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Klostersprache von A – Z

 

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A

Abt / Äbtissin(lat. Abbas „Vater“) Von der Gemeinschaft eines selbständigen Klosters frei gewählt (auf Lebenszeit oder für ca. 12 Jahre) geistlicher Vater /geistliche Mutter. Abt und Äbtissin erhalten eine kirchliche Weihe.
AbteiHaus und Lebensbereich einer selbständigen Gemeinschaft von Mönchen oder Nonnen.
Askese(griechisch Askese „Übung“) Die Einübung in ein Leben, das ausgerichtet ist auf Gott und von diesem Ziel her den bewussten und gewollten Verzicht auf bestimmte Lebensvollzüge einschließt.

B

BenediktsregelDie Benediktsregel (Regula Benedicti) wurde um 529 vom heiligen Benedikt von Nursia als Lebensregel für Mönche und Nonnen verfasst. Ursprünglich galt die Regel für das von ihm gegründete Gemeinschaftskloster Monte Cassino in Mittelitalien. Seit dem Mittelalter ist die Benediktsregel die einheitliche Lebensgrundlage für alle Klöster des Ordens der Benediktiner (Ordo Sancti Benedicti, OSB).

Die Benediktsregel besteht aus einem Prolog und 73 Kapiteln:

  • Der Prolog und die Kapitel 1 bis 3 umfassen Grundlegendes zum Mönchsleben.
  • Die Kapitel 4 bis 7 befassen sich mit den monastischen Tugenden, vor allem Gehorsam, Schweigen und Demut.
  • Die Kapitel 8 bis 20 treffen Anordnungen für das opus Dei, den Gottesdienst, der im benediktinischen Leben einen großen Stellenwert einnimmt.
  • Die Kapitel 21 bis 30 klären Strafen für Verstöße gegen die Regel.
  • Die Kapitel 31 bis 57 geben Anweisung über die Verwaltung des Klosters, die Dienste der Mönche, die Versorgung der Mönche, die Aufnahme von Gästen und den Umgang mit den Handwerkern und Künstlern des Klosters.
  • Die Kapitel 58 bis 66 regeln die Aufnahme von Novizen, die Rangordnung in der Gemeinschaft, die Einsetzung von Prior und Abt und die Aufgaben des Pförtners. Gemäß Kapitel 58 umfasst das Ordensgelübde die Versprechen von Beständigkeit (Stabilitas loci, das heißt Bindung an ein bestimmtes Kloster, bzw. eine bestimmte Gemeinschaft), klösterlichem Lebenswandel und Gehorsam.
  • Die Kapitel 67 bis 72 gelten als Nachträge. Sie geben Weisungen für den Umgang der Brüder untereinander.
  • Kapitel 73 ist ein Epilog
Brevier(lat.: breviarium, von brevis „kurz“) Buch, in dem alle Psalmen und Gebete des Chorgebetes für die einzelnen Gebetszeiten enthalten sind.

 

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C

Cellerar / CellerarinEin Cellerar/eine Cellerarin ist der bzw. die Verantwortliche für die wirtschaftlichen Belange und die Verwaltung des Klosters. Die Aufgaben sind im Kapitel 31 der Benediktsregel beschrieben.
Chor / ChorgestühlRaum innerhalb einer Kirche, in dem das Chorgebet verrichtet wird.
ChoralEinstimmige Gesänge für die römisch-lateinische Liturgie mit eigenen Tonarten (auch Kirchentonarten genannt). Als musikalische Ausformung des biblischen Textes ist der Choral Bestandteil der liturgischen Handlung. Die ältesten Choral-Handschriften stammen aus dem 8./9. Jhdt.
ChorgebetDas im Chor der Klosterkirche mehrmals täglich zu festen Zeiten gesungene oder rezitierte Chorgebet strukturiert den Tag einer Klostergemeinschaft, die damit ihren kirchlichen Auftrag zum Stundengebet erfüllt.

E

EinkleidungEinkleidung ist der feierliche Akt der Übergabe des Ordensgewandes an ein neues Ordensmitglied zur Aufnahme in das Noviziat. Das neue Ordensmitglied erhält mit der Einkleidung in der Regel auch einen neuen Ordensnamen.
Eucharistie /Heilige MesseDas Wort Eucharistie bedeutet Danksagung. Die Eucharistie – auch Abendmahl – ist eines der sieben Sakramente. Die Liturgie der Eucharistie ist die Vergegenwärtigung des letzten Mahles Jesu mit seinen Jüngern. In allen Kirchen sind Brot (in der Regel Hostien) und Wein die verwendeten Elemente, die gespendet und empfangen werden (Brot = Leib Christi, Wein = Blut Christi).
ExerzitienExerzitien sind geistliche Übungen, die auf den heiligen Ignatius von Loyola zurückgehen; sie beinhalten Zeiten der inneren Einkehr, der Betrachtung der Heiligen Schrift, des Schweigens und des Gebets.

 

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H

HabitHabit ist die Ordenstracht einer Ordensgemeinschaft. Das Wort ist abgeleitet vom lat. Habitus „Haltung, Gestalt“. Der Habit soll als einheitliches Gewand die Verbundenheit der Ordensmitglieder betonen und ist das äußere Zeichen eines einfachen Lebensstils:

  • Benediktiner: schwarzes Gewand
  • Zisterzienser, Kartäuser: weißes Gewand
  • Franziskaner: braunes Gewand
  • Dominikaner: schwarz-weißes Gewand
Hore(lat. Hora: „Stunde“) Stundengebete der Klostergemeinschaft.

Siehe Stundengebet

Hostie(lat. hostia „Opfer, Opfergabe“) Hostie bezeichnet das zur Eucharistie verwendete Brot.

 

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I

InfirmerieInfirmerie ist die Krankenabteilung in einem Kloster.

K

Kantor / Kantorin(lat. cantare „singen“, Kantor „Sänger“) Als Kantor/Kantorin wird der bzw. die Vorsänger/Vorsängerin oder Chorleiter/Chorleiterin im Gottesdienst bezeichnet.
KapitelRaum, in dem man sich zu Beratungen (Kapitelsitzungen) und wichtigen klösterlichen Vollzügen (Abtswahl, Einkleidung usw.) versammelt.
Klausur(lat. claudere „schließen“) Geschützter Lebensbereich innerhalb eines Klosters, der den notwendigen Raum der Stille und Sammlung ermöglichen soll und von Außenstehenden nur in Ausnahmefällen betreten werden darf.
KlerusAls Klerus bezeichnet man die Gesamtheit aller katholischen Geistlichen.
Kloster(lat. claustrum „verschlossener Ort“) Ein Kloster ist ein Gebäude, in dem Ordensgemeinschaften leben. Die monastischen Klöster des Benediktiner- und Zisterzienserordens werden Abtei genannt. Die dort lebenden Gemeinschaften werden von einem Abt oder einer Äbtissin geleitet.
Kommunität /Konvent(lat. communitas „Gemeinwesen“) Kommunität bezeichnet ebenso wie der Begriff Konvent die Ordensgemeinschaft als Ganzes. Konvent wird bisweilen auch der Wohnbereich eines Klosters genannt.
KompletSiehe Stundengebet
KongregationZusammenschluss mehrerer selbständiger Klöster und Abteien mit gemeinsamen Konstitutionen.
Konstitutionen(oder Deklarationen) Erläuterungen und Auslegungen zur Benediktsregel und für das gemeinsame Leben in den Klöstern..
Kontemplativ(lat. contemplari: „beschaulich, d.h. ganz auf Gott hin ausgerichtet leben,“) Kontemplation ist in philosophischen und religiösen Texten die Bezeichnung für ein konzentriertes Betrachten eines geistigen ungegenständlichen Objektes.
  
KreuzgangRechteckiger (offener oder überdachter), um einen Garten (Kreuzgarten) angelegter Gang, der die Gemeinschaftsräume eines Klosters miteinander verbindet und durch seine Anlage für Prozessionen wie auch für die persönliche Meditation genutzt werden kann.
Kukulle(lat. cucullus „Tüte“, in übertragener Bedeutung „Kapuze“) Vielfaltiger Mantel als Teil des Habits, der zum Chorgebet getragen wird.

 

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L

LaudesSiehe Stundengebet
Lectio divinaGeistliche Schriftlesung, Betrachtung und Meditation der Heiligen Schrift.
Liturgie(aus dem lat. „Gottesdienst“) Liturgie bezeichnet die christlichen und jüdischen Rituale zur Verehrung Gottes und zur Vertiefung des Glaubens in der Gemeinde. Liturgie ist die prägende Lebensmitte jeder Klostergemeinschaft, die sich in der Feier der Eucharistie und des gemeinsamen Stundengebetes entfaltet.

M

Magister / Magistra(aus dem lat.“ LehrerIn / NovizenmeisterIn“): Geistlicher Begleiter/Geistliche Begleiterin der jungen Nonnen und Mönche, die sich in ihrer Berufung prüfen und auf die Profess vorbereiten (Postulanten, Novizen, in Frauenklöstern auch die zeitlichen Professen).
Meditation(lat. Meditatio „Betrachtung“)
MittagshoreSiehe Stundengebet
Mönch(lat. Monachus „Mönch“): Männliches Mitglied eines kontemplativen Ordens.
MonastischBezeichnung im Christentum für das Klosterleben; d.h., alles, was der Benediktsregel, den Konstitutionen und den jeweiligen Hausbräuchen eines Klosters entspricht. Aus dem verwandten lat. Wort monasterium leiten sich in anderen Sprachen die Bezeichnung für Kloster und für bestimmte Kirchengebäude ab; z.B.: monastery (englisch), monastère (französisch) oder auch auf Deutsch „Münster“

 

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N

NonneWeibliches Mitglied eines kontemplativen Ordens.
NoviziatDas Noviziat ist die Probe- und Einführungszeit von Novizen / Novizinnen (neue Ordensmitglieder), um die Berufung für das Ordensleben zu prüfen (ein bis zwei Jahre).

O

OberinEine Oberin ist Leiterin einer Schwesternschaft und somit die Vorsteherin einer klösterlichen Gemeinschaft. Die Oberin einer selbständigen Abtei wird als Äbtissin bezeichnet.
Ora-et-labora(aus dem lat.„bete und arbeite“) ora-et-labora ist ein Grundsatz, der sich auf den Lebensrhythmus des Ordens der Benediktiner bezieht. Vollständig lautet der Grundsatz ora-et-labora-et-lege, Deus adest sine mora (bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug). Obwohl der Grundsatz das Leben in den benediktinischen Klöstern bestimmt, ist er in dieser Form nicht in der Benediktsregel enthalten.
OrdenEin Orden ist eine Gemeinschaft (auch Ordensgemeinschaft) von Brüdern und Schwestern, Mönchen und Nonnen, die auf Basis einer bestimmten Ordensregel und durch Ablegen des Ordensgelübdes an ein geistliches Leben gebunden sind.

 

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P

Postulant / PostulantinAnwärter bzw. Anwärterin für das Klosterleben. Diese leben unverbindlich bis zur eventuellen Einkleidung und Aufnahme in das Noviziat in der Klostergemeinschaft.
PrimasOberster Repräsentant aller benediktinischen Ordensgemeinschaften auf der ganzen Welt mit Sitz in Rom.
Prior / PriorinStellvertreter des Abtes bzw. Stellvertreterin der Äbtissin.
Profess(aus dem lat. „Bekenntnis“) Bindung an eine kontemplative Gemeinschaft durch die drei monastischen Gelübde der Beständigkeit (Stabilitas), des klösterlichen Lebenswandels (Conversatio morum) und des Gehorsams (Oboedientia). Nach dem Noviziat legt der Novize /die Novizin zunächst die Gelübde für drei Jahre (sogenannte zeitliche Profess) ab; anschließend bindet er /sie sich auf Lebenszeit an eine Gemeinschaft (feierliche Profess).

