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Predigt von Pfarrerin Beate Jung-Henkel beim Hildegardisfest 2018

Sehr geehrte Brüder und Schwestern im Glauben,
sehr geehrte Frau Äbtissin Dorothea,
sehr geehrter Herr Weihbischof Löhr, sehr geehrter Herr Weihbischof Gebert,
sehr geehrte Schwestern, sehr geehrte Geistlichkeit,
sehr geehrte Pilger und Freunde der Heiligen Hildegard!

Es ist mir eine Ehre, heute hier sprechen zu dürfen.
Eine evangelische Pfarrerin kommt hier in Eibingen an der heiligen Hildegard nicht vorbei,
und das ist auch gut so. In den fast 30 Jahren, die ich hier im Rheingau lebe und arbeite, ist
sie mir lieb und wert geworden.
Zum einen durch die Menschen hier, denen sie etwas bedeutet. Durch die Mitarbeiter und
Mitglieder des Hospizvereins, durch die Schwestern in der Abtei, durch die katholischen
Kollegen und Kolleginnen, durch die Eibinger, denen ich in verschiedenen Bezügen begegne.
Zum anderen durch ihre Präsenz an den verschiedenen Orten, an denen Hospizarbeit und
Klinikseelsorge geschieht.
Diese Wallfahrtskirche hier ist die Kirche, in der die Gottesdienste im hospizlichen
Rahmen stattfinden. Die Hospizarbeit hat hier ihren gottesdienstlichen Ort gefunden.
Im Altar der Kapelle im katholischen Krankenhaus, dem ehemaligen SCIVIASKrankenhaus,
in der auch evangelische Gottesdienste und ökumenische
Gottesdienste stattfinden, befindet sich eine Reliquie der Heiligen Hildegard.
Beide Orte sind Orte gelebter Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen und mir selbst
kirchliche Heimat geworden. Die Ökumene hier ist mit ihrem Namen verbunden.
Was hat Hildegard uns Menschen von heute zu sagen? Welche Impulse kann sie uns heute
noch geben? Darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, ist mein Auftrag heute bei
dieser Reliquienfeier. Und natürlich geht das nicht, ohne auch mir persönlich die Frage zu
stellen: Was hat die Heilige Hildegard einer evangelischen Pfarrerin in der Hospizarbeit und Klinikseelsorge im katholischen Rheingau zu sagen? Ich bin keine Spezialistin, ich erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch – das überlasse ich gerne den Menschen in der Hildegard-Forschung. Ich kann nur in aller Einfachheit sagen, was sie mir bedeutet und was wir Christen uns heute von ihr sagen lassen können.
Nach der Einladung zu dieser Feier bin ich in den vergangenen Wochen mit der Heiligen Hildegard oft innerlich ins Gespräch gegangen. Von Seelsorgerin zu Seelsorgerin, von Theologin zu Theologin, von Ethikerin zu Ethikerin – und natürlich auch von Frau zu Frau, von Kirchenfrau zu Kirchenfrau. Freilich nicht auf Augenhöhe, das wäre ja eine Anmaßung, sondern von Schülerin zu Lehrmeisterin.
Hildegard von Bingen war Seelsorgerin. Sie hat sicher an vielen Sterbebetten gesessen und Menschen im Übergang von dieser in die andere Welt begleitet. Sie hat Trauernde getröstet, Verzweifelte aufgerichtet. Kranke gestärkt und ermutigt. Irdische Bedürfnisse waren ihr dabei nicht fremd. Sie hat selber Krankheit und Angewiesenheit erlebt, sie kannte die körperlichen Schwächen der Menschen, um die sie sich sorgte und die sie begleitete.
In ihrer Seelsorge war sie dem ganzen Menschen zugewandt, wie auch in ihren Visionen. Ihre Seelsorge war zugleich immer auch Leibsorge. Im Liber divinorum operum, dem Buch der Gotteswerke, sagt sie: Der Mensch soll beides haben: Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um die Notdurft des Fleisches. Die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um Leib und Seele.
