Wir machen mit bei der Initiative „RheingauLiebe“

Eine ebenso geniale wie einfache Methode, um kleinen und mittleren Unternehmen im Rheingau – auch uns – in dieser Krisenzeit zu helfen, wurde in der letzten Woche von der Initiative „RheingauLiebe“ entwickelt: Auf der Seite www.rheingauliebe.org finden Sie Unternehmen – auch unseren Klosterladen und unser Klostercafé – und deren jeweilige Bankverbindungen. Wenn Sie auf das angegebene Konto einen Betrag überweisen, bekommen Sie für diesen Wert einen Gutschein zugeschickt, den Sie einlösen können, wenn die Krise vorbei und die Geschäfte wieder geöffnet haben. Bitte machen Sie davon Gebrauch. Wir freuen uns schon jetzt, Sie „danach“ wieder zu sehen. Und: Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude

Klosterladen, Klostercafé und Gästehaus bis auf Weiteres geschlossen

Liebe Freunde unserer Abtei!

Außergewöhliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Auch unsere Klöster und alle, die uns besuchen oder länger bei uns zu Gast sein möchten, hat die Corona-Krise eingeholt.

Ab sofort bleiben der Klosterladen, das integrative Klostercafé und das Gästehaus bis auf Weiteres geschlossen. Das ist ein harter Schritt: für Sie, die Sie gerne zu uns kommen, um einzukaufen, um Kaffee zu trinken oder zu Mittag zu essen, um an einem Kurs teilzunehmen oder um stille Tage im Kloster zu verbringen oder einfach um ein Gespräch mit einer unserer Mitschwestern zu führen. Aber auch für uns ist es schwer: wir schätzen die tägliche Begegnung mit Ihnen allen, wir bieten vielen Mitarbeitenden, darunter vielen Menschen mit Beeinträchtigung, einen sicheren Arbeitsplatz und sind deshalb wirtschaftlich dringend auf die Einnahmen unserer Betriebe angewiesen. Die Schließung wird uns hart treffen.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Unser Online-Shop bleibt für Sie offen. Sie können alles, was wir in unserem Klosterladen anbieten, auch online bestellen: Bücher, Kerzen (mit und ohne Beschriftung), Keramik, Geschenkartikel und Devotionalien, sämtliche Dinkelprodukte, Gewürze, Marmelade und natürlich auch alle Weine, Sekt und Likör. Wir bemühen uns mit allen Kräften, Ihnen das Gewünschte zeitnah zuzuzsenden.

Bestellungen können Sie telefonisch aufgeben unter 06722 /499-116 oder per Mail versand@abtei-st-hildegard.de

Das Klosterweingut ist erreichbar unter 06722 /499-130 oder per Email weingut@abtei-st-hildegard.de

Gemeinsam werden wir diese schwierige Zeit durchstehen. Im Gebet sind wir Ihnen in diesen Wochen ganz besonders verbunden.

Ihre Schwestern von St. Hildegard

 

 

 

 

 

 

 

Brief des Abtprimas der Benediktinischen Konföderation an die Klöster in aller Welt

+  Liebe Schwestern und Brüder in den benediktinischen Klöstern in aller Welt,

zur Fastenzeit wünsche ich Ihnen den Frieden und grüße Sie herzlich aus Sant’Anselmo in Rom. Ich danke aufrichtig all denen, die bereits geschrieben haben, dass Sie uns in ihr Gebet mit einschließen: die Mönche in Sant’Anselmo, alle Mönche der Benediktinischen Konföderation und die Schwestern und Nonnen der Communio Internationalis Benedictinarum (CIB). Wir erleben gerade gemeinsam eine Zeit beispielloser Veränderungen in vielen Bereichen unseres Lebens. Wir alle haben gesehen, wie vieles von einem Moment zum anderen zum Stillstand gekommen ist: lang geplante Veranstaltungen; unser guter Wille, anderen zu dienen; die Vorbereitungen für unsere Feiern in der Gemeinschaft. All unsere Bemühungen, gesund zu essen und zu leben, scheinen plötzlich nutzlos zu sein, wenn das Virus in unsere Gemeinschaft eindringt. Mit dem Zusammenbruch des Reise- und Geschäftsverkehrs sind viele unserer Einnahmequellen durch unsere Gästehäuser, unsere Kurse und unsere Kleinbetriebe und Werkstätten eingebrochen oder sogar ganz verschwunden. Während all dies enttäuschend, entmutigend, beunruhigend und beängstigend sein kann, erinnert uns unser Glaube doch daran, dass alle Menschen, alle Dinge und alle Ereignisse in den Händen Gottes liegen, der uns liebt, sich um uns kümmert und für uns sorgt. Wir können an den im Advent so oft gebrauchten Namen Gottes denken: Immanuel, Gott mit uns – es ist ein göttlicher Name, der jeden Tag unseres Lebens wahr ist; Gott ist in der Tat mit uns. Wir dürfen das nicht einfach nur sagen, wir müssen es glauben und es auf eine Weise in die Tat umsetzen, die uns selbst und denjenigen, mit denen wir zusammenleben und denen wir dienen, Leben schenkt. Das ist unsere Ermutigung und unsere Stärke, während wir im Glauben unseren Weg gehen.
Am vergangenen Dienstagabend vor der Vesper hatten wir eine Zusammenkunft für alle Hausbewohner hier in Sant’Anselmo. Der Prior informierte die Gemeinschaft über die aktuelle Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf der Basis von Dokumenten sowohl der Regierung als auch der Kirche. Danach war Zeit für Fragen und Gespräch. Wir haben das Glück, dass einer unserer Mönche Arzt ist, der also die Situation gut versteht und auf Bedenken und Fragen antworten kann. Es ist Dom Alfio Catalano aus der Abtei Praglia in der Nähe von Padua. Ich schloss das Treffen mit einem geistlichen Impuls ab. An diesem Abend wollten wir bei der Vesper Psalm 125 beten. In diesem Psalm gibt es einen schönen Vers, der uns eine alte Wahrheit vermittelt, die auch heute noch für uns relevant ist. Der Text lautet in Vers 2: “Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk / von nun an bis in Ewigkeit.” Das ist ein starkes Bild, über das wir nachdenken sollten. Tatsächlich sagt uns der Psalmist, dass wir in der Umarmung von Gottes liebevoller Fürsorge leben, die unser ganzes Sein umfängt. Gottes lebensspendender Schutz und seine Fürsorge umgeben uns, auch wenn wir sie nicht spüren. Aber wie die Berge, die fest an ihrem Platz stehen und Jerusalem umgeben, so bleiben Gottes zuverlässige und starke Arme ein Bild für die göttliche Kraft, die den Lauf der Weltereignisse lenkt, und dies gilt auch die Ereignisse, die wir jetzt alle erleben.

In diesen Tagen wurde mir die Frage gestellt, ob das Coronavirus eine Strafe Gottes für unsere heutige Welt sei. – Nein, das ist er sicher nicht. Wenn solche Katastrophen passieren, ist es ganz natürlich zu fragen: „Warum ist das passiert, woher kommt das, wer ist schuld daran?“ Dieselbe Frage findet sich im Lukas-Evangelium, als man Jesus nach den 18 Menschen fragte, die beim Einsturz des Turmes von Schiloach erschlagen wurden. Jesus antwortete: „Meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch.” (Lk. 13,4-5a). Die Antwort Jesu an das Volk zeigte, dass ihre Interpretation falsch war. Es ist doch so, dass wir vieles einfach nicht wissen oder erklären können, und unsere menschliche Existenz ist angefüllt mit vielen unbeantworteten Fragen. Ein weiteres Beispiel findet sich im JohannesEvangelium, als die Jünger Jesus fragten: “Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: “Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.” (Joh 9, 2-3a) Jesus sagt den Jüngern, dass sie auf sich selbst schauen und in dem Licht wandeln sollen, das Jesus ihnen zeigt, d.h. dass sie ihm treu folgen sollen.

Gott führt und sorgt für uns weiterhin durch die engagierten Männer und Frauen in unseren Regierungen auf der ganzen Welt. Sie haben den Bedrohungen ins Auge geschaut, vor denen wir stehen und die wir durch die Ereignisse kennen, die sich von China über Italien und darüber hinaus ausgebreitet haben und weiter ausbreiten. Gott spricht zu uns durch sie und auch durch die Verantwortlichen in unserer Kirche, die uns aufgefordert haben, die Einschränkungen und Richtlinien zu befolgen, die die Ärzteschaft unseren Regierungen gegeben hat. Es sind Gesetze, die eingeführt wurden, um die Ausbreitung dieses krankmachenden Virus zu stoppen, Leben zu erhalten und diejenigen zu schützen, die am verwundbarsten sind – und im Grunde uns alle. Dieses Virus schaut nicht nach dem Alter, sondern bedroht uns alle. Die Einschränkungen setzen uns Grenzen in dem, was wir tun können, wohin wir gehen dürfen und wie wir miteinander umgehen sollen – alles zu unserem Nutzen. Diese Männer und Frauen sind ein Sprachrohr der Stimme Gottes, und in der menschlichen Kommunikation erkennen wir die göttliche Gegenwart. Wir dürfen glauben, dass unser Gehorsam und unsere Kooperation ein Beitrag zur Erlösung ist, wenn sowohl Leben gerettet werden als auch die Ausbreitung dieses Virus aufgehalten wird.

In einer italienischen Zeitung erschien dieser Tage ein Artikel über einen Arztes aus Norditalien, der Patienten behandelte, die am Coronavirus schwer erkrankt waren. Die Botschaft des Arztes kommt am besten zum Ausdruck, wenn ich seine Worte so weitergebe, wie sie der Journalist aufgeschrieben hat. In Italien darf niemand ein Krankenhaus zu betreten, um jemanden zu besuchen – kein Priester, keine Ordensschwester, kein Familienmitglied. Es ist also eine Geschichte über einen Priester, der ins Krankenhaus kam, weil er selbst an den Symptomen des Coronavirus erkrankt war. “Vor neun Tagen kam ein 75-jähriger Priester zu uns und bat um medizinische Hilfe. Er war ein freundlicher Mann, er hatte schwere Atemprobleme, aber er hatte eine Bibel bei sich, und es beeindruckte uns, dass er den Menschen, die im Sterben lagen, aus der Bibel vorlas und ihnen die Hand hielt. Wir Ärzte waren alle müde und entmutigt, psychisch und physisch erschöpft, und wir hörten ihm in dieser Verfassung auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem wir zugeben müssen: Als Menschen sind wir an unsere Grenzen gestoßen, wir können nichts mehr tun, und jeden Tag sterben mehr Menschen. Und wir sind erschöpft. Zwei unserer Kollegen sind gestorben, andere sind infiziert. Wir haben erkannt, dass wir die Grenzen dessen, was der Mensch tun kann, erreicht haben. Wir brauchen Gott, und wir haben begonnen, ihn um Hilfe zu bitten. Wir sprechen miteinander und können kaum glauben, dass wir, die wir überzeugte Atheisten waren, jetzt nach innerem Frieden suchen, indem wir den Herrn bitten, uns Kraft zu geben, damit wir uns um die Kranken kümmern können. Gestern starb der 75-jährige Priester. Trotz der Tatsache, dass in den letzten drei Wochen über 120 Menschen auf unserer Station gestorben sind und wir alle erschöpft sind und uns am Boden fühlen, ist es ihm gelungen, uns trotz seines eigenen Zustands und unserer eigenen Schwierigkeiten einen FRIEDEN zu bringen, den wir nicht mehr zu finden hofften. Der Priester ging heim zum Herrn, und bald werden wir ihm folgen, wenn es so weitergeht. Ich bin seit sechs Tagen nicht mehr zu Hause gewesen; ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe; ich erkenne meine eigene Schwäche und mein Unvermögen auf dieser Erde, und ich möchte meinen letzten Atemzug der Hilfe für andere widmen.”1

Meine lieben Brüder und Schwestern, das Coronavirus stellt uns ein großes Geheimnis vor, ein Paradox, über das wir nachdenken müssen: im Leiden und im Tod gibt es Heilung und neues Leben. Der Gott, der unser Leben umgibt, ist in der Lage, Trauer, Leid und sogar Tod hinwegzunehmen und Seele und Leib zu heilen und zu einem neuen Leben zu bringen. Wir verstehen, dass aus den Worten dieses Arztes das Ostergeheimnis spricht; sein aufopferungsvoller Dienst hat Bedeutung in Gottes sich entfaltendem Plan für unser Heil und unsere Erneuerung. Die Verwandlung des menschlichen Herzens ist das Werk Gottes, und oft benutzt Gott uns als Werkzeuge der göttlichen Gnade, um das Leben der Menschen neu werden zu lassen. Deshalb können wir sicher sein, dass Gott inmitten aller Ereignisse der menschlichen Geschichte steht. Das heißt nicht, dass er sie herbeigeführt hat, sondern dass er der Herr der menschlichen Geschichte ist und wir nie weit von der erlösenden Hand Gottes entfernt sind.
Im Buch des Propheten Jesaja gibt es einen Moment, in dem das Volk und die Stadt Jerusalem von den assyrischen Truppen belagert werden. Der Feind steht schon vor den Toren und ist bereit zum Angriff. Als Israel überlegt, ein Bündnis mit Ägypten einzugehen, um die assyrischen Truppen abzuwehren, sendet Gott durch den Propheten Jesaja ein Wort als Gegenimpuls, das auch auf unsere heutige Situation bezogen werden kann. “So spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet, im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft.” (Jes. 30,15) Rettung und Befreiung liegen nach wie vor in den Händen Gottes; unsere Aufgabe ist es, gelassen zu bleiben und zu vertrauen. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Arbeit von Wissenschaftlern, Chemikern, Ärzten und Forschern haben in den letzten Jahrhunderten große Fortschritte möglich gemacht, um Katastrophen einzudämmen und drohenden Schaden von uns fernzuhalten. Gut und schön, aber wir haben jetzt gesehen, dass selbst die klügsten Köpfe und die qualifiziertesten Mediziner ratlos sind und darauf warten, dass sich eine Besserung abzeichnet. Jetzt ist also ein Moment für einen großen Glauben und für ein herausforderndes Vertrauen, während wir warten, wie Gott uns vorwärts führen wird. Der Psalmist sagt es anders: “Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin: erhaben über die Völker, erhaben über die Erde” (Ps. 46:11). Gott erleuchtet den Verstand und die Herzen der Fachleute, so dass sie die Dinge auf neue Weise sehen und neue Entdeckungen machen können. Die Herausforderung für uns besteht darin, darauf zu vertrauen, dass Gott mitten in allen Geschehnissen gegenwärtig ist und uns vorwärts führen wird.
Für uns Benediktiner und Benediktinerinnen bleibt unser tägliches Gebet eine Quelle der Ermutigung, wenn unsere Gemeinschaften zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören und die Psalmen zu beten. Die Texte der Heiligen Schrift und der Psalmen vereinen uns, so dass wir in einer Stimme zu Gott schreien, und zwar nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die in irgendeiner Weise Verluste erlitten haben. Manchmal haben mir Menschen gesagt, dass sie sich mit den harten