 

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R

Refektorium(lat. refectio „Wiederherstellung“, „Erfrischung“) Das Refektorium ist der Speisesaal des Klosters. In den Klöstern, die ein Gästehaus haben, gibt es außerdem ein den Gästen vorbehaltenes „Gästerefektorium“.

S

Sakramente(lat. sacramentum „Zeichen des Heils“) Sichtbare Zeichen einer verborgenen Heilswirklichkeit. In den Sakramenten ist Jesus Christus selbst gegenwärtig und wirkt durch seine Kirche. Es gibt sieben Sakramente:

Taufe, Firmung, Eucharistie nehmen den Menschen in die Gemeinschaft der Gläubigen auf; Ehe und Weihe (Diakon- Priester- und Bischofsweihe) stärken die Empfänger für ihren Ehebund bzw. für ihren Dienst in der Kirche; Beichte und Krankensalbung sind die Sakramente der Heilung.

SakristeiDie Sakristei als Vorraum zur Kirche steht den Priestern zur Vorbereitung des Gottesdienstes zur Verfügung.
Scholastika(lat. scholastica „Die Lernende“) Die heilige Scholastika war die Schwester des heiligen Benedikt und gilt als Vorsteherin des ersten benediktinischen Frauenklosters. Scholastika ist ein, zumeist in Klöstern gebräuchlicher, weiblicher Vorname mit Namenstag am 10. Februar.
Silentium(aus dem lat. „Schweigen“) Festgelegte Zeiten des Stillschweigens, die dem einzelnen den Raum der lebendigen und persönlichen Begegnung mit Gott ermöglichen sollen.
Sr.Sr. ist die Abkürzung des lateinischen soror („Schwester, Ordensfrau“) und wird dem Namen der Nonne vorangestellt. Gesprochene Form: Schwester + Vorname.

Geschriebene Form: Sr. + Vorname.

StatioTeil des Kreuzganges; Ort der Sammlung und des Schweigens, an dem sich die Gemeinschaft zum Einzug in den Chor versammelt.
StundengebetDas Stundengebet bezieht sich auf das Apostelwort „bete ohne Unterlass“ und auf das Psalmwort „Siebenmal am Tag singe ich Dein Lob und nachts stehe ich auf, um Dich zu preisen“. Das Stundengebet ist am Zyklus des Tageslaufs, dem Wechsel von Schlafen und Wachen, Licht und Dunkelheit sowie Arbeit und Ruhe orientiert.

Der heilige Benedikt teilt das tägliche Stundengebet in Horen (lat. hora „Stunde“) ein:

  • die erste Hore nennt man Vigilien, sie ist das ursprüngliche Nachtgebet der Mönche und findet heute in der Regel am Vorabend statt
  • die Laudes sind das Morgengebet zwischen 5:30 und 8:00
  • die kleinen Horen wurden ursprünglich im Abstand von drei Stunden ( 6:00, 9:00, 12:00 und 15:00) gebetet. Diese sind
    • Prim, die heute in der Regel in Einheit mit den Laudes gebetet wird
    • Terz, die entweder unmittelbar vor der Heiligen Messe oder in diese integriert gebetet wird
    • Sext
    • Non
    • Heute ist es üblich, die beiden kleinen Horen Sext und Non zu einer Mittagshore zusammen zu fassen
  • Die Vesper ist das zentrale Abendgebet der Kirche und wird vor dem Abendessen gebetet (zwischen 17:00 und 18:00)
  • Die Komplet ist die letzte Hore des Tages, die zwischen 19:30 und 21:00 gebetet wird. Danach setzt das nächtliche Schweigen ein, das nur durch die Vigilien unterbrochen wird.

 

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V

VesperSiehe Stundengebet
VigilienSiehe Stundengebet

Z

Zelle(lat. Cella „Raum“): Gebets- und Schlafraum der Nonnen bzw. der Mönche. Die Zelle ist bevorzugter Ort mönchischen Alleinseins; der Mönch liebt sie als Stätte, in der er unter den Augen Gottes bei sich selbst zu Hause sein kann.
ZisterzienserDie Zisterzienser sind ein Reformorden, der im 11. Jahrhundert aus den Benediktinern hervorgegangen ist. Die Namensgebung erfolgte aus dem Kloster Cîteaux (lat. cistercium).

 

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Gott als Grundlage und Ziel klösterlichen Lebens

Ohne Gott ist ein Kloster nicht denkbar. Gott ist die Grundlage und das Ziel christlich geprägten klösterlichen Lebens. Der christliche Gott, in der Tradition des Abendlandes bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch weithin bekannt, ist heute nur noch wenigen geläufig oder gar vertraut.
Aus diesem Grunde möchten wir ihn hier kurz vorstellen. Kenntnis haben wir von ihm durch die Bibel, das bisher am häufigsten verlegte, übersetzte und verkaufte Buch der Welt. Die christliche Bibel gliedert sich in zwei Teile, das Alte und das Neue Testament.
Das Alte Testament verbindet die christliche Religion mit dem Judentum und dem Islam. Wesentliche Teile dieser Texte sind für alle drei Religionen gemeinsam grundlegend, vor allem die Aussage, daß es nur einen einzigen Gott gibt.
Das Neue Testament knüpft an die Existenz von Jesus von Nazareth an. Die sogenannten vier Evangelien, nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes, beschreiben dessen Lebensweg, wie er bis dahin erzählt worden ist. Allerdings handelt es sich in keinem Fall um eine Dokumentation im heutigen Sinne. Vielmehr wird deutlich, daß mit Jesus etwas Neues anbricht, ein neues Verhältnis Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott. Das Alte Testament ist voll von Hinweisen darauf, daß diese Erneuerung notwendig ist, weil der Mensch seine Beziehung zu Gott aufgekündigt hat. So begründet sich die Erwartung des jüdischen Volkes auf den so genannten Gesalbten, den Christus, den Messias.
Diejenigen Juden, die der Auffassung sind, bei Jesus handele es sich um den erwarteten Messias, werden seither Christen genannt. So beschreibt es die Apostelgeschichte, der nächste Text im Neuen Testament. In ihm wird außerdem erzählt, daß nunmehr nicht ausschließlich die Juden das im Alten Testament so genannte Volk Gottes bilden, daß also nicht mehr die Abstammung ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zum Volk Gottes ist, sondern die Einstellung zu Jesus von Nazareth. Wenn man ihn für den vom jüdischen Volk erwarteten Messias hält, zählt man zu den Christen. Die Gemeinschaft der Christen wird schon sehr früh „Kirche“ genannt.
Die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, war es auch, die Ende des 4.Jahrhunderts verbindlich und abschließend festgelegt hat, welche der vielen Texte über Jesus Christus und die Gemeinschaft der Christen, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden waren, zur Bibel gehören sollen. Seither gilt die Bibel als Grundlage für christliches Leben.
Gleichwohl handelt es sich beim Christentum nicht um eine Buchreligion, sondern gründet sich auf Personen, erstlich auf die persönliche Beziehung des einzelnen Christen zu Jesus Christus.

Von ihm wird in der Bibel erzählt, daß seine Anhänger nicht nur seinen Tod am Kreuz miterlebt haben, sondern schon kurze Zeit später, in den Texten ist vom „dritten Tag“ die Rede, zum Teil unabhängig voneinander bemerkt und erfahren haben, daß er nicht mehr tot war, sondern lebt. Die zentrale christliche Botschaft lautet denn auch: „Jesus Christus hat den Tod am Kreuz erlitten und ist begraben worden. Er ist auferstanden am dritten Tag und den Jüngern erschienen.“ Seither ist er bis in unsere Zeit wirksam in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.

Die Christen haben im Nachsinnen über Gott und Jesus Christus dessen Wesen als „Gott gleich“ beschrieben. So entstand nach und nach die Vorstellung vom dreipersonalen Gott, von dem einen Gott, der sich in drei Personen entfaltet: Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott der Heilige Geist, als Verbindung zwischen Vater und Sohn.
Gott, der Vater, wird dabei erstlich als der Schöpfer der Welt und des Lebens angesehen.
Von Gott, dem Sohn, also von Jesus Christus, wird gesagt, er habe die Schöpfung, die sich verselbständigt hat, durch seinen Tod und seine Auferstehung wieder in die ursprüngliche Heilssituation gebracht.
Der Heilige Geist, gleichfalls eigenständige Person, gilt als Verbindung zwischen Vater und Sohn. Die Verbindung zwischen den göttlichen Personen wird für so wichtig gehalten, daß sie ebenfalls als Person dargestellt wird. Die Verbindung vollzieht sich im Gespräch zwischen Vater und Sohn. Von daher kommt dem Wort im Christentum besondere Bedeutung zu. Schon im Johannesevangelium wird Jesus Christus selbst „Wort Gottes“ genannt, durch das Gott die Schöpfung, die Welt, ins Werk setzt.

Im gemeinsamen Nachdenken der Christen über die Bibeltexte hat sich ergeben, daß das Thema des innergöttlichen Gespräches die Welt und das Wohlergehen der Menschen ist.
Abzulesen ist das vor allem an der immer wiederkehrenden Aufforderung der Bibel an die Menschen, Frieden zu ermöglichen und zu bewahren und das menschliche Zusammenleben von der Liebe zueinander bestimmen zu lassen.
Das kann allerdings niemals durch die Verdrängung von Problemen und Konflikten geschehen, sondern durch das gemeinsame Bemühen, die Konflikte auszutragen und die Probleme zu lösen. Der „unerledigte Rest“, den jede Bewältigung von Schwierigkeiten nach sich zieht, ist durch Wahrhaftigkeit und Rücksichtnahme zu entschärfen.
Dieses Existenzmodell liegt nicht nur der christlichen Kirche sondern darüberhinaus der ganzen abendländischen Gesellschaft zugrunde und bestimmt auch mehr und mehr die Arbeit der Politiker, unabhängig davon, ob sie sich zu den Christen zählen oder nicht.

So wird der christliche Gott als ein menschenliebender Gott beschrieben, der in Jesus Christus den Menschen so nahe kommt, daß er, obwohl er Gott ist, selbst Mensch wird. Im Heiligen Geist hinterläßt er den Menschen Anteil am göttlichen Leben und versetzt sie grundsätzlich in die Lage, gut miteinander zu leben. Der Blick ins eigene Leben und der Blick auf die Kirchengeschichte erweisen allerdings, daß dieses Ziel noch längst nicht zuverlässig und auf Dauer erreicht ist.
Die christliche Kirche stellt aber eine Möglichkeit dar, sich ihm manchmal zu nähern.

Sr. Scholastica Steinle OSB

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Von der Berufung zur Freude

Freude und Schmerz schließen sich nicht aus, sondern gehören eng zueinander. Diese Erfahrung machen wir nur allzu oft in unserem Leben. Papst Benedikt XVI. hat in einer Meditation auf diesen Zusammenhang eindringlich hingewiesen. Er sagte:

„Die Weisung ‚gaudete’ – freut euch – kommt in den Briefen des hl. Paulus sehr häufig vor, ja man könnte sagen, dass sie gleichsam der ‚cantus firmus’ seines Denkens ist. Im so mühseligen Leben des Paulus, einem Leben mit Verfolgungen, Hunger, Leiden aller Art, ist dennoch das Schlüsselwort ‚gaudete’ immer gegenwärtig.