Wenn ich in einem Satz Sinn und Wesen von Krankenseelsorge und christlicher Hospizarbeit beschreiben sollte, würde ich es mit diesen Worten von Hildegard tun.
Aber nicht nur in der Seelsorge, sondern in jeglicher Sorgebeziehung sollten wir uns dies zu Herzen nehmen und beides im Blick behalten. Die Sorge um die Seele und die Sorge um den Leib gehören zusammen. Anders ausgedrückt: Der Glaube an Gott und an Jesus ist mit dem gelebten Leben in Verbindung zu bringen: In der Erziehung unserer Kinder, in der Sorge um unsere alten und kranken Menschen, in unseren partnerschaftlichen Beziehungen, in der Sorge um unsere Gemeinden. Das ist der Auftrag: Die Sehnsucht nach dem Himmel wachhalten und nähren und gleichzeitig dafür Sorge tragen, was wir für ein gutes Leben brauchen.
Auch als Theologin ist mir die Heilige Hildegard Vorbild. Sie war eine Frau mit Herz, Hand und Verstand. Davon ist ihre Theologie geprägt. Mit ihren für eine Frau damals ungewöhnlichen Kenntnissen in Theologie, Schriftauslegung, Medizin und Naturkunde zeigt sie eine erstaunliche Weite des Geistes und eine Breite des Wissens. Damit und darin ist sie ihrer Zeit weit voraus.
Ihre menschenfreundliche Theologie tut gut. Sie spricht von der Mutterliebe Gottes. Sie erzählt von einem Gott, der den Menschen nahe ist, der barmherzig ist. Von übertriebener Askese hat sie nicht viel gehalten. Einem Kirchenmann hält sie einmal entgegen: „Gott sucht nicht immerzu Himmlisches in dir“. Was für ein gnädiger Gott!
Sie hat Theologie und Schönheit miteinander verbunden. Alle „Schönheit des Himmels“ darf sich in unserem Leben, in unserem Glaubensleben, in der Praxis des Glaubens widerspiegeln. Ein Gottesdienst, eine Messe, eine Reliquienfeier darf schön sein. „Man kann Gott nicht lieben, wenn man kein Gespür für die Schönheit hat.“ So hat es die ev. Theologin Dorothee Sölle einmal ausgedrückt. Hildegard könnte es genauso gesagt haben.
Als Predigerin auf den Marktplätzen hat sie sich Gehör verschafft, die Posaune Gottes, wie sie auch genannt wurde. Mit ihrer reichen Bildersprache hat sie sicher vielen Menschen das Glauben-Können erleichtert.
Und ja, Hildegard ist auch Vorkämpferin für die Frauen in der Kirche. Mit Verlaub – wir Frauen in der Kirche dürfen uns schon auch fragen, was sie sie wohl zu dem Wort des Paulus gedacht hat: Die Frau schweige in der Gemeinde? Ob sie ihm das hätte durchgehen lassen? Wahrscheinlich hätte sie auch ihm die Leviten gelesen. Wie sollte sie denn schweigen, wenn Gott durch sie redete? „Schreibe nieder, was du siehst und hörst…“ so hat Gott sie beauftragt.
Sie ist für mich auch eine moralische Instanz, die uns mahnt, Verantwortung zu übernehmen für die Schöpfung, für unsere Erde, Ehrfurcht zu haben für alles Lebendige. Angesichts der Bedrohungen, die wir heute erleben, sind ihre Mahnungen dringlicher und aktueller denn je. Und all dies kann sie sagen und mahnen, nicht aus sich selbst, sondern in Rückbindung zu dem, was sie geschaut hat.
Sie imponiert mir wegen ihres Mutes, mit dem sie sich in die Politik und Kirchenpolitik eingemischt hat. Sie hat es mit den Kirchenleuten ihrer Zeit aufgenommen, ihnen ins Gewissen geredet. Klartext geredet. Sie hat sich nicht gefürchtet, sie hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hat so manches heilige Donnerwetter losgelassen. Dabei hat sie nicht Halt gemacht vor weltlichen und geistlichen Autoritäten, sie war sich sicher, die Sache Christi zu vertreten. Feigheit war für sie ein Laster. Das musste sie tun, denn sie hat ihre Kirche geliebt und sie hat an ihr gelitten.