1 Marco Tosatti, “THE CRY OF A DOCTOR IN LOMBARDY. ABOUT THE VIRUS, DEATH AND GOD.” (Der Schrei eines Arztes in der Lombardei. Über das Virus, den Tod und Gott), 20. März 2020. Link zum englischen Original: https://www.marcotosatti.com/2020/03/21/the-cry-of-a-doctor-in-lombardy-about-the-virus-death-andgod/

und gewalttätigen Worten der Psalmen schwer tun, insbesondere mit denen, die in den Klagepsalmen zu finden sind. In diesem Augenblick, in dem so viele unter den Schmerzen eines fremden Feindes leiden, der in den menschlichen Körper eindringt und ihn schwächt, geben uns die Worte der Klagepsalmen eine Sprache der Solidarität mit denjenigen unserer Brüder und Schwestern in der Menschheitsfamilie, die Tod, Krankheit und Not erlitten haben und erleiden. Die Worte der biblischen Klagen verbinden unsere Stimmen mit jenen Menschen, die den erlebten Schmerz kaum ausdrücken können; wir können ihre Stimme zu Gott werden und um Gnade bitten oder nach einem Ende ihrer Gefangenschaft oder ihres Exils rufen. Ein tiefes Gefühl der Solidarität verbindet uns mit ihnen, denn gemeinsam bestürmen wir den Himmel sowohl mit unseren Worten als auch mit unseren Opfertaten. Wenn wir die Opfer, die von uns verlangt werden, mit Bereitschaft und einem Geist echter Nächstenliebe annehmen können, erfüllen wir die Worte Gottes, die uns durch den Propheten Jesaja gegeben wurden: “Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet, im Stillhalten und im Vertrauen liegt eure Kraft.” (Jes. 30,15) Die tägliche Praxis der lectio divina taucht uns in das Wort Gottes ein, in dem eine göttliche Stimme zu uns spricht und uns um eine Antwort bittet. Mögen wir mit offenem Herzen auf das hören, was Gott uns in den stillen Momenten sagen will, wenn wir in der Schrift seine Stimme voller Mitleid, Hoffnung und Frieden hören. In dieser täglichen geistlichen Übung kommen wir mit dem lebendigen Gott in Kontakt, der mit uns in Gemeinschaft und Austausch treten möchte. Lasst uns treu und hoffnungsvoll zuhören.
Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass mir bewusst ist, dass viele unserer benediktinischen Frauenklöster ohne Priester sein werden, um die Liturgie des Triduum zu feiern; und das gilt ebenso für viele unserer engagierten Laien, deren Pfarreien aus Sicherheitsgründen geschlossen sind, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Ich weiß nicht, wie genau die einzelnen Länder betroffen sind, in denen unsere Klöster liegen, aber es gibt Gemeinsamkeiten, die wir alle teilen. Unsere tägliche Feier des Stundengebetes bietet uns reiche geistliche Nahrung für unsere Gedanken und Meditationen und hat so den Glauben der Kirche seit Jahrhunderten gestützt. Die Psalmen wie auch die biblischen und die nichtbiblischen Lesungen erzählen die Geschichte des Geheimnisses, das wir in den Tagen des Triduums feiern, in einer Sprache, die uns die Größe des Ostergeheimnisses offenbart. Ich habe gelesen, dass einige Männerklöster ihre Liturgie live übertragen, damit die Schwestern, Oblaten und Oblatinnen sowie alle, die ihnen in ihrer Region verbunden sind, auf diese Weise an der Liturgie des Triduums teilnehmen können. Eine Oblatin aus meinem Heimatkloster schrieb mir, wie nahe sie sich den Mönchen von Conception Abbey fühlt, wenn sie jetzt jeden Tag die Laudes, die Vesper und die Messe am Bildschirm live mitfeiern kann. Die modernen Technologien geben uns eine Vielzahl verschiedener Möglichkeiten an die Hand, um die Liturgien des Triduums zu gestalten. Für uns alle, auch für die Mönche, wird das diesjährige Osterfest eine ganz neue Erfahrung sein, an die wir uns noch viele Jahre lang erinnern werden. Auch die Isolation, die wir alle erleben, kann zu einer Gelegenheit werden, tiefer nach innen zu schauen. Wir alle wissen, dass das lateinische Wort monachus/monacha sich auf jemanden bezieht, der allein ist. In der Erfahrung der Einsamkeit liegt die Gnade und die Chance, in uns einen tiefen Brunnen des Glaubens zu graben, in dem eine reiche Quelle sprudelt, und zwar in einem jeden von uns. Und wie klein unsere Gemeinschaft auch sein mag, wir können uns als Gemeinschaft versammeln, die von Christus zusammengeführt wird, denn er sagt uns, dass er dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, mitten unter uns ist. (Mt. 18,20)

Unser Charisma der Gastfreundschaft hat jetzt eine besondere Bedeutung, wenn wir liebevoll und kreativ denken und handeln. Für viele von uns ist es nicht möglich, Gäste aufzunehmen, andere zu unserem gemeinsamen Gebet einzuladen, oder unseren Mitarbeitern zu erlauben, bei uns zu arbeiten. Wie das Sprichwort sagt: “Nächstenliebe beginnt zu Hause.” Unsere Offenheit und unsere Freundlichkeit gegenüber unseren Brüdern oder Schwestern in der
Gemeinschaft kann jetzt zu einem echten Ausdruck der Gastfreundschaft werden. Wenn jemand in der Gemeinschaft einsam oder ängstlich aussieht, wird ein freundliches Wort, ein Gruß oder ein einfaches Zeichen der Freundschaft zu einer Möglichkeit, unsere gegenseitige Fürsorge auszudrücken. Wenn wir innerhalb unserer Häuser verschiedene Bereiche haben, können wir uns Zeit nehmen, um einander zu besuchen, natürlich unter Wahrung der empfohlenen Distanz, und dies ist eine Weise sich zusammen dafür einzusetzen, die Krankheit zu bekämpfen und die Bande der brüderlichen oder schwesterlichen Wertschätzung zu stärken. Auch der Kontakt mit denen, die wir kennen und die vielleicht allein sind, ist eine weitere Möglichkeit, unsere Wertschätzung für unsere Verbindung als Freunde oder Mitglieder einer Familie auszudrücken. Gastfreundschaft lässt uns liebevoll die Hand ausstrecken, wo immer wir sehen oder wissen, dass jemand in Not ist.

Hier in Sant’Anselmo haben wir einige zusätzliche Gebetszeiten eingeführt: die Anbetung des Allerheiligsten, das Rosenkranzgebet und das Gebet für die besonders betroffenen Menschen in Italien. Unser gemeinsames Gebet schafft Vertrauen, baut Ängste ab und lässt uns eine Solidarität spüren, die uns alle in den Zwängen dieser Situation stärkt. Es sind Momente wie diese, in denen uns unsere menschlichen Besitztümer wenig bedeuten und in denen unser Glaube ein hochgeschätztes Geschenk ist, das uns befähigt, jederzeit selbstlos, großzügig und gütig zu sein. Wir bleiben stark in der Umarmung Gottes. Unser Gebet besitzt eine Kraft, die stärker ist als wir voll und ganz verstehen können, also lasst uns diesem täglichen Flehen an Gott für ein Ende dieser furchtbaren Krankheit treu bleiben. Und lasst uns aufmerksam auf die Stimmen hören, die Gott durch die Regierung und die Kirche zu uns sendet und die versuchen, einen guten Weg zur Überwindung dieser gegenwärtigen Situation zu weisen.
Was die Veranstaltungen betrifft, die hier in Sant’Anselmo in diesem Sommer geplant sind, werden wir in der Karwoche eine Entscheidungen treffen: sowohl über den Kurs “Kulturelle Dimensionen der christlichen Spiritualität” als auch über das Programm “Leadership nach der Regel des heiligen Benedikt”; wir werden dies allen unseren Klöstern dann mitteilen. Weiterhin haben mir eine Reihe von Äbten geschrieben, um nach dem für Anfang September geplanten Äbtekongress zu fragen. Wir haben beschlossen, bis zum Monat Mai zu warten, da wir eine genauere Vorstellung davon brauchen, wie sich weltweit die Lage entwickelt, denn es handelt sich bei dem Kongress um eine internationale Veranstaltung. Sobald wir einen besseren Überblick haben, wie das Coronavirus weiter die Nationen der Welt beeinflusst, werden wir sehen, ob die Fachleute uns Hinweise für unsere Entscheidung geben können, was das Beste für uns ist; der Äbtekongress ist ein internationales Treffen, und das muss mit berücksichtigt werden. Wir arbeiten zunächst weiter auf den Kongress hin, aber eine Entscheidung wird erst Mitte Mai getroffen.

Lasst uns nicht aufhören, für diejenigen beten, die vom Coronavirus ernsthaft betroffen sind, für diejenigen, die einen Impfstoff suchen, um seine Ausbreitung zu verhindern, und für alle, die unter den physischen und psychischen Auswirkungen der aktuellen, vom Virus verursachten Krisensituation leiden. Wir blicken auf Maria, deren mütterliche Liebe und Fürsorge für uns alle eine sichere Hoffnung auf Heilung und Wiederherstellung ist. Und während wir mit dem Fest der Verkündigung des Herrn seine Menschwerdung feiern, werden wir daran erinnert, wie nahe uns Jesus Christus ist, der unser menschliches Fleisch annimmt, um eine zerbrochene Welt von innen heraus zu heilen. Lasst uns weiterhin mit Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung auf Christus schauen.

Mit herzlichen Grüßen in Christus, unserer großen Hoffnung,

Abtprimas Gregory Polan OSB

Unser Online-Shop ist jederzeit für Sie offen

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Bibel-Tagebuch als Empfehlung nicht nur für Corona-Zeiten

Ein Weg, die Heilige Schrift vom Lese- zum Lebensbuch werden zu lassen

In den Zeiten der Corona-Krise, da keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden, sind wir alle eingeladen, nach neuen Wegen für unser geistliches und spirituelles Leben zu suchen. Ein Bibel-Tagebuch könnte da ein Schritt sein, um die Heilige Schrift ganz neu für sivh zu entdecken.

Die Frage des Apostels Philippus an den äthiopischen Kämmerer: „Verstehst du auch, was du da liest“ (Apg 8,30), ist die ‚Gretchenfrage‘ schlechthin. Der Dialog, den wir mit der Lektüre der Heiligen Schrift pflegen möchten, gerät durch diese Frage immer wieder auf den Prüfstein, vor allem dann, wenn wir eben nicht oder nicht sofort verstehen, was wir da lesen. Unterscheiden wir zunächst zwischen dem äußerem und dem inwendigen Verstehen. Das äußere Verstehen, d.h. die philologischen Fragen, die Quellen, Hintergründe, Zusammenhänge und Zeitbedingtheiten eines Textes können uns durch gute Bibelkommentare (die es auch im Internet gibt) verdeutlicht werden. Sie können helfen, das Äußere zu verstehen, zu deuten und richtig einzuordnen. Deshalb sind sie wichtig und notwendig, und wir sollten uns nicht scheuen, solche Kommentare ganz bewusst und regelmäßig zur Hand nehmen. Doch ein noch so guter Kommentar kann das Eigentliche, das Wesentliche nicht ersetzen. Der Kern des Ganzen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, auf der, die uns existentiell und in unserer ganzen Person erfassen möchte.

Einen wichtigen Schritt näher kommen wir diesem Kern, wenn wir das Glück haben, erfahrenen Meistern des geistlichen Lebens zu begegnen, die das Evangelium vorleben und uns auch ihr eigenes inneres Ringen mit dem Text und seinem Anspruch nicht vorenthalten. Solche geistlichen Mütter und Väter gab es zu allen Zeiten und gibt es Gott sei Dank auch heute. Doch sie erwachsen nicht von selbst. Um es mit einem Wort von Heinz Schürmann zu sagen: „Gott lässt begnadete Seelenführer in dem Maße erstehen, wie sie gesucht und gebraucht werden.“ Schon die alten Wüstenväter zur Zeit des heiligen Antonius haben sich nicht selbst zum Lehrer ernannt, sondern wurden gesucht und gezielt um Weisung gebeten. Haben wir also ruhig den Mut, aktiv auf die Suche zu gehen nach einem Menschen, der im Geist der Bibel zu leben versucht und darin bereits eine gewisse Erfahrung hat. Und haben wir umgekehrt auch den Mut, Zeugnis zu geben von unserem eigenen geistlichen Weg, wenn andere uns darum bitten.