Hier erhebt sich die Frage: ist es möglich, die Freude gleichsam anzuordnen? Die Freude, möchten wir sagen, kommt oder kommt nicht, sie kann nicht auferlegt werden wie eine Pflicht. Und hier hilft es uns, wenn wir an den bekannten Text über die Freude in den Paulusbriefen denken, das heißt an den des Sonntags ‚gaudete’ mitten in der Liturgie des Advent. ‚Gaudete, iterum dico gaudete, quia Dominus prope est’ [Freut euch, wiederum sage ich, freut euch – denn der Herr ist nahe].

Wenn mir der Geliebte, die Liebe, das größte Geschenk meines Lebens, nahe ist, wenn ich sicher sein kann, dass er, der mich liebt, mir auch in schwierigen Situationen nahe ist, dann empfinde ich im Grunde meines Herzens eine Freude, die größer als alles Leiden ist. Der Apostel kann sagen: ’gaudete’, denn der Herr ist jedem von uns nahe. Deshalb ist diese Weisung in Wirklichkeit eine Einladung, dass wir uns der Gegenwart des Herrn, der uns nahe ist, bewusst werden. Sie ist eine Sensibilisierung für die Gegenwart des Herrn. Der hl. Paulus will uns aufmerksam machen auf diese verborgene Präsenz Christi, der jedem von uns nahe ist. Für jeden von uns gelten die Worte aus der Offenbarung: Ich klopfe an deine Tür. Höre mich, öffne mir. Es ist also auch eine Einladung, für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür klopft, empfänglich zu sein. Ihm gegenüber nicht taub zu sein, weil die Ohren unseres Herzens so erfüllt sind von den vielen Geräuschen der Welt … Prüfen wir, ob wir bereit sind, die Türen unseres Herzens zu öffnen … Er klopft an die Tür, er ist uns nahe, und damit ist uns die wahre Freude nahe, die stärker ist als alle Traurigkeit der Welt und unseres Lebens.“

Soweit die Worte unseres Hl. Vaters Benedikt XVI. Greifen wir ein paar Gedanken des Papstes etwas konkreter auf.

Der Apostel Paulus fordert uns in seinen Briefen an die Philipper und an die Thessalonicher ganz bewusst und sehr eindringlich zur Freude auf. Wenn er dies so auffallend hervorhebt, dann muss es sich hier offenbar um eine ganz besondere Freude handeln. Es geht hier nicht um eine Freude, wie sie uns sonst in unserem Alltag widerfährt, wir können diese Freude auch nicht selbst machen. Die Freude, die der hl. Paulus meint, ist ganz und gar Geschenk, ist reine Gnade und Geschenk des Hl. Geistes. Sie ist die Freude im Herrn, der Mensch geworden ist und uns damit auf wunderbare Weise nahe gekommen ist. Es ist die Freude am Herrn, der unser Leben teilt und uns erlöst hat durch sein Blut.

„Freut euch im Herrn allezeit, noch einmal sage ich euch: freuet euch“ – wir alle sind hier angesprochen, jede und jeder einzelne. Alle, die wir unseren Lebensort im Herrn haben, die wir uns ihm verbunden wissen, in ihm verankert sind und aus der Erfahrung seiner Liebe, seines Erbarmens und seiner Hingabe heraus zu leben versuchen. Er allein ist der Grund unserer Freude. Gerade deshalb ist diese Freude unabhängig davon, ob uns Gutes widerfährt, ob wir gerade glücklich sind, ob unser Leben gelingt und erfüllt ist. Der Herr ist da – ecce adsum – nicht nur in Tagen, die uns freudig erscheinen und willkommen sind, sondern gerade auch in Zeiten, in denen wir schwere Lasten zu tragen haben, in Zeiten, die vielleicht leer und einsam sind. Die Freude am Herrn vergeht nicht in Not und Leid, sondern kann gerade in solchen Prüfungen tragen, weil der Herr uns gerade dann besonders nahe ist.

Die nächste Nähe des Herrn erfahren wir in der Eucharistie, in den Zeichen von Brot und Wein. Was kann uns scheiden von der Liebe des Herrn, sagt Paulus im Römerbrief (8,35-37). Weder Bedrängnis noch Ängste, weder Verfolgung noch Gefahr, weder Hunger noch Kälte. Nichts kann uns scheiden von seiner Liebe, die uns umgibt, die uns trägt und die uns hält. Solche Liebe schenkt wahre Freude und inneren Frieden, eine Freude, die uns niemand nehmen kann, nur wir selbst.

Ja, wir selbst können der Freude im Wege stehen. Warum? Gewöhnlich empfinden wir unser Leben eher als glanzlos. Wir schleppen uns allzu oft nur so dahin, sind zermürbt von vielen kleinen und großen Ängsten und Sorgen, von Krankheit und Einsamkeit, von zuviel Arbeit und Überforderung. Der Engel der Weihnacht aber hat gerade in diesen unseren Alltag hinein sein Wort gesprochen: „Ich verkünde euch eine große Freude!“ Und die Hirten haben sich aufgemacht, mitten in der Nacht. Freude verlangt manchmal auch Anstrengung und Mut, möchte man sagen. Unglücklich sein kann jeder. Fragen wir uns ruhig einmal, wie es wäre, wenn der Engel der Weihnacht heute zu uns käme. Würden wir ihm antworten, würden wir uns auf den Weg machen, würden wir auch lieb gewordenes Unglück hinter uns lassen und der Freude entgegeneilen? Die alten Mönchsväter sahen eine bestimmte, oft auch heute nur allzu beliebte Form von Traurigkeit als Laster an, das es zu bekämpfen gelte. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, ob sie nicht manchmal recht haben. Freude verlangt auch Anstrengung. Freude kann also Arbeit sein, vor allem Arbeit an uns selbst. Sie muss wie die Liebe gewollt, manchmal auch erkämpft werden. In der Vätertradition wurde die Freude immer als die Schwester der Liebe betrachtet. Gott ist die Liebe (1 Joh 4,8). Und darum ist Gott auch der Ursprung der Freude. Nicht umsonst war die erste Kunde von Jesus, dem Gott unter uns, die Freude. „Ich verkünde euch eine große Freude“.

In der Benediktsregel gibt es nur drei Stellen, an denen die Freude erwähnt wird. Doch diese drei Stellen haben es in sich. Da heißt es zum ersten im Kap. 5,16 über den Gehorsam: „Gott liebt einen freudigen Geber“. Freude, so kann man daraus schließen, entsteht in der Selbstlosigkeit und in der selbstlosen Hingabe. Freude wird mir nicht für mich selbst geschenkt, sondern ist dazu da, weitergegeben und geteilt zu werden. Sie bleibt nicht in sich, sondern sie strahlt aus. Christus selbst ist uns hierin das Vorbild schlechthin. In der Loslösung von sich selbst hat sich Weihnacht ereignet, Menschwerdung Gottes. In seiner Selbsthingabe sind wir erlöst worden. Wäre unsere Antwort auf dieses Geschenk der Erlösung nicht eine freudige Gelöstheit in allen Situationen, auch den schweren, unseres Lebens? „All das“, so sagt der hl. Benedikt in Kap. 9,39 „überwinden wir freudigen Herzens durch den, der uns geliebt hat“. Im festen Glauben an die Liebe und an die Nähe des Herrn dürfen wir und sollen wir uns freuen.

Die dritte Stelle (Kap. 49,6), an der der hl. Benedikt die Freude erwähnt, fasst beide genannten Motive noch einmal wie in einem Brennglas zusammen: „Ein jeder soll also von sich aus…in der Freude des Hl. Geistes etwas als Opfer darbringen…und harre in Freude und Sehnsucht des Geistes dem heiligen Osterfest entgegen.“ Sich selbst darbringen –dieses Opfer will eingelöst werden, jeden Tag neu und zumeist in ganz kleinen Dingen. Versuchen wir das, was uns bedrückt, was uns müde macht, was uns fern hält von der Freude des Herzens, auf den Altar Gottes zu legen oder ans Kreuz Christi zu heften.

Wie können wir das konkret tun? Schauen wir einmal auf das, was der Apostel Paulus den Thessalonichern kurz und bündig ins Stammbuch schreibt: „Freut euch zu jeder Zeit. Betet ohne nachzulassen. Dankt für alles.“

Versuchen wir, dankbare Menschen zu werden, denn in der Dankbarkeit wird uns die Freude mitgeschenkt. Wir haben so viel Grund zur Dankbarkeit, im Kleinen wie im Großen. Fragen wir uns am Ende eines jeden Tages im Gebet, wofür wir heute Grund zum danken haben. So werden wir wirklich frohe Menschen, die Freude ausstrahlen und die auch den anderen freundlich und geduldig begegnen.

Blaise Pascal, der große Mathematiker und überzeugte Christ, hinterließ das schöne Wort: „Der Mensch ist für die Freude geboren“. Und Paul Claudel fügte dem in einem Bittgebet hinzu: „Herr, lehre die Christen, dass sie keine andere Aufgabe haben als die Freude.“

Sr. Philippa Rath OSB

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Von der geistlichen Kraft der Erinnerung

Das Wort „Erinnern“, „Erinnerung“ kommt vom „Inneren“, d.h. es hat zutiefst mit uns selbst zu tun. Erinnerungen sind ein Teil unserer selbst, gehören zu unserem Inneren und bringen sich in Er-Innerung. Unser Gedächtnis ist dabei so etwas wie ein lebendiger Speicher – wie er genau funktioniert, das weiß die Wissenschaft bis heute kaum. Durch Anstöße, seien es Bilder, Worte oder bestimmte Reize, kann der Speicher, der vielfach auf unbewusste Weise wirkt, aktiviert werden. Aus dem Dunkel des Vergessens tauchen dann mit einem Male Dinge wieder auf, die scheinbar vergessen waren, und können manchmal erschreckend aktuell werden. Unser Erinnerungsvermögen bereitet uns manche, durchaus auch nicht immer liebe Überraschung. Einerseits klagen wir über Vergesslichkeit, andererseits wundern wir uns nur allzu oft, was aus den Tiefen der Seele aufsteigen und uns erfreuen, aber auch beunruhigen und ängstigen kann. Ein interessanter Aspekt scheint mir in diesem Zusammenhang, dass unser Erinnerungsvermögen nicht nur durch das kognitive Denken, sondern auch und vor allem durch unsere fünf Sinne aktiviert werden kann. Unsere Sinne sind sozusagen Gedächtnisträger. Wir sehen ein bestimmtes Bild, ein Gesicht, eine Landschaft – und erinnern uns. Wir hören einen bestimmten Ton, eine Melodie, ein Lied – und erinnern uns. Wir nehmen einen bestimmten Geruch oder Duft wahr – und erinnern uns. Wir erfühlen oder ertasten eine bestimmte Oberfläche, einen Stoff, eine Form – und erinnern uns. Wir schmecken einen bestimmten Geschmack, eine Nuance in einem Gericht oder einem Getränk – und erinnern uns. Was ist das, was sich da in unserem Herzen, in unserem Gemüt, in unserer Seele abspielt? Scheinbar längst Vergessenes kommt mit einem mal wieder an die Oberfläche, und wir erinnern uns unserer Gefühle und Empfindungen von damals – allerdings und das scheint mir wichtig zu sein, ohne sie jetzt, hier und heute direkt und hautnah zu fühlen. Wir können die Empfindungen von damals nur „nach-empfinden“, sie wieder in unserem Inneren erspüren, uns ihrer er-innern. In der zeitlichen Entfernung ordnen und bewerten wir sie und damit bekommen sie eine neue Bedeutung. Weiterlesen

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“Liebt einander!”