Geht es nicht vielen von uns genauso heute? Von mir kann ich es jedenfalls sagen: Ich liebe meine Kirche und hin und wieder leide ich an ihr. Weil sie aus Menschen besteht. Es ist wohl so, dass beides zusammengehört: Leiden an ihr kann man nur, wenn man sie auch liebt.
Wir alle wollen eine Kirche, die wir lieben können. Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Die Kirche aus Enttäuschung nicht sich selbst überlassen, sondern für sie kämpfen. Das Leiden an dem, was geschieht, was durch die Menschen geschieht, die Kirche ausmachen, nicht aufstauen, sondern Auseinandersetzung und Veränderung wagen, um die Kirche zu verändern. Kämpferisch, mutig und barmherzig – und weise. So wie die Weisheit ist: kraftvoll und sanft – wie wir es heute Vormittag in der Predigt gehört haben.
Hildegard hat gezeigt, wie es gehen kann: Das Bild des Weges ist für sie auch hier Programm. Die Kirche ist immer auf dem Weg. Die Welt ist auf dem Weg. Wir Menschen sind auf dem Weg. Auf dem Weg zu Gott. Wir sind hier nicht zuhause. Wir haben hier keine bleibende Stadt. (Hebr. 13, ). Als Wegzehrung haben wir die Hoffnung, einen Überschuss an Hoffnung, und die Erinnerung an unsere Wurzeln, an unsere Geschichte mit Gott von Anbeginn.
Das macht die Heilige Hildegard immer wieder deutlich. Darin steht sie schon in einer langen Tradition. Unsere jüdisch-christliche Kultur ist eine Erinnerungskultur. Durch Erinnern und erzählendes Vergegenwärtigen bleiben unsere Wurzeln erhalten.
Für Hildegard ist die Erinnerung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Gott. Sie versteht Erinnerung als Recordatio, von re-cordare, dem Herzen etwas zurückgeben. Erinnerung heißt: Dem Herzen etwas zurückgeben. Das ist ein wunderschönes Bild.
Auch mit der Erinnerung an Leben und Werk der Heiligen Hildegard wird unserem Herzen etwas zurückgegeben.
Es ist gut, dass die Erinnerung an die Heilige Hildegard hier in Eibingen wachgehalten wird. Dass uns immer wieder, Jahr für Jahr, erzählt wird: Unsere Wurzeln reichen tief. Wir leben alle aus einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben. Wir stehen auf den Schultern von Menschen, die vor uns gehofft, geliebt, gelitten und gekämpft haben.
Jedes Jahr am 17. September werden wir hier in Eibingen durch die gleichen heilsamen Rituale und Abläufe an die Heilige Hildegard erinnert. Diese Tradition ist ein großer Schatz. Sie gibt dem Herzen wieder etwas zurück. Das brauchen wir, denn die Hoffnung kommt nicht aus dem Hirn, sondern aus dem Herzen.
Dass ich als evangelische Pfarrerin heute daran teilhaben kann, freut mich sehr. Es ist ein schönes Zeichen der Ökumene hier in Rüdesheim und Eibingen, die ich als wohltuend in meiner Arbeit in der Hospiz- und Klinikseelsorge erlebe. Das respektvolle Miteinander, das Nebeneinander der verschiedenen Traditionen und Glaubensweisen, das Voneinander- Lernen-Dürfen erlebe ich als sehr bereichernd. Es macht mich dankbar. Verschweigen möchte ich nicht, dass es auch Situationen gibt, in denen ich an der Trennung leide – wie viele katholische und evangelische Christen mit mir. Es wird noch Zeit brauchen. Aber was ist diese Zeit schon angesichts der Ewigkeit.
Eines dürfte uns indes allen klar sein: Die Energie für eine Abgrenzung voneinander können wir uns heute nicht mehr leisten. Es ist eine Zeit angebrochen, in der wir unsere Kräfte bündeln sollten. Aber verschmelzen müssen wir auch nicht. Es wäre schade um die Vielfalt, und so ist auch Ökumene nicht zu verstehen. Vielmehr ist dies die Hauptsache: Miteinander, mit den je eigenen Traditionen, Gaben und Schätzen daran zu arbeiten, dass die Welt an Jesus Christus glauben kann.