Schließlich und keineswegs zuletzt sei auf eine, wenn nicht die untrügliche Hilfe zum Verstehen der Heiligen Schrift hingewiesen: das Gebet. Schon der große Origines schrieb einst in seinem Brief an Gregor Taumaturgus, 4: „Wer nicht findet, was er sucht, wer den gelesenen Text nicht versteht, muss Gott anrufen und ihn bitten, ihn erkennen zu lassen; so wird die Lesung zum Gebet, denn es ist absolut notwendig zu beten, um die göttlichen Dinge zu verstehen. Nur Gott selbst kann unsere tauben Ohren öffnen und unsere verhärteten Herzen geschmeidig machen. Nur er selbst kann uns auch im Tiefsten den Sinn und die Bedeutung eines Textes für unser persönliches Leben eröffnen.  „Effata“ – öffne dich. Das ist der Ruf, dem wir uns Tag für Tag anschließen sollten, wenn wir mit der Lesung beginnen

Mein Weg mit dem persönlichen Bibel-Tagebuch

Ich möchte nun von einem ganz persönlichen Weg berichten, der für mein geistliches Leben prägend geworden ist. Es ist der Weg eines Tagebuches mit der Heiligen Schrift, der uns lehren kann, hinter dem Buchstaben den Geist zu entdecken – jenen Geist, der uns bewegt und der die Worte der Bibel zu Worten des Lebens, zu Worten meines ganz persönlichen Lebens macht. Lesen und Leben gehören zusammen. Die Bibel will vom Lese-Buch zum Lebens-Buch werden.  Dies gelingt allerdings nur dann, wenn die Lesung zweckfrei und absichtslos geschieht und allein darin besteht, die Botschaft wirklich mit wachem inneren Ohr zu hören und zu schmecken. Es geht dabei mehr um Verkosten als um Studieren, mehr um Staunen als um Erörtern, mehr um Weisheit als um Wissen. Man sieht nur mit dem Herzen gut – sagte der große Antoine de Saint-Exupéry. Man darf dieses Wort wohl auch abwandeln: man liest nur mit dem Herzen gut.

Wie so oft im Leben entstand bei mir die Idee, ein Bibel-Tagebuch zu führen, eher „zufällig“. Irgendwann in meinem Leben begab ich mich auf die Suche nach einem Geländer, das mir Halt und Orientierung geben konnte, nach einem Weg, der mir die Heilige Schrift ganz persönlich erschließen und nahe bringen konnte. Was lag da näher als ein Bibel-Tagebuch zu schreiben? Schon nach kurzer Zeit bildete sich ein fester Ablauf heraus, den ich bis heute weitgehend beibehalten habe. Zunächst besorgte ich mir eine Tagebuch-Kladde. Dann begann ich, täglich zu einer bestimmten immer gleichen Zeit und an einem bestimmten Ort, den ich mir einmal für immer gewählt habe, die Heilige Schrift zur Hand zu nehmen. Zunächst lese ich das jeweilige Tagesevangelium(z.B. aus dem TeDeum oder aus dem Schott) als Ganzes langsam, Wort für Wort, halblaut vor mich hin. Ich betrachte den Text und denke zunächst darüber nach, was der Kerngedanke und die Grundaussage dieses Abschnitts sein könnte.

Danach lese ich den Text ein zweites Mal – diesmal leise. Ich verkoste den Text in aller Ruhe und stoße meist schon hier auf ein Wort oder auf einen Gedanken, der mich persönlich in besonderer Weise anspricht oder herausfordert. Dort verweile ich. Dann schreibe ich den entsprechenden Satz, Teilsatz oder auch nur ein einziges Wort des Textes in mein Tagebuch. Hinzu füge ich das Datum des jeweiligen Tages.

Nun lasse ich mich von diesem ausgewählten Text tief in meinem Inneren ansprechen. Was will Gott mir mit diesem Text sagen? Was bedeutet dieses Wort hier und heute für mein ganz persönliches Leben? Kann ich es einlösen oder steht es in Spannung zu mir? Fühle ich mich bestätigt oder herausgefordert? Was kann und sollte sich ändern in meinem Leben, wenn ich dieses Wort oder diesen Text ernst nehme?

Dann schreibe ich auf, was in mir gewachsen oder auch nur hochgekommen ist. Dabei gibt es für mich keine Tabus – ich möchte radikal ehrlich sein vor Gott und auch vor mir selbst. Manchmal ist es ein Ringen und ein Kämpfen, manchmal eine Ermutigung und ein Trost, manchmal eine Entdeckung oder auch eine ganz neue Erfahrung mit mir selbst. Zumeist mündet mein Tagebuch-Eintrag dann ein in ein selbstformuliertes Gebet: in Lob oder Dank, Klage, Schrei oder Fürbitte. Auch hier gilt: alles darf sein, alles darf zum Gebet werden. Mit diesem Gebet endet meine Schrift-Lesung.

Erfahrungen und Einsichten

Wenn ich Ihnen nun in einem dritten Schritt von meinen Erfahrungen mit dem Bibel-Tagebuch berichte, so könnte ich diese in einem Wort zusammenfassen: das Tagebuch ist mir zum Lebensatem geworden. Es hilft mir zu leben. Es schenkt mir den Sauerstoff, den ich brauche, um mein tägliches geistliches Leben zu leben. Es verleiht mir Kraft, Ausdauer und Ruhe. Es befruchtet mein Herz und meinen Geist und gibt mir immer neue Nahrung für den Alltag.

Vor allem aber hat mich das Tagebuch – darauf möchte ich vertrauen – Gott ein Stück näher gebracht. Es hilft mir, täglich neu zu versuchen, in Seiner Gegenwart zu leben, alles aus Seiner Hand entgegen zu nehmen. Vielleicht, so hoffe ich, hat es mich auch ein kleines Stück wahrhaftiger werden lassen und mir Schritt für Schritt ein Gespür dafür vermittelt, wer ich bin vor Gott und andererseits, wer Gott ist für mich.

Das Tagebuch hat mich schließlich auch mir selbst ein Stück nähergebracht. Es hat mich eigene, längst vergessene oder auch ganz aktuelle Lebenserfahrungen besser verstehen lassen. Es hat Freuden, aber auch Lebenswunden ans Licht gebracht und sie einem langsamen Prozess der Heilung unterzogen. So hat das Bibel-Tagebuch mein Leben verändert. Es hat sicher auch mein Verhältnis zu den anderen, zu meiner Gemeinschaft, zu meinen Freunden und zu den mir anvertrauten Menschen geprägt.

Dies alles will nicht heißen, dass der Weg nicht oft auch mühsam war. Aller Anfang ist und war auch bei mir schwer. Nicht selten überkommt einen das Gefühl des Längst-Bekannten. Manch leere Seite oder leere Daten zeugen heute noch davon. In solchen Zeiten war und ist es wichtig, trotz aller inneren Widerstände dabei zu bleiben – nicht aufzugeben. Nicht jede Frucht kann man sofort ernten. Wenn ich heute mein Bücherregal anschaue, dann finde ich darin viele vollgeschriebene Kladden. Dahinter verbirgt sich mein geistiger und geistlicher Lebensweg – mit all seinen Kreuzungen, mit seinen Umwegen, mit seinen Stolpersteinen, mit seinen Wüsten, aber auch mit all seinen Oasen und Höhenerfahrungen, mit Freudenzeiten und unverdienten Glücksmomenten.

Manchmal blättere ich auch zurück, nehme eine alte Kladde zur Hand, um zu schauen, was ich mir zu einer Stelle vor zwei Jahren, vor fünf Jahren oder gar vor zehn Jahren notiert habe. Eine lineare Entwicklung findet sich da nicht, wohl aber ein hauchdünner roter Faden, der den Sinn all dessen, was ich erlebt und erfahren habe, erahnen lässt. Das macht mich froh und auch dankbar.

Am Schluss bleibt mir eigentlich nur noch der Wunsch an Sie, es selbst zu versuchen. Machen Sie sich auf den Weg und lassen Sie sich dabei ganz von Gottes Geist führen. Er selbst wird uns, wie verheißen ist, in die ganze Wahrheit einführen. Er selbst ist es, der uns auf dem lebenslangen Weg hinein in die Tiefen seines und unseres Geheimnisses begleitet.

Von Sr. Philippa Rath OSB

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Aktuelle Infos zum Bau des neuen Parkplatzes

Östlich der Abtei entsteht derzeit ein Besucherparkplatz mit 92 PKW-Stellplätzen, drei Behindertenparkplätzen und drei Bus-Parkplätzen. Der extrem feuchte Winter dieses Jahres erschwert die Bauarbeiten enorm. Immer wieder müssen die Erdarbeiten derzeit unterbrochen werden, da der Boden zu nass ist, um ihn bearbeiten zu können. Wir hoffen auf sonniges und trockenes Wetter, damit die Verzögerungen nicht allzu lang werden. Ursprünglich hatten wir gehofft, den Parkplatz bis Ostern fertig zu haben. Doch daran ist derzeit leider nicht zu denken.

Wir bitten alle Besucherinnen und Besucher um Geduld – so wie auch wir uns derzeit nur in Geduld üben können. Auf das Wetter haben auch wir eben keinen Einfluss!

Während der Bauzeit stehen nur sehr eingeschränkt PKW-Parkmöglichkeiten zur Verfügung. Für Busse gibt es in dieser Zeit keine Park- und auch keine Wendemöglichkeit. Wir bitten, die Busparkplätze der Stadt Rüdesheim zu nutzen.

Wir bitten um Ihr Verständnis für die Einschränkungen.

Nach Abschluss der Arbeiten wird dann ein schöner grüner Parkplatz zur Verfügung stehen, denn die Besonderheit unseres Parkplatzes wird die Bepflanzung mit 32 Bäumen, Hecken und Stauden sein, die in der naturkundlichen Schrift der heiligen Hildegard von Bingen „Physica“ beschrieben sind. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein überschatteter Parkplatz, sondern zugleich ein hildegardischer Baum- und Pflanzenlehrgarten. Die Bepflanzung wird im Herbst erfolgen, da sich die Pflanzperiode durch den zu warmen und viel zu nassen Winter deutlich nach vorne verschiebt und die Bauarbeiten bis dahin nicht fertig sein können.

Wir danken dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie und Verkehr, der Klosterstiftung Sankt Hildegard, dem Verein der Freunde der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard e.V., den privaten Spendern und den 32 Baumpatinnen und Baumpaten für die großzügige Unterstützung.

Ihre Schwestern von St. Hildegard

 

 

 

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Baumpatenschaften für neuen Besucherparkplatz

Derzeit baut unsere Gemeinschaft im Osten des Abteigebäudes einen neuen befestigten Besucher-Parkplatz. Ein solcher ist seit vielen Jahren nicht nur ein besonderer Wunsch, sondern eine zunehmend dringender werdende Notwendigkeit. Denn infolge der zunehmenden Attraktivität unserer Abtei, der heiligen Hildegard und der Welterberegion Oberes Mittelrheintal reichen die bisher zur Verfügung stehenden Flächen bei Weitem nicht mehr aus.

Die Besucherinnen und Besucher parken ihre Fahrzeuge bisher notgedrungen beliebig in der Landschaft auf den Wiesen oberhalb des bisherigen Parkplatzes. Die hangaufwärts genutzten Flächen wurden dadurch immer weiter beansprucht und zerfahren. Die hier eigentlich anzutreffende Vegetationsvielfalt in Fauna und Flora wurde dadurch immer weiter zerstört.

Um diese ökologische Zerstörung zu beenden, wird nun ein neuer Parkplatz gebaut. Möglich geworden ist dies dank großzügiger Zuschüsse des Hessischen Wirtschaftsministerium, zweier privater Spender, der Klosterstiftung Sankt Hildegard und des Vereins der Freunde der Abtei St. Hildegard e.V.

Der Parkplatz soll parallel zu den Höhenlinien und in möglichst geringem Landschaftsverbrauch ökologisch und denkmalpflegerisch vertretbar angelegt werden. Beidseitig einer festen Fahrbahndecke sollen 34 befestigte PKW-Stellplätze, 58 Parkplätze in Schotterrasen sowie drei Behindertenparkplätze und drei Bus-Parkplätze entstehen.

Projekt eines naturnahen „grünen“ Parkplatzes

Die Besonderheit unseres neuen Parkplatzes wird die Bepflanzung mit 32 Bäumen regionaler Baumarten sein, die in der naturkundlichen Schrift der heiligen Hildegard von Bingen „Physica“ ausführlich beschrieben sind, u.a. verschiedene Ahorn-Arten , Felsenbirne, Hopfen- und Hainbuche, Blumen-Esche, Esskastanie und Speierling. Auf diese Weise wird nicht nur ein Parkplatz entstehen, sondern zugleich ein „hildegardischer Baum- und Pflanzen-Garten. Die Bäume sollen in gleichmäßigem rhythmischem Abstand in 2er Reihen parallel zum Hang gepflanzt werden und damit das wohl geordnete Gleichmaß unseres denkmalgeschützten neoromanischen Klostergebäudes aufnehmen. Unterstützt werden soll diese Formation durch standortgerechte einheimische Hecken (Weißdorn) und Sträucher.

Ein besonderer Dank an alle Baumpaten

Für die 32 Bäume, die gepflanzt werden sollen, haben wir in den vergangenen beiden Monaten Baumpatenschaften vergeben. Inzwischen haben alle 32 Bäume eine Patin oder einen Paten gefunden. Wir danken Ihnen von Herzen für dieses Engagement!

Gerne nehmen wir auch weiterhin Spenden für die “Rundum-Bepflanzung” des neuen Parkplatzes mit Weißdorn- und Hainbuchen-Hecken sowie mit einheimischen Sträuchern entgegen. Jede noch so kleine Zuwendung ist uns eine große Hilfe!

Der Freundeskreis unseres Klosters ist bereit, auch weiter Spenden für die Bepflanzung des neuen Parkplatzes zu sammeln und an unsere Abtei weiterzugeben.  Das Konto des Freundeskreises ist: Rheingauer Volksbank BIC: GENODE51 RGG; IBAN: DE 04 5109 1500 0000 0996 86.