Es gibt in unserem Klosterladen eine Postkarte, die besonders beliebt ist. Auf ihr ist der Spruch zu lesen: „Ein Freund ist jemand, der dich kennt und dich trotzdem lieb hat.“ Wer diese Karte betrachtet, der schmunzelt zustimmend. Wissend, wie wertvoll Freundschaften sind, aber wissend auch, dass Schwächen und Fehler zu schweren Zerwürfnissen führen und zum Ende einer Beziehung beitragen können. Ja, es steckt eine Tragik darin: wir alle leben vom Wohlwollen der anderen, von ihrer Güte und Nähe, ihrer Zuneigung – doch Sehnsucht und Enttäuschung liegen hier nah beieinander. Nichts ist so kostbar und zugleich so fragil, so zerbrechlich, wie die Liebe.
Das wusste bereits die Antike und stellte daher die Frage, was das denn eigentlich sei: eine „echte“ Freundschaft. Man kam zum dem Ergebnis, dass dies nicht ein Zweckbündnis sein könne, das bloß den Nutzen oder puren Spaß im Sinn hat, sondern gute Freunde haben einen Sinn für das Gute: für sich und füreinander. Sie sind nicht Konkurrenten, sondern Partner, die sich mitfreuen und mitleiden können: beglückende Seelenverwandtschaft, wechselseitiger Gedankenaustausch, geschenkte Zeit, Vertrauen. „Wohl dem, der einen solchen Freund gefunden hat“, so beschwören es die Weisheitsschriften des Alten Testaments.

Doch wie steht es dann mit der Gottesfreundschaft? Mit der Freundschaft, die Jesus uns schenkt? Von einer Liebe auf Augenhöhe kann man hier wohl nicht sprechen, oder doch?
Unsere gegenwärtige Zeit ist da jedenfalls skeptisch. Wenn sie Gott überhaupt noch eine Existenz zugesteht, so „kennt“ sie ihn fast ausschließlich als fernen, fremden, apathischen Gott, der scheinbar teilnahmslos jeglichem Geschehen unter dem Himmel seinen Lauf lässt.
Aber auch die Antike war der Gottesfreundschaft gegenüber zurückhaltend: eine Freundschaftsbeziehung in radikaler Ungleichheit sei nicht möglich. Der Mensch steht der antiken Götterwelt unfrei gegenüber. Er muss ihr das Lebensnotwendige ewig neu abringen: das Feuer, die Freiheit, den Frieden. Gott und Mensch bleiben Konkurrenten – Freundschaft undenkbar!

Das Evangelium des heutigen Sonntags ist uns vermutlich schon zu vertraut, um noch den Paukenschlag zu vernehmen, das unvorstellbar Neue zu hören, das in den Worten Jesu steckt: „Ihr seid meine Freunde! Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ Jesus ist Vorbild im Lieben, aber mehr noch: Seine Liebe begründet die Liebe der Jünger; und noch mehr als das: Seine Liebe bewirkt die Liebe der Jünger und kommt in ihr zum Ausdruck. Er schenkt wahre Freiheit: Gottes und Nächstenliebe gehören untrennbar – partnerschaftlich – zusammen. „Wer sagt er liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, ist ein Lügner!“ Ja, Freundschaftsverweigerung und Gemeinschaftszersetzung gehören leider zu den beschämenden und erschreckenden Seiten kirchlicher Wirklichkeit.

Ein Freund ist jemand, der dich kennt und trotzdem lieb hat.
Gott ist jemand, der uns kennt, weil er uns liebt.

Am Abend des letzten Mahles – in diesem Kontext steht der Abschnitt aus dem Evangelium – schenkt Jesus der Welt das, was wir alle zum Leben brauchen: Liebe. Seine Liebe, die uns ruft und die uns als Geschenk, als Gabe und Aufgabe gegeben ist, um diese übergroße Liebe Gottes wiederum für andere erfahrbar und sichtbar werden zu lassen. Sie will und kann sich nicht verschließen, sondern muss sich ausbreiten. Sie ist nicht abstrakt, sondern zutiefst geerdet: „Wenn nun ich, der Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“, sagt Jesus wenige Augenblicke zuvor. „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ Aber: wie liebt Jesus denn eigentlich? Heilend, aufrichtend, verzeihend. Er ruft und lehrt, erklärt, versteht, zieht sich zurück, dient, betet, betet für, dankt, schläft, schweigt, isst mit Sündern und Ausgegrenzten, gibt sein Leben hin für seine Freunde, erweist uns seine Liebe bis zur Vollendung. Gehen Sie doch einmal das Evangelium auf dieser Spur durch: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ – unbegrenzt, vorbehaltlos, in unerschöpflicher Geduld.

Es gibt in unserem Klosterladen noch eine Postkarte, die gerne genommen wird. Darauf steht geschrieben: „Das Schönste, was ein Vater seinen Kindern schenken kann, ist ihre Mutter zu lieben.“ Ich möchte diesen Spruch gerne etwas verändern und damit eine kleine Antwort auf das Evangelium des heutigen Sonntags geben und zugleich eine Ermutigung aussprechen, von der ich zutiefst überzeugt bin: „Das Schönste, was wir Gott schenken können, ist einander zu lieben.“

Von Sr. Raphaela Brüggenthies OSB

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Wir wollen mit euch gehen

Aus dem Propheten Sacharja (8,23):
So spricht der Herr, der Heere: In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.

Sacharja, Prophet im 6. Jahrhundert vor Christus, legt seinen Zeitgenossen den Plan Gottes dar zur Wiederherstellung des zerstörten Jerusalem und zur Neuordnung des begnadeten Gottesvolkes. Auf unsere Zeit übertragen würde das bedeuten: den Plan zur Wiederbelebung unserer leeren Kirchen und Klöster und zur inneren Neuordnung des Gemeinde- und Familienlebens.
In jenen Tagen werden zehn Frauen aus Völkern aller Sprachen eine Nonne aus Sankt Hildegard an ihrem Habit fassen, sie festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.
Die Verheißung ist da. Gott ist da. Woran also mangelt es?
Lassen wir uns vielleicht nicht am Gewand anfassen? Bieten wir keine Nähe, die einlädt, mitzugehen? Oder würden die zehn Männer oder Frauen, die bei Sacharja noch zupacken, heute nicht das Gewand, sondern nur das Bild des Gewandes „virtuell“ berühren?

Lassen wir uns noch in Anspruch nehmen von Gottes Ruf. Uns anblicken, berühren von Gottes Blick? Und fragen dann zurück: Herr, was willst du, das ich tun soll?
Kurz nach der Fertigstellung dieses Christusbildes schreibt im August 1909 ein Mitbruder aus Emaus, Prag, und anerkannter Kunstkritiker, Odilo Wolff, seinen Dank an den Maler:
„Aber vor allem schwebt mir, wo ich gehe und stehe, der Christus der Abside vor Augen. Nie habe ich ähnliches gesehen. – Man mag mich darob belächeln, meinetwegen; aber ich kann nicht anders sagen, als wie ich dort an Ort und Stelle sagte: Ich habe Jesum gesehen.
Eine menschliche Schönheit, die alles Vollkommenste enthielt, eine objektive Schönheit, die nicht von der Subjektivität und Auffassung eines Meisters eingeschränkt ist – an der vielmehr jede Linie sagt: „So muss ich sein, ich kann nicht anders sein.“ Ein Ernst so groß und eine so sanfte Milde – ohne jede Süßlichkeit oder Mattheit – dass ich gebannt war. Aber das konnte noch menschlich sein, das Ideal des Menschen.
Dazu aber kommt nun die ganz übermenschliche Größe, die alles Maß durchbricht, in kein menschliches Maß sich fassen und einengen lässt – das ist einfach göttlich!
Und anders konnte und kann man das Göttliche in Christus nicht ausdrücken, als durch dieses Übermaß. Einzig überwältigend, wie dieser Gott auftaucht in dem goldenen Aether der Concha; sich herüberneigend über den Opferaltar, herabneigend zu uns Menschen Ich war die Stunde, die ich von 6-7 Uhr da saß, gebannt. Ich war das ganze Hochamt hindurch gebannt, mein Blick konnte sich nicht abwenden von dem Antlitz des Gottmenschen.
Jetzt verstand ich das Wort: „Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das?“ Ich schaute und verstand beim Hochamt, dass dieser da allein der Vermittler sein könnte zwischen Gott und Mensch, der vollkommene Fürbitter bei Gott, der allein Sich Ihm nahen konnte, weil Seine Größe die Größe Gottes ist.“
Die Malerei ist in dieser Kirche nicht Dekoration, sondern wie das Chorgebet Umkleidung, die Aureole, die das Opfer Christi umgibt, das in der Eucharistiefeier gegenwärtig gesetzt wird.
Der Raum und das Stundengebet laden ein, diesem Christus zu begegnen, ihn am Gewand zu fassen, damit ich heil werde.
Natürlich, es braucht nicht diesen Raum, um Gott zu begegnen. Es braucht nicht den Habit, um Mönch zu sein. Aber der Raum, die Einladung in die Gemeinschaft hilft, sich dem Geheimnis Gottes zu öffnen. Warum dann diese Einladung ausschlagen? Was wäre denn zu verpassen, wenn die Einladung Gottes angenommen wird?
Mit offenen Armen lädt er uns ein. Christus ist die Mitte. Nicht nur in der Darstellung dieser Kirche, sondern, ob wir es zugeben oder nicht, die Mitte unserer Seele. Kommt zu mir, und ruht ein wenig aus. Der Meister ist da, er ruft dich!

Von Sr. Klara Antons OSB

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Die geistliche Schriftlesung: Lectio divina

Die geistliche Schriftlesung (Lectio divina) gehört für Benediktinerinnen und Benediktiner zum täglichen geistlichen Brot – sie kann aber auch für jeden Christen zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens werden. deshalb möchten wir Ihnen zum Jahr der Bibel die Grundzüge und Grundvollzüge der Lectio divina nahe bringen.

Denke ich an die Regel des hl.Benedikt, so zeigt sich in der Fülle der darin zitierten Schriftworte, wie sich der Umgang mit der Hl. Schrift im Alltag des Lebens des hl.Benedikt konkretisierte. Welch hohen Stellenwert die Lectio für Benedikt hatte, können wir uns schon durch die Wortkonkordanz verdeutlichen: Lectio (39x); legere (26x) lector (2x) / meditatio (nur 1x) meditari (nur 2x) / oratio (21x) / orare (10x) / oratorium (23 x).

Auch bezeugen uns die Regeltexte selbst schon, wie sehr Benedikt die Lesung schätzte. Seine Belesenheit in der Väterliteratur ist erstaunlich. Würde man sich nur auf die Zitate der Benediktsregel beschränken, käme schon eine ganze Väterbibliothek zustande: Cyprian, Hilarius, Ambrosius, Augustinus, Hieronymus, Leo d. Gr. Palladius, Kassian, Cassiodor, Sulplicius Severus, Vitae Patrum, und selbstverständlich alle im Abendland damals bekannten Mönchsregeln: 1. Und 2. Regula Patrum, Regel des Pachomius, des Basilius, des Caesarius, die Magisterregel, sodann Martyrerakten und Konzilsakten. Klassisch Gebildete behaupten zudem, daß z. B. auch Anklänge an Vergil hörbar sind. Man darf wohl davon ausgehen, daß Benedikt die angeführten Quellen auch per ordinem ex integro gelesen hat. Lectio divina – heilige, göttliche Lesung gehört für ihn zum christlichen, monastischen Leben im Sinn des hl. Hieronymus, der einst schrieb: “Qui nescit scripturas, nescit Dei virtutem eiusque sapientiam; ignorantio scripturarum ignorantio Christi est.” – Wer die Schrift nicht kennt, kennt nicht die Tugend und Weisheit Gottes; Unkenntnis der Schriften ist Unkenntnis Christi.”