Amen

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Hildegardisfest 2018

PROGRAMM

Sonntag, 16. September

21.00 Uhr: Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Str. 3

Nacht der Lichter: Meditation mit Texten der heiligen Hildegard und Liedern von und mit Pf. Eugen Eckert, begleitet von Prof. Dr. Thomas Kolb

 

Montag, 17. September

07.30 Uhr: Lateinisches Choralhochamt in der Abtei St. Hildegard

10.00 Uhr: Pontifikalamt vor der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Straße 3

Hauptzelebrant: Weihbischof Franz Josef Gebert, Trier, anschließend Beichtgelegenheit

12.00 Uhr: Mittagstisch, Kaffee und Kuchen an der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard, Eibingen, Marienthaler Straße 3, und im Klostercafé der Abtei St. Hildegard

15.00 Uhr: Reliquienfeier

Festansprache: Pfarrerin Beate Jung-Henkel, Rüdesheim

Kinderkatechese

Prozession mit dem Reliquienschrein (Der Reliquienschrein ist nach dem Pontifikalamt und nach der Reliquienfeier zur Verherung geöffnet)

18.00 Uhr: Hildegardis-Vesper in der Abtei St. Hildegard

 

 

 

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Die aktuelle Ausstellung im Kunstkeller

Unter dem Titel “Kreuzwege – Lebenswege” zeigt die Künstlerin Beatrice Dumon Bilder zu religiösen Themen und abstrakte Kompositionen.

Die Ausstellung ist vom 3. März bis 10. Juni 2018 zu sehen; der Kunstkeller ist Mi – So jeweils von 15 – 17 Uhr geöffnet.

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HR-Film über unsere Gemeinschaft

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Die Weihnachtsverkündigung

 Weihnachten – das Fest des Dankes für das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist, – das Fest der Sehnsucht nach Frieden – das Fest des Vertrauens in Gott, der seine Verheißungen erfüllt.

Wir wünschen Ihnen ein gnadenreiches und gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Die Verkündigung der Geburt Jesu am 24. Dezember nach dem “Martyrologium Romanum”

Milliarden Jahre waren vergangen, seit Gott im Anfang Himmel und Erde geschaffen;
Millionen Jahre, seit er den Menschen gebildet;
Jahrtausende seit der großen Flut.
Zweitausend Jahre waren vergangen seit der Berufung Abrahams;
1500 Jahre, seit Mose das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt;
1000 Jahre seit der Salbung Davids zum König. In der 65. Jahrwoche nach der Weissagung Daniels;
in der 194. Olympiade;
752 Jahre nach Gründung der Stadt Rom:
im 42. Regierungsjahr des Kaisers Octavianus Augustus,
als auf dem ganzen Erdkreis Friede war;
im sechsten Zeitalter der Welt;
vor zweitausend Jahren:
Da wollte Jesus Christus, ewiger Gott und Sohn des ewigen Vaters,
Gott von Gott und Licht vom Licht,
die Welt heiligen durch seine liebevolle Ankunft. Durch den Heiligen Geist empfangen
und nach neun Monaten von Maria der Jungfrau
zu Bethlehem in Juda geboren, wird er Mensch.
Er, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Heute feiern wir den Tag seiner Geburt, das hochheilige Weihnachtsfest.
Heute singen wir mit allen, die glauben:
“Christus ist uns geboren: Kommt, wir beten ihn an.”