Alle Baumpatinnen und -paten und alle Spender werden wir selbstverständlich zur Einweihung des neuen Parkplatzes einladen.

Wir danken schon im Voraus allen, die uns bei der Bepflanzung unseres neuen Parkplatzes helfen möchten und sprechen Ihnen ein herzliches Vergelt’s Gott zu!

Ihre Schwestern von St. Hildegard

Wanderwege rund ums Kloster

Allen Wanderfreunden empfehlen wir folgende Wege, die alle an unserer Abtei direkt vorbeiführen:

Der “Rheinsteig”  ist ein inzwischen sehr bekannter, anspruchsvoller Fernwanderweg, der auf einer Länge von rund 320 Kilometern dem Mittelrhein und dem nördlichsten Teil des Oberrheins auf der rechten Rheinseite folgt.

Der „Rüdesheimer Hildegard-Weg“  wurde als Ergänzung zum “Binger Hildegard-Weg” angelegt und steuert auf 6,7 km Länge die rechtsrheinischen Wirkungsorte der heiligen Hildegard, d.h. die Wallfahrtskirche in Eibingen und unsere Abtei St. Hildegard, an. Der Weg, der speziell für Hildegard-Freunde und für die vielen Tagestouristen, die Rüdesheim besuchen, konzipiert wurde, ist ein leicht gängiger Wanderweg, der die wunderschöne Rheinlandschaft mit stiller Einkehr und einem ersten Einblick in Leben, Werk und Zeit der heiligen Hildegard miteinander verbindet.

Höher sind die Anforderungen dann wieder an den “Rheingauer Klostersteig”. Er verbindet Kloster Eberbach in Eltville und die Klosterkirche Marienhausen (auf dem Gelände des St. Vincenzstiftes in Rüdesheim-Aulhausen) und ist 30 km lang. Auf dem Weg macht er Station am ehemaligen Kloster Johannesberg, an den Klöstern Marienthal und Nothgottes sowie an unserer Abtei.

Der neue „Hildegard von Bingen – Pilgerwanderweg“  führt an den verschiedenen Lebensstationen der heiligen Hildegard vorbei. Der 136 Kilometer lange Wanderweg startet in Idar-Oberstein und geht über Bermersheim und Niederhosenbach, den beiden möglichen Geburtsorten Hildegards, weiter zur Ruine des Klosters Disibodenberg, in dem Hildegard 40 Jahre ihres Lebens verbrachte. Der Pilgerwanderweg führt schließlich über Bingen zum Schrein der heiligen Hildegard in der Wallfahrtskirche in Eibingen und hinauf zu unserer Abtei St. Hildegard.

Wanderkarten, Infomaterial und Pilgerpässe sind in unserem Klosterladen erhältlich! Pilgerstempel für den Klostersteig und den Hildegard von Bingen – Pilgerwanderweg bekommen Sie in unserer Abteikirche (am Eingang gleich rechts).

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Jahresrückblick Advent 2018 – Advent 2019

Advent 2018 – Advent 2019

Liebe Mitschwestern und Mitbrüder,

liebe Verwandte und Freunde!

„Alle Jahre wieder…“ singt das bekannte Weihnachtslied und beschreibt auf kindgemäße Weise, was sich jedes Jahr an Weihnachten ereignet, ohne dass es den Kindern je zu viel würde. Trifft das auch auf uns zu, die wir erwachsen sind und so viele „wenn“ und „aber“ kennen? Alle Jahre wieder geschieht das Unerhörte, Ungesehene, Unbegreifbare – und viele gehen zur Tagesordnung über oder denken an Geschäfte und Geschenke.

Das Unerhörte, Machtvolle gibt auch dem Pinsel von Eberhard Münch, der in diesem Jahr eine vielbeachtete Werkausstellung in unserem Kunstkeller hatte, den Schwung, mit dem er im Titelbild unseres Jahresrückblicks die Weihnachtsszene gemalt hat: Da stürzt etwas von Himmel herab in einen kleinen Raum, wo ein paar Menschen versammelt sind – und zerschmettert sie nicht, sondern hält an, leuchtet, erhellt: ein Kind wird geboren! Wir sind eingeladen, diese Bewegung des Himmels nachzuahmen: das sich Hinneigen in Ehrfurcht, aber mit der ganzen Kraft und Glut der Liebe.

„Neige das Ohr deines Herzens“ – dieses Wort aus dem Prolog der Benediktsregel gab uns Mutter Dorothea zu Beginn des Jahres am 1. Advent mit auf den Weg. „Neigen, Zuneigen drückt eine elegante, einfühlsame, bescheidene und diskrete Bewegung aus. Wir sprechen auch im übertragenen Sinn von Zuneigung, wenn wir uns mit Empfindsamkeit, Liebe und Aufmerksamkeit einander zuwenden. Neige das Ohr deines Herzens: wer geneigt mit dem Herzen hört, kann vielleicht das Unmögliche hören, das er nie für möglich gehalten hätte – das ‚Unmögliche‘ vielleicht, dass etwas doch anders ist, als man es immer dachte, dass eine Wendung geschehen kann.“

Diakoninnenweihe – die Konzilsaktivitäten unserer verstorbenen Sr. Marianna Schrader OSB

In dem soeben erschienenen, ebenso umfangreichen wie spannenden Band „Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“, herausgegeben von Regina Heyder und Gisela Muschiol (Aschendorff Verlag, Münster 2018) sind u.a. auch die umfangreichen Aktivitäten unserer verstorbenen Hildegardforscherin, Sr. Marianna Schrader, zum Thema Diakoninnenweihe dokumentiert. Wie weit unsere Sr. Marianna und viele andere Frauen des Konzils ihrer Zeit voraus waren, und wie wenige Fortschritte seither in dieser für die Frauen in der Kirche so wichtigen Frage erzielt wurden, veranlasst uns dazu, die untenstehenden Dokumente hier allen interessierten und engagierten Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Wir danken den Herausgeberinnen und dem Verlag Aschendorff für die freundliche Abdruckgenehmigung.

Ihre Schwestern von St. Hildegard

 

 

 

Die Konzilsaktivitäten Marianna Schraders OSB (1961–1969)

„Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“[1] – diesen Satz stellt Sr. Marianna Schrader OSB (1882–1970), Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Eibingen, über ein ihrer Äbtissin vorgelegtes Exposé. Die Hildegardforscherin hat von 1961 an, fast schon achtzigjährig, ihre Reformvorschläge verschiedenen Konzilsvätern vorgetragen und stand darüber im Austausch mit zahlreichen katholischen Akademikerinnen und Akademikern. Anhand der bis zu ihrem letzten Lebensjahr geführten Korrespondenzen lassen sich nicht nur die überragende Bedeutung des Konzils für eine Ordensfrau in einem kontemplativen Orden und das Interesse der gesamten Klostergemeinschaft an diesem Ereignis nachvollziehen, sondern ebenso die Dynamik, die das Konzil ausgelöst hat. Dies gilt zunächst für Marianna Schrader persönlich: waren es zunächst Jungfrauen- und Diakoninnenweihe[2], mit denen sie sich befasste, so weiteten sich allmählich der Kreis ihrer Korrespondenzpartner und der von ihr vorgeschlagenen Reformen. In „heiliger Freiheit“[3] nannte sie später Anliegen, die die Lebensform der Benediktinerinnen selbst berührten: moderatere Klausurvorschriften und die Abschaffung des Gitters, das in vielen kontemplativen Klöstern den Kirchenraum der Nonnen vom Mittelschiff der Kirche trennt(e) und im Sprechzimmer üblich war. Horizont ihrer Überlegungen war „die Frage, ob wir Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation bei diesem Aufbruch mitgehen, ob wir das Überlebte des Mittelalters abstreifen, aber ohne von der Verwirklichung des monastischen Ideals abzuweichen.“[4]

Marianna Schraders Korrespondenz erlaubt darüber hinaus einen Blick aus der Schlüssellochperspektive auf die Konzilsdynamik im Eibinger Konvent, der nicht nur mit „ständigen Gebeten“ das Geschehen in Rom begleitete, sondern auch mit „lebhaftem Interesse“[5] die Konzilsereignisse mittels verschiedenster Medien verfolgte. Agierte Marianna Schrader zunächst ausdrücklich „aus eigener Initiative, nicht im Auftrag unserer hochwürdigen Mutter Äbtissin, aber mit ihrer Erlaubnis“[6] – Randnotizen von Mutter Fortunata Fischer zu einem Manuskript Marianna Schraders ist zu entnehmen, dass die Äbtissin die Aktivitäten ihres Konventsmitglieds zunächst skeptisch bis kritisch verfolgt hat – so erschloss sich Äbtissin und Klostergemeinschaft zunehmend die Plausibilität solcher Petitionen. 1963 trugen Äbtissin und Seniorat in einer Konzilseingabe den letztlich schon seit Kriegsende existenten Wunsch vor, die Trennung von Chorfrauen und Laienschwestern in kontemplativen Frauenklöstern aufzuheben;[7] 1965 verfasste man ein Memorandum zur Jungfrauenweihe.[8]

Aus der Retrospektive ist Marianna Schrader als prophetisch zu bezeichnen – bis auf die Diakoninnenweihe sind heute alle ihre Reformanliegen Wirklichkeit geworden. 2012 schließlich erfüllte sich ein letzter, bereits 1967 unter Berufung auf Weihbischof Kampe vorgetragener Wunsch Marianna Schraders: die Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin.[9]

 

[1] AAStH Eibingen, Nachlass Schrader, undatierte Schreibmaschinendurchschrift (2 Seiten) mit handschriftlichen Anmerkungen von Äbtissin Fortunata Fischer. Thematik ist das Verständnis des Konvents als „Kirche“. Die Durchschrift ist so schlecht lesbar, dass der Text leider nicht vollständig ediert werden kann. Wir danken M. Clementia Killewald OSB †, Sr. Matthia Eiden OSB † und Sr. Philippa Rath OSB für die gute Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck der Dokumente.

[2] Zur Terminologie: Marianna Schrader spricht zunächst bevorzugt von „Diakonissin“, später verwendet sie den Begriff „Diakonin“. In der Einführung wird einheitlich der Begriff „Diakonin“ verwendet.

[3] Diese Formulierung in einer Vorlage für das Exposé „Das Konzil verfolgt u. a. zwei Ziele“ (vgl. Dok. 76).

[4] Dok. 75.

[5] Vgl. z. B. Dok. 74, 78 und 80.

[6] Dok. 74.

[7] Vgl. Dok. 96.

[8] Vgl. dazu Heyder, Antizipation und Partizipation (in Vorbereitung).

[9] Vgl. Dok. 91.

 

Reformanliegen Diakonninnenweihe

Marianna Schrader verstand die Diakoninnenweihe als Weihe für Frauen, die in ihrem kirchlichen Dienst dem Bischof zugeordnet sein sollen und nicht einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinne angehören (müssen): „Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.“ Auch für das Institut der Diakoninnen rekurrierte Marianna Schrader auf historische Vorbilder, insbesondere die „Didascalia et Constitutiones Apostolorum“. In Schraders Argumentationen sind mehrere bemerkenswerte Züge feststellbar: ihre Kirchlichkeit, erkennbar an verschiedenen aus der Korrespondenz mit Experten entstehenden Modifikationen; ihr Pragmatismus, mit dem sie zuletzt „wenigstens einstweilen“ die Thematik der Weihe zurücksetzte, solange Frauen „alle Dienste des männlichen Diakonats, … ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar“ übertragen werden; ihre umfassende theologische und historische Bildung, mit der sie sich genau auf jene Texte bezog, die bis heute die Diskussion bestimmen.

Marianna Schrader hat ihre Bemühungen um die Einführung der Diakoninnenweihe im letzten Konzilsjahr – nach Verabschiedung der Kirchenkonstitution Lumen gentium, die in Nr. 29 die Wiederherstellung des ständigen Diakonats ermöglicht hat – nochmals intensiviert. Dazu gehörte auch, dass sie weitere Verbündete suchte und fand: Die Zusammenarbeit mit Gertrud Ehrle in der Diakonatsfrage ist charakteristisch für die neuen Allianzen zwischen Ordensfrauen und Laienkatholikinnen nach dem Konzil. Dass Marianna Schraders Forderung durchaus plausibel war, zeigen die undogmatischen Reaktionen der Weihbischöfe Frotz und Kampe und nicht zuletzt das von der Würzburger Synode (1971–1975) verabschiedete Votum: „Die Synode bittet den Papst, … die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen.“

Von Dr. Regina Heyder

 

Die Dokumente im einzelnen:

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB an „Ew. Exzellenz“ [Bischof Wilhelm Kempf]

Abtei St. Hildegard, 29. Mai 1961

… Die Ordinatio Diaconissarum

Diese uralte, kirchliche Weihe sollte wieder eingeführt werden und zwar für Mitglieder der Säkularinstitute. Diese Frauen können heute, da sie in der Welt leben, die Consecratio Virginum nicht empfangen. Die Diakonissinnenweihe aber wurde gerade Frauen, die im Dienste der Kirche standen, erteilt. Da diese Weihe nach den Constitutiones Apostolorum zwischen die Weihe des Diakons und Subdiakons eingereiht wurde, zählte die Diakonissin zum Klerus. Über die ordinatio diaconissarum siehe: F. X. Funk, Didascalia et Constitutiones Apostolorum, Teil 1, Paderborn 1905; H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907.

Die vorstehenden Ausführungen erwuchsen aus dem lebhaften Interesse, das wir dem Konzil und seinen Vorbereitungen entgegenbringen. Wir begleiten sie mit unseren ständigen Gebeten und wünschen von Herzen, dass das katholische Volk, unter Führung des Klerus, an diesen für die ganze heilige Kirche so hochwichtigen Vorbereitungen intensiven Anteil nehmen möchte.