Seit einigen Jahren mehrt sich aber auch bei vielen Menschen unserer Zeit wieder neu das Interesse an der Hl. Schrift, um die “Tugend und Weisheit Gottes” neu zu erfahren. Immer wird berichtet von Vorträgen, Arbeitsgruppen und Seminaren innerhalb von Pfarrgemeinden über verschiedene Themen der Hl. Schrift. Nicht umsonst ermahnte unser Limburger Bischof Kamphaus 1999 in seinem Fastenhirtenbrief alle mit folgenden Worten:

“In meiner münsterländischen Heimat trinken die meisten Menschen Bier. Deswegen sind mir die ersten Weinproben im Rheingau in besonderer Erinnerung geblieben. Ich mußte lernen, daß man Wein nicht wie Bier trinkt. Man schluckt ihn nicht schnell herunter, sondern läßt ihn langsam über die Zunge laufen. Kenner (und Könner) schlürfen den Wein und durchmengen ihn dabei mit Luft. Aufmerksam registrieren sie seine Geschmacksentfaltung beim Schlucken. Wein braucht Zeit, um sein ganzes Aroma zu entfalten. Der Blick aufs Etikett löscht nicht den Durst. Ähnlich ist es mit der Bibel. Ein junger Mann sucht zum ersten Mal einen Rabbi auf. Der fragt ihn, was er denn bisher getan habe. Seine Antwort: “Ich bin dreimal durch den ganzen Talmud gegangen.” “Gut”, sagt der Rabbi. “Aber wieviel vom Talmud ist durch dich gegangen?” Das ist die Frage. Wer die Bibel nur liest wie ein Buch oder ein Etikett, der erhält einige Informationen, aber er verfehlt den unmittelbaren Kontakt. Ihre Wahrheit kann sich nur im eigenen Leben entfalten, in Verbindung zur eigenen Existenz. “Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von Innen her.” (Ignatius von Loyola) Es braucht Zeit, es braucht Übung und eine erfahrene Anleitung, um die Bibel als Buch des Lebens zu erleben.” (Bischof Franz Kamphaus, Limburger Sonntag Nr. 12, 21. März 1999)

Wenn wir uns im begonnenen Kirchenjahr nochmals intensiver mit der Lectio, im Spezifischen der Lectio divina befassen, dann gehen wir von der Voraussetzung aus, dass das Buch, das Lesen uns neu zum eigenen Denken, zum eigenen Urteilen, d. h. zur Freiheit und Verantwortung helfen kann. Ein Buch – und ganz sicher das geschriebene Wort Gottes – kann uns neu auf diesen Weg führen, will uns Orientierung geben, kann uns zum “Lehrer des Lebens” (Bischof Lettmann) werden. Nicht die vielen Worte belehren uns. Nur in einziges Wort kann zum Wort des Lebens werden, wenn es uns in die Dimension des Glaubens hineinführt, wenn Gott durch es spricht, wenn es uns Heil und Heilung vermittelt.

Bevor wir in diese Dimensionen tiefer einsteigen, sollten wir uns noch mal neu vergegenwärtigen, was eigentlich geschieht, wenn wir lesen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Lesen sei doch eine Selbstverständlichkeit. Zu Beginn möchte ich aber darauf aufmerksam gemacht, dass es grundsätzlich mehrere Leseformen gibt. Ein fachwissenschaftliches Buch lesen wir anders als einen Roman, eine Zeitung, einen Brief oder den Beipackzettel eines Medikaments. Was alle diese verschiedenen Leseformen gemein haben: Lesen hat werkzeugartigen Charakter. Zunächst erkennen wir Schriftzeichen, die wir in einem bestimmten Zusammenhang aufnehmen. Allein daran erkennt man schon, wie vielschichtig der Lesevorgang ist, denn es ist wohl nicht einfach selbstverständlich, dass wir das Gelesene im gleichen Kontext aufnehmen. Das lesende Subjekt ist am Inhalt nicht unbeteiligt. Gleichzeitig begegnet das lesende Subjekt im Text einem schreibenden Subjekt. Beide: Autor und Leser stehen jeweils in einem seelischen, sozialen oder eben auch religiösen Umfeld. Lesen ist eine Form der Kommunikation, der Begegnung. Diese Begegnung zwischen Schreiber und Leser steht zudem noch in einem speziellen Umfeld, nämlich im unmittelbaren Umfeld des Lesens. Daraus entsteht noch weiterer Kontakt, Beziehung, eine Komplexität von Querverbindungen. Wichtig ist , sich immer bewusst zumachen, dass an jedem Lesevorgang immer drei Dimensionen beteiligt sind: Autor, Text und Leser.

Befassen wir uns also jetzt mit Lectio divina, so müssen wir uns als ersten Schritt vergegenwärtigen, dass auch daran mehrere Dimensionen beteiligt sind: der Autor, bzw. die Autoren im Kontext ihrer Zeit, der überlieferte Text und wir als Menschen des begonnenen 2. Jahrtausends. Ich möchte Sie jetzt noch an einen Weg eines Mönches aus dem ersten christlichen Jahrhundert erinnern, wie er uns vom Karthäuser Guigo II. (+ ca. 1188) in der “Scala claustralium” systematisiert überliefert wurde.
Die Mönche aller Zeiten kannten die Methode der Lectio divina, der geistlichen / göttlichen Lesung, die in unseren Tagen wieder neu auch außerhalb des Mönchtums entdeckt wird. (vgl. Enzo Bianchi, Dich finden in deinem Wort). Sie ist ein probates Mittel, sich dem Kern des Wortes Gottes zu nähern. Ich meine, dass das auch ein Weg sein kann, sich die Psalmen und andere Texte des Stundengebetes neu zu erobern. Dieser Weg kann uns für das Offizium, die Lectio und Oratio (Gebet) wieder neue Türen öffnen, wenn wir alles im Sinn der Lectio divina lesen und ins Herz aufnehmen. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, wie gut es mir gelegentlich tut, das Stundengebet, z.B. auf Reisen, allein zu beten. Beide Formen: der gemeinsame und der einsame Vollzug hat seine Licht- und seine Schattenseiten. In vier Schritten vollzieht sich ein solcher Prozess, vier Stufen, die uns hinführen sollen zu Gott, zur Gotteserfahrung, letztlich zur Anschauung Gottes:

1. Lectio

In der Antike und um Mittelalter wurde noch eine Lesetechnik praktiziert, die ganz im Kontrast zu unserer heutigen steht: Man las in der Stille der Klosterzelle in einem ganz anderen praktischen Kontext, nicht wie heute hauptsächlich mit den Augen, sondern mit den Lippen, in dem man das, was man sah, vor sich hinsagte, halblaut sprach, und mit den Ohren dem gesprochenen Wort zuhörte. Man pflegte also das akustische Lesen. ‘legere’, lesen, bedeutete gleichzeitig ‘audire’, hören. Da fallen dann Formulierungen wie: “in lectione audio”. Durch die akustische Lektüre werden im Menschen alle Sinne geweckt. Augen, Mund und Gehör werden in Aktion gesetzt. Lesen wird dann wie z.B. auch das Singen eine Aktion des ganzen Leibes, der den Geist ergreift und in Anspruch nimmt. Diese Technik entspricht dem Ursprung und dem Wesen des Wortes: Es wird von einer Person entsendet, an eine andere gerichtet und von ihr im Hören aufgenommen. Durch das akustische Lesen wird das geschriebene Wort lebendig und wieder neu zu einer Art dialogischen Geschehens. Hören ist ja in sich ein dialogisches Geschehen. Das gesprochene oder geschriebene Wort wird entsendet, entbindet dann unser Hören, macht uns zu Hörern des Wortes. Im Wort der Hl. Schrift spricht Gott selbst zu uns und macht uns dadurch zu Gott- zu – Gehörigen. Gott sandte sein Wort und sendet es heute noch jeweils in eine ganz konkrete geschichtliche Situation. Die Hl. Schrift ist der bevorzugte Ort der Begegnung mit Gott. Dem liegt eine tiefe Glaubensüberzeugung zugrunde, auf die hin auch wir uns prüfen müssten.

Die Entbindung durch das Wort setzt aber nicht voraus, dass wir als Hörende das Wort automatisch verstehen. Der Hörende muss Ohr und Herz für das Wort öffnen. Deshalb ist die Lesung mit einem eifrigen Studium verbunden, erfordert von uns gespannte Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der Seele. Wir müssen langsam und genau lesen. Wir dürfen uns nicht von Neugier treiben lassen und die Worte oberflächlich überfliegen. Sondern wir müssen mit Sorgfalt den Buchstaben beachten, den Text, wie er in seiner sprachlichen Gestalt vorliegt, von der Grammatik und vom Textsinn her zu erfassen suchen. Das feste Geländer des Textes bewahrt uns vor Träumereien und Schwärmereien, vor leerem Sentimentalismus, der keine Grundlage in der biblischen Botschaft hat. Wir lassen uns nicht leiten von eigenen Gedanken und eigener Phantasie, sondern von der objektiven Offenbarung, die in Schrift und Tradition festgelegt ist.