 

Weihnachtssegen

Der barmherzige Gott, der in dem Kind in der Krippe Mensch geworden ist, segne dich.
Er wende dir das liebevolle Antlitz des göttlichen Kindes zu und helfe dir, seine Liebe weiter zu tragen.
Er erfülle dein Herz mit Freude darüber, dass Gott auch in dir Mensch werden und die Welt verändern will.
Er schenke dir und allen Menschen dieser Erde den Frieden, den die Engel an Weihnachten verkündeten.
Er geleite und behüte dich auf deinem persönlichen Weg zum göttlichen Kind in der Krippe.
Er führe dich durch alle Höhen und Tiefen deines Lebens und sei dir nahe allezeit.
So segne dich Gott, der Vater, der treu ist und barmherzig,
so segne dich Christus, der menschgewordene Sohn des ewigen Vaters,
so segne dich der Heilige Geist, der die Liebe ist und der Leben schafft heute und in Ewigkeit.
Amen.

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Advent: Zeit der Erwartung

Jemand muß zuhause sein, Herr,
wenn du kommst.
Jemand muß dich erwarten
unten am Fluß
vor der Stadt.

Jemand muß dich erwarten
oberhalb Rüdesheims und Eibingens
zwischen den Weinbergen, so könnten wir es umdichten.

Zuhause sein

Die Abtei ist unser Zuhause. Wir sind dort zuhause, weil jede von uns sich von Gott hierhin gerufen weiß, in Gemeinschaft zu beten und zu arbeiten. Aber die Abtei soll nicht nur für uns Schwestern ein Zuhause sein. Deshalb ist es ein Glück für uns, wenn ich Gäste an der Pforte erlebe, die öfter zu einem Gastaufenthalt kommen und sagen: “Jetzt bin ich wieder zu Hause.” Oder bei der Verabschiedung: “Ich fühlte mich hier wirklich zuhause.” Es ist schön ein Zuhause zu haben- wie viele Menschen haben es nicht!- und es ist schön zu hören, daß sich Menschen bei uns angenommen fühlen. Weiterlesen

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Die großen O-Antiphonen in Wort, Ton und Bild

Die Tage vom 17.–23. Dezember sind durch die sieben O-Antiphonen in der Vesper besonders herausgehoben. In ihnen wird Jesus Christus unter Bildworten und Titeln angerufen, die im Alten Testament dem erwarteten Messias zugesprochen werden. Die O-Antiphonen haben alle denselben Aufbau. Sie beginnen mit dem „O“, dem bewundernden Ausruf des Staunens über Gottes Heilstaten, die sich in besonderer Weise in Christus, unserem Erlöser, offenbart haben. Dann schließt sich ein messianischer Hoheitstitel aus dem Alten Testament an, der jeweils auf Jesus Christus hin gedeutet wird. Auf diese Hoheitstitel folgt eine Aussage über das, was der Herr tut oder wie er seine Herrschaft ausübt. In dem eindringlichen Ruf »Veni« – Komm! – drückt sich die Heilssehnsucht des Gottesvolkes bis heute aus. Es sind wunderbare Bilder, zum Teil Erinnerungen an das Wirken Gottes an seinem Volk Israel. Text und Melodie sind zu einer Einheit verschmolzen. Wer sich von dieser innigen Einheit erfassen lässt, wird etwas erfahren von der Sehnsucht, mit der diese Tage zum Weihnachtsfest hindrängen. Es geht um das Hören, Singen und Beten dessen, was Ziel unserer Sehnsucht ist.

