann sind uns einzelne Gesänge in verschiedenen HSS z.T. auch ohne Neumennotation überliefert, insgesamt rechnen wir mit 77 Gesängen und das Mysterienspiel “Ordo virtutum”. Diese Kompositionen umfassen Antiphonen, Hymnen, Sequenzen und Responsorien, meist zu den vielfältigsten Ereignissen des Kirchenjahres verfaßt. Das wohl bedeutendste Selbstzeugnis in Bezug auf ihre Musik gibt uns Hildegard in der Praefatio zum “Liber vite meritorum”. Dort bezeichnet sie selbst ihre Lieder als “symphonia harmoniae caelestium revelationem”, etwas frei übersetzt: musikalische Umsetzung der Harmonie des Himmels. Aber auch im “protocollum canonisationis”, d.h. in der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh., ziemlich bald nach ihrem Tod, enthält schon Zeugenaussagen über ihr musikalisches Schaffen. Dort kommen Stellen vor wie : “caelestis harmoniae cantum” – Lieder der himmlischen Harmonie, die sie geschrieben hat, oder von “cantum eius”. Daß eine hohe musikalische Begabung bei ihr vorausgesetzt werden kann, darf man vielleicht auch davon ableiten, daß ihr Bruder Hugo Domkantor in Mainz war.

2.2 Die Texte und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg

Inhaltlich darf man die Lieder Hildegards nicht lösen von ihrem gesamten Prosawerk, wenngleich sie auch daneben recht eigenständig stehen. Sie verarbeiten die Themen etwas anders als in ihren Prosawerken, aber es sind dennoch die Themen, die auch für das 12. Jh. als typisch belegt sind. Gott, der Schöpfer und Vater, neigt sich in Liebe seinen Geschöpfen zu. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes – die Menschwerderung war besonders bei Bernhard von Clairvaux das große Thema des Hochmittelalters. Jesus Christus, der Erlöser steht ganz im Mittelpunkt ihrer Lieder. Der Hl. Geist – die Lieder an den Hl.Geist, zu Ehren des Hl. Geistes, gehören sicher mit zu den schönsten Teilen ihres Schaffens. In einer dieser Aantiphonen “Spiritus Sanctus vivificans vita” besingt Hildegard den Hl.Geistes als “radix in omni creatura” , die Wurzel alles Schöpfung. Der Hl.Geist ist in ihrem Denken derjeigen, der in allem lebt und alles bewegt und neu belebt. Ein relativ großer Teil ihrer Carmina ist Maria gewidmet. Durch Bernhard von Clairvaux wissen wir auch, welche große Stellung als Folge der Menschwerdung Maria im Denken des Hochmittelalters hatte. Durch ihr Ja-Wort holt sie das Nein Evas im Paradies wieder ein (Doppelung Eva – Ave). Maria heilt die Wunde des Todes. Hildegard nennt sie in einem Responsorium “mater sanctae medicinae” – Mutter der Heilkunde. Maria gibt durch die Geburt der verlorenen Menschheit das Leben zurück; und sie gießt dadurch Salböl in die Wunde des Todes und hat dadurch das Leben wieder aufgerichtet. Solche Bilder aus dem Bereich der Medizin benutzt Hildegard immer wieder und weist damit auf die eigentliche Krankheit des Menschen hin, nämlich die Krankheit zum Tod, die Krankheit der Gottverlassenheit, der der Mensch durch die Gottvergessenheit entfliehen will. Heil wird – im Denken Hildegards – nur da, wo sich der Mensch wieder auf den Weg zu rück, auf den Ursprung besinnt und sich wieder in die Urverbundenheit mit Gott begibt. Insgesamt sind uns 16, als eine sehr große Zahl, an Maria überliefert. Die anderen Teile ihres musikalischen Schaffens gelten vor allem den Heiligen. Es fällt auf, wenn man es überblickt, daß sie jeweils zwei Gesänge zu einem Thema geschrieben hat, zwei über die Engel, zwei über die Patriarchen und Propheten, zwei über die Apostel, zwei über die Martyrer, zwei über die Bekenner, drei über die Jungfrauen, eine über die heiligen Frauen. Im Mittelalter beachtete man besonders hoch den Stand der Jungfräulichkeit, d.h. es kommt in ihrem musikalischen Schaffen der ganze “himmlische Hofstaat” vor. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie in der Schlußvision ihres Werkes Scivias verschlüsselt beschreibt, welches in ihrem Denken die Aufgabe der Musik ist. In dieser Vision schaut sie die Himmelsbürger in der Gemeinschaft der Heiligen. Sie sind vereint in einem einzigen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes. Jeder Gruppe der Heiligen ist ein Musikinstrument zugeordnet, entsprechend Ps 150, wo beschrieben wird, wie und mit welchen Instrumenten in besonderer Weise Gott zu loben ist. Der Mensch wird in dieser Schlußvision aufgerufen, in diesen Lobpreis einzustimmen, denn, so schreibt Hildegard: “Jubellieder, die in Einfalt, Einmütigkeit und Liebe erschallen, geleiten die Gläubigen zu jener Seeleneinheit, die keine Zwietracht kennt. Sie bewirken, daß die, die auf Erden weilen, mit Herz und Mund nach dem himmlischen Lohn trachten.” Hildegard meint, daß im Lied, in der Musik der Mensch hier auf Erden schon Anteil am ewigen Lob des Himmels nimmt. Mit dieser Deutung des Liedes sind wir eigentlich im Zentrum dessen, was Hildegard mit ihrer Musik ausdrücken will. Sie steht da ganz in der Tradition unseres Ordensvaters, des hl.Benedikt. Im 19. Kapitel seiner Regel spricht er vom Verhalten beim Psalmensingen: Der Mönch soll wissen, daß er beim Chorgebet Anteil hat an der himmlischen Liturgie, eindedenk des Psalmenwortes: Im Angesicht der Engel will ich dir lobsingen. Das Beten der Klostergemeinschaft ist also ein Eintauchen in das ewige Gebet der Engel, ein Eintauchen in die Gemeinschaft der Heiligen. Engel, hier verstanden als Bild, als Symbol von Gottes Gegenwart. Durch das Gebet, den Lobpreis als gesungenen Gebet wird der Mensch hineingenommen in die heilende und liebende Gegenwart Gottes. Im musikalischen Tun, im Singen erhebt sich der Mensch gleichsam aus seiner Erdenverhaftung und läßt sich schon, natürlich nur anfanghaft, in die Sphäre des Himmels mit hineinnehmen, die Sphäre des Himmels, die uns allen als letztendliches Lebensziel zugedacht ist: das Einswerden mit Gott und mit allen, die schon vor uns dieses Ziel erreicht haben. Wie schlimm muß in diesem Zusammenhang für sie und ihre Schwestern auf dem Rupertsberg das Interdikt durch die Mainzer Prälaten gewesen sein. In einem Brief beschreibt sie ihre Not: Das Interdikt untersagte dem Konvent den gesungenen Vollzug des Stundengebetes. Deswegen war sie und ihre Schwestern in große Traurigkeit gesunken. Gott singend zu loben, ist die Berufung des Menschen, darin sind sie Gefährten der Engel, dadurch halten sie die Verbindung zum ihrem heilen Ursprung aufrecht. Die singende Stimme eines Menschen spiegelt ähnlich der Körpersprache seinen inneren Zustand wider. Das Singen des Gotteslobes ist eine Erinnerung daran, wie wir von Gott gemeint sind und worauf wir uns hin entwickeln dürfen. Es gab zu allen Zeiten Menschen, deren Aufgabe es war, im Menschen die Sehnsucht nach dem göttlichen Ursprung wachzuhalten (Propheten). Als ich diese Gedanken zusammenstellte, fiel mir ein: man müßte einmal darüber nachdenken, was es heißt, wenn heute das Singen für viele Menschen “auf das Badezimmer” reduziert ist. Damit verlernen wir etwas, was Hildegard noch ganz elementar gewußt hat: daß wir im Singen schon unser Lebensziel vorausnehmen, daß wir uns im Singen schon abheben können von dieser Erdenverhaftung. Wenn man weiter darüber nachdächte, käme man sich auf viele anthropologische, psychologische oder vielleicht auch theologische Konsequenzen. Dies sei aber nur am Rande bemerkt. In den monastisch-liturgischen Zusammenhang sind noch andere Gesänge Hildegards einzureihen, die bisher noch nicht erwähnt wurden. Es sind dies Gesänge von mehr lokaler Bedeutung. Hildegard schreibt Lieder auf Heilige, die ihr durch Klosterpatrozinien bekannt sind, z.B. Disibod, Rupertus, Matthias, Eucharius, Maximin und Bonifatius. Diese Lieder geben Aufschluß darüber, welche Beziehung Hildegard zu welchen Klöstern hatte, so natürlich zu ihrem Heimatkloster Disibodenberg, aber auch zu den Klöstern in Trier und Mainz. Auffällig ist auch, daß Hildegard eine große Anzahl von Liedern der hl.Ursula und den Elftausend Jungfrauen gewidmet hat – 13 an der Zahl.. An diesem Beispiel läßt sich erkennen, wie sehr Hildegard trotz der Universalität doch auch ihrer Zeit verhaftet ist. Wir wissen aus anderen Berichten, daß Elisabeth von Schönau, mit der sie sehr verbunden war, die Verehrung der hl.Ursula und der Elftausend Jungfrauen sehr gepflegt und empfohlen hat. Damals fing man auch in Köln an, die vermeintlichen Reliquien auszugraben. Von daher versteht sich die große Anzahl der Ursula-Gesänge. Ein kleiner Teil läßt auch einen direkten liturgischen Bezug ihrer Gesänge erkennen, vier Gesänge zum Kirchweihfest, zwei Antiphonen zu neutestamentlichen Cantica – Magnificat und Benedictus – und ein Kyrie. Im Villarenser Kodex, einer Gebrauchshandschrift, sind auch alle Antiphonen mit Psalmenkadenzen versehen. Das trifft nicht zu für den Riesenkodex in Wiesbaden, weil dieser als Prachthandschrift nicht für den täglichen Gebrauch bestimmt war. In jedem Fall ist jedoch dadurch belegt, daß die Carmina zum liturgischen Gebrauch vorgesehen waren. Wir wissen auch aus Zeugnissen, daß Hildegard ihre Musik im liturgischen Vollzug des Klostergottesdienstes gebraucht hat. Wibert von Gembloux, der 1177- 1179 auf dem Rupertsberg mitlebte, in einem Brief von 1175, die Gesänge von Hildegard seien geschrieben: ad laudem Dei et Sanctorum honorem compositi et in ecclesia publice de cantori facit. – zum Lob Gottes und zu Ehre der Heiligen komponiert, und sie wurden öffentlich in der Kirche vorgetragen.