Unsere hochwürdige Mutter Äbtissin lässt ihre ehrerbietigen Grüße entbieten. Mit der Bitte um Ihren hohepriesterlichen Segen für die ganze Familie der hl. Hildegard bin ich

Ew. Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB, Exposé: „Das Konzil verfolgt u.a. zwei Ziele“

Ordinatio Diaconissarum

Es wird von Mitgliedern der Kongregationen und der Säkularinstitute oft bedauert, dass sie die Consecratio Virginum nicht empfangen können. Wäre es möglich, für sie die altkirchliche Weihe der Diakonissin wieder einzuführen? Sie wurde gerade denjenigen erteilt, die für die Kirche im Dienst der Liebe tätig waren und verlangte nicht die Jungfräulichkeit. Die Frühkirche zählte vielerorts die Diakonissin zum höheren Klerus. Sie erhielt ihre Weihe nach den Diakonen, vor den Subdiakonen. Über die Diakonissinnenweihe siehe: H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, hg. von U. Stutz, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907, S. 46ff und Didascalia et Constitutiones Apostolorum, T. 1, ed. F. X. Funk, p. 524/25: Weihegebet.

Könnten nicht die Liobaschwestern und Haus Venio, München, für diese Weihe bahnbrechend vorbildlich werden?

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 8. November 1964

Benedicite!

Ew. Exzellenz!

Ihre Intervention während der 112. Generalkongregation des Konzils zu Art. 20 „Förderung der Personenwürde“ am 29. Oktober und Ihr Interview mit der N.C.W.C. am 7. Oktober über das Thema „Neue Möglichkeiten für Frauen in der Kirche schaffen“ haben wir mit lebhaftem Interesse verfolgt. So sah ich mich ermutigt, meine Überlegungen und Studien über ein Thema zu skizzieren, das mich seit längerer Zeit beschäftigt: Die Diakonissin.

Da Ew. Exzellenz dem katholischen Frauenbund nahestehen und der „Frau“ Ihr priesterliches Wohlwollen entgegenbringen, möchte ich Ew. Exzellenz bitten, in der Beilage meine Gedanken kurz aussprechen zu dürfen. Auf dem Konzil wurde wohl über die Diakone verhandelt und ein günstiges Resultat erzielt. Des altkirchlichen Standes der Diakonissin aber geschah keine Erwähnung. Und doch könnte die Diakonissin über die „Seelsorgshelferin“ hinaus eine sehr wertvolle Stütze für die Pfarrseelsorge werden. Der Frau würde durch die altkirchliche Diakonissinnen-Weihe eine neue Würde zuteil. Durch diese Weihe würde sie geheiligt und auf besondere Weise in den Dienst der Kirche treten, mit ihr aufs innigste verbunden werden.

Ew. Exzellenz möchte ich ergebenst ersuchen, Einblick in die Anlage zu nehmen und sie eventuell für die Konzilsbesprechungen zu verwerten.

Um den hohepriesterlichen Segen bittet

Ew. Exzellenz

In XPO ehrerbietig ergebene

Sr. Marianna Schrader OSB

 

Weihbischof Augustinus Frotz an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 9. Januar 1965

Sehr verehrte Schwester Marianna!

Für Ihren Brief vom 8. November 1964 möchte ich Ihnen noch danken, ebenso für die Beilage. Ich habe sie mit Interesse studiert. Persönlich bin ich auch der Auffassung, dass die „Diakonin“ in der Kirche ihren Standort haben muss. Wenn Sie aber die Diskussion über die „Diakone“ auf dem Konzil verfolgt haben, werden Sie erkannt haben, wie schwer es war, der Mehrheit des Konzils das nahezulegen, was jetzt beschlossen ist. Es braucht seine Zeit. Darum hielt ich die Erwähnung des Diakonissen-Berufs und seine Stellung in der Kirche von heute für verfrüht. Ich glaube aber, dass jetzt, nachdem der diakonische Dienst wieder stärker in den Blick gekommen ist, auch die zweite Frage einer neuen Lösung entgegengeht. Es kommt jetzt sehr viel darauf an, dass der „Diakon“ in der Kirche zunächst vollgültig und erstrebenswert sichtbar werde. Wie die Dinge liegen, ist es m. E. Voraussetzung für das zweite.

Also hoffen wir … instanter orantes!

Mit Segenswünschen für Sie und Ihren Konvent

+ Aug. Frotz

Weihbischof

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 21. Januar 1965

Benedicite!

Eurer Exzellenz

danke ich vielmals für Ihren gütigen Brief und die Freundlichkeit, mir das Pastoralblatt mit Ihrem Artikel „Erneuerter Diakonat“ beizulegen. Ja, wir haben die Konzilsdebatten über die Diakone mit Besorgnis verfolgt und das günstige Endergebnis mit Freude begrüßt. Ihren Einblicken in die gegenwärtige seelsorgliche Lage muss ich natürlich voll zustimmen. Die Stellung des Diakons muss zuerst in der Kirche wieder ausgebaut und sein Tätigkeitsbereich gefestigt werden. Dann wird sich die Kirche der Diakonin zuwenden können. Die Voraussetzungen für ihren „Dienst“ sind allerdings schon weithin gegeben. Jedoch wird die Tatsache, dass die Frau in der Kirche ein von der bischöflichen Weihe getragenes Amt bekleidet, besonders dem Klerus fremd erscheinen. Die ungeheuer weiten Aufgaben, die das Konzil unseren Bischöfen und mit ihnen dem ganzen Volke Gottes stellt, begleiten wir mit intensivster Teilnahme, mit Gebet und Opfer. Emitte Spiritum tuum et creabuntur: et renovabis faciem terrae.

Um Ihren Hohepriesterlichen Segen bittet für das ganze Haus der Heiligen Hildegard

Eurer Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Briefexzerpt „Aus einem Brief von Weihbischof Kampe vom 24.10.1965“

[Limburg, 24. Oktober 1965]

… Sehr interessant fand ich die Ausführungen über die Jungfrauenweihe, obwohl einige Auffassungen durchzuschimmern scheinen, die nicht gerade biblischen Ursprungs sind, sondern aus andern Quellen kommen. Auch hier bin ich der Auffassung, dass man keinen Unterschied zwischen klausurierten Ordensfrauen und anderen Schwesterngemeinschaften machen soll, zumal gerade die letzteren wegen der Gefährdungen in der Welt an diesem Punkt sehr streng sind. Natürlich muss und wird der ganze Ritus vereinfacht und auch theologisch überprüft werden. Die Gedanken von Frau Maura geben dazu wertvolles Material. Auch die Ausführungen von Frau Marianna zur Diakonin waren vor allem in ihrem historischen Teil mir sehr wichtig, zumal gerade hier die internationalen Diakonatskreise tagen. Die Frage wurde auch gestreift, aber jeder Bezug auf die sakramentale Weihe abgelehnt. Hier müsste man gewiss Missverständnisse verhüten, aber der Gedanke der in der Welt lebenden und dem Bischof verbundenen Diakonin (oder wie man sie heute nennen sollte) scheint mir sehr wichtig zu sein. …

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Hannes Kramer, Internationaler Diakonatskreis Freiburg

Abtei St. Hildegard, 8. November 1965

Sehr geehrter Herr Kramer,

die erregenden Konzilsdiskussionen über das Diakonat und die befreiende Schlussannahme des Schemas haben wir mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Soviel uns bekannt wurde, geschah jedoch der Diakonin keine Erwähnung. Das veranlasste mich, meine Studien über die diaconissa und ihre Weihe in der Frühkirche in äußerst gestraffte Notizen zusammenzuschließen. Da heute der Frau noch keine Stellung in der Kirche eingeräumt ist, schien mir der Hinweis auf die Frühkirche dazu angetan, den berechtigten Wünschen der Frau einen Weg zu erschließen. Die Ordinatio diaconissarum würde sie in den klerikalen Stand erheben und ein ihrer Eigenart entsprechendes weites Arbeitsgebiet einräumen. Aus diesen Erwägungen entstand die Skizze: „Die Diakonin, ihre Weihe – ihr Dienst“, die ich Ihnen gerne zur Verfügung übergebe. Bis jetzt ist sie noch nicht im Druck erschienen, wird aber vielleicht veröffentlicht werden.

Auch an der Internationalen Studienkonferenz des Diakonatskreises haben wir mit Interesse teilgenommen. So wäre es mir eine große Freude, wenn die kurzen Ausführungen den für die Kirche so wichtigen Bestrebungen Ihres Kreises ein wenig dienen könnten. Vielleicht darf ich eine Antwort erwarten, welche Aufnahme meine in der Skizze vertretenen Ansichten gefunden haben.

Mit der Versicherung meiner Gebetshilfe für Ihre im Dienst unserer hl. Kirche so bedeutungsvollen Aufgaben und freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

Abtei St. Hildegard, 14. Februar 1966

Pax!

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Die Konzilsdiskussionen über den Diakon haben mich seiner Zeit veranlasst, einige Aufzeichnungen über die Diakonissin zusammenzustellen. Wenn ich recht darüber unterrichtet bin, ist auch einiges zu Ihnen vorgedrungen.

Nun beabsichtige ich die etwas überarbeitete Skizze in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. So möchte ich mir erlauben, Ihnen den Text vorzulegen mit der Anfrage, ob Sie ihn geeignet halten für eine Aufnahme in „die christliche Frau“. Der Leserkreis ist mir zu wenig bekannt.

Oder wären Sie der Meinung, eine andere Zeitschrift würde dem aktuellen Thema mehr entsprechen?

Vielleicht besteht durch die „chr. Frau“ bzw. durch Ihre persönliche Vermittlung die Möglichkeit[9], auch in fremdsprachl[ichen] Fr[auen]Z[ei]tschriften auf uns[ere] Sk[izze] hinzuweisen, so dass in gewisser Weise ein internation[aler] Fr[auen]kreis für unser Thema gewonnen würde. Für 1 gefäll[ige] Rückäußerung wäre ich Ihnen zu Dank verpflichtet.

Mit frdl. Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

[Abtei St. Hildegard], 23. April 1966

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Gerne übersende ich Ihnen ein zweites Exemplar meiner Skizze über die Diakonissin. Es freute mich aus Ihrem gestrigen Gespräch zu hören, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat, und Sie auch bei der in den nächsten Tagen stattfindenden Versammlung des Frauenbundes der Erzdiözese Köln die Aufmerksamkeit dieses Kreises auf die Diakonissin lenken wollen. Auch dass die Skizze Aufnahme in die „Christliche Frau“ finden wird, begrüße ich sehr. Es ist ja der dringende Wunsch vieler Frauen, dass „die Stellung der Frau in der Kirche“ gehoben wird. Vielleicht kann die kleine Arbeit dazu ein wenig beitragen. Im Grunde geht es ja um die nur zwischen den Zeilen stehende aktuelle Frage: Kann die Frau, weil sie Frau ist, eine Ordinatio empfangen? Das wäre auch ein Gesprächsthema, wenn es Ihnen möglich wäre, bei Ihren vielen Reisen einmal wieder in St. Hildegard vorsprechen zu können.

Würden Sie bitte die Freundlichkeit haben, das heute übersandte Exemplar für den Druck weitergeben zu wollen. Ich erinnere mich nicht, ob in dem Ihnen im Februar überreichten Exemplar einige kleine, aber notwendige Korrekturen eingefügt sind. Darum habe ich sie auf beiliegendem kleinen Zettel notiert.

Nun muss ich nochmals um Entschuldigung bitten, dass Sie gestern ein zweites Mal anrufen mussten. Nächste Woche werde ich sogleich zur Stelle sein!

Mit freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Gertrud Ehrle an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 28. April 1966

Sehr verehrte Schwester Marianna Schrader!

Herzlichen Dank für Ihre gütigen Zeilen und für die Zusendung eines zweiten Exemplares über die Diakonissinnen. Ich hatte am vergangenen Freitag Gelegenheit, mit H. H. Weihbischof Dr. Frotz zu sprechen. Wir beabsichtigen, dieser so drängenden Frage unserer Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es war mir schon als Laienauditorin in Rom klar, dass zu diesem Thema eine besondere nachkonziliare Arbeit in Betracht kommt. Ihre Ausführungen werden wir in der „Christlichen Frau“ bringen. Es folgen jetzt zwei Hefte rasch nacheinander. Wenn Ihre Ausführungen also noch nicht in dem nächsten Heft enthalten sind, dann liegt der Grund darin, dass der Druck bereits abgeschlossen ist. Es folgt aber – wie gesagt – sofort ein weiteres Heft der „Christlichen Frau“, das dann Ihre Ausführungen bringt und ich denke mir, dass weitere Ausführungen folgen werden.

Leider kann ich im Augenblick noch nicht übersehen, wann ich einmal nach Eibingen komme.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Gertrud Ehrle

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Weihbischof“ [Kampe],

[Abtei St. Hildegard], 13. August 1966

Benedicite!

Hochwürdigster Herr Weihbischof!

Bei Ihrem letzten Besuch in St. Hildegard nahmen Sie den sehr minderwertigen Durchschlag meiner Skizze über die „Diakonissinnenweihe“ mit. Ich darf vielleicht daraus schließen, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat. Inzwischen ist sie in der „Christlichen Frau“ im Druck erschienen, und ich erlaube mir, Ihnen ein Exemplar zuzusenden.

Die mir gütig gewährte Aussprache habe ich damals – mea culpa, mea maxima culpa– leider versäumt, und so bitte ich Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, heute einige Gedanken schriftlich vorbringen zu dürfen.

In der Skizze handelt es sich um die nur zwischen den Zeilen stehende Kernfrage des Problems: Ist die Frau seins- und wesensmäßig vom klerikalen Stand (incl. Priestertum) auszuschließen?