Alle sieben Hoheitstitel umkreisen das Mysterium Gottes: O Weisheit, O Adonai, O Wurzel Jesse, O Schlüssel Davids, O Morgenstern, O König der Könige, O Emmanuel! Gott kann man keinen gültigen Namen geben, sondern Gott ist der Name über alle Namen (Phil 2,9). Wir können ihn nicht benennen, uns seiner nicht bemächtigen, son-dern ihn nur mit vielen Bildern umschreiben. Gott lässt sich nicht erkennen, sondern nur erahnen. Er ist das „mysterium tremendum“, das „mysterium fascinosum“ unseres Le-bens. Nur manchmal dürfen wir etwas von ihm erahnen. Gott ist nicht Statik, sondern unerhörte Dynamik. Er kommt in vielen Erscheinungsformen auf uns zu. Er ist immer der ganz andere. Wir können uns nur stammelnd und bewundernd diesem Mysterium nähern. Nur in dieser Haltung beginnen wir zu ahnen, was es heißen mag: Gott wird Mensch – et incarnatus est. Dieser Gott will mich, dieser Gott liebt mich – welch unbegreifliche Wahrheit.



osapientia117. Dezember: O Sapientia , o Weisheit, hervorgegangen aus dem Mund des Höchsten – die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: Komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.
Die Weisheit wird im Neuen Testament auf Christus übertragen. „Gott hat Christus für uns zur Weisheit gemacht, damit wir in ihm ihre Schätze finden“ (Kol 2,3). Von diesem Christus wird gesagt, er herrsche in Kraft und Milde. Ist das für uns nicht vielfach ein Gegensatz? Da ist einer, der sich durchsetzen kann, und da ist der andere in Milde. Bei Christus fällt beides zusammen. Er herrscht mit zarter Kraft und starker Milde. So ordnet er alles. Alles bekommt bei ihm Maß und Mitte. Maß heißt nicht Mittelmaß, sondern in der Mitte des Wesens ruhen. – „Komm!“, in diese Bitte mündet die Antiphon ein. Komm und offenbare Dich! Eine ganz große Bitte. Wo Gott sich offenbart, erkennen wir, wird uns Einsicht, Wissen des Herzens geschenkt.

O Sapientia (MP3-Datei anhören)



oadonai118.12.: O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel – im flammenden Dornbusch bist du Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: komm und befreie uns mit deinem starken Arm.
Adonai – der Gottesname war dem Volk Israel heilig: Gott war der Unaussprechliche. Gott, der ganz andere, zu dem vom Menschen her kein Zugang möglich ist, er hat sich uns offenbart als Herr des gesamten Kosmos, als Herr der Geschichte. Er führt uns durch alle Höhen und Tiefen, durch alle Schmerzen und Verlassenheiten. Advent, Weihnach-ten, das bedeutet, dieser Gott, der die Herrschaft über Zeit und Geschichte hat, wird Mensch. O Adonai, Herr, mein Herr! Wo Gott erscheint, da brennt der Dornbusch, da ist Feuer und Brand. “Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen; und was will ich anders, als dass es brenne.” Wo Gott kommt, da kann sich ein Leben mit einem Schlag verändern, da setzt er neue Maßstäbe. Er bietet uns seinen Bund an, sagt Ja zu uns. Und so dürfen wir auch Ja sagen zu ihm. Er ist uns treu, und nie ist es für uns zu spät, in die Bundestreue zurückzukehren. Wenn wir es nicht können, so ist es doch er, der uns mit starkem Arm in die Freiheit der ersten Liebe zurückführt.

O Adonai (MP3-Datei anhören)

 



oradixjesse119.12.: O Radix Jesse, o Spross aus der Wurzel Jesse, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht Länger.
Christus, der Wurzelstock – die Wurzel ist Symbol des Urgrunds, aus dem alles Sein und Wachsen hervorkommt. Das heißt glauben: verwurzelt sein in Ihm; hier findet der Mensch seine Identität. In Christus, dem Wurzelstock aus dem Urgrund Gottes. Wurzeln schlagen, das ist ein Lebensprogramm. Christus ist uns gesetzt zum Zeichen, er ist das Signal, das uns aufrütteln will aus unserer Schläfrigkeit. Advent fordert Entscheidung, ob wir uns dem Signal stellen wollen. Nicht aus eigener Kraft können wir uns entscheiden; wir müssen Gott bitten, dass er es in uns wirkt. Wir dürfen ihn geradezu „unverschämt“ bedrängen, in viermaligem Ruf: „Komm, errette uns, erhebe dich, säume nicht länger.“ Die Sehnsucht nach ihm kennt keine Grenze. Gott will gebeten werden, Gott will mit unbändigem Glauben, mit einer unbändigen Hoffnung bedrängt werden. Mit solch unbändigem Vertrauen geben wir ihm die Ehre.