2. Meditatio

Der Lectio folgt als zweite Stufe die Meditatio. (Beatus vir, qui in lege eius meditatur die ac nocte “Ps 1, 2). Meditatio ist die innere Fortsetzung der Lectio. Was heißt “meditari” ? Im Wörterbuch kann man sehr hilfreich nachlesen: “für etwas sorgen, eifriges, sorgfältiges Betreiben einer Sache, die durch Übung einer Sache herbeigeführte Gewöhnung an etwas.” Konkretisierend heißt das: Meditation vertieft und verarbeitet den Text. ‘Meditari’ heißt, einen Text lesen und lernen, mit Leib, Verstand und Seele erfassen, ihn im Gedächtnis behalten und mit ganzem Willen in die Tat umsetzen. In der Meditatio kommt also auch die Tätigkeit des eigenen Willens und des Intellekts in Gang. In der Literatur kommen Worte wie considerare (erinnern), cogitare (erkennen), inquirere (suchen) und meditari (meditieren) im Zusammenklang vor. Das Wort der Schrift muss reflektierend durchdrungen werden. Was dann entdeckt werden kann, ist zunächst die natürliche Gotteserkenntnis. Die innere Erfahrung des persönlichen Gottes selbst ist ein Geschenk von oben, für das wir uns nur bereiten können. Eine Art der Übung ist in diesem Zusammenhang noch ganz wichtig: die ‘ruminatio’ – das ständige, halblaute Vor-Sich-Hersagen, das Murmeln von Versen und Texten der Hl. Schrift. ‘Ruminatio’ heißt: das Wiederkäuen. Das Wort Gottes ist die tägliche Nahrung, die immer wieder ‘durchgekaut’ werden musste, um Geschmack daran zu finden. Auch schwer verdauliche Kost kann auf diese Weise stärkende Nahrung werden, die den Hunger nach Gott zu stillen vermag. Dies, so meine ich, ist besonders für uns alle auch eine wichtige Realität unseres täglich gesungenen Stundengebetes. Sinn und Zweck dieser Übung ist, auf diesem Weg diese Texte auswendig zu lernen und sich einzuprägen. Hier ist entscheidend das Gedächtnis gefordert. In der frühen Kirche wusste man noch um die Notwendigkeit und den Nutzwert des Auswendiglernens. Das war nicht bloß eine Sache der Kostenersparnis – ein Buch kostete in damaliger Zeit oft mehreren tausend Schafen das Leben. Vielmesste man: was man auswendig kennt, kennt man auch inwendig. Die englische und französische Sprache hat das bis heute bewahrt – learning by heart – par coeur. Das äußere Sich-erobern bewirkt, dass irgendwann das Herz mitschwingt. Das können wir sicher von uns allen nach langen Jahren gelebten Stundengebetes auch aus Erfahrung sagen… Im Tun, im täglichen Sich-üben, wird das Herz näher zum Herrn geführt. Dann werden immer mehr Psalmen persönliche Worte des Glaubens, eigene Worte der Liebe, der Hinwendung zu Christus und zum Vater – in allen Nöten und Wechselfällen des Lebens, in Höhen und Tiefen, in Licht und Schatten. Wenn man sich ein Text so tief eingeprägt hat, entwickelt sich daraus das ganz wichtige Phänomen der Wiedererinnerung. Die Ruminatio bewirkt, dass wir uns spontan und ohne jede Anstrengung an Zitate und Anspielungen erinnern, einzig durch die Ähnlichkeit der Worte. Jedes Wort ist gleichsam ein Haken für eine Fülle von Textverknüpfungen. Ein Text führt uns in ein ganzes Gewebe von Texten und Assoziationen unter der Führung des gelesenen Textes. D.h.: sich erinnern, inne werden. Solches Meditieren setzt selbstverständlich eine theologische Grundhaltung der Kirchenväter und monastischen Tradition voraus: die Einheit der ganzen Schrift. AT und NT bilden eine Einheit, deren Mitte Christus ist. Man versuchte, die Schrift durch die Schrift selbst zu interpretieren. Jedes Wort der Schrift lässt sich nur im Licht der ganzen Schrift erkennen. Deswegen lohnt es sich auch immer wieder, im Stundengebet die Überschrift jedes einzelnen Psalms – ein Zitat des NT und eine Interpretation eines Kirchenvaters mit ins Herz zu nehmen.
Noch ein letzter, nicht unwesentlicher Aspekt des ‘meditari’ las ich einmal in einem sehr interessanten Buch von Peter Müller, Verstehst du auch, was du liest? Meditari meint ganz wesentlich: sich einüben, trainieren wie im Sport. Z.B. taucht es im Sprachschatz des antiken Militärs auf: die Einübung der Rekruten im Umgang mit den Waffen, ferner in der Rhetorik, in der Musik und in der Poesie. Hier meint ‘meditari’ das Einstudieren einer Rede, eines Musikstückes oder eines Gedichtes. Die Meditation fordert von uns demnach Mühe, Einsatz der Willenskraft und Ausdauer. Erst dieser Prozess weckt in uns die Sehnsucht nach Gott, das Verlangen, ihn tiefer zu erkennen und zu erfahren. Je mehr die Meditation geübt wird, um so mehr wächst die Sehnsucht, um so stärker dürsten wir nach Gott. Die Sehnsucht wird auf dieser Stufe des Aufstiegs zu Gott aber noch nicht gestillt, sie weist über sich hinaus zur ‘Oratio’, zum eigentlichen Gebet.

3. Oratio

Oratio ist nun der Augenblick, wo wir unser Verlangen nach spürbarer und erfahrbarer Begegnung mit Gott vor Gott aus dem Herzen heraus ins Wort bringt. Es geht von daher um eine bestimmte Weise des Bittgebetes. ‘Oratio’ steht im Zusammenhang mit ‘postulatio’. Inhalt der Bitte ist die Sehnsucht nach Gott, das ‘desiderium’ . Jede von uns, die betet, die auf der Stufe der Oratio angelangt ist, ist als ganze Person von der Sehnsucht nach Gott ergriffen. Gebet ist dann nicht mehr Tätigsein, sondern ganz Verlangen-Sein, erfüllt sein von Sehnsucht. Wir möchten das Gelesene und Erkannte selbst erfahren und bitten Gott darum. Erst an diesem Punkt wächst die Lesung langsam zu einer persönlichen Begegnung mit Gott hin. Die ‘Schau Gottes’ – danach richten wir uns aus. Wir können sie aber nicht selbst ins Werk setzen. Sie kann nur von Gott geschenkt werden. Allerdings wird die Begegnung mit Gott auch nicht an der Freiheit jedes Menschen vorbeigehen. Gott und Mensch wirken zusammen. Wir zeigen Offenheit und Bereitschaft, die Gnade zu empfangen, wenn wir Gott im Bittgebet anrufen. Ja, eigentlich ist die Oratio Antwort auf die Anrede Gottes. In der Tradition der Väter und des Mönchtums wird diese Antwort mit Worten Gottes gegeben. All dieses Tun zielt hin auf den letzten Schritt: contemplatio.

4. Contemplatio

Wir erfahren nun, dass der Herr unser Bittgebet erhört und uns entgegeneilt. Gott gewährt uns als freies Geschenk, dass seine Nähe spürbar, erlebbar wird. Im Gebet können wir uns nur auf den Empfang dieser Gnade vorbereiten. Unser Einsatz und unsere Anstrengung sind gefragt. Wir müssen tun, was in unseren Kräften steht. Aber das Ergriffenwerden vom ‘effectus contemplationis’, einer starken Gemütsbewegung, ist nicht machbar. Es ‘überfällt’ uns. Urplötzlich wissen wir uns von der Gegenwart des Herrn ergriffen und in uns wird ein tiefes Verlangen nach der Anschauung Gottes geweckt. All das entzieht sich einer rationalen Darlegung. Über Kontemplation kann der Mensch nur in Bildern und Vergleichen sprechen (z.B. dulcedo, Süßigkeit – als Ausdruck der Liebe Gottes, seiner Güte, Milde und Freundlichkeit “Kostet und seht, wie gut der Herr ist. (Ps 33, 9); oder: sobria ebrietas – nüchterne Trunkenheit; oder: biblische Bilder – Braut und Bräutigam, Contemplatio als Taborerlebnis; oder: Jakobskampf) Contemplatio ist letztlich ein Vorgeschmack des Himmels, steht also in einem eschatologischen Kontext. Der volle Genuss steht immer noch aus. In diesem Leben ist nur das kurze Verweilen auf der Stufe der contemplatio gegeben

Zusammenfassend sei gesagt: Gehen wir in der Lectio divina täglich neu auf den Herrn zu, so werden wir erfahren: Jedes Wort ist uns “ein Anruf Gottes um unseres Heiles willen” (J.Leclercq, Wissenschaft und Gottverlangen), führt uns näher zur Mitte des Glaubens hin, zu Christus, dann sind wir ganz persönlich angesprochen und gefordert, mit Leib und Seele, mit Gedächtnis, Verstand und Willen.

Praktische Schritte zur Lectio divina:

1. Lesen wir den Text laut und langsam.
2. Schreiben wir den Text einmal ab, vielleicht auch mit einer graphischen Gestaltung.
3. Wiederholen wir den Text mehrmals im Sinn der “Ruminatio”, leise in sich hinein “murmelnd”.
4. Hören wir uns selbst beim Sprechen zu.
5. Folgen wir genau dem Wortlaut des Textes.
6. Achten wir auf Wortwiederholungen, inhaltliche Wiederholungen und auf “Brüche” im Text.
7. Versuchen wir den Text in seiner Struktur zu verstehen.
8. Wie können wir den Textsinn zusammenfassen?
9. Assoziieren wir den Wortlaut mit anderen biblischen oder auch außerbiblischen Texten.
10. Verbinden wir den Text mit Zeitereignissen und eigenen Erfahrungen im Rahmen Ihrer Möglichkeiten.
11. Gibt es Fragen, die uns der Text stellt?
12. Bringen wir unsere Gedanken, unsere Fragen, unsere Bitten vor Gott!
13. Versuchen wir, Gott Antwort zu geben.
14. Vergessen wir nicht, Gott für sein Wort zu danken.

 

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Gebetsanliegen

Haben Sie ein Gebetsanliegen? In unserer Klosterkirche liegt für alle BesucherInnen unseres Gotteshauses ein Intentionenbuch auf, in das jede(r) ihre/seine Gebetsanliegen eintragen kann. Viele Menschen haben uns auf diese Weise bereits ihre Anliegen und Nöte ins Gebet empfohlen.
An dieser Stelle möchten wir diesen Dienst, den wir als wichtigen Auftrag unserer Klostergemeinschaft betrachten, auch allen Internet-Besuchern anbieten.
Wenn Sie ein Gebetsanliegen haben, so schreiben Sie dies hier auf. Wir werden Ihre Freuden und Sorgen, Ihr Leid und Ihre Trauer in unser Fürbittgebet aufnehmen und sie gemeinsam vor Gott tragen.

Ihre Schwestern der Abtei St.Hildegard

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Laudes, Terz, Sext und Vesper

Laudes
Das Morgenlob in der Frühe des neugeschenkten Tages ist ganz von Lobpreis und Dank bestimmt. Jeden Morgen findet es seinen Höhepunkt im Lobgesang des Zacharias, dem “Benedictus”, mit dem die Kirche Christus als das aufstrahlende Licht aus der Höhe begrüßt. Weiterlesen

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Tagebuch führen mit der Benediktsregel

 Ein persönlicher Weg zum Kennen- und Lebenlernen der Regula Benedicti

Im Folgenden berichte ich hier von einem persönlichen Weg berichten, der für mein geistliches Leben prägend geworden ist. Ich tue es gern, denn ich wünsche mir nichts so sehr, als dass möglichst viele Geschmack an diesem Weg finden, ihn als Möglichkeit entdecken, die Benediktsregel kennen-, lieben- und leben-zu lernen. Es ist der Weg eines Tagebuches mit der Benediktsregel. Ich gehe diesen Weg nunmehr seit fast 20 Jahren und immer noch entdecke ich Neues und Überraschendes auf diesem Weg.

Bevor ich von diesem meinem Weg erzähle und die einzelnen Schritte ganz praktisch beschreibe, komme ich nicht umhin, ein paar grundlegende Gedanken vorzutragen. Ich möchte dies in drei Schritten tun:

A: GRUNDLEGUNG

  • „Höre und erfülle“

Die Kenntnis der Benediktsregel gehört für uns, die wir in der Nachfolge des heiligen Benedikt stehen – ob als Mönche und Nonnen oder als Oblaten und Oblatinnen – , zu den unverzichtbaren Grundlagen unseres geistlichen Lebens. Benedikt selbst legt uns diese Kenntnis seiner Regel und seiner Weisung gleich an mehreren Stellen nahe.

„Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat.“ (RB, Prolog 1)

Schon im ersten Satz des Prologs lädt uns der heilige Benedikt ein, mit offenem Ohr und geneigtem Herzen auf das Wort der Hl. Schrift und auf die Stimme des göttlichen Vaters zu hören.  Gleichzeitig, sozusagen zwischen den Zeilen, lädt er uns aber auch ein, seinem Wort und der Weisung seiner Regel zu lauschen. Offenheit und Bereitschaft sind es, die uns auszeichnen sollen – ein Leben lang. Dass es nicht nur beim Hören bleibt, sondern dass das Hören ins Handeln übergehen und sich im konkreten Lebensvollzug inkarnieren muss, wird ebenfalls bereits in diesem ersten Vers deutlich. Höre und erfülle – obsculta … et efficaciter comple. Damit ist der Rahmen für die geistliche Lesung der Heiligen Schrift, aber auch für die geistliche Lesung der Regel abgesteckt.

Im 58. Kapitel über die Aufnahme der Brüder wird es dann ganz praktisch.