Sie ist nach der Taufe fähig, alle Sakramente zu empfangen, nur das Sakrament der Priesterweihe ist ihr versagt. Warum? Gerade erhielt ich vom Informationszentrum in Freiburg die ersten Hefte „Diakonia“. Heft 2 enthält den kurzen Eintrag „Frauenarbeit im kirchlichen Bereich“ (S. 50/51). Hier wird darauf hingewiesen, dass die Wiedererweckung des beruflichen Diakonats das schwer belastende Faktum der Diskriminierung der Frau im kirchlichen Bereich noch vertiefen wird. –

Meine Skizze weist nach, dass in der Frühkirche des Ostens Diakon und Diakonissin die gleiche Weihe (mit xeirotonia[9]) empfingen. Warum soll die gleiche Weihe nicht die gleiche Wirkung im kirchlichen Raum haben? In der Teilkirche des Ostens war die Aufnahme der Diakonissin in den klerikalen Stand nicht einheitlich durchgeführt. Schäfer (s. Skizze) glaubte aber, die Aufnahme nachgewiesen zu haben.

In der bewegten nachkonziliaren Zeit wird dem männlichen Diakonat von den Bischofskonferenzen weithin zugestimmt werden. Könnten diese sich nicht auch dem Problem der Diakonissin zuwenden? Ihre Weihe (und vielleicht auch ihre Aufnahme in den klerikalen Stand) dürften wohl doch der Erwägung wert sein, ist ja die Frau für die Diakonie in der Kirche besonders geeignet. – Das Priestertum der Frau aber dürfte noch abzulehnen sein. Die Zeit scheint noch nicht reif zu sein. Denn erst einmal müsste die seins- und wesensmäßige, von Gott, dem Schöpfer und Begnader ausgehende Bestimmung und Befähigung der Frau untersucht und geklärt werden.

Ich bitte Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, meine Erwägungen gütig aufnehmen zu wollen.

Von unserer Mutter Äbtissin darf ich ehrerbietige Grüße übermitteln und versichern, dass wir die übergroßen Lasten, die die Auswirkungen des Konzils unseren Bischöfen auferlegen, in steter Anteilnahme und in unserem Beten mittragen.

Mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

ehrfurchtsvoll ergeben

 

Weihbischof Walther Kampe an Sr. Marianna Schrader OSB

Limburg, 2. September 1966

Ehrwürdige Schwester Marianne [sic]!

Sie rühren in Ihrem Schreiben, für das ich herzlich danke, eine schwierige Frage an. Ich glaube, dass sie im Augenblick theologisch nicht zu lösen ist. Es scheint mir besser, auf dem Weg der Praxis voranzuschreiten. Wenn die Kirche das weibliche Diakonat und die Weihe der Diakonissin erneuert, ohne viel zu fragen, ob es sich dabei um eine Teilnahme an dem Ordo oder um ein Sakramentale handelt, wird man eher zu einem Ergebnis kommen. Die alte Kirche hat ähnlich gehandelt. Viele Dinge sind in der Zeit theologisch geklärt worden, die einfach aus dem Leben der Kirche erwachsen waren. Wird aber zu viel theologische Problematik hinein getragen, so ist zu befürchten, dass wir auch in der Praxis nicht vorankommen. Das sollte natürlich nicht ausschließen, dass weiter geforscht und theologisch gearbeitet wird.

Wollen Sie mich bitte Ihrer Mutter Äbtissin empfehlen, der ich für ihre letzte Information noch bestens danken lasse.

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen

+ W. Kampe

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Kardinal [Julius Döpfner]

Abtei St. Hildegard, 29. April 1968

Hochwürdigster Herr Kardinal,

Lumen gentium Nr. 37 hat die einfachen Glieder des Volkes des Gottes ermuntert, unbehindert ihre Anliegen den Bischöfen vorzutragen. Obgleich ich um Ihre außerordentliche Überbelastung weiß, bitte ich, dennoch einige Gedanken äußern zu dürfen, weil sie „die Hälfte“ des Gottesvolkes betreffen.

Seitdem das II. Vaticanum – nach heftiger Diskussion – den frühchristlichen Diakonat in der Kirche wieder eingeführt hat, erfreuen sich die Diakone der so notwendigen Förderung vonseiten der Bischöfe. Vom fraulichen Diakonat war auf dem Konzil keine Rede. Die internationale Studienkonferenz, die vom Internationalen Diakonatskreis vom 22.–24. Oktober 1965 in Rom abgehalten wurde, erwähnte nur beiläufig die Diakonin. P. Congar lehnte sie auf Grund des heiligen Paulus ab! P. Koser OFM hatte einige Worte, die von Verständnis für die Frau zeugten. Die Bischofskonferenzen scheinen sich nicht mit der Diakonin zu befassen. Wegen der in der Kirche leider bis jetzt unüberwindbaren Unterbewertung der Frau findet sie wenig Beachtung. Dagegen hat Papst Paul VI. einen neuen, erfreulichen Anfang gesetzt.

Prof. J. Neumann, Tübingen, hielt am 14. Januar d. J. einen klaren, nüchternen, objektiven Radiovortrag: „Die vergessene Hälfte – Gedanken zur Stellung der Frau in der Kirche“. Es wäre zu wünschen, dass dieser Vortrag vom deutschen Episkopat zur Kenntnis genommen würde. Er könnte eine Wandlung der Stellung der Frau in der Kirche einleiten und vielleicht dazu beitragen, dass hindernde Paragraphen im CIC getilgt würden.

Das Schweigen des Konzils veranlasste mich zu Studien über die Diakonin. Ich habe sie in einer kurzen Skizze zusammengefasst, die ich mir erlaube beizulegen.

Ich konnte u. a. aus der Didascalia et Constitutiones Apostolorum XVII–XX (Funk, 522–525) nachweisen, dass die Diakonin in der Ostkirche dieselbe Weihe wie der Diakon empfing, also in den Klerus eingereiht wurde. Annahme und Ablehnung der ordinatio Diaconarum ebd. 525, Anm. zu XX. H. Schäfer, „Die Kanonissenstifter im Mittelalter“, 25–69 (in U. Stutz: Kirchenrechtliche Abhandlungen 1907) gibt einen orientierenden Einblick in die Institution der Virgines canonicae et diaconissae der Frühkirche. Vielleicht ist es ja doch heute – im Gegensatz zur Frühkirche – eine ungeklärte Frage, die dem Episkopat Schweigen gebietet: kann eine Frau die Diakonatsweihe empfangen? Diese Frage würde zu der weiteren nach dem fraulichen Presbyterat führen. Doch dieses Problem sei hier ausgeschaltet.

Anders verhält es sich mit der Verwirklichung des fraulichen Diakonats. Die Eignung der Frau zur Diakonie in vollem Umfang kann m. E. nicht bestritten werden. Doch müsste sich die Frau (wenigstens einstweilen) mit einer einfachen Weihe, einem Sakramentale, begnügen. Aber alle Dienste des männlichen Diakonats sollten auch ihr übergeben werden, ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar. – Die Diakonin sollte wie der Diakon dem Bischof unterstehen, nicht dem Pfarrer. Die heutige Stellung und der Arbeitsbereich der Seelsorgshelferin genügen nicht.

Das Anliegen „die Frau in der Kirche“ ist meines Erachtens nicht Ausdruck von Emanzipation. Es will reiche, gottgeschenkte Kräfte wecken, entwickeln und fruchtbar machen für den vielgestaltigen Dienst am Volke Gottes. Denn der Frau sind vom Schöpfer selbst Wesenszüge der heiligen Mutter Kirche eingeprägt.

Die vorstehenden Ausführungen geben nur die Ansichten der Schreiberin wieder. Sie sollen nicht Ausdruck der Meinungen von Mutter Äbtissin oder unseres Konventes sein.

Um gütige Aufnahme meiner Erwägungen und um Ihren Segen für das große Haus der heiligen Hildegard, das Ihnen nicht ganz fremd ist, bittet

Euer Eminenz

Ehrfurchtsvoll und dankbar ergebene

 

Gerhard Gruber, Ordinariatsrat, an Marianna Schrader OSB

München, 20. Mai 1968

Wohlehrwürdige Schwester M. Marianna!

Im Auftrag des hochwürdigsten Herrn Kardinal Döpfner bestätige ich mit bestem Dank den Empfang Ihres freundlichen Schreibens vom 1. Mai 1968.

Sie berühren darin ein Thema, das gegenwärtig umstritten sein mag, aber gewiss eingehende Überlegung verdient. Wohl scheint jetzt die Zeit noch nicht reif, das Amt der Diakonin einzuführen; was aber jetzt getan werden kann und soll, ist eine gründliche Prüfung und Klärung der Frage in pastoralen Instituten und Zeitschriften. Mit Ihrem Artikel in der „christlichen Frau“ haben Sie selbst ein Beispiel dafür gegeben.

Indem ich Ihnen freundliche Segensgrüße des Herrn Kardinals übermittle, bin ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr sehr ergebener

Dr. G. Gruber

(Dr. Gerhard Gruber)

Ordinariatsrat

 

Marianna Schrader OSB an Bischof Wilhelm Kempf

[Abtei St. Hildegard], 24. Januar 1969

Hochwürdigster Herr Bischof!

Darf ich mir erlauben, Ihnen den Sonderdruck eines Artikels über die Spiritualität der hl. Hildegard vorzulegen? Ihre große Verehrung unserer lieben Heiligen ermutigt mich hierzu. Und vielleicht hat das Thema auch einige Anziehungskraft in der heutigen Situation der katholischen Frau. Ist doch die hl. Hildegard wirklich eine „moderne“ Frau. Mehr noch, ich möchte sie eine „Diakonin“ nennen, denn ihr ganzes Leben stand im ausschließlichen „Dienst“ der heiligen Kirche. Viele Aufgaben des Diakonats hat sie bereits im 12. Jahrhundert erfüllt.

Und das „Diakonat der Frau“, weiterhin die „Stellung der Frau in der Kirche“ sind es, die mich drängen, diesen Brief an Sie, Hochwürdigster Herr Bischof, zu richten und ich möchte Sie bitten, Ihnen als dem „Vater“ unseres Bistums einige Gedanken offen aussprechen zu dürfen.

Wie oft, wie eingehend, wie dringend wurde das Thema „Die Frau in der Kirche“ und „Das Diakonat der Frau“ dem Episkopat vorgelegt. Aber – er schweigt! Vielleicht in Anlehnung an die Haltung der römischen Kurie und die veralteten Bestimmungen des bisherigen CIC? Und doch haben bereits Papst Johannes XXIII. und auch Stimmen aus dem Konzil es für unhaltbar erklärt, dass der heutigen gewandelten gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Stellung der Frau noch keine Änderung und Anpassung ihrer Rolle in der katholischen Kirche gefolgt ist. Siehe u. a. die ausgezeichnete, maßvolle Schrift mit Dokumentation von G. Heinzelmann „Frauen nach dem Konzil“ (1967) und: St. Joan’s International Alliance, Resolutions, The Catholic Citizen 1967, 130.

Prof. Neumann – Tübingen nimmt in seinem objektiven Radio-Vortrag (14.1.1968) zu diesem Thema Stellung und nennt die Frauen „die vergessene Hälfte“ (die doch mehr als zwei Drittel des Kirchenvolkes ausmachen) und mahnt: die frauliche Intelligenz habe bereits den Auszug aus der Kirche begonnen!

Wäre es dem Episkopat nicht möglich, dahin zu arbeiten, dass die Frau (möglichst auch als Volltheologin) alle kirchlichen Aufgaben des Diakonats übernehmen würde, ausgenommen den Dienst am Altare. Es bedürfte hierzu – wenigstens vorläufig – keiner „klerikalen“ Weihe, sondern nur einer Segnung mit Auftrag. So könnte die Frau die reichen, ihr von Gott gegebenen Gaben in den direkten Dienst des Volkes Gottes stellen.

Darf ich mir noch eine kurze Bemerkung zum zölibatären Priestertum erlauben, das m. E. unbedingt aufrechterhalten bleiben muss, aber eben im Mittelpunkt der Diskussion weiter Kreise steht? Der Zölibat darf keine „Schutzmauer“ gegenüber der Frau sein, die den Priester hindert, die Frau als vollwertigen Menschen anzusehen – wie das leider nur zu oft der Fall ist.

Ob der Episkopat sich trotz der Überlast, die eben auf ihm ruht, auch der „vergessenen Hälfte“ erinnern und dem Diakonat der Frau zur Verwirklichung helfen kann? Wir bewundern die Klugheit, die Klarheit und die Maßhaltung der deutschen Bischöfe. Wir freuen uns, dass immer wieder gerade unsere Limburger Diözese als vorbildlich und führend anerkannt wird. Inständig beten wir, dass unter der Einwirkung und mit der Gnadenhilfe des Heiligen Geistes die Kirche – auch besonders in Deutschland – die gegenwärtige schwere Krise siegreich überwinden möge.

Unsere Mutter Äbtissin lässt ehrfurchtvolle Grüße entbieten, und ich bin mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

in dankbarer Ergebenheit

 

Bischof Wilhelm Kempf an Marianna Schrader OSB

Limburg, 27. Januar 1969

Ehrwürdige Frau Marianne [sic]!

Für die freundliche Übersendung Ihres eingehenden Artikels über die Hl. Hildegard in dem französischen Dictionnaire de spiritualité 1968 sage ich Ihnen aufrichtigen Dank und Glückwunsch!

Ihr besonderes Anliegen betr. Diakonat der Frau bitte ich näher zu präzisieren. Welche Konturen könnte und sollte nach Ihren Vorstellungen die Figur einer Diakonin und ihr Auftrag in concreto haben? Mir scheint, wir brauchen nicht ab ovo neu anzufangen; denn auf dem Gebiet der Caritas, der Pädagogik und der Erwachsenenbildung sind doch inzwischen schon viele Frauen „diakonisch“ tätig.