O Radix Jesse (MP3-Datei anhören)

 

 



Bildschirmfoto 2012-12-19 um 15.45.3420.12.: O Clavis David, o Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel – du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fesseln des Todes!
Schlüssel, ein Zeichen der Verfügungsgewalt. Wer den Schlüssel besitzt, kann Eintritt gewähren oder verwehren. Wer den Schlüssel besitzt, der trägt die Verantwortung. Wem das Zepter verliehen wurde, dem ist alle Macht gegeben. „Komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fesseln des Todes.“ – Dies ist die erschütterndste Adventsbitte. Es geht um die Existenzfrage unseres Lebens. Jeder kann sich in dieser Bitte wiederfinden. Auch wir sind im Kerker der Finsternis, in der Nacht unserer Seele. Für jeden Menschen gibt es Zeiten, in denen er durch das Dunkel wie durch einen Tunnel gehen muss. Wir kennen die Fragen, die kein Mensch uns beantworten kann, die Zweifel, die an unserem Herzen nagen, die innere Zerrissenheit, die Einsamkeit und die quälende Suche nach dem Willen Gottes für uns. Aus solcher Not erwächst der Schrei: Öffne, mein Gott, den Kerker meines Herzens und reiß mich aus der Finsternis! Du, Herr, kannst es, du kannst meine Verschlossenheit aufbrechen, meine Stummheit lösen, du kannst mir die Angst nehmen und meine Finsternis erhellen.

OclavisDavidnurAnt (MP3-Datei anhören)



Bildschirmfoto 2012-12-19 um 15.53.5821.12: O Oriens, o Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes, der Gerechtigkeit strahlende Sonne: Komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.
„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finster-nis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1). Drei Bilder umschreiben das aufstrahlende Licht. Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes, Sonne der Gerechtigkeit. Der Mor-genstern ist Symbol der Hoffnung: klar und funkelnd geht er auf, durchbricht das Dunkel der Nacht und kündet die aufgehende Sonne an, Weihnachten, den Morgen Christi. Von ihm geht Glanz aus, strahlendes Licht, Helligkeit, ganz rein, ohne jede Versehrtheit. Der Morgenstern wächst an zur strahlenden Sonne, immer heller leuchtet der Tag: Leben, Licht, Wärme, Freude, das ist Christus für die Welt des Glaubens. Er ist das Licht, das neue Verhältnisse schafft. Er allein kann uns retten aus den Schatten des Todes, aus Er-fahrungen der Grenze, des Scheiterns, des Älterwerdens, der Todesahnung, der Sorgen und Nöte. In diesen Erfahrungen der Dunkelheit fordert uns die Adventsbotschaft he-raus: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt!“ (Jes 60,1)

OOriensnurAnt (MP3-Datei anhören)