„Wenn er [der Novize] – (und da dürfen und sollen sich m.E. auch die Anfänger auf dem Weg zur Oblation angesprochen wissen) – verspricht, beharrlich bei seiner Beständigkeit zu bleiben, lese man ihm nach Ablauf von zwei Monaten diese Regel von Anfang bis Ende vor…(RB 58,9)

Wenn er noch bei seinem Entschluss bleibt, liest man ihm nach vier Monaten dieselbe Regel wieder vor.“ (RB 58, 13)

Nach Ablauf von sechs Monaten lese man ihm die Regel erneut vor: Er soll wissen, was der Eintritt für ihn bedeutet. (RB 58, 12)

Dreimal also – jeweils im Abstand von zwei Monaten – soll dem Novizen die ganze Regel vorgelesen werden. Das Vorlesen der Regel schließt dabei gemäß altkirchlicher und monastischer Tradition ganz selbstverständlich auch die Auslegung des Textes durch den Vorlesenden mit ein.

In RB 66,8 empfiehlt Benedikt dann allen Mönchen – nicht nur den Novizen – die regelmäßige Lektüre der Regel – mit dem Ziel, diese wirklich und wahrhaftig kennen zu lernen: „Wir wollen, dass diese Regel öfters in der Klostergemeinde vorgelesen wird, damit sich keiner mit Unkenntnis entschuldigen kann.“

Eine letzte Stelle sei in diesem Zusammenhang genannt. Im ersten Vers des letzten Kapitels 73 sagt uns Benedikt:

„Diese Regel haben wir geschrieben, damit wir durch ihre Beobachtung in unseren Klöstern eine dem Mönchtum einigermaßen entsprechende Lebensweise oder doch einen Anfang im klösterlichen Leben (initium conversationis) bekunden.“ (RB 73,1)

Die Regel ist also für Anfänger geschrieben. Und Anfänger sind und bleiben wir alle, ein Leben lang. Unser Gelübde der Conversatio morum ebenso wie unser Oblationsversprechen, nach der Weisung des Evangeliums zu leben, gewährt uns eben diesen immer neuen Anfang. Das ist tröstlich und lädt uns Tag für Tag neu zum Aufbruch ein, die Regel durch eine entsprechende Lebensweise lebendig werden zu lassen.

Schon in der Regel selbst ist also, um diese einleitenden Bemerkungen zusammenzufassen, die regelmäßige Lesung und Betrachtung des Regeltextes vorgesehen, ja ausdrücklich empfohlen. Die Regel ist nach der Heiligen Schrift das Fundament unseres Lebens. Sie gibt uns Weisung und Orientierung, sie leitet und begleitet uns durch die Fährnisse unseres Lebens und führt uns – wenn wir uns auf diesen Weg einlassen – vielleicht nicht geradewegs, so aber doch kontinuierlich bis ans Ziel, bis hin zu einem immerwährenden Leben in der Gegenwart Gottes.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein Wort aus der Altväterliteratur anfügen. Abbas Poimen sprach: „Die Natur des Wassers ist weich, die des Steines hart – aber der Behälter, der über dem Steine hängt, lässt Tropfen für Tropfen fallen und durchlöchert den Stein. So ist auch das Wort Gottes weich, unser Herz aber hart. Wenn nun aber ein Mensch oft das Wort Gottes hört, dann öffnet sich sein Herz für die Gottesfurcht.“ (Apophtegmata Patrum – Weisung der Väter, 757)

Dasselbe gilt, davon bin ich überzeugt, auch für das Wort, das Benedikt uns in seiner Regel zugesprochen hat.

  • „Nur der Geist macht lebendig“

Eine zweite grundsätzliche Vorbemerkung: Wie wir wissen, ist die Benediktsregel ganz und gar durchtränkt und durchdrungen von biblischem Geist. Sie ist erwachsen aus einer zutiefst persönlichen, inneren und innigen Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein als eine Inkarnation der großen Werte des Evangeliums. Insofern dürfen wir davon ausgehen, dass die Lesung und Betrachtung der Benediktusregel sowohl inhaltlich als auch methodisch eng verwandt ist mit der Lectio divina, der Geistlichen Schriftlesung.

Die Lectio divina möchte uns immer mehr im Geist Jesu Christi formen und prägen. Ebenso möchte uns auch die tägliche Lesung der Benediktusregel immer tiefer hineinziehen in den Geist unseres Ordensvaters Benedikt. Sein Wort und sein Beispiel wollen unser Leben gestalten, sie wollen uns nach und nach verwandeln und so ganz konkret in unserem Leben wirksam werden.

Je tiefer wir dabei – wie bei der Lesung der Heiligen Schrift – in die Geheimnisse Gottes und dessen, den er sich zum Werkzeug ernannt hat, eindringen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Mehr in uns. Wir möchten mehr und mehr erkennen, immer tiefer verstehen und  immer hingebungsvoller lieben. Der hl. Benedikt sagt es uns selbst: magis ac magis in Deum proficere – mehr und mehr in Gott hinein schreiten –  IHM näherkommen, uns IHM angleichen (RB 62, 4). Das ist das Geheimnis unseres Lebens – als Mönche und Nonnen und als Oblaten und Oblatinnen

Um diesem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen, müssen wir lernen, hinter dem  Buchstaben  den Geist zu entdecken – jenen Geist, der uns bewegt und der die Worte zu Worten des Lebens, zu Worten meines ganz persönlichen Lebens macht. Lesen und Leben gehören hier also untrennbar zusammen. Die Regel will vom Lese-Buch zum Lebens-Buch werden. Wenn wir uns auf diesen – zugegebener weise auch oft  mühsamen – Weg einlassen, dann werden wir erfahren, dass Gott selbst durch den hl. Benedikt zu uns spricht und dass wir aufgerufen sind, IHM mit unserem Leben zu antworten. Gott öffnet uns gleichsam sein Herz und lädt uns ein, in sein Herz hineinzuwachsen. So kann die Lesung der Regel am Ende zum Gebet werden, zu einer innersten Begegnung zwischen uns, die wir Gott suchen und Gott, der uns immer schon entgegenkommt. Es entsteht dann eine Art Trialog: zwischen Gott und dem heiligen Benedikt, zwischen mir und dem Benedikt und letztlich eben auch zwischen mir und Gott. Begegnung geschieht da, lebendiger Austausch, Communio.

Freilich nur dann, wenn die Lesung ganz und gar zweckfrei und absichtslos geschieht und allein darin besteht, die Botschaft zu hören und zu schmecken. Der heilige Bernhard von Clairvaux hat in seinem Kommentar zum Hohenlied über die Liebe gesagt: „Die Liebe sucht ihre Berechtigung nicht außerhalb ihrer selbst… Die Liebe ist ihr eigener Verdienst und ihr eigener Lohn; sie sucht keine Ursache außerhalb ihrer selbst und kein anderes Ziel als die Liebe selbst. Die Frucht der Liebe ist die Liebe.“ (Sup Cant. 83,4)

Genau so könnten wir es von der geistlichen Lesung sagen. Bei ihr geht es immer mehr um ein Verkosten als um Studieren, mehr um Staunen als um Erörtern, mehr um Weisheit als um Wissen. Man sieht nur mit dem Herzen gut – sagte einst Antoine de Saint-Exupéry. Man darf dieses Wort wohl auch abwandeln: man liest nur mit dem Herzen gut. Denn es geht darum, den verborgenen Geist zu schmecken, der den Buchstaben beseelt und der allein lebendig macht. Nur wenn uns das gelingt, finden wir zum Einklang mit dem Gelesenen und mit uns selbst und können Antwort geben auf das Wort – und zwar mit unserem ganzen Leben.

  • „Verstehst du auch, was du da liest“

Eine dritte Vorbemerkung möchte ich mit der Frage des Apostels Philippus an den äthiopischen Kämmerer überschreiben. „Verstehst du auch, was du da liest“, das ist die ‚Gretchenfrage‘ schlechthin – zumal für uns heute, da die Benediktsregel inzwischen nahezu 1500 Jahre alt ist und bisweilen meilenweit entfernt zu sein scheint von dem, was unser Leben heute ausmacht und trägt.

Der Dialog der Liebe, den wir in der Regellesung pflegen möchten, gerät für uns also immer wieder auch auf den Prüfstein, vor allem dann, wenn wir eben nicht oder nicht sofort verstehen, was wir da lesen. Unterscheiden wir hier zunächst zwischen dem äußerem und dem inwendigen Verstehen. Das äußere Verstehen, d.h. philologische Fragen, die Quellen, Hintergründe, Zusammenhänge und Zeitbedingtheiten der Texte können uns durch gute Regelkommentare (vor allem auch durch den Quellenband zur Regel) verdeutlicht werden. Es gibt inzwischen viele gute Kommentare, wie wir alle wissen – ich brauche sie hier nicht im einzelnen zu benennen. Sie alle können uns helfen, das Äußere zu verstehen, zu  deuten und richtig einzuordnen. Deshalb sind sie wichtig und notwendig und wir alle sollten sie ganz bewusst und regelmäßig zur Hand nehmen.

Doch ein noch so guter Kommentar kann, wie ich meine, das Eigentliche, das Wesentliche nicht ersetzen. Der Kern des Ganzen spielt sich wie oben bereits gesagt auf einer anderen Ebene ab, auf der, die uns existenziell und in unserer ganzen Person erfassen möchte.

Einen wichtigen Schritt näher kommen wir diesem Kern, wenn wir das Glück haben, erfahrenen Meistern des geistlichen Lebens zu begegnen, die uns die Regel vorleben und uns auch ihr eigenes inneres Ringen mit dem Text und seinem Anspruch nicht vorenthalten. Solche geistlichen Mütter und Väter gab es zu allen Zeiten und gibt es Gott sei dank auch heute. Doch sie erwachsen nicht von selbst. Um es mit einem Wort von Heinz Schürmann zu sagen: „Gott lässt begnadete Seelenführer in dem Maße erstehen, wie sie gesucht und gebraucht werden.“ Schon die Altväter der Wüste haben sich nicht selbst zum Lehrer ernannt, sondern wurden gesucht und gezielt um Weisung gebeten. Haben wir also ruhig den Mut, aktiv auf die Suche zu gehen nach einem Menschen, der die Regel zu leben versucht und darin bereits eine gewisse Erfahrung hat. Und haben wir umgekehrt auch den Mut, Zeugnis zu geben von unserem persönlichen geistlichen Weg, wenn andere uns darum bitten. Wir können einander zum Vorbild werden und uns den Weg weisen. Vom Abt sagt Benedikt: „Er zeige mehr durch sein Beispiel als durch Worte, was gut und heilig ist“ (RB 2, 12). Das gute Beispiel wiegt mehr als tausend Worte. Das wissen wir alle. Und gerade im geistlichen Leben erscheint es mir lebensnotwendig zu sein.