2.3 Die musikalische Umsetzung der Texte

Die Gesänge, die uns in den erwähnten Codices überliefert sind, sind in der für das 12. Jahrhundert typischen Neumennotation geschrieben. ( 4 Notenlinien, fa-Linie jeweils rot , do-Linie gelb eingefärbt) Kirchmusikalisch gesehen befinden wir uns in der Spätzeit des Gregorianischen Chorals. Die feine Notationsweise der Blütezeit, wie wir das auch heute noch aus den HSS z.B. der Kodices von St.Gallen oder aus dem französischen Laon kennen, ist schon vorbei. Hildegard kennt eben schon das System der Notenlinien, wie es Guido von Arrezzo entwickelt hat. Aus den HSS läßt sich ein Rhythmisierung nicht ableiten. (Interpretationsweisen: Aequalismus – Mensuralismus) Wenn man sich das kirchmusikalische Umfeld des 12. Jh. vor Augen führt, dann scheinen die Gesänge Hildegards das Gewohnte zu überschreiten. Selbst die aus der Spätzeit der Gregorianik entstanden Kompositionen haben zwar Ansatzpunkte und Vergleichspunkte, aber Hildegards Schaffen geht immer über diesen Rahmen hinaus. Die Modalitäten lassen sich oftmals nur schwer erkennen, der Tonraum ( Extrem: 2 ½ Oktaven”(O vos angeli”, durchschnittlich 1 1/2) sprengt oft alles das, was wir sonst aus dieser Zeit gewohnt sind. Diese Melismenfreudigkeit fordert von den Sängern ein Höchstmaß an Perfektion, sowohl technisch als auch musikalisch. Dieser Befund steht – vordergründig gesehen – etwas im Widerspruch zu einer Selbstaussage Hildegards, nämlich die, daß sie musikalisch ungebildet war. An vielen Stellen spricht sie davon, daß sie “indocta” sei, ungelehrt. Dies bezieht sich auch auf die Musik. Sie sagt damit von sich, daß ihr das handwerkliche Rüstzeug zum Komponieren gefehlt hat. Aber andererseits ist das auch kein Widerspruch. Wenn man bedenkt, daß das 12.Jh. noch ganz dem antiken Bildungsideal verhaftet war, dann kann sich Hildegard tatsächlich als “indocta” bezeichnen, denn die Antike reihte die Musik innerhalb der sieben Künste an den fünten Platz zwischen Arithmetik und Geometrie. Man betrachtete die Musik rein unter den Aspekten von Gesetzmäßigkeit und Struktur. In diesem Sinn kann man tatsächlich sagen – und würde das alles-sprengende der Hildegardischen Lieder erklären -, daß sie “indocta” war, nämlich in Beziehung auf Struktur und Gesetzmäßigkeit von Musik. Aus meiner Sicht war das vielleicht gerade ihr großer Vorteil. Sie spürte in sich eine große musikalische Intuition und konnte – befreit von allen Strukturen und Gesetzen der Musik – ihren Empfindungen freien Lauf lassen. Insgesamt entspricht meiner Vermutung einem Urteil, dem ich mich anschließen möchte, das Professor Dronke von der Universität Cambridge hinsichtlich der Liedtexte gefunden hat. Dies korrespondiert genau mit dem, was wir auch in der Musik, in den Melodien vorfinden: “In den poetischen Werken Hildegards begegnet uns eine höchst individuelle Sprache, manchmal unbeholfen, manchmal unklar. Die Aneinanderreihung von Adjektiven wirkt begrenzt, manche Einschübe gar übertrieben. Es ist nicht die geschliffene Sprache eines Humanisten des 12.Jh., sondern die eines Menschen, der durch seine einzigartige Kraft poetischen Vision mehr als einmal mit den Grenzen dichterischen Ausdrucks konfrontiert wird. An Höhepunkten jedoch überschreitet Hildegard diese Grenzen nahezu triumphierend und erreicht eine visionäre Konzentration und einen beschwörenden und assoziativen Reichtum, der ihr Werk absetzt von nahezu allen anderen religiösen Dichtungen ihrer Zeit.”

Hildegard sagt einmal: symphonialis est anima. Die Seele ist symphonisch. Dieses Wort gilt im höchsten Maß für sie selbst. Symphonisch, so interpretiere ich es, ist die Seele, die zu einer inneren Ordnung zurückgefunden hat, in der die inneren widerstrebenden Kräfte zur Einheit, zur Harmonie zusammengewachsen sind. Dies ist und bleibt Ziel jeden menschlichen Lebens, das wir in dieser Zeitlichkeit und Begrenztheit nie erreichen werden. Genau dies ist der Wurzelgrund, auf dem die Lieder Hildegards gewachsen sind. Sie sind Ausdruck eines Menschen ihrer Zeit, der auch von den Wellen der Zeit hin- und hergerissen wurde, aber dennoch in diesem Hin-und Hergerissensein das Streben nach Ganzheit, nach Einheit nicht aufgegeben hat. Der Einheitspunkt – da dürfen wir vom 12. Jh. lernen, ist für Hildegard unumstritten, der Zentralisationspunkt ist Gott selbst. Nur der kann zur Einheit und Ganzheit finden, der seinen Lebensanker an die richtige Stelle geworfen hat, nämlich in Gott hinein. Hildegards Musikschaffen kann vielleicht in diesem Sinn auch therapeutische wirken. Ihre Musik will heilen, indem sie Zugang zum Heil vermittelt, letztlich zum Heiler selber, der Gott ist, Gott in Christus, Christus in Maria. Da ist das Heil, das Hildegard uns vermitteln will.

In der Sequenz “O virga ac diadema” besingt Hildegard das gesamte Erlösungswerk. In der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh. wird berichtet, daß drei Nonnen des Rupertsberges nach dem Tod Hildegards bezeugt, daß sie durch den Keuzgang ihres Klosters geschritten und eben diese Sequenz gesungen hat. Der Text der Sequenz endet in der letzten Strophe mit einer Bitte an Maria – Hildegard nennt sie sogar ‘salvatrix’, Heilerin, Miterlöserin: “Sammle die Glieder deines Sohnes zur himmlischen Harmonie”. Wenn man eines aus dem musikalischen Schaffen Hildegards heraushören kann, dann ist es vielleicht die Aktualität dieser Bitte auch für uns heute. Welche Gebetsbitte wäre für die Menschen unserer Tage notwendiger denn diese: Führe uns zur himmlischen Harmonie!

Sr. Christiane Rath OSB

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Viriditas: Die Schöpfungskräfte im geistlichen Leben des Menschen

Im fünften Kapitel ihres zweiten großen Visionswerkes “Welt und Mensch“ (Liber divinorum operum) schenkt uns die heilige Hildegard eine bedeutungsvolle Zusammenschau der schöpferischen Kraft Gottes im Sechs-Tage-Werk und dem geistlichen Leben des Glaubenden. Es ist die gleiche viriditas (Grünkraft), die das All vollendet und die Heilung des Menschen zum Ziel hat. Beides ist aufeinander bezogen und führt zur Heilung, zur Wiederherstellung der gestörten Schöpfungsordnung.
Um die Kraft der viriditas ein wenig zu verstehen, könnte man als Vergleich die Photosynthese der Pflanzen anführen. Sie besagt, dass das Blattgrün die „schöpferische“ Fähigkeit besitzt, Sonnenlicht aufzunehmen und es in Energie zu verwandeln, die für den Organismus lebensnotwendig ist. Dieser Stoffwechselvorgang ist einer der wichtigsten physiologischen Prozesse und Voraussetzungen für die Existenz des Lebens. Die Pflanze erhält mittels des Lichtes, einer von außen auf sie treffenden Energie, eine neue Qualität. In Analogie dazu ist festzustellen, dass auch die geistigen Schöpfungskräfte des Menschen im Aufstieg zu Gott in eine höhere Seinsstufe gehoben werden. Dabei verlassen wir den klassischen Weg-Gedanken des geistlichen Lebens: sich Gottes erinnern, zu Ihm rufen, gegen die eigene Schwachheit kämpfen, nach der Niederlage in Reue zu Gott umkehren und geheilt werden, und schließlich das Werk Gottes mit eigenem Tun in Beziehung setzen und damit zur Vollendung der Schöpfung beitragen.
Jetzt umkreisen wir eher das geistliche Leben, so wie auch die Seele mit ihrer Kraft das All umkreist.

Der erste Tag:
„Die Erde ist noch wüst und leer, von Finsternis und Chaos beherrscht. Der Geist Gottes schwebt über diesem Chaos. Und Gott spricht: ‚Es werde Licht!’“ (Gen 1,2f.)
In das Chaos bricht von oben her das Licht ein, hinein in die verworrene Masse. Die erste Kraft des Lichtes (prima virtus lucis) ist im Menschen die compunctio cordis, die Zerknirschung des Herzens, ein unerhörter Aufbruch zu Gott hin. Schmerzlich beglückt verlangt der Mensch aus seiner Gebrochenheit heraus nach Gott. Dieses Sehnen kommt vom Himmel her, auch wenn der Mensch der Sünde verhaftet bleibt. Die compunctio cordis ist wie ein unaufhörliches Tagen, das von keiner Finsternis verdeckt wird. Es ist ein bewegender Aufschrei: „Herr, erbarme dich meiner“, so beschreibt ihn Hildegard, „und wenn man alle Wüsten und Meere durchmessen könnte, würde man kaum das Ausmaß der Heilung mit all’ ihrer Freude und unbeschreiblichen Herrlichkeit bleibenden Lebens ermessen können“.
Uns mahnt sie: „Ihr verbietet eurer Seele dieses Sehnen und nötigt sie, keine Hilfe bei mir zu suchen. Wer aber kann jemandem antworten, dessen Stimme er nicht hört? Niemand. Ihr richtet ja keinen Ruf um Hilfe an mich. Welche Gabe (Heilung) soll dem gegeben werden, der gar nichts sucht, sondern vor dem Geschenk flieht? Ihr verlangt nichts mehr von mir.“

Der zweite Tag:
„ … es scheide sich Wasser von Wasser. Gott machte das Firmament…“ . (Gen 1,6f.)
Dieser beständige Prozess der Scheidung und Unterscheidung ist im Menschen die Kraft der discretio, der weisen Maßhaltung. Sie ist nicht so sehr ein opus, ein Werk, sie ist vielmehr die Unterstützung, der Halt für alles. Die Kraft der discretio ist entscheidend, bedeutend bis in die höchsten Stufen der Vollkommenheit. Solche Kraft berücksichtigt und unterscheidet beides: die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um das Irdische. Der Leib ist ja, so Hildegard, „im Feuer des Heiligen Geistes gestaltet worden. Er soll weder durch maßlos Auferlegtes Gutes wirken, noch durch negatives Verhalten zugrunde gehen.“ Er sollte im Wechsel von Gebet, Arbeit und Erholung leben.
Die discretio ist eine Treppe oder Leiter, auf ihr soll die Seele zum Himmel emporsteigen und zur Erde herunterklettern um des irdischen Bedürfnisses willen. Beides ist Gott wohlgefällig.
In einem Brief an eine besorgte Äbtissin rät die Meisterin Hildegard: „Sei Martha und liebe Maria!“
„So besteht das Gefüge der Tugend in beiden Lebensweisen, indem der Mensch in rechtem Maß die Unterscheidung trifft.“ Die discretio lenkt Leib und Seele und schafft feste Lebensgewohnheiten. Sie ist sozusagen ein Tugendgesetz, das das konkrete Leben mit einbezieht, die sanfte Rücksicht nimmt und Augenmaß hat (doctrina quae respicit ad vitam).

Der dritte Tag:
… es erscheine das Trockene. … Die Erde bringe Kräuter und Samen hervor. (vgl. Gen 1,9.11)
Die mütterliche Erde erhält die Kraft, Grünes hervorzubringen. Hildegard sieht in der Demut (humilitas – humus) die dritte Schöpfungskraft, d.h. der Mensch erkennt seine Schwachheit in seinem irdischen Leib. Der gefallene Engel Luzifer brach in Gelächter aus, als er den Plan Gottes vernahm, den Menschen in der Hinfälligkeit des Leibes zu schaffen. Er begriff nicht, dass Gott selbst sich zur Erde geneigt und das Gewand des Menschen angezogen hat, den Leib. Gerade in der Schwachheit des Leibes wollte Gott uns erlösen und den Teufel besiegen.
Demut heißt: auf die Niedrigkeit seines Fleisches schauen und bedenken, dass wir aus Ton sind. „Wie verwehende Asche bin ich vor dir.“ „Nur wer bei der Wurzel mit dem Aufstieg beginnt, kommt nicht so leicht zu Fall. Nur wer die Fühlung mit der Erde behält, kann den Himmel erreichen.“
Hildegard schreibt über die Verkündigung, dass Maria zuerst auf die Erde schaute, aus der sie genommen war, dann seufzte sie auf zum Himmel und sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“.
Hildegard erklärt weiter: „Wenn das Wort einer Zurechtweisung angenommen wird, dann fällt der Same Gottes auf gute Erde und bringt die Frucht der virtutes, der Kräfte Gottes und der Tugend des Menschen hervor.“

Der vierte Tag:
„Es werden Lichter am Himmelsgewölbe…“ (Gen 1,14)
Aus den Gaben des Heiligen Geistes sollen Lichter hervorgehen, damit der Mensch Gott und seinen Nächsten liebe wie sich selbst. – Wie soll das geschehen?
„Mit der ganzen Kraft seiner Seele (viriditas) soll der Mensch beharrlich zu Gott flehen und nicht – gleichsam von außen her – glaubenslos, einen anderen Helfer als Gott suchen, sondern kraftvoll, ohne zu wanken auf Gott schauen.“ Es überrascht, dass Hildegard das als einzige Notwendigkeit vermerkt, will man der Liebe Ausdruck geben. Den Nächsten zu lieben, heißt zuerst einmal, nicht würdelos mit ihm umzugehen, als sei er der Untergebene. Immer die Würde des anderen respektieren! „Erde verwirft die Erde nicht, ihr seid eine Erde!“ Dann gilt es, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihm zu helfen, ihn nicht zu verachten, sondern Gemeinschaft mit ihm zu haben.

Der fünfte Tag:
„Das Wasser bringe Kriechtiere hervor und die Vögel über der Erde unter dem Himmel!“ (Gen 1,20)
Hier setzt Hildegard die contemptio mundi, den Abstand, die innere Distanz von der Welt an. Das Herz solle weder an Güter noch an Laster gebunden werden. (Man denke an den Hochmut, den Eigenwillen, die Habsucht etc..) Nichts festhalten wollen, an nichts kleben und haften, sich selbst beherrschen in Beten, Fasten und Enthaltsamkeit. Gleichsam wie die Vögel zum Himmel fliegen können.
Es folgen bei Hildegard bemerkenswerte Aussagen: „Wer alles um meines Namens willen verlässt [Eigenwille, Begierden, Hochmut] und auf mich schaut, der wird hundertmal so viel Ruhe, den Frieden des Herzens (quies cordis) auf irdische Weise empfangen, gerade weil er die Sorge um das Irdische abgelegt hat und mir [Gott] gefolgt ist … . Ein solcher Mensch verlässt die Welt und durchdringt sie zugleich mit dem Tau des Heiligen Geistes. Er zieht Scharen von Menschen an sich, so dass viele in Gott wiedergeboren werden … . Ein solcher Mensch ist in allem gelöst und heiter.“
Doch gerade auf der hohen Stufe der Vollkommenheit warnt Hildegard vor der Maßlosigkeit. „In allem aber soll der Mensch sich das rechte Maß auferlegen. Die discretio allein ist es, die die Distanz von der Welt lenkt, dass sie nicht im Überschwang des Geistes höher steige, als sie getragen werden kann.“