Bildschirmfoto 2012-12-19 um 15.53.3922.12.: O Rex Gentium, o König aller Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht; Schlussstein, der die Gegensätze eint: Komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet hast!
Wir tun uns heute schwer mit der Vorstellung des Königtums Christi. Zu schnell verbin-den wir sie in einem Jahrhundert der Diktatoren mit Gewaltherrschaft, Macht und Ohnmacht. Für Israel verknüpft sich mit dem Bild des Königs anderes: Der König ist der Diener des Bundesgottes, der mit der Wahrung der Gottesordnung Beauftragte. Nicht Feldherrentalent oder staatsmännische Begabung, auch nicht innerpolitische Machtbe-fugnisse schaffen den König, sondern sein persönlicher Ausweis als der mit göttlicher Kraft Erfüllte. Christus ist der König, das heißt: er ist der von Gott eingesetzte Lenker der Völker, der Friedensfürst. Auf ihn setzen die Menschen ihre Hoffnung, auf ihn richtet sich ihre Sehnsucht durch die Jahrtausende. Er ist der Schlussstein, der den ganzen Bau zusammenhält. Aber er ist auch der Stein des Anstoßes. Die Begegnung mit Christus stellt in die Entscheidung. Es geht um nichts Geringeres als um Gewinn oder Verlust des Lebens. Darum schließt sich die flehentliche Bitte an: Komm, rette deine Geschöpfe, errette, was du selbst gemacht hast. Das heißt doch auch: Gott weiß sich für uns verantwortlich. Wir dürfen uns darauf berufen, seine Geschöpfe zu sein – in aller Hinfälligkeit. Er kann uns wieder heil machen. Heil sein bedeutet: Gott ganz zugewandt sein und zur gleichen Zeit in sich ruhend. Ganz Auge und Ohr auf Gott hin sein und zu-gleich in sich gesammelt. Unsere Identität besteht im Anschauen Gottes, dazu sind wir geschaffen, darin finden wir Erfüllung. Das ist Advent. Maranatha – komm! Amen, ja komm, Herr Jesus!

ORexGentiumnurAnt (MP3-Datei anhören)



Bildschirmfoto 2012-12-19 um 15.54.1323.12.: O Emmanuel, Gott mit uns, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: Komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott!
Die letzte O-Antiphon fasst noch einmal zusammen, was in den vergangenen Tagen besungen wurde. Alles hat sich gesteigert und drängt hin auf den morgigen Tag: Heute sollt ihr wissen, dass der Herr kommt, und morgen sollt ihr seine Herrlichkeit schauen. O Emmanuel – Du, der du mit uns bist, der du mit uns warst, der du kommst. Das ist ein Glaubensbekenntnis, nicht eine neutrale Aussage über Gott. Emmanuel, das ist ein Na-me ganz großen Vertrauens. Dieser Gott ist unsere einzige Hoffnung in allen Hoffnungs-losigkeiten unserer Tage. Er ist der Heiland, der uns Heilung bringt. Ihn dürfen wir an-rufen: Komm, schaffe uns Hilfe! Schaffe uns neu, schaffe die Welt neu. Schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der kein Leid mehr sein wird, kein Schmerz und keine Tränen.

OEmmanulenurAnt (MP3-Datei anhören)

 

 



Von Sr. Christiane Rath OSB

 

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Maria: Mutter des Kommenden

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mit ewig im Gemüte steht.

Novalis

„Ich sehe dich in tausend Bildern, … doch keins von allen kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt“. So ähnlich ergeht es mir – und so ähnlich wird es vielleicht auch Ihnen ergehen. Weiterlesen

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Johannes der Täufer: Urgestalt des Advent

In der orthodoxen Kirche sind Johannes der Täufer und Maria die beiden größten Heiligen. Zwei Menschen der Stärke und der Demut zugleich, von Gott erwählt, Unerhörtes zu vollbringen: Gott zu gebären und IHN zu taufen. Beide hat Gott ganz und gar in seinen Dienst genommen, beiden auch hat er das Härteste abgefordert. Und: beiden war nichts anderes aufgetragen, als allmählich und immer mehr in den Hintergrund zu treten – abzunehmen, damit er wachsen könne. Das Wegbereiten des Täufers bleibt ein Mysterium – ebenso wie die Mutterschaft Mariens.

Ich möchte hier einerseits die Gestalt Johannes des Täufers selbst in seinen wichtigsten Äußerungen befragen, andererseits sollen die Evangelisten in ihrem Zeugnis über ihn zu Wort kommen. Hören wir auf das, was sie uns zu sagen haben – und fragen wir uns, wie wir mit unserem eigenen Leben Antwort geben können auf ihren Ruf. Weiterlesen