Schließlich und keineswegs zuletzt sei auf eine, wenn nicht die untrügliche Hilfe zum Verstehen der Heiligen Schrift wie auch der Benediktsregel hingewiesen: das Gebet. Schon der große Origines schrieb einst in seinem Brief an Gregor Taumaturgus, 4: „Wer nicht findet, was er sucht, wer den gelesenen Text nicht versteht, muss Gott anrufen und ihn bitten, ihn erkennen zu lassen; so wird die Lesung zum Gebet, denn es ist absolut notwendig zu beten, um die göttlichen Dinge zu verstehen.“ Im Prolog der Regel schreibt uns Benedikt Ähnliches ins Stammbuch: „Sooft du etwas Gutes zu tun beginnst, bitte zuerst inständig darum, dass er es vollende.“ (RB Prolog 4) Dies gilt sicher für alles, was wir tun, zuerst und vor allem aber für die geistliche Lesung. Nur der Herr selbst kann unsere tauben Ohren öffnen und unsere verhärteten Herzen geschmeidig machen. Nur er selbst kann uns auch im Tiefsten den Sinn und die Bedeutung eines Textes für unser persönliches Leben eröffnen.  „Effata“ – öffne dich. Das ist der Ruf, dem wir uns Tag für Tag anschließen sollten, wenn wir mit der Lesung beginnen

  1. Mein Weg mit dem persönlichen Regel-Tagebuch
  • Zur Genese

Wie so oft im Leben entstand die Idee, ein Regel-Tagebuch zu führen, aus einer äußeren „Notsituation“ heraus. Noch während des Noviziates ergab sich für mich die Notwendigkeit, ein halbes Jahr als Assistentin unserer Hildegard-Forscherin Sr. Angela übersiedeln zu müssen in die Abtei Maria Laach. Dort, sozusagen auf einsamem Außenposten, weit weg vom Noviziatsbetrieb und den Regelkonferenzen unserer Schwester Magistra, begab ich mich auf die Suche nach einem Geländer, das mir im „Exil“ Halt und Orientierung geben konnte. Schon bald kam ich auf die Idee, zusätzlich zur normalen Lectio Divina am morgen eine abendliche feste Zeit der Lectio Regulae zu etablieren. Angeregt durch den Regelkommentar von Abt Denis Huerre, der zu jeder Tageslesung aus der Regel jeweils kurze, prägnante und zum Teil sehr persönliche Texte enthält, begann ich am 2. Mai 1992 mit meinem Regel-Tagebuch. Traditionsgemäß beginnt am 2. Mai jeden Jahres in unseren Klöstern der zweite Jahreszyklus der Regellesung, so dass ich mit Vers 1 des Prologs beginnen konnte.

Schon nach einigen Wochen bildeten sich ein fester Ablauf und klare methodische Schritte heraus, die ich bis heute weitgehend beibehalten habe. Zunächst suchte ich mir einen Ort, konkret einen Tisch, der nicht mein Schreibtisch war, an dem ich ansonsten zu arbeiten pflegte. Ich erbat mir eine schöne Tagebuch-Kladde und eine Kerze und begann mit meiner ersten Regel-Tagebuch-Lesung.

  • Methodische Schritte

2.1.  Zu einer bestimmten immer gleichen Zeit am Tag und an einem bestimmten Ort, den ich mir einmal für immer gewählt habe, zünde ich eine Kerze an und nehme die Regel zur Hand.

2.2.  Zuerst spreche ich ein kurzes Gebet oder auch ein Stoßgebet wie das Wort „Effata – öffne dich – Herr, öffne du selbst mein Ohr und mein Herz!“.

2.3. Danach lese ich den jeweiligen Tagesabschnitt der Regel als Ganzes langsam, Wort für Wort, halblaut vor mich hin. Ich betrachte den Text und denke zunächst darüber nach, was der Kerngedanke des heiligen Benedikt und die Grundaussage dieses Abschnitts sein könnte.

2.4. Dann lese ich den Text ein zweites Mal – diesmal leise. Ich verkoste den Text in aller Ruhe, betrachte  ihn mit weit geöffneten Herzen. Ich stoße meist schon hier auf eine Sequenz, auf ein Wort oder auf einen Gedanken, der mich persönlich in besonderer Weise anspricht oder herausfordert. Dort verweile ich. Dann schreibe ich den entsprechenden Satz, Teilsatz oder auch nur ein einziges Wort des Regeltextes in mein Tagebuch. Hinzu füge ich das Datum des jeweiligen Tages.

2.5. Nun lasse ich mich von diesem ausgewählten Text tief in meinem Inneren ansprechen. Was bedeutet dieses Wort hier und heute für mein ganz persönliches Leben? Kann ich es einlösen oder steht es in Spannung zu mir? Fühle ich mich bestätigt oder herausgefordert? Was kann und sollte sich ändern in meinem Lebensvollzug, wenn ich dieses Wort ernst nehme?

2.6. Dann schreibe ich auf, was in mir gewachsen oder auch nur hochgekommen ist. Dabei gibt es keine Tabus – ich möchte radikal ehrlich sein vor Gott und vor mir selbst. Manchmal ist es ein Ringen und ein Kämpfen, manchmal eine Ermutigung und ein Trost, manchmal eine Entdeckung oder auch eine ganz neue Erfahrung mit mir selbst.

2.7. Zumeist mündet mein Tagebuch-Eintrag ein in ein Gebet: in Lob oder Dank, Klage, Schrei oder Fürbitte. Auch hier gilt: alles darf sein, alles darf zum Gebet werden. Mit diesem selbst formulierten Gebet oder auch mit einem abschließenden ‚Ehre sei dem Vater‘ endet meine Regel-Lesung. Ich bleibe noch einen Moment in der Stille und wende mich dann nach ca. 30 Minuten ruhig und konzentriert meinem Alltag zu.

Soweit der Ablauf meiner Lectio Regulae in sieben Schritten.

  • Erfahrungen und Früchte

Wenn ich nun ein wenig von meinen Erfahrungen mit dem Regel-Tagebuch berichte, so könnte ich sie in einem Wort zusammenfassen: das Regel-Tagebuch ist für mich zum Lebensatem geworden. Es hilft mir zu leben, ja ist inzwischen untrennbar mit meinem Leben verwoben. Es schenkt mir den Sauerstoff, den ich brauche, um mein geistliches Leben der Christusnachfolge im Geist des hl. Benedikt zu leben. Es gibt meinem Tag Struktur und  Halt. Es verleiht mir Kraft, Ausdauer und Ruhe. Es befruchtet mein Herz und meinen Geist und gibt mir immer neue Nahrung für den Alltag. Es hat mir geholfen, dem hl. Benedikt und seinem monastischen Lebens-Entwurf ganz persönlich nahe zu kommen, ihn tiefer zu verstehen und dieses unser benediktinisches Leben zutiefst lieben zu lernen.

Vor allem aber hat mich das Regel-Tagebuch – darauf möchte ich vertrauen – Gott ein Stück näher gebracht. Es hilft mir, täglich neu zu versuchen, in Seiner Gegenwart zu leben, alles aus Seiner Hand entgegen zu nehmen. Vielleicht, so hoffe ich, hat es mich auch ein kleines Stück wahrhaftiger werden lassen und mir Schritt für Schritt ein Gespür dafür vermittelt, wer ich bin vor Gott und andererseits, wer Gott ist für mich.

Das Regel-Tagebuch hat mich auch mir selbst ein Stück nähergebracht. Es hat eigene, längst vergessene Lebenserfahrungen, manchmal auch Lebenswunden, ans Licht gebracht und sie einem langsamen Prozess der Heilung unterzogen. So hat das Regel-Tagebuch mein Leben verändert. Es hat sicher auch mein Verhältnis zu den anderen, zu meinen Mitschwestern, zu meiner Gemeinschaft, zu meinen Freunden und den mir anvertrauten Menschen geprägt.

Dies alles will nicht heißen, dass der Weg nicht oft auch steinig und mühsam war. Aller Anfang ist und war auch bei mir schwer. Nicht selten überkommt einen das Gefühl des Längst-Bekannten, der Langeweile, des Überdrusses – wir alle kennen das berühmt-berüchtigte Laster der Acedia. Dann gab es auch dunkle und schwere Zeiten, Zeiten der Überforderung – Tage und Wochen  – da kaum ein Eintrag in mein Tagebuch möglich schien. Auch das darf sein, denke ich. Manch leere Seite oder leere Daten zeugen heute noch davon. In solchen Zeiten war und ist es für mich wichtig, trotz aller inneren Widerstände dennoch irgendwie dabei zu bleiben – die Regellesung nicht aufzugeben, auch wenn das Niederschreiben vielleicht schwer fällt. „Die Treue ist der Preis dafür, dass man zum Wesentlichen durchstößt“, hat Ruth Pfau, die bekannte Ordensfrau und Lepraärztin mir einmal gesagt. Das gilt für das geistliche Leben insgesamt, im Besonderen aber, wie ich meine, für die Lectio divina und die Lectio regulae.

Wenn ich heute mein Bücherregal anschaue, dann finde ich darin viele vollgeschriebene Kladden, hinter denen sich mein geistlicher Lebensweg verbirgt – mit all seinen Kreuzungen, mit seinen Umwegen, mit seinen Stolpersteinen, mit seinen Wüsten und manchmal schier unüberwindlich scheinenden Gebirgen, aber auch mit all seinen Oasen und Höhenerfahrungen, mit Freudenzeiten und unverdienten Glücksmomenten. Den meisten Raum, das sollten wir ganz nüchtern sehen, nimmt das Alltägliche ein. Das hat nichts mit Mittelmäßigkeit zu tun, wohl aber vielleicht mit Mitte und Maß. Auch solche „Discretio“ will immer neu errungen werden, gerade in unserer Zeit, die zum Extremen und zum Ultimativen neigt. Bodenhaftung ist unter Umständen schwerer zu gewinnen als Exstase. Der schmalste Grat ist immer der mittlere Weg, der des Alltags. Aber hat nicht der Herr selbst seinen Jüngern verheißen: „Geht voraus nach Galiläa, dort werdet ihr mich sehen“

Eine weitere Erfahrung mit dem Regel-Tagebuch: Manchmal blättere ich auch zurück, nehme eine alte Kladde zur Hand, um zu schauen, was ich mir zu einer Regelstelle vor zwei Jahren, vor fünf Jahren oder gar vor zehn Jahren notiert habe. Eine lineare Entwicklung findet sich da nicht, wohl aber viele verschiedene Aspekte und Sichtweisen – auch manches Zeitbedingte natürlich. Wichtig aber ist mir, dass auch Regelstellen oder – kapitel, die auf den ersten Blick vielleicht eher marginal zu sein scheinen, mit der Zeit an Leuchtkraft gewinnen. Manche Muscheln öffnen sich eben erst mit der Zeit und lassen ihre Perlen nur langsam sichtbar werden. Wichtig sind auch hier Geduld und Treue und die Offenheit, sich immer wieder neu überraschen zu lassen von diesem Regeltext. „Die Geduld“, so hat Gabriel Marcel einmal gesagt, „ist der Sieg über die Zeit und lässt uns schon hier einen Hauch von Ewigkeit erfahren“. Wenn eine solche Erfahrung die Frucht langen Regel-Tagebuch-Schreibens ist, dann hat es sich meines Erachtens gelohnt.

Eine letzte Erfahrung möchte ich nicht vorenthalten. Ich hatte das unverdiente Glück, dass mich über viele Jahre lang mit einer meiner Mitschwestern eine geistliche Freundschaft verband. Diese Freundschaft hat mich vieles gelehrt. Wir haben seinerzeit unabhängig voneinander, also parallel mit unserem Regel-Tagebuch begonnen. Eines Tages dann haben wir angefangen, im Abstand von drei Monaten (jeweils nach Ende eines Lesezyklus‘) unsere Tagebücher zu tauschen und in dem jeweils anderen mit den Aufzeichnungen fortzufahren. So hat sich für uns eine weitere Ebene der Begegnung über den oben schon beschriebenen Trialog zwischen Gott, dem hleiligen Benedikt und mir selbst hinaus ergeben. Hierdurch kamen noch einmal ganz neue Sichtweisen und Erfahrungen ins Spiel. Diese sind für mich eine große Bereicherung. Ein solches „Verfahren“ setzt natürlich Vertrauen voraus. Solche geistliche Freundschaft kann man nicht machen, sie ist Geschenk. Aber ich möchte jede und jeden ermutigen, nach solchen möglichen Freundschaften Ausschau zu halten und vielleicht einen solchen Schritt zu wagen. Am Anfang allerdings sollte der je persönliche Weg mit dem Regel-Tagebuch stehen. Der Weg mit einem anderen gemeinsam kann dann langsam wachsen, wenn Gott es will.

Sr. Philippa Rath OSB