Der sechste Tag:
„Die Erde bringe lebendige Wesen hervor … . Und Gott sprach: ‚Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde!’“ (Gen 1,24.26)
Der sechste Tag ist dem Gehorsam zugeordnet: jener starken Kraft, die in Gott dem Tod seine Macht nimmt. Alle Geschöpfe sind dem Menschen untertan (gehorsam). Der Mensch kann nach dem Beispiel Christi seinen Eigenwillen aufgeben, den Geboten Gottes und den Weisungen heiliger Lehrer gehorchen. Und er ist auch anderen Menschen im Gehorsam untertan. Darin liegt für Hildegard ein Doppeltes, nämlich ein männliches und ein weibliches Tun. Einmal ist es die große Kraft des Gehorsams, die weder vor sich noch vor einem anderen feige jedweder Ungerechtigkeit ausweicht. Gott selbst ist diese Kraft der Gerechtigkeit im Gehorsam des Menschen. Hildegard schreibt an die Mainzer Prälaten einen Brief, in dem sie für die Gerechtigkeit ungeschminkt eintritt. „Die Gerechtigkeit Gottes ist eine starke Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dem Gehorsam wohnt aber noch eine zweite Kraft inne, die Hildegard dem Wirken der Frau zuschreibt: „So wie Gott sich des Elends des Menschen annimmt und in seine Reue das Öl der Barmherzigkeit gießt, so soll sich auch der Mensch des anderen barmherzig annehmen.“ An anderer Stelle lässt die hl. Hildegard dies poetisch anklingen:
„Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter weht,
und wie Tau, der auf die Gräser träufelt
und wie Regenluft, die wachsen macht.
Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus
auf alle, die da Sehnsucht tragen!
Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft,
ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet
und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet,
und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde,
indem er ihnen seine Seele gibt.“

Der siebte Tag:
„Also wurden vollendet Himmel und Erde…“ (Gen 2,1)
Am siebten Tag schaut Gott in den Schoß der Jungfrau wie der Adler in die Sonne schaut und bringt alles zur Vollendung in Seinem Sohn. Er ist gewissermaßen die Vollendung, das siebte Werk Gottes. Im Reich der Welt trägt er dann in Maria die Vollendung hinein in die Kirche. Er ist der kostbare Edelstein, mit dem Gott all’ seine Werke schmückt. Gott ruht aus in seinem Sohn von seinen Werken. Der Sohn fängt an, im Schoße der Jungfrau zu wirken.
Er, der Sohn, ist die interiora benedictio, die innerste, tiefste Segnung, die Heilung. Der Mensch aber vermag an seiner Vollendung mitzuwirken, indem er den göttlichen Sohn nachahmt. Und worin besteht solche Nachahmung vor allem?
So wie Christus uns in die Fülle der Freude gehen lässt, indem Er uns jede Schuld vergibt, die wir ehrlich bekennen und bereuen, so ist es die größte Würde und Herrlichkeit des Menschen, wenn er wie Christus jedwedes Unrecht seinem Nächsten vergibt. Auf diese Weise wird dann der Mensch in der Vollendung seines geistlichen Lebens zum Segen, zur Heilung für die Wunden und Unversöhnlichkeiten der ganzen Welt. Wir werden immer nur diese oder jene der schöpferischen Kräfte Gottes in unserem Wirken „gebären“, und doch stehen wir schon im Gefüge des Ganzen, denn alles antwortet einander. Im Bekenntnis unserer Schwachheit aber ist es uns jederzeit möglich, das Licht Gottes über unserem Chaos aufleuchten zu lassen. Wer solchermaßen im Glauben offen bleibt für den Heiligen Geist, wird – so Hildegard – habilitas, d.h. bewohnbar nicht nur für Gott, sondern auch für die Mitmenschen. Er kann ihnen bei sich Heimat geben, Gastfreundschaft im tiefsten Sinne gewähren. Wie viel Sehnsucht gibt es heute danach! Darüber hinaus entsteht ein Stück konkret „bewohnbare“ Erde.
In jenem fünften Kapitel ihres Visionswerkes sieht die Prophetin die Erde in bewohnbare und unbewohnbare Bereiche aufgeteilt; nicht im geographischen Sinne, dennoch nicht irreal oder imaginär, sondern wirklich vorstellbar. Man kann auch die Gestalt der Seele oder eines Engels nicht beschreiben, und doch sind diese Unsichtbaren real und sehr stark da. Die Unbewohnbarkeit ist für Hildegard eines der Symptome der zerfallenen Schöpfung. In Jer 22,6 heißt es: „Sion, ich mache dich zur unbewohnbaren Stadt.“ Ein solches Wort mag stellvertretend stehen für die vielen Gerichtsworte der Hl. Schrift. Auf der anderen Seite hören wir die Heilsverheißungen Gottes an Sein Volk: „Ich führe dich zur bewohnten Stadt. Israel soll in Sicherheit wohnen.“

Anmerkung:

Die sieben Tugendkräfte – Zerknirschung des Herzens (compunctio cordis), Unterscheidung, weise Maßhaltung (discretio), Demut (humilitas), Liebe, ganze Kraft der Seele (viriditas), Enthaltsamkeit, innere Distanz, (contemptio mundi), Gehorsam (oboedentia) und Barmherzigkeit (misericordia) – werden von der hl. Hildegard – sozusagen in einer Art ‚Selbstvorstellung’ – in ihrem Werk „Der Mensch in der Verantwortung“ (Liber vitae meritorum) beschrieben.
Es ist kein Zufall, dass die Barmherzigkeit bei Hildegard in das grüne Gewand der viriditas gekleidet ist, jener Grünkraft, die die elementare Lebenskraft überhaupt ist.

Sr. Caecilia Bonn OSB

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Benedikt von Nursia und
Hildegard von Bingen

 

Jede Zeit braucht ihre Propheten, heißt es – Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Manchmal weisen die Propheten aber auch über ihre Zeit hinaus und haben den Menschen aller Zeiten etwas zu sagen. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Sie können auch heute richtungweisend sein – durch ihr Wort und durch ihr Lebensbeispiel. Beide hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und die Welt prophetengleich aus wahrhaft ‘ver-rückter’ Perspektive zu betrachten. Benedikt, der mit seiner Lebensregel die ganze abendländische Kultur geprägt und ihr die entscheidenden Werte vermittelt hat, und Hildegard von Bingen, die in ihrer Zeit im Geist benediktinischer Lebensordnung lebte und ihn in ganz eigenständiger Weise neu geprägt und weitergegeben hat.

Es lohnt sich, diesem Geist und diesen beiden Persönlichkeiten nachzuspüren.

Die Suche nach dem transzendenten DU
Hildegard von Bingen verstand sich als Prophetin. Vor allem anderen sah sie sich berufen, ihre Zeitgenossen aus dem “Schlaf der Gottvergessenheit” wachzurütteln. In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihren Werken, daß solche Gottvergessenheit, wie sie es nennt, ins Chaos führt – ins Chaos der individuellen menschlichen Beziehungen, aber auch zur Zerstörung des Kosmos insgesamt. Ohne Einschränkung verweist sie die Menschen auf Gott als den Schöpfer aller Dinge. Nur in Ihm kann der Mensch den wirklichen und wahren Sinn seines Lebens finden. Spüren nicht auch wir heute immer deutlicher, daß der Mensch sich selbst niemals genug sein kann und nur dann Sinn findet, wenn er über sich selbst hinausschaut?. Kein innerweltliches Glück, weder Erfolg noch Macht, weder Konsum noch Leistung vermögen ihn auf Dauer zu befriedigen – das wußte Hildegard, und das wissen im Grunde auch wir. Seine Ursehnsucht und seine Suche nach Sinn verweisen den Menschen auf das Absolute und auf das Ewige. Das ist eine Wahrheit, die zu allen Zeiten ihren Bestand hatte.

Nicht umsonst steht die Suche nach Gott für Benediktinerinnen und Benediktiner seit jeher im Mittelpunkt ihres Lebens. Auch Hildegard war und blieb immer eine Suchende und Fragende. Gott und seinen Willen suchen in allen Dingen, in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten des Alltags – das war ihr Lebensprogramm. Dabei blieb sie allerdings stets nüchtern und illusionslos, fest verwurzelt im Glauben und im Vertrauen auf eine immer neue Zukunft in Gott. Die Suche nach dem Transzendenten also – wäre sie nicht auch heute im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend für unsere Zeit? Suchen nicht auch wieder zunehmend viele Menschen nach diesem sie selbst übersteigenden Ursprung und Ziel – oft allerdings auch dabei steckenbleibend im Vorletzten? Der personale Gott läßt sich finden, wenn wir ihn suchen. Aber “machen” können wir dies nicht – nicht durch noch so ausgefeilte Techniken, Meditationsübungen oder Kurse. Das Bild der leeren Hände und offenen Herzen, in die sich die Gnade ergießt, ist dabei keineswegs ein frommer Überbau. Es wird Realität, wenn es uns gelingt, von uns selbst weg auf den ganz Anderen zu schauen.

Ehrfurcht – ein vergessener Wert?
Hildegard verweist ihre Zeitgenossen in einem weiteren Schritt auf die Dankbarkeit. Für sie ist das Leben Geschenk, sie weiß sich verdankt und ruft dazu auf, den Irrglauben einer falschen Autonomie über Bord zu werfen. Wer sich verdankt weiß, erfährt, daß eben nicht alles machbar ist, daß vieles, ja das Wesentliche unseres Lebens, Geschenk ist und nur dankbar staunend angenommen werden kann. Wer sich verdankt weiß, der wird auch mit dem Leben, mit allem Leben, ehrfürchtig und mit Achtung umgehen. Auch hier war Hildegard ganz Benediktinerin, heißt es doch in der Regel des hl. Benedikt: “Die Brüder und Schwestern sollen einander in Ehrfurcht zuvorkommen”, und an anderer Stelle: “sie sollen alles wie heiliges Altargerät behandeln”. Alles – jeden Menschen ohne Ausnahme, jedes Tier und jede Pflanze, auch alle Dinge – in Ehrfurcht betrachten, im Wissen um die Größe und Schönheit allen Lebens und das Wunder Gottes, das uns in allem Geschaffenen begegnet. Hildegard hat gezeigt, daß dies kein Traum bleiben muß. Jeder kann bei sich selbst anfangen, kann der Wegwerfmentalität im eigenen Herzen begegnen. Und vielleicht wird mancher staunen, wie sehr sich auch durch kleine Schritte die Welt verändern kann. Wäre die Wiederentdeckung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht nicht ein Schritt zur Wiederherstellung gesunder menschlicher Beziehungen – im Großen wie im Kleinen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie im normalen Alltag?

Das Maß aller Dinge
Auf dem Weg zu einer neuen Ehrfurcht nennt Hildegard von Bingen als wichtiges Hilfsmittel die “Discretio”, die weise Maßhaltung und Unterscheidung, die Benedikt in seiner Regel einst als “Mutter aller Tugenden” bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit war und ist offenbar zu allen Zeiten die Versuchung schlechthin. Liegt ihr Ursprung nicht im Bestreben des Menschen, in allem autark und autonom zu sein, niemanden zu brauchen und alles selbst zu beherrschen? Doch nicht erst wir Heutigen wissen, sondern auch Hildegard wußte bereits, daß solche Art Unmäßigkeit und Maßlosigkeit im wörtlichen Sinne weitreichende Folgen haben kann. Die vielen verschiedenen Formen der Sucht in unserer Zeit – Alkohol, Tabletten-, Drogen-, aber auch Arbeits-, Freizeit-, und Spielsucht – sprechen davon eine beredte Sprache. Sie alle, das wissen wir nur zu gut, sind Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Ausgewogene und maßvolle Lebensführung dagegen kann solchen “Krankheiten” vorbeugen und darüberhinaus die Grundlage für eine neue Kultur des Alltags schaffen. “Ordo” und “Regula”, Schlüsselbegriffe benediktinischen Lebens, weisen den Weg zu einer Lebensordnung, die zu heilen vermag. Das gilt für alle Bereiche des Lebens: für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Arbeit und Muße, Einsamkeit und Gemeinschaft. Hildegard, die Zeit ihres Lebens in der Ausgewogenheit des benediktinischen “Ora et Labora” lebte, hat eine solche im wahrsten Sinne heil-bringende Ordnung immer neu im Bild der Harmonie beschrieben. Sich einfügen in das Ordnungsgefüge der Welt, Mitschwingen in der Harmonie des Kosmos und des Lebens, darum geht es. Und um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge, um das, was man heute Lebenstil nennen würde. Der Mensch braucht die Anstrengung ebenso wie das Zur-Ruhe-Kommen, die Stille ebenso wie die Unterhaltung, die Hinwendung zum Mitmenschen ebenso wie die Hinwendung zu Gott. Mit dem, was manche Zeitgenossen heute als Lustprinzip bezeichnen, hat das nur wenig zu tun. Auch die vielzitierten, sogenannten “Sachzwänge” würde Hildegard nicht gelten lassen. Denn meist genügt schon ein kleiner Schritt, um die Meßlatte für Sinn, Inhalt und Ausrichtung des alltäglichen Lebens im Sinne der “Discretio” wieder zurechtzurücken. Allerdings braucht es dazu den konkreten Willen zur Veränderung. Die Möglichkeit der Einsicht dazu hat der Mensch durch seinen Verstand. Er ist eben nicht dem eigenen Sosein hoffnungslos ausgeliefert, sondern kann sein Leben ändern. Er ist in der Lage, in Freiheit das rechte Maß zu finden und das Gute zu tun, denn, so wußte Hildegard von Bingen schon vor 900 Jahren: “O Mensch, du hast das Wissen um das Gute und Rechte in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen”. Womit entschuldigen wir uns?

Die armen Reichen und die reichen Armen
Eng verbunden mit der “Discretio” ist für Hildegard der Wert der Armut im umfassenden Sinne. Armut hat im heutigen Sprachgebrauch einen ausschließlich negativen Klang. Im benediktinischen Sinne geht es bei der Armut nicht um die Idealisierung von Not oder Mangel, sondern um ein konkretes Mehr an Leben, um ein Reicherwerden an Freiheit – im Loslassen der Dinge, die uns binden. Mehr Lebensqualität kann durchaus darin bestehen, sich zu bescheiden und die eigenen Grenzen anzuerkennen, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, großmütig und gern. Gewinn durch Verzicht – wäre das nicht auch heute ein ganz und gar alternatives Lebensmodell? Dabei muß freilich der ganze Mensch in den Blick genommen werden. Zu allen Zeiten strebten die Menschen danach, zu haben, zu besitzen, mehr zu haben und immer mehr zu besitzen – und das nicht nur in materiellem Sinne. Der Mensch kann vieles, ja nahezu alles haben wollen: Begabung, Wissen, Zeit, Ehre, Ansehen, Beruf, Erfolg, Geld, Freiheit, Sicherheit, Gesundheit, Schönheit, Macht, Recht, Liebe, um nur einiges zu nennen. Wer aber alles haben will, der hat am Ende nichts. Wenn Hildegard und lange vor ihr der heilige Benedikt von Armut und Demut – diesem heute so vielfach verkannten Wert – sprechen, dann geht es ihnen darum, von “Menschen des Habens” zu “Menschen des Seins” zu werden. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale liegt für sie der eigentliche, oft ungeahnte Reichtum des Lebens. Nur, wer sich selbst loslassen kann, ist auch in der Lage, sich selbst zu überschreiten – hinein in die Unendlichkeit. Ahnen wir eigentlich noch, daß es durchaus möglich sein kann, sich selbst zu verwirklichen, in dem man sich selbst zurücknimmt? Wissen wir noch – oder vielleicht wieder – , daß das Wesentliche des Lebens eben nicht darin besteht, alles zu haben und alles zu tun, was wir tun möchten und tun können? Dies alles hat nichts mit Einschränkung und Minderung zu tun, viel aber mit wahrer Freiheit und mit Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute eine neue Befreiung, eine Emanzipation von der Versklavung an die Selbstsucht – hinein in eine neue Freiheit in Gebundenheit und Verantwortung.

Weltgestaltung in Freiheit und Verantwortung
Die Spannungseinheit von Freiheit und Verantwortung ist vielleicht der für uns heute wichtigste Kerngedanke, den uns Hildegard von Bingen ans Herz legt. Zwar ist der Mensch frei erschaffen, aber diese Freiheit darf keineswegs mit Beliebigkeit oder gar Willkür gleichgesetzt werden. Der Mensch ist Geschöpf und von daher eingebunden in die Schöpfungsordnung. Er ist immer und von jeher Gerufener, Hörender und Antwortender zugleich. Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick in die Benediktus-Regel zu werfen, aus der Hildegard gelebt und geschöpft hat. Nicht umsonst beginnt dieser auch nach 1400 Jahren noch faszinierende Text mit dem Wort “Höre!” – “Obsculta o fili, praecepta magistri” (Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters). Hören setzt Schweigen voraus, ebenso aber die Bereitschaft, dem Anruf in Freiheit zu antworten. Ant-wort und Ver-antwort-ung gehören dabei untrennbar zusammen. Für Hildegard wie für Benedikt ist der Mensch nicht nur “Opus”, freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich auch “Operarius”, Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller gebraucht. Der Mensch hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt und trägt Verantwortung für sich selbst wie für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Hildegard betont dabei immer wieder die Wechselwirkung zwischen dem Handeln des einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein Bemühen ist umsonst. Ist dies nicht ein tröstlicher, aber auch ein ungeheuer herausfordernder Gedanke angesichts des in unserer Zeit oft so entsetzlichen Gefühls der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte und Gewalten? Wissen wir überhaupt noch um diese einmalige Würde des Menschen, die ihn befähigt, sich selbst und die ganze Welt sinnvoll zu gestalten? Schaffen wir uns noch Raum für das Schweigen, aus dem erst das Hören geboren werden kann und in einem zweiten Schritt das zielorientierte Handeln möglich wird? Haben wir den Mut zur Veränderung: in Freiheit und Verantwortung?

Liebe und Barmherzigkeit als Heilmittel für eine kranke Welt
Ein Letztes: in Freiheit übernommene Verantwortung für sich selbst und für die ganze Welt ist für Hildegard ein schöpferischer Akt der Liebe. Es ist die liebende Antwort des Menschen auf die unendliche, ganz und gar ungeschuldete, immer schon dagewesene Liebe Gottes zum Menschen. Die Liebe bewegt die ganze Welt, sie sitzt genau in der Mitte der Achse und entscheidet darüber, ob die Welt im Lot bleibt oder aus den Fugen gerät. Das zeigt einmal mehr, daß Liebe im eigentlichen Sinn nicht erstlich eine Sache des Gefühls ist. Hildegard, wie nach ihr der große Thomas von Aquin, versteht die Liebe als eine vernünftige, geordnete, bewußt gewollte und weise Lebenskraft, die schöpferisch wirkt und alles zusammenhält. Daß solche Liebe auch Mühe kostet und Kraft, ja sogar Leiden schaffen kann, ist selbstverständlich. Die Liebe ist für Hildegard “brennende Vernunft”, “rationalitas”, in der Gottes Geist selbst west und immer neu – oft unter Schmerzen – Leben schafft. Liebe hat also mit Vernunft zu tun. Sie muß gewollt sein und erstrebt werden. Wäre nicht auch das für uns heute ein geradezu revolutionärer Gedanke? Wissen wir überhaupt noch um eine solche vernünftige, auch kämpferische Liebe – oder baden wir nur noch in der unverbindlichen Gefühligkeit dessen, was moderne Zeitgenossen uns als wahre Liebe verkaufen wollen? Die Liebe beweist sich in der Standhaftigkeit und Treue und ist deswegen keineswegs immer der leichtere, wohl aber der wahrhaftigere Weg.

Gilt die Liebe allen Menschen – und das wäre das Ziel -, so erweist sie sich vor allem in der Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Für Hildegard – und auch hier steht sie ganz in der Tradition des hl. Benedikt – ist solche Barmherzigkeit die “magna medicina”, die Medizin für Leib und Seele schlechthin. Wer barmherzig sein kann mit sich und vor allem mit anderen, der weiß um seine eigene Begrenztheit und Schwäche, besitzt aber gleichermaßen eine Ahung dessen, wie Gott sich den Menschen und seine ganze Schöpfung ursprünglich gedacht hat. Er kann Fehler nachsehen, strahlt Güte aus und vor allem Geduld. Uns Heutigen sind solche Haltungen vielfach abhanden gekommen, obwohl wir uns im Grunde unseres Herzens so sehr danach sehnen. Besinnung tut da not, aber auch Neuanfang in kleinen Schritten. Wie befreiend und tröstlich kann es sein, wenn wir Menschen begegnen, die etwas ausstrahlen von dem, was im wahrsten Sinne des Wortes Heil und Leben spendet. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Doch auch heute können wir Menschen dieser Art begegnen oder danach streben, solche zu werden. Wir sollten sie nicht vorschnell als weltfremde Utopisten und Träumer abtun. Denn sind sie es nicht eigentlich, die uns hoffen lassen? Hoffen, daß es sich lohnt, zu werden, was wir sind: Menschen?

Sr. Philippa Rath OSB

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Die heilige Hildegard und der Wein

Die geschichtlichen Wurzeln des Klosterweinguts reichen bis ins 12. Jahrhundert, in die Zeit unserer Gründeräbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Schon damals betrieben die Schwestern der Klöster Rupertsberg und Eibingen erfolgreich Weinbau. Ihre Weingüter hatten beträchtliche Bedeutung in der Region. Diese Tradition setzt das heutige Klosterweingut fort. 

Die Abtei St. Hildegard kann auf eine mehr als 850-jährige Geschichte zurückblicken, und von den ersten Anfängen an war vermutlich der Weinbau mit ihr verbunden. Die Klostergründung läßt sich auf Hildegard selbst, die später den Beinamen „von Bingen“ erhielt, zurückführen. Geboren wurde Hildegard 1098 als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim und seiner Gemahlin Mechtild, deren Stammsitz nahe bei Alzey lag, – „in einem weiten, von Reben und Korn umgebenen Tal“. Weiterlesen

Wirkungsstätten

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Kreuzfest und Hildegardisfest am 17. September

In diesem Jahr 2017 fallen das Kreuzfest der Diözese Limburg und das Hildegardisfest zusammen und werden in besonderer Weise gefeiert.

 

Hier das Programm der Festtage:

Sonntag, 10. September 2017

15.00 Uhr, Abteikirche St. Hildegard

 Jutta Hoppe: “Hildegard von Bingen – ein Lebensbild mit Musik”

Aus Anlass der Eröffnung des Hildegard-Fernwanderweges von Idar-Oberstein über den Disibodenberg und Bingen nach Eibingen

Eintritt frei – um eine Spende wird gebeten.

21.00 Uhr, Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Str. 2

Nacht der Lichter: Meditation mit Texten der heiligen Hildegard und Liedern von und mit Pf. Eugen Eckert, begleitet von Prof. Dr. Thomas Kolb

 

Samstag, 16. September 2017

16.00 Uhr, Kunstkeller der Abtei St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

18.30 Uhr, Abteikirche St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

20.00 Uhr, Platz vor der Wallfahrtskirche in Eibingen, Marienthaler Straße 3

Open-Air-Kino: “Vision aus dem Leben der Hildegard von Bingen” (Regie: Margarethe von Trotta)

Eintritt frei. Bei Regen findet die Vorführung in der Wallfahrtskirche statt.

 

Sonntag, 17. September 2017

8.30 Uhr: Choralhochamt in der Abteikirche St. Hildegard

10.00 Uhr: Abteikirche St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

Begleitprogramm: Ausstellung “Hildegard von Bingen – Visionärin, Kirchenlehrerin, Heilkundige, Mahnerin” in der Abteikirche; Ausstellung von Sr. Klara Antons OSB zum Thema “Wortbilder – Tiefe in Türkis” im Kunstkeller der Abtei; Klosterladen, Vinothek und Klostercafé sind ganztags geöffnet

10.00 Uhr: Pontifikalamt mit Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg, auf dem Platz vor der Wallfahrtskirche in Eibingen

11.30 Uhr: Kreuz- und Reliquienverehrung in der Wallfahrtskirche

Dazu: umfangreiches Begleitprogramm, u.a.: Präsentation “Hildegard-Verehrung in Eibingen: gestern-heute-morgen”, Informationsstände, Segnung von Andachtsgegenständen, Beichtgelegenheit, Angebote für Kinder

15.00 Uhr: Reliquien- und Kreuzfeier: Festansprache Äbtissin Dorothea Flandera OSB, Abtei St. Hildegard

Kinderkatechese, Prozession mit Kreuzreliquie und Reliquienschrein durch Eibingen, Feierlicher Schlusssegen

15.00 Uhr, Kunstkeller der Abtei St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

18.00 Uhr: Hildegardis-Vesper in der Abteikirche St. Hildegard

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Hildegard-Wallfahrt 10. Mai – 7. Oktober 2017

Feierliche Eröffnung 10. Mai 2017
17.30 Uhr Hildegardis-Vesper in der Abteikirche
Anschließend Prozession durch die Weinberge zur Wallfahrtskirche
19.00 Uhr Pontifikalamt
Hauptzelebrant: Weihbischof Dr. Thomas Löhr, Limburg
Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
Im Anschluss: Stehempfang mit Imbiss

Regelmäßiges Angebot im Wallfahrtsjahr 2017
Pilgermessen für Wallfahrer, Gäste und alle Gläubigen in der Wallfahrtskirche: Jeweils samstags um 11.00 Uhr.
Falls Sie die Messe mitgestalten möchten, melden Sie sich bitte an. Auf Wunsch kann ein Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
erteilt werden.

Festlicher Abschluss 7. Oktober 2017
17.00 Uhr Pontifikalamt in der Wallfahrtskirche
Hauptzelebrant: Abt Winfried Schwab OSB, Stift Neuburg, Heidelberg
Anschließend: Abendliche Lichterprozession um das ehemalige Klostergelände in Eibingen; Komplet (Abendgebet), begleitet von der Schola der Abtei St. Hildegard

Die Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen ist ganzjährig täglich von 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.
Sie sind herzlich zum Beten, zum Verweilen und zur Teilnahme an den Gottesdiensten eingeladen. Möchten Sie eine Andacht beten oder wünschen Sie eine Führung, melden Sie sich bitte im Pfarrbüro an. Wallfahrer in Begleitung eines Priesters können gerne nach Anmeldung die Eucharistie feiern.

 

Hildegardis-Festwoche im September

Sonntag, 10. September 2017
Jutta Hoppe: „SCIVIAS– Hildegard von Bingen: Ein Lebensbild mit Musik“
Aus Anlass der Eröffnung des großen Hildegard-Pilgerwanderwegs von Idar-Oberstein über den Disibodenberg und Bingen nach Eibingen
Ort: Abteikirche St. Hildegard
Uhrzeit: 15.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten.

Samstag, 16. September 2017
Open-Air-Aufführung des Films : „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“
Regie: Margarete von Trotta
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche (Bei Regen in der Kirche)
Uhrzeit: 20.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten

Sonntag, 17. September 2017

Hildegardisfest und Kreuzfest des Bistums Limburg

10.00 Uhr: Feierliches Pontifikalamt
Hauptzelebrant und Festpredigt: Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche
Anschließend: Präsentationen auf dem Festgelände und in der Abtei St. Hildegard sowie vielfältige gastronomische Angebote
Beichtgelegenheit und Segnung der Andachtsgegenstände

15.00 Uhr
Reliquienfeier mit Reliquienprozession durch Eibingen
Festansprache: Äbtissin Dorothea Flandera OSB, Abtei St. Hildegard, Eibingen
Kinderkatechese: Kinder begegnen der heiligen Hildegard
Ort: Pfarrhaus, erster Stock

18.00 Uhr
Hildegardis-Vesper in der Abteikirche St. Hildegard