Für jede Anregung dankbar verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihr

in Christo ergebenster

+ Wilhelm Kempf

epps. Limbgs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“[1] – diesen Satz stellt Sr. Marianna Schrader OSB (1882–1970), Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Eibingen, über ein ihrer Äbtissin vorgelegtes Exposé. Die Hildegardforscherin hat von 1961 an, fast schon achtzigjährig, ihre Reformvorschläge verschiedenen Konzilsvätern vorgetragen und stand darüber im Austausch mit zahlreichen katholischen Akademikerinnen und Akademikern. Anhand der bis zu ihrem letzten Lebensjahr geführten Korrespondenzen lassen sich nicht nur die überragende Bedeutung des Konzils für eine Ordensfrau in einem kontemplativen Orden und das Interesse der gesamten Klostergemeinschaft an diesem Ereignis nachvollziehen, sondern ebenso die Dynamik, die das Konzil ausgelöst hat. Dies gilt zunächst für Marianna Schrader persönlich: waren es zunächst Jungfrauen- und Diakoninnenweihe[2], mit denen sie sich befasste, so weiteten sich allmählich der Kreis ihrer Korrespondenzpartner und der von ihr vorgeschlagenen Reformen. In „heiliger Freiheit“[3] nannte sie später Anliegen, die die Lebensform der Benediktinerinnen selbst berührten: moderatere Klausurvorschriften und die Abschaffung des Gitters, das in vielen kontemplativen Klöstern den Kirchenraum der Nonnen vom Mittelschiff der Kirche trennt(e) und im Sprechzimmer üblich war. Horizont ihrer Überlegungen war „die Frage, ob wir Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation bei diesem Aufbruch mitgehen, ob wir das Überlebte des Mittelalters abstreifen, aber ohne von der Verwirklichung des monastischen Ideals abzuweichen.“[4]

Marianna Schraders Korrespondenz erlaubt darüber hinaus einen Blick aus der Schlüssellochperspektive auf die Konzilsdynamik im Eibinger Konvent, der nicht nur mit „ständigen Gebeten“ das Geschehen in Rom begleitete, sondern auch mit „lebhaftem Interesse“[5] die Konzilsereignisse mittels verschiedenster Medien verfolgte. Agierte Marianna Schrader zunächst ausdrücklich „aus eigener Initiative, nicht im Auftrag unserer hochwürdigen Mutter Äbtissin, aber mit ihrer Erlaubnis“[6] – Randnotizen von Mutter Fortunata Fischer zu einem Manuskript Marianna Schraders ist zu entnehmen, dass die Äbtissin die Aktivitäten ihres Konventsmitglieds zunächst skeptisch bis kritisch verfolgt hat – so erschloss sich Äbtissin und Klostergemeinschaft zunehmend die Plausibilität solcher Petitionen. 1963 trugen Äbtissin und Seniorat in einer Konzilseingabe den letztlich schon seit Kriegsende existenten Wunsch vor, die Trennung von Chorfrauen und Laienschwestern in kontemplativen Frauenklöstern aufzuheben;[7] 1965 verfasste man ein Memorandum zur Jungfrauenweihe.[8]

Aus der Retrospektive ist Marianna Schrader als prophetisch zu bezeichnen – bis auf die Diakoninnenweihe sind heute alle ihre Reformanliegen Wirklichkeit geworden. 2012 schließlich erfüllte sich ein letzter, bereits 1967 unter Berufung auf Weihbischof Kampe vorgetragener Wunsch Marianna Schraders: die Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin.[9]

[1] AAStH Eibingen, Nachlass Schrader, undatierte Schreibmaschinendurchschrift (2 Seiten) mit handschriftlichen Anmerkungen von Äbtissin Fortunata Fischer. Thematik ist das Verständnis des Konvents als „Kirche“. Die Durchschrift ist so schlecht lesbar, dass der Text leider nicht vollständig ediert werden kann. Wir danken M. Clementia Killewald OSB †, Sr. Matthia Eiden OSB † und Sr. Philippa Rath OSB für die gute Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck der Dokumente.

[2] Zur Terminologie: Marianna Schrader spricht zunächst bevorzugt von „Diakonissin“, später verwendet sie den Begriff „Diakonin“. In der Einführung wird einheitlich der Begriff „Diakonin“ verwendet.

[3] Diese Formulierung in einer Vorlage für das Exposé „Das Konzil verfolgt u. a. zwei Ziele“ (vgl. Dok. 76).

[4] Dok. 75.

[5] Vgl. z. B. Dok. 74, 78 und 80.

[6] Dok. 74.

[7] Vgl. Dok. 96.

[8] Vgl. dazu Heyder, Antizipation und Partizipation (in Vorbereitung).

[9] Vgl. Dok. 91.

 

 

 

Reformanliegen Diakonninnenweihe

 

 

Marianna Schrader verstand die Diakoninnenweihe als Weihe für Frauen, die in ihrem kirchlichen Dienst dem Bischof zugeordnet sein sollen und nicht einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinne angehören (müssen): „Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.“ Auch für das Institut der Diakoninnen rekurrierte Marianna Schrader auf historische Vorbilder, insbesondere die „Didascalia et Constitutiones Apostolorum“. In Schraders Argumentationen sind mehrere bemerkenswerte Züge feststellbar: ihre Kirchlichkeit, erkennbar an verschiedenen aus der Korrespondenz mit Experten entstehenden Modifikationen; ihr Pragmatismus, mit dem sie zuletzt „wenigstens einstweilen“ die Thematik der Weihe zurücksetzte, solange Frauen „alle Dienste des männlichen Diakonats, … ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar“ übertragen werden; ihre umfassende theologische und historische Bildung, mit der sie sich genau auf jene Texte bezog, die bis heute die Diskussion bestimmen.

Marianna Schrader hat ihre Bemühungen um die Einführung der Diakoninnenweihe im letzten Konzilsjahr – nach Verabschiedung der Kirchenkonstitution Lumen gentium, die in Nr. 29 die Wiederherstellung des ständigen Diakonats ermöglicht hat – nochmals intensiviert. Dazu gehörte auch, dass sie weitere Verbündete suchte und fand: Die Zusammenarbeit mit Gertrud Ehrle in der Diakonatsfrage ist charakteristisch für die neuen Allianzen zwischen Ordensfrauen und Laienkatholikinnen nach dem Konzil. Dass Marianna Schraders Forderung durchaus plausibel war, zeigen die undogmatischen Reaktionen der Weihbischöfe Frotz und Kampe und nicht zuletzt das von der Würzburger Synode (1971–1975) verabschiedete Votum: „Die Synode bittet den Papst, … die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen.“

Von Dr. Regina Heyder

 

Dokumentation der einzelnen Dokumente

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB an „Ew. Exzellenz“ [Bischof Wilhelm Kempf]

Abtei St. Hildegard, 29. Mai 1961

… Die Ordinatio Diaconissarum

Diese uralte, kirchliche Weihe sollte wieder eingeführt werden und zwar für Mitglieder der Säkularinstitute. Diese Frauen können heute, da sie in der Welt leben, die Consecratio Virginum nicht empfangen. Die Diakonissinnenweihe aber wurde gerade Frauen, die im Dienste der Kirche standen, erteilt. Da diese Weihe nach den Constitutiones Apostolorum zwischen die Weihe des Diakons und Subdiakons eingereiht wurde, zählte die Diakonissin zum Klerus. Über die ordinatio diaconissarum siehe: F. X. Funk, Didascalia et Constitutiones Apostolorum, Teil 1, Paderborn 1905; H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907.

Die vorstehenden Ausführungen erwuchsen aus dem lebhaften Interesse, das wir dem Konzil und seinen Vorbereitungen entgegenbringen. Wir begleiten sie mit unseren ständigen Gebeten und wünschen von Herzen, dass das katholische Volk, unter Führung des Klerus, an diesen für die ganze heilige Kirche so hochwichtigen Vorbereitungen intensiven Anteil nehmen möchte.

Unsere hochwürdige Mutter Äbtissin lässt ihre ehrerbietigen Grüße entbieten. Mit der Bitte um Ihren hohepriesterlichen Segen für die ganze Familie der hl. Hildegard bin ich

Ew. Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB, Exposé: „Das Konzil verfolgt u.a. zwei Ziele“

Ordinatio Diaconissarum

Es wird von Mitgliedern der Kongregationen und der Säkularinstitute oft bedauert, dass sie die Consecratio Virginum nicht empfangen können. Wäre es möglich, für sie die altkirchliche Weihe der Diakonissin wieder einzuführen? Sie wurde gerade denjenigen erteilt, die für die Kirche im Dienst der Liebe tätig waren und verlangte nicht die Jungfräulichkeit. Die Frühkirche zählte vielerorts die Diakonissin zum höheren Klerus. Sie erhielt ihre Weihe nach den Diakonen, vor den Subdiakonen. Über die Diakonissinnenweihe siehe: H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, hg. von U. Stutz, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907, S. 46ff und Didascalia et Constitutiones Apostolorum, T. 1, ed. F. X. Funk, p. 524/25: Weihegebet.

Könnten nicht die Liobaschwestern und Haus Venio, München, für diese Weihe bahnbrechend vorbildlich werden?

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 8. November 1964

Benedicite!

Ew. Exzellenz!

Ihre Intervention während der 112. Generalkongregation des Konzils zu Art. 20 „Förderung der Personenwürde“ am 29. Oktober und Ihr Interview mit der N.C.W.C. am 7. Oktober über das Thema „Neue Möglichkeiten für Frauen in der Kirche schaffen“ haben wir mit lebhaftem Interesse verfolgt. So sah ich mich ermutigt, meine Überlegungen und Studien über ein Thema zu skizzieren, das mich seit längerer Zeit beschäftigt: Die Diakonissin.

Da Ew. Exzellenz dem katholischen Frauenbund nahestehen und der „Frau“ Ihr priesterliches Wohlwollen entgegenbringen, möchte ich Ew. Exzellenz bitten, in der Beilage meine Gedanken kurz aussprechen zu dürfen. Auf dem Konzil wurde wohl über die Diakone verhandelt und ein günstiges Resultat erzielt. Des altkirchlichen Standes der Diakonissin aber geschah keine Erwähnung. Und doch könnte die Diakonissin über die „Seelsorgshelferin“ hinaus eine sehr wertvolle Stütze für die Pfarrseelsorge werden. Der Frau würde durch die altkirchliche Diakonissinnen-Weihe eine neue Würde zuteil. Durch diese Weihe würde sie geheiligt und auf besondere Weise in den Dienst der Kirche treten, mit ihr aufs innigste verbunden werden.

Ew. Exzellenz möchte ich ergebenst ersuchen, Einblick in die Anlage zu nehmen und sie eventuell für die Konzilsbesprechungen zu verwerten.

Um den hohepriesterlichen Segen bittet

Ew. Exzellenz

In XPO ehrerbietig ergebene

Sr. Marianna Schrader OSB

 

Weihbischof Augustinus Frotz an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 9. Januar 1965

Sehr verehrte Schwester Marianna!

Für Ihren Brief vom 8. November 1964 möchte ich Ihnen noch danken, ebenso für die Beilage. Ich habe sie mit Interesse studiert. Persönlich bin ich auch der Auffassung, dass die „Diakonin“ in der Kirche ihren Standort haben muss. Wenn Sie aber die Diskussion über die „Diakone“ auf dem Konzil verfolgt haben, werden Sie erkannt haben, wie schwer es war, der Mehrheit des Konzils das nahezulegen, was jetzt beschlossen ist. Es braucht seine Zeit. Darum hielt ich die Erwähnung des Diakonissen-Berufs und seine Stellung in der Kirche von heute für verfrüht. Ich glaube aber, dass jetzt, nachdem der diakonische Dienst wieder stärker in den Blick gekommen ist, auch die zweite Frage einer neuen Lösung entgegengeht. Es kommt jetzt sehr viel darauf an, dass der „Diakon“ in der Kirche zunächst vollgültig und erstrebenswert sichtbar werde. Wie die Dinge liegen, ist es m. E. Voraussetzung für das zweite.

Also hoffen wir … instanter orantes!

Mit Segenswünschen für Sie und Ihren Konvent

+ Aug. Frotz

Weihbischof

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 21. Januar 1965

Benedicite!

Eurer Exzellenz

danke ich vielmals für Ihren gütigen Brief und die Freundlichkeit, mir das Pastoralblatt mit Ihrem Artikel „Erneuerter Diakonat“ beizulegen. Ja, wir haben die Konzilsdebatten über die Diakone mit Besorgnis verfolgt und das günstige Endergebnis mit Freude begrüßt. Ihren Einblicken in die gegenwärtige seelsorgliche Lage muss ich natürlich voll zustimmen. Die Stellung des Diakons muss zuerst in der Kirche wieder ausgebaut und sein Tätigkeitsbereich gefestigt werden. Dann wird sich die Kirche der Diakonin zuwenden können. Die Voraussetzungen für ihren „Dienst“ sind allerdings schon weithin gegeben. Jedoch wird die Tatsache, dass die Frau in der Kirche ein von der bischöflichen Weihe getragenes Amt bekleidet, besonders dem Klerus fremd erscheinen. Die ungeheuer weiten Aufgaben, die das Konzil unseren Bischöfen und mit ihnen dem ganzen Volke Gottes stellt, begleiten wir mit intensivster Teilnahme, mit Gebet und Opfer. Emitte Spiritum tuum et creabuntur: et renovabis faciem terrae.

Um Ihren Hohepriesterlichen Segen bittet für das ganze Haus der Heiligen Hildegard

Eurer Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

Briefexzerpt „Aus einem Brief von Weihbischof Kampe vom 24.10.1965“

[Limburg, 24. Oktober 1965]

… Sehr interessant fand ich die Ausführungen über die Jungfrauenweihe, obwohl einige Auffassungen durchzuschimmern scheinen, die nicht gerade biblischen Ursprungs sind, sondern aus andern Quellen kommen. Auch hier bin ich der Auffassung, dass man keinen Unterschied zwischen klausurierten Ordensfrauen und anderen Schwesterngemeinschaften machen soll, zumal gerade die letzteren wegen der Gefährdungen in der Welt an diesem Punkt sehr streng sind. Natürlich muss und wird der ganze Ritus vereinfacht und auch theologisch überprüft werden. Die Gedanken von Frau Maura geben dazu wertvolles Material. Auch die Ausführungen von Frau Marianna zur Diakonin waren vor allem in ihrem historischen Teil mir sehr wichtig, zumal gerade hier die internationalen Diakonatskreise tagen. Die Frage wurde auch gestreift, aber jeder Bezug auf die sakramentale Weihe abgelehnt. Hier müsste man gewiss Missverständnisse verhüten, aber der Gedanke der in der Welt lebenden und dem Bischof verbundenen Diakonin (oder wie man sie heute nennen sollte) scheint mir sehr wichtig zu sein. …

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Hannes Kramer, Internationaler Diakonatskreis Freiburg

Abtei St. Hildegard, 8. November 1965

Sehr geehrter Herr Kramer,

die erregenden Konzilsdiskussionen über das Diakonat und die befreiende Schlussannahme des Schemas haben wir mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Soviel uns bekannt wurde, geschah jedoch der Diakonin keine Erwähnung. Das veranlasste mich, meine Studien über die diaconissa und ihre Weihe in der Frühkirche in äußerst gestraffte Notizen zusammenzuschließen. Da heute der Frau noch keine Stellung in der Kirche eingeräumt ist, schien mir der Hinweis auf die Frühkirche dazu angetan, den berechtigten Wünschen der Frau einen Weg zu erschließen. Die Ordinatio diaconissarum würde sie in den klerikalen Stand erheben und ein ihrer Eigenart entsprechendes weites Arbeitsgebiet einräumen. Aus diesen Erwägungen entstand die Skizze: „Die Diakonin, ihre Weihe – ihr Dienst“, die ich Ihnen gerne zur Verfügung übergebe. Bis jetzt ist sie noch nicht im Druck erschienen, wird aber vielleicht veröffentlicht werden.

Auch an der Internationalen Studienkonferenz des Diakonatskreises haben wir mit Interesse teilgenommen. So wäre es mir eine große Freude, wenn die kurzen Ausführungen den für die Kirche so wichtigen Bestrebungen Ihres Kreises ein wenig dienen könnten. Vielleicht darf ich eine Antwort erwarten, welche Aufnahme meine in der Skizze vertretenen Ansichten gefunden haben.

Mit der Versicherung meiner Gebetshilfe für Ihre im Dienst unserer hl. Kirche so bedeutungsvollen Aufgaben und freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

Abtei St. Hildegard, 14. Februar 1966

Pax!

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Die Konzilsdiskussionen über den Diakon haben mich seiner Zeit veranlasst, einige Aufzeichnungen über die Diakonissin zusammenzustellen. Wenn ich recht darüber unterrichtet bin, ist auch einiges zu Ihnen vorgedrungen.

Nun beabsichtige ich die etwas überarbeitete Skizze in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. So möchte ich mir erlauben, Ihnen den Text vorzulegen mit der Anfrage, ob Sie ihn geeignet halten für eine Aufnahme in „die christliche Frau“. Der Leserkreis ist mir zu wenig bekannt.

Oder wären Sie der Meinung, eine andere Zeitschrift würde dem aktuellen Thema mehr entsprechen?

Vielleicht besteht durch die „chr. Frau“ bzw. durch Ihre persönliche Vermittlung die Möglichkeit[9], auch in fremdsprachl[ichen] Fr[auen]Z[ei]tschriften auf uns[ere] Sk[izze] hinzuweisen, so dass in gewisser Weise ein internation[aler] Fr[auen]kreis für unser Thema gewonnen würde. Für 1 gefäll[ige] Rückäußerung wäre ich Ihnen zu Dank verpflichtet.

Mit frdl. Grüßen

in caritate XPI

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

[Abtei St. Hildegard], 23. April 1966

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Gerne übersende ich Ihnen ein zweites Exemplar meiner Skizze über die Diakonissin. Es freute mich aus Ihrem gestrigen Gespräch zu hören, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat, und Sie auch bei der in den nächsten Tagen stattfindenden Versammlung des Frauenbundes der Erzdiözese Köln die Aufmerksamkeit dieses Kreises auf die Diakonissin lenken wollen. Auch dass die Skizze Aufnahme in die „Christliche Frau“ finden wird, begrüße ich sehr. Es ist ja der dringende Wunsch vieler Frauen, dass „die Stellung der Frau in der Kirche“ gehoben wird. Vielleicht kann die kleine Arbeit dazu ein wenig beitragen. Im Grunde geht es ja um die nur zwischen den Zeilen stehende aktuelle Frage: Kann die Frau, weil sie Frau ist, eine Ordinatio empfangen? Das wäre auch ein Gesprächsthema, wenn es Ihnen möglich wäre, bei Ihren vielen Reisen einmal wieder in St. Hildegard vorsprechen zu können.

Würden Sie bitte die Freundlichkeit haben, das heute übersandte Exemplar für den Druck weitergeben zu wollen. Ich erinnere mich nicht, ob in dem Ihnen im Februar überreichten Exemplar einige kleine, aber notwendige Korrekturen eingefügt sind. Darum habe ich sie auf beiliegendem kleinen Zettel notiert.

Nun muss ich nochmals um Entschuldigung bitten, dass Sie gestern ein zweites Mal anrufen mussten. Nächste Woche werde ich sogleich zur Stelle sein!

Mit freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Gertrud Ehrle an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 28. April 1966

Sehr verehrte Schwester Marianna Schrader!

Herzlichen Dank für Ihre gütigen Zeilen und für die Zusendung eines zweiten Exemplares über die Diakonissinnen. Ich hatte am vergangenen Freitag Gelegenheit, mit H. H. Weihbischof Dr. Frotz zu sprechen. Wir beabsichtigen, dieser so drängenden Frage unserer Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es war mir schon als Laienauditorin in Rom klar, dass zu diesem Thema eine besondere nachkonziliare Arbeit in Betracht kommt. Ihre Ausführungen werden wir in der „Christlichen Frau“ bringen. Es folgen jetzt zwei Hefte rasch nacheinander. Wenn Ihre Ausführungen also noch nicht in dem nächsten Heft enthalten sind, dann liegt der Grund darin, dass der Druck bereits abgeschlossen ist. Es folgt aber – wie gesagt – sofort ein weiteres Heft der „Christlichen Frau“, das dann Ihre Ausführungen bringt und ich denke mir, dass weitere Ausführungen folgen werden.

Leider kann ich im Augenblick noch nicht übersehen, wann ich einmal nach Eibingen komme.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Gertrud Ehrle

 

 

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Weihbischof“ [Kampe],

[Abtei St. Hildegard], 13. August 1966

Benedicite!

Hochwürdigster Herr Weihbischof!

Bei Ihrem letzten Besuch in St. Hildegard nahmen Sie den sehr minderwertigen Durchschlag meiner Skizze über die „Diakonissinnenweihe“ mit. Ich darf vielleicht daraus schließen, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat. Inzwischen ist sie in der „Christlichen Frau“ im Druck erschienen, und ich erlaube mir, Ihnen ein Exemplar zuzusenden.

Die mir gütig gewährte Aussprache habe ich damals – mea culpa, mea maxima culpa– leider versäumt, und so bitte ich Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, heute einige Gedanken schriftlich vorbringen zu dürfen.

In der Skizze handelt es sich um die nur zwischen den Zeilen stehende Kernfrage des Problems: Ist die Frau seins- und wesensmäßig vom klerikalen Stand (incl. Priestertum) auszuschließen?

Sie ist nach der Taufe fähig, alle Sakramente zu empfangen, nur das Sakrament der Priesterweihe ist ihr versagt. Warum? Gerade erhielt ich vom Informationszentrum in Freiburg die ersten Hefte „Diakonia“. Heft 2 enthält den kurzen Eintrag „Frauenarbeit im kirchlichen Bereich“ (S. 50/51). Hier wird darauf hingewiesen, dass die Wiedererweckung des beruflichen Diakonats das schwer belastende Faktum der Diskriminierung der Frau im kirchlichen Bereich noch vertiefen wird. –

Meine Skizze weist nach, dass in der Frühkirche des Ostens Diakon und Diakonissin die gleiche Weihe (mit xeirotonia[9]) empfingen. Warum soll die gleiche Weihe nicht die gleiche Wirkung im kirchlichen Raum haben? In der Teilkirche des Ostens war die Aufnahme der Diakonissin in den klerikalen Stand nicht einheitlich durchgeführt. Schäfer (s. Skizze) glaubte aber, die Aufnahme nachgewiesen zu haben.

In der bewegten nachkonziliaren Zeit wird dem männlichen Diakonat von den Bischofskonferenzen weithin zugestimmt werden. Könnten diese sich nicht auch dem Problem der Diakonissin zuwenden? Ihre Weihe (und vielleicht auch ihre Aufnahme in den klerikalen Stand) dürften wohl doch der Erwägung wert sein, ist ja die Frau für die Diakonie in der Kirche besonders geeignet. – Das Priestertum der Frau aber dürfte noch abzulehnen sein. Die Zeit scheint noch nicht reif zu sein. Denn erst einmal müsste die seins- und wesensmäßige, von Gott, dem Schöpfer und Begnader ausgehende Bestimmung und Befähigung der Frau untersucht und geklärt werden.

Ich bitte Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, meine Erwägungen gütig aufnehmen zu wollen.

Von unserer Mutter Äbtissin darf ich ehrerbietige Grüße übermitteln und versichern, dass wir die übergroßen Lasten, die die Auswirkungen des Konzils unseren Bischöfen auferlegen, in steter Anteilnahme und in unserem Beten mittragen.

Mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

ehrfurchtsvoll ergeben

 

Weihbischof Walther Kampe an Sr. Marianna Schrader OSB

Limburg, 2. September 1966

Ehrwürdige Schwester Marianne [sic]!

Sie rühren in Ihrem Schreiben, für das ich herzlich danke, eine schwierige Frage an. Ich glaube, dass sie im Augenblick theologisch nicht zu lösen ist. Es scheint mir besser, auf dem Weg der Praxis voranzuschreiten. Wenn die Kirche das weibliche Diakonat und die Weihe der Diakonissin erneuert, ohne viel zu fragen, ob es sich dabei um eine Teilnahme an dem Ordo oder um ein Sakramentale handelt, wird man eher zu einem Ergebnis kommen. Die alte Kirche hat ähnlich gehandelt. Viele Dinge sind in der Zeit theologisch geklärt worden, die einfach aus dem Leben der Kirche erwachsen waren. Wird aber zu viel theologische Problematik hinein getragen, so ist zu befürchten, dass wir auch in der Praxis nicht vorankommen. Das sollte natürlich nicht ausschließen, dass weiter geforscht und theologisch gearbeitet wird.

Wollen Sie mich bitte Ihrer Mutter Äbtissin empfehlen, der ich für ihre letzte Information noch bestens danken lasse.

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen

+ W. Kampe

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Kardinal [Julius Döpfner]

Abtei St. Hildegard, 29. April 1968

Hochwürdigster Herr Kardinal,

Lumen gentium Nr. 37 hat die einfachen Glieder des Volkes des Gottes ermuntert, unbehindert ihre Anliegen den Bischöfen vorzutragen. Obgleich ich um Ihre außerordentliche Überbelastung weiß, bitte ich, dennoch einige Gedanken äußern zu dürfen, weil sie „die Hälfte“ des Gottesvolkes betreffen.

Seitdem das II. Vaticanum – nach heftiger Diskussion – den frühchristlichen Diakonat in der Kirche wieder eingeführt hat, erfreuen sich die Diakone der so notwendigen Förderung vonseiten der Bischöfe. Vom fraulichen Diakonat war auf dem Konzil keine Rede. Die internationale Studienkonferenz, die vom Internationalen Diakonatskreis vom 22.–24. Oktober 1965 in Rom abgehalten wurde, erwähnte nur beiläufig die Diakonin. P. Congar lehnte sie auf Grund des heiligen Paulus ab! P. Koser OFM hatte einige Worte, die von Verständnis für die Frau zeugten. Die Bischofskonferenzen scheinen sich nicht mit der Diakonin zu befassen. Wegen der in der Kirche leider bis jetzt unüberwindbaren Unterbewertung der Frau findet sie wenig Beachtung. Dagegen hat Papst Paul VI. einen neuen, erfreulichen Anfang gesetzt.

Prof. J. Neumann, Tübingen, hielt am 14. Januar d. J. einen klaren, nüchternen, objektiven Radiovortrag: „Die vergessene Hälfte – Gedanken zur Stellung der Frau in der Kirche“. Es wäre zu wünschen, dass dieser Vortrag vom deutschen Episkopat zur Kenntnis genommen würde. Er könnte eine Wandlung der Stellung der Frau in der Kirche einleiten und vielleicht dazu beitragen, dass hindernde Paragraphen im CIC getilgt würden.

Das Schweigen des Konzils veranlasste mich zu Studien über die Diakonin. Ich habe sie in einer kurzen Skizze zusammengefasst, die ich mir erlaube beizulegen.

Ich konnte u. a. aus der Didascalia et Constitutiones Apostolorum XVII–XX (Funk, 522–525) nachweisen, dass die Diakonin in der Ostkirche dieselbe Weihe wie der Diakon empfing, also in den Klerus eingereiht wurde. Annahme und Ablehnung der ordinatio Diaconarum ebd. 525, Anm. zu XX. H. Schäfer, „Die Kanonissenstifter im Mittelalter“, 25–69 (in U. Stutz: Kirchenrechtliche Abhandlungen 1907) gibt einen orientierenden Einblick in