Wirkungsstätten

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Kreuzfest und Hildegardisfest am 17. September

In diesem Jahr 2017 fallen das Kreuzfest der Diözese Limburg und das Hildegardisfest zusammen und werden in besonderer Weise gefeiert.

 

Hier das Programm der Festtage:

Sonntag, 10. September 2017

15.00 Uhr, Abteikirche St. Hildegard

 Jutta Hoppe: “Hildegard von Bingen – ein Lebensbild mit Musik”

Aus Anlass der Eröffnung des Hildegard-Fernwanderweges von Idar-Oberstein über den Disibodenberg und Bingen nach Eibingen

Eintritt frei – um eine Spende wird gebeten.

21.00 Uhr, Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Str. 2

Nacht der Lichter: Meditation mit Texten der heiligen Hildegard und Liedern von und mit Pf. Eugen Eckert, begleitet von Prof. Dr. Thomas Kolb

 

Samstag, 16. September 2017

16.00 Uhr, Kunstkeller der Abtei St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

18.30 Uhr, Abteikirche St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

20.00 Uhr, Platz vor der Wallfahrtskirche in Eibingen, Marienthaler Straße 3

Open-Air-Kino: “Vision aus dem Leben der Hildegard von Bingen” (Regie: Margarethe von Trotta)

Eintritt frei. Bei Regen findet die Vorführung in der Wallfahrtskirche statt.

 

Sonntag, 17. September 2017

8.30 Uhr: Choralhochamt in der Abteikirche St. Hildegard

10.00 Uhr: Abteikirche St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

Begleitprogramm: Ausstellung “Hildegard von Bingen – Visionärin, Kirchenlehrerin, Heilkundige, Mahnerin” in der Abteikirche; Ausstellung von Sr. Klara Antons OSB zum Thema “Wortbilder – Tiefe in Türkis” im Kunstkeller der Abtei; Klosterladen, Vinothek und Klostercafé sind ganztags geöffnet

10.00 Uhr: Pontifikalamt mit Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg, auf dem Platz vor der Wallfahrtskirche in Eibingen

11.30 Uhr: Kreuz- und Reliquienverehrung in der Wallfahrtskirche

Dazu: umfangreiches Begleitprogramm, u.a.: Präsentation “Hildegard-Verehrung in Eibingen: gestern-heute-morgen”, Informationsstände, Segnung von Andachtsgegenständen, Beichtgelegenheit, Angebote für Kinder

15.00 Uhr: Reliquien- und Kreuzfeier: Festansprache Äbtissin Dorothea Flandera OSB, Abtei St. Hildegard

Kinderkatechese, Prozession mit Kreuzreliquie und Reliquienschrein durch Eibingen, Feierlicher Schlusssegen

15.00 Uhr, Kunstkeller der Abtei St. Hildegard: Musik zum Hildegardisfest von Sabine Lindner, Erfurt: Gesang, Harfe, Kantele

18.00 Uhr: Hildegardis-Vesper in der Abteikirche St. Hildegard

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Hildegard-Wallfahrt 10. Mai – 7. Oktober 2017

Feierliche Eröffnung 10. Mai 2017
17.30 Uhr Hildegardis-Vesper in der Abteikirche
Anschließend Prozession durch die Weinberge zur Wallfahrtskirche
19.00 Uhr Pontifikalamt
Hauptzelebrant: Weihbischof Dr. Thomas Löhr, Limburg
Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
Im Anschluss: Stehempfang mit Imbiss

Regelmäßiges Angebot im Wallfahrtsjahr 2017
Pilgermessen für Wallfahrer, Gäste und alle Gläubigen in der Wallfahrtskirche: Jeweils samstags um 11.00 Uhr.
Falls Sie die Messe mitgestalten möchten, melden Sie sich bitte an. Auf Wunsch kann ein Einzelsegen mit der Hildegard-Reliquie
erteilt werden.

Festlicher Abschluss 7. Oktober 2017
17.00 Uhr Pontifikalamt in der Wallfahrtskirche
Hauptzelebrant: Abt Winfried Schwab OSB, Stift Neuburg, Heidelberg
Anschließend: Abendliche Lichterprozession um das ehemalige Klostergelände in Eibingen; Komplet (Abendgebet), begleitet von der Schola der Abtei St. Hildegard

Die Wallfahrtskirche St. Hildegard in Eibingen ist ganzjährig täglich von 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.
Sie sind herzlich zum Beten, zum Verweilen und zur Teilnahme an den Gottesdiensten eingeladen. Möchten Sie eine Andacht beten oder wünschen Sie eine Führung, melden Sie sich bitte im Pfarrbüro an. Wallfahrer in Begleitung eines Priesters können gerne nach Anmeldung die Eucharistie feiern.

 

Hildegardis-Festwoche im September

Sonntag, 10. September 2017
Jutta Hoppe: „SCIVIAS– Hildegard von Bingen: Ein Lebensbild mit Musik“
Aus Anlass der Eröffnung des großen Hildegard-Pilgerwanderwegs von Idar-Oberstein über den Disibodenberg und Bingen nach Eibingen
Ort: Abteikirche St. Hildegard
Uhrzeit: 15.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten.

Samstag, 16. September 2017
Open-Air-Aufführung des Films : „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“
Regie: Margarete von Trotta
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche (Bei Regen in der Kirche)
Uhrzeit: 20.00 Uhr
Eintritt frei; eine Spende wird erbeten

Sonntag, 17. September 2017

Hildegardisfest und Kreuzfest des Bistums Limburg

10.00 Uhr: Feierliches Pontifikalamt
Hauptzelebrant und Festpredigt: Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg
Ort: Platz vor der Wallfahrtskirche
Anschließend: Präsentationen auf dem Festgelände und in der Abtei St. Hildegard sowie vielfältige gastronomische Angebote
Beichtgelegenheit und Segnung der Andachtsgegenstände

15.00 Uhr
Reliquienfeier mit Reliquienprozession durch Eibingen
Festansprache: Äbtissin Dorothea Flandera OSB, Abtei St. Hildegard, Eibingen
Kinderkatechese: Kinder begegnen der heiligen Hildegard
Ort: Pfarrhaus, erster Stock

18.00 Uhr
Hildegardis-Vesper in der Abteikirche St. Hildegard

Die Hauptwerke der heiligen Hildegard

Die heilige Hildegard war eine bedeutende Universalgelehrte, die ein umfangreiches und äußerst facettenreiches Werk hinterlassen hat. Sie war gleichermaßen Ordensfrau und Wissenschaftlerin, Theologin und Philosophin, Musikerin und Dichterin, Natur- und Heilkundige. Ihr gesamtes Werk zielt darauf ab, den Menschen mit Gott in Berührung zu bringen und ihn zu einem Leben aus dem Glauben zu ermutigen.

Die sieben wichtigsten Werke der heiligen Hildegard:

LIBER SCIVIAS – Wisse die Wege (1141–1151)

In Hildegards erstem theologischem Visionswerk, einem umfassenden Glaubensbuch, durch das sie schon zu Lebzeiten berühmt wurde, geht es einerseits um die Wege Gottes zu den Menschen in Schöpfung, Erlösung und im Verlauf der Geschichte und andererseits um die Wege des Menschen zu Gott.

LIBER VITAE MERITORUM – Das Buch der Lebensverdienste (1158–1163)

Das zweite Hauptwerk Hildegards entfaltet in Form von dramatischen Dialogen zwischen 35 Tugenden und Lastern den untrennbaren Zusammenhang zwischen Kosmos,Heilsgeschichte und sittlichem Handeln des Menschen. Dabei wird deutlich, dass die persönlichen Entscheidungen Teil der kosmischen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse sind.

LIBER DIVINORUM OPERUM – Das Buch vom Wirken Gottes (1163–1170)

Das große Alterswerk der heiligen Hildegard befasst sich mit einer umfassenden Verhältnisbestimmung von Gott, Welt und Mensch. Hier werden noch einmal alle Grundthemen und Grundanliegen Hildegardsin einem großen und ausgereiften Wurf zusammengefasst.

CAUSAE ET CURAE – Ursprung und Behandlung der Krankheiten (1150–1158)

In diesem Werk beschreibt Hildegard einerseits eine Vielzahlvon Krankheitsbildern, deren Ursache und Symptomatik und gibt andererseits Anweisungen zur Behandlung dieser Krankheiten mit Heilmitteln aus der Natur. Einen besonderen Stellenwert haben dabei auch die Ratschläge zur Vorbeugungvon Krankheiten und zu einer gesunden und maßvollen Lebensführung.

PHYSICA – Heilsame Schöpfung – die natürliche Wirkkraft der Dinge (1150–1158)

In diesem Werk werden die Kräfte der Natur und ihre Wirkung auf den gesunden und den kranken Menschen in neun Kapiteln
beschrieben: Kräuter, Elemente, Bäume, Edelsteine, Fische,Vögel, Landtiere, Kriechtiere und Metalle. Dabei hebt Hildegard immer wieder den Verweischarakter der sichtbaren Dinge auf eine unsichtbare Wirklichkeit hervor.

SYMPHONIAE – Lieder (1151–1170)

Das Buch der Lieder enthält 77 Gesänge, die die heilige Hildegard komponiert und gedichtet hat. Dazu das geistliche Singspiel »Ordo Virtutum« (Reigen der Tugenden), das zur Einweihung der Klosterkirche auf dem Rupertsberg uraufgeführt wurde.

EPISTOLAE – Briefe (1147–1179)

Die Briefsammlung umfasst 390 Briefe der heiligen Hildegard an bekannte und unbekannte Zeitgenossen. Die Briefe enthalten sowohl persönliche als auch allgemeingültige Botschaften. Hildegard erscheint in ihnen als wache Zeugin des Zeitgeschehens und mahnt kirchliche und weltliche Amtsträger mit wahrhaft prophetischem Sendungsbewusstsein.

Die Wirkungsstätten der
heiligen Hildegard im Überblick

Disibodenberg

Am 1. November 1112 beginnt für Hildegard das Leben auf dem Disibodenberg. Hildegard lebt dort in der Frauenklause ein klösterliches Leben nach der Regel des heiligen Benedikt. Durch ihre Lehrmeisterin Jutta von Sponheim erhält sie eine breit angelegte fundierte klösterliche Bildung: Sie lernt lesen, schreiben und singen, aber auch umfangreiche Kenntnisse der Heiligen Schrift, der Musik sowie der Natur- und Pflanzenkunde. Hier entsteht ihr Erstlingswerk “Scivias”. Papst Eugen III. hält sich 1147/48 in Trier auf und hört von Hildegard. Er lässt ihre Sehergabe durch eine Kommission prüfen und bestätigt sie. In einem Brief fordert er sie auf, ihre Schriften weiterzuführen. Für Hildegard ist dies Anerkennung, Ermutigung und Anspornzugleich. Für ihre Umgebung ist es der endgültige Beweis, dass die Meisterin vom Disibodenberg eine wirkliche »PosauneGottes« ist. Parallel zu diesen Ereignissen verfolgt Hildegard die Absicht, ein eigenes Kloster zu gründen.

Rupertsberg

Hildegard erwirbt Gelände auf dem Rupertsberg bei Bingen und erbaut dort mit den Schwestern ein Kloster nach ihren Vorstellungen. Zwischen1147 und 1151 erfolgt die Umsiedlung. Eine Urkunde des Mainzer Erzbischofs Heinrich vom 1. Mai 1152 dokumentiert die Weihe der Kirche. Mit dem Abt vom Disibodenberg gibt es Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit der Klostergründung und den Besitz. Hildegard nutzt ihre gutenVerbindungen und erhält Urkunden, die dem Kloster weitgehende Unabhängigkeit sichern. 1632 wird das Kloster im Dreißigjährigen Krieg zerstört.

Eibingen

Hildegards Berühmtheit sorgt für beständigen Zulauf auf dem Rupertsberg. Schon bald wird das Kloster zu klein. In Eibingen kauft sie ein verlassenes Kloster. 1165 erfolgt die Einweihung. Hildegard wird auch Äbtissin des zweiten Klosters und fährt regelmäßig über den Rhein, um die 30 Schwestern in Eibingen zu besuchen. Im Jahr 1802 wird das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgehoben; sämtliche Besitzungen gehen verloren. 1831 wird die Klosterkirche zur Pfarrkirche von Eibingen.

Neugründung Abtei St. Hildegard

1904 beziehen nach vierjähriger Bauzeit 12 Schwestern aus der Abtei St. Gabriel in Prag das neu errichtete Kloster hoch über dem Rhein. Das Kloster wird zu einer vollgültigen Abtei erhoben und mit allen Rechten und Privilegien der ehemaligen Klöster der heiligen Hildegard ausgestattet. Es untersteht nicht dem Ortsbischof, sondern unmittelbar dem Heiligen Stuhl in Rom. Der Konvent der Abtei St. Hildegard betrachtet es als seine herausragende Aufgabe, das Erbe der heiligen Hildegard zu erforschen und zu pflegen und ihr Leben und Werk als zeitlos aktuelle Botschaft an die Menschen weiterzugeben.

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Lucca-Kodex (Liber divinorum operum)

Zu den wichtigsten Handschriften der hildegardischen Werke gehört der Lucca-Codex des Liber divinorum operum, der  bis heute unversehrt erhalten ist.

Die Handschrift ist mit reichen Miniaturen illuminiert und gibt Zeugnis von der hohen Kunst mittelalterlicher Buchmalerei. Die 10 Tafeln des Lucca-Codex entstanden erst in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich in der Schreibstube eines mit dem Kloster Rupertsberg in Verbindung stehenden Klosters. Den Malern dieser Miniaturen standen als Vorlage nur die Texte Hildegards zur Verfügung.

Allen Miniaturen gemeinsam ist, dass sie dem Betrachter einen außergewöhnlichen Einblick in den Reichtum der in Bilder umgesetzten Visionen Hildegards gewähren.

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Viriditas: Die Schöpfungskräfte im geistlichen Leben des Menschen

Im fünften Kapitel ihres zweiten großen Visionswerkes “Welt und Mensch“ (liber divinorum operum) schenkt uns die hl. Hildegard eine bedeutungsvolle Zusammenschau der schöpferischen Kraft Gottes im Sechs-Tage-Werk und dem geistlichen Leben des Glaubenden. Es ist die gleiche viriditas (Grünkraft), die das All vollendet und die Heilung des Menschen zum Ziel hat. Beides ist aufeinander bezogen und führt zur Heilung, zur Wiederherstellung der gestörten Schöpfungsordnung.
Um die Kraft der viriditas ein wenig zu verstehen, könnte man als Vergleich die Photosynthese der Pflanzen anführen. Sie besagt, dass das Blattgrün die „schöpferische“ Fähigkeit besitzt, Sonnenlicht aufzunehmen und es in Energie zu verwandeln, die für den Organismus lebensnotwendig ist. Dieser Stoffwechselvorgang ist einer der wichtigsten physiologischen Prozesse und Voraussetzungen für die Existenz des Lebens. Die Pflanze erhält mittels des Lichtes, einer von außen auf sie treffenden Energie, eine neue Qualität. In Analogie dazu ist festzustellen, dass auch die geistigen Schöpfungskräfte des Menschen im Aufstieg zu Gott in eine höhere Seinsstufe gehoben werden. Dabei verlassen wir den klassischen Weg-Gedanken des geistlichen Lebens: sich Gottes erinnern, zu Ihm rufen, gegen die eigene Schwachheit kämpfen, nach der Niederlage in Reue zu Gott umkehren und geheilt werden, und schließlich das Werk Gottes mit eigenem Tun in Beziehung setzen und damit zur Vollendung der Schöpfung beitragen.
Jetzt umkreisen wir eher das geistliche Leben, so wie auch die Seele mit ihrer Kraft das All umkreist.

Der erste Tag:
„Die Erde ist noch wüst und leer, von Finsternis und Chaos beherrscht. Der Geist Gottes schwebt über diesem Chaos. Und Gott spricht: ‚Es werde Licht!’“ (Gen 1,2f.)
In das Chaos bricht von oben her das Licht ein, hinein in die verworrene Masse. Die erste Kraft des Lichtes (prima virtus lucis) ist im Menschen die compunctio cordis, die Zerknirschung des Herzens, ein unerhörter Aufbruch zu Gott hin. Schmerzlich beglückt verlangt der Mensch aus seiner Gebrochenheit heraus nach Gott. Dieses Sehnen kommt vom Himmel her, auch wenn der Mensch der Sünde verhaftet bleibt. Die compunctio cordis ist wie ein unaufhörliches Tagen, das von keiner Finsternis verdeckt wird. Es ist ein bewegender Aufschrei: „Herr, erbarme dich meiner“, so beschreibt ihn Hildegard, „und wenn man alle Wüsten und Meere durchmessen könnte, würde man kaum das Ausmaß der Heilung mit all’ ihrer Freude und unbeschreiblichen Herrlichkeit bleibenden Lebens ermessen können“.
Uns mahnt sie: „Ihr verbietet eurer Seele dieses Sehnen und nötigt sie, keine Hilfe bei mir zu suchen. Wer aber kann jemandem antworten, dessen Stimme er nicht hört? Niemand. Ihr richtet ja keinen Ruf um Hilfe an mich. Welche Gabe (Heilung) soll dem gegeben werden, der gar nichts sucht, sondern vor dem Geschenk flieht? Ihr verlangt nichts mehr von mir.“

Der zweite Tag:
„ … es scheide sich Wasser von Wasser. Gott machte das Firmament…“ . (Gen 1,6f.)
Dieser beständige Prozess der Scheidung und Unterscheidung ist im Menschen die Kraft der discretio, der weisen Maßhaltung. Sie ist nicht so sehr ein opus, ein Werk, sie ist vielmehr die Unterstützung, der Halt für alles. Die Kraft der discretio ist entscheidend, bedeutend bis in die höchsten Stufen der Vollkommenheit. Solche Kraft berücksichtigt und unterscheidet beides: die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um das Irdische. Der Leib ist ja, so Hildegard, „im Feuer des Heiligen Geistes gestaltet worden. Er soll weder durch maßlos Auferlegtes Gutes wirken, noch durch negatives Verhalten zugrunde gehen.“ Er sollte im Wechsel von Gebet, Arbeit und Erholung leben.
Die discretio ist eine Treppe oder Leiter, auf ihr soll die Seele zum Himmel emporsteigen und zur Erde herunterklettern um des irdischen Bedürfnisses willen. Beides ist Gott wohlgefällig.
In einem Brief an eine besorgte Äbtissin rät die Meisterin Hildegard: „Sei Martha und liebe Maria!“
„So besteht das Gefüge der Tugend in beiden Lebensweisen, indem der Mensch in rechtem Maß die Unterscheidung trifft.“ Die discretio lenkt Leib und Seele und schafft feste Lebensgewohnheiten. Sie ist sozusagen ein Tugendgesetz, das das konkrete Leben mit einbezieht, die sanfte Rücksicht nimmt und Augenmaß hat (doctrina quae respicit ad vitam).

Der dritte Tag:
… es erscheine das Trockene. … Die Erde bringe Kräuter und Samen hervor. (vgl. Gen 1,9.11)
Die mütterliche Erde erhält die Kraft, Grünes hervorzubringen. Hildegard sieht in der Demut (humilitas – humus) die dritte Schöpfungskraft, d.h. der Mensch erkennt seine Schwachheit in seinem irdischen Leib. Der gefallene Engel Luzifer brach in Gelächter aus, als er den Plan Gottes vernahm, den Menschen in der Hinfälligkeit des Leibes zu schaffen. Er begriff nicht, dass Gott selbst sich zur Erde geneigt und das Gewand des Menschen angezogen hat, den Leib. Gerade in der Schwachheit des Leibes wollte Gott uns erlösen und den Teufel besiegen.
Demut heißt: auf die Niedrigkeit seines Fleisches schauen und bedenken, dass wir aus Ton sind. „Wie verwehende Asche bin ich vor dir.“ „Nur wer bei der Wurzel mit dem Aufstieg beginnt, kommt nicht so leicht zu Fall. Nur wer die Fühlung mit der Erde behält, kann den Himmel erreichen.“
Hildegard schreibt über die Verkündigung, dass Maria zuerst auf die Erde schaute, aus der sie genommen war, dann seufzte sie auf zum Himmel und sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“.
Hildegard erklärt weiter: „Wenn das Wort einer Zurechtweisung angenommen wird, dann fällt der Same Gottes auf gute Erde und bringt die Frucht der virtutes, der Kräfte Gottes und der Tugend des Menschen hervor.“

Der vierte Tag:
„Es werden Lichter am Himmelsgewölbe…“ (Gen 1,14)
Aus den Gaben des Heiligen Geistes sollen Lichter hervorgehen, damit der Mensch Gott und seinen Nächsten liebe wie sich selbst. – Wie soll das geschehen?
„Mit der ganzen Kraft seiner Seele (viriditas) soll der Mensch beharrlich zu Gott flehen und nicht – gleichsam von außen her – glaubenslos, einen anderen Helfer als Gott suchen, sondern kraftvoll, ohne zu wanken auf Gott schauen.“ Es überrascht, dass Hildegard das als einzige Notwendigkeit vermerkt, will man der Liebe Ausdruck geben. Den Nächsten zu lieben, heißt zuerst einmal, nicht würdelos mit ihm umzugehen, als sei er der Untergebene. Immer die Würde des anderen respektieren! „Erde verwirft die Erde nicht, ihr seid eine Erde!“ Dann gilt es, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihm zu helfen, ihn nicht zu verachten, sondern Gemeinschaft mit ihm zu haben.

Der fünfte Tag:
„Das Wasser bringe Kriechtiere hervor und die Vögel über der Erde unter dem Himmel!“ (Gen 1,20)
Hier setzt Hildegard die contemptio mundi, den Abstand, die innere Distanz von der Welt an. Das Herz solle weder an Güter noch an Laster gebunden werden. (Man denke an den Hochmut, den Eigenwillen, die Habsucht etc..) Nichts festhalten wollen, an nichts kleben und haften, sich selbst beherrschen in Beten, Fasten und Enthaltsamkeit. Gleichsam wie die Vögel zum Himmel fliegen können.
Es folgen bei Hildegard bemerkenswerte Aussagen: „Wer alles um meines Namens willen verlässt [Eigenwille, Begierden, Hochmut] und auf mich schaut, der wird hundertmal so viel Ruhe, den Frieden des Herzens (quies cordis) auf irdische Weise empfangen, gerade weil er die Sorge um das Irdische abgelegt hat und mir [Gott] gefolgt ist … . Ein solcher Mensch verlässt die Welt und durchdringt sie zugleich mit dem Tau des Heiligen Geistes. Er zieht Scharen von Menschen an sich, so dass viele in Gott wiedergeboren werden … . Ein solcher Mensch ist in allem gelöst und heiter.“
Doch gerade auf der hohen Stufe der Vollkommenheit warnt Hildegard vor der Maßlosigkeit. „In allem aber soll der Mensch sich das rechte Maß auferlegen. Die discretio allein ist es, die die Distanz von der Welt lenkt, dass sie nicht im Überschwang des Geistes höher steige, als sie getragen werden kann.“

Der sechste Tag:
„Die Erde bringe lebendige Wesen hervor … . Und Gott sprach: ‚Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde!’“ (Gen 1,24.26)
Der sechste Tag ist dem Gehorsam zugeordnet: jener starken Kraft, die in Gott dem Tod seine Macht nimmt. Alle Geschöpfe sind dem Menschen untertan (gehorsam). Der Mensch kann nach dem Beispiel Christi seinen Eigenwillen aufgeben, den Geboten Gottes und den Weisungen heiliger Lehrer gehorchen. Und er ist auch anderen Menschen im Gehorsam untertan. Darin liegt für Hildegard ein Doppeltes, nämlich ein männliches und ein weibliches Tun. Einmal ist es die große Kraft des Gehorsams, die weder vor sich noch vor einem anderen feige jedweder Ungerechtigkeit ausweicht. Gott selbst ist diese Kraft der Gerechtigkeit im Gehorsam des Menschen. Hildegard schreibt an die Mainzer Prälaten einen Brief, in dem sie für die Gerechtigkeit ungeschminkt eintritt. „Die Gerechtigkeit Gottes ist eine starke Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dem Gehorsam wohnt aber noch eine zweite Kraft inne, die Hildegard dem Wirken der Frau zuschreibt: „So wie Gott sich des Elends des Menschen annimmt und in seine Reue das Öl der Barmherzigkeit gießt, so soll sich auch der Mensch des anderen barmherzig annehmen.“ An anderer Stelle lässt die hl. Hildegard dies poetisch anklingen:
„Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter weht,
und wie Tau, der auf die Gräser träufelt
und wie Regenluft, die wachsen macht.
Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus
auf alle, die da Sehnsucht tragen!
Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft,
ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet
und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet,
und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde,
indem er ihnen seine Seele gibt.“

Der siebte Tag:
„Also wurden vollendet Himmel und Erde…“ (Gen 2,1)
Am siebten Tag schaut Gott in den Schoß der Jungfrau wie der Adler in die Sonne schaut und bringt alles zur Vollendung in Seinem Sohn. Er ist gewissermaßen die Vollendung, das siebte Werk Gottes. Im Reich der Welt trägt er dann in Maria die Vollendung hinein in die Kirche. Er ist der kostbare Edelstein, mit dem Gott all’ seine Werke schmückt. Gott ruht aus in seinem Sohn von seinen Werken. Der Sohn fängt an, im Schoße der Jungfrau zu wirken.
Er, der Sohn, ist die interiora benedictio, die innerste, tiefste Segnung, die Heilung. Der Mensch aber vermag an seiner Vollendung mitzuwirken, indem er den göttlichen Sohn nachahmt. Und worin besteht solche Nachahmung vor allem?
So wie Christus uns in die Fülle der Freude gehen lässt, indem Er uns jede Schuld vergibt, die wir ehrlich bekennen und bereuen, so ist es die größte Würde und Herrlichkeit des Menschen, wenn er wie Christus jedwedes Unrecht seinem Nächsten vergibt. Auf diese Weise wird dann der Mensch in der Vollendung seines geistlichen Lebens zum Segen, zur Heilung für die Wunden und Unversöhnlichkeiten der ganzen Welt. Wir werden immer nur diese oder jene der schöpferischen Kräfte Gottes in unserem Wirken „gebären“, und doch stehen wir schon im Gefüge des Ganzen, denn alles antwortet einander. Im Bekenntnis unserer Schwachheit aber ist es uns jederzeit möglich, das Licht Gottes über unserem Chaos aufleuchten zu lassen. Wer solchermaßen im Glauben offen bleibt für den Heiligen Geist, wird – so Hildegard – habilitas, d.h. bewohnbar nicht nur für Gott, sondern auch für die Mitmenschen. Er kann ihnen bei sich Heimat geben, Gastfreundschaft im tiefsten Sinne gewähren. Wie viel Sehnsucht gibt es heute danach! Darüber hinaus entsteht ein Stück konkret „bewohnbare“ Erde.
In jenem fünften Kapitel ihres Visionswerkes sieht die Prophetin die Erde in bewohnbare und unbewohnbare Bereiche aufgeteilt; nicht im geographischen Sinne, dennoch nicht irreal oder imaginär, sondern wirklich vorstellbar. Man kann auch die Gestalt der Seele oder eines Engels nicht beschreiben, und doch sind diese Unsichtbaren real und sehr stark da. Die Unbewohnbarkeit ist für Hildegard eines der Symptome der zerfallenen Schöpfung. In Jer 22,6 heißt es: „Sion, ich mache dich zur unbewohnbaren Stadt.“ Ein solches Wort mag stellvertretend stehen für die vielen Gerichtsworte der Hl. Schrift. Auf der anderen Seite hören wir die Heilsverheißungen Gottes an Sein Volk: „Ich führe dich zur bewohnten Stadt. Israel soll in Sicherheit wohnen.“

Anmerkung:

Die sieben Tugendkräfte – Zerknirschung des Herzens (compunctio cordis), Unterscheidung, weise Maßhaltung (discretio), Demut (humilitas), Liebe, ganze Kraft der Seele (viriditas), Enthaltsamkeit, innere Distanz, (contemptio mundi), Gehorsam (oboedentia) und Barmherzigkeit (misericordia) – werden von der hl. Hildegard – sozusagen in einer Art ‚Selbstvorstellung’ – in ihrem Werk „Der Mensch in der Verantwortung“ (Liber vitae meritorum) beschrieben.
Es ist kein Zufall, dass die Barmherzigkeit bei Hildegard in das grüne Gewand der viriditas gekleidet ist, jener Grünkraft, die die elementare Lebenskraft überhaupt ist.
Sr. Caecilia Bonn OSB

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Bildmeditation “Der Kosmosmensch”

Gott, der Vater und Schöpfer aller Dinge, mit bärtigem Antlitz, überragt die Welt. Er sprengt den Rahmen des Bildes, denn er ist der Herr über alles, was ist. An seiner Brust trägt er das gewaltige Schöpfungsrad, das von der Kraft der Liebe, einer feurigen Christus-Gestalt gehalten und gleichsam umarmt wird. Die gestaltgewordene Liebe sagt von sich: “Ich habe jeden Lebensfunken entzündet. Mit Weisheit habe ich das All geordnet. ich bin das heile Leben. Alles hat seine Wurzel in mir.”
In der Mitte des Kosmosrades steht der Mensch. Der Blick des Betrachters bleibt zunächst wie gebannt auf diese androgyne Gestalt gerichtet, die den Menschen schlechthin symbolisiert. DerMensch steht aufrecht, ganz aufgerichtet, mit ausgebreiteten Armen, mitten im Fadenkreuz des Kosmos. Durch seinen Leib ist er eingeästet in die gesamte Schöpfung wie die Zweige in einen Baum. Seine Fingerspitzen berühren einen der Kreise, die sich um ihn herum befindet.
Nur langsam nimmt man auch die anderen Dinge wahr. Blaue und weiße Kreise sind da zu sehen, Schichten, die von außen nach innen den Äther, das Wasser, die Luft mit Wolken und Regen symbolisieren. Nach mittelalterlicher Vorstellung waren dies die Urelemente der Schöpfung. Genau in der Mitte des Bildes sehen wir eine braune Kugel. Sie steht für die Erde, auf der alles Leben sich ereignet.
Dann sind da, feine, goldene Linien, die die Kreise und auch den Menschen durchziehen und die unterschiedlichen Bereiche und Teile des Bildes mitenander verbinden. Ein geheimes Netzwerk entsteht, das Himmel und Erde, Mensch und Natur – ja alles Leben miteinander in Beziehung setzt. Jedes Geschöpf, so sagt Hildegard, ist von einem anderen abhängig, alles ist miteinander verbunden und aufeinander angewiesen, alles antwortet einander und hält einander in Spannung. Das Geheimnis des göttlichen Schöpfungsplanes, nach dem jeder Mensch in einem dreifachen Beziehungsgeflecht steht: nach oben zu Gott, nach rechts und links zu den Mitmenschen und nach unten zur Tier- und Sachwelt.
Im Übergang von den blauen zu den beiden roten Kreisen ist symbolisch das Windsystem dargestellt. Aus allen vier Himmelsrichtungen entsteigen Tierköpfe: Leopard, Wolf, Löwe und Bär. Von den Sternen rundum gehen Strahlungen aus, die wiederum alle Elemente des Kosmos erfassen. Ein Lichtnetz durchdringt so die ganze Schöpfung. Der Mensch aber hält das Weltennetz in seinen Händen. Er ist Geschöpf, aber auch Mitschöpfer Gottes.
“O Mensch”, sagt Hildegard, “du bist mir verantwortlich”. Jeder einzelne ist also existentiell in diese Verantwortung gerufen. Durch sein unterscheidendes Wissen um Gut und Böse kann er die Welt gestalten und aufbauen – sie aber auch ins Chaos stürzen. Die Entscheidung liegt bei ihm. Die Kraft zum rechten Tun aber muß er sich von Gott erbitten.
Hören wir zum Schluß einen Auszug aus dem Originaltext Hildegards zum Bild des Kosmosmenschen:

“Mitten im Weltenbau steht der Mensch. denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.”

Sr. Philippa Rath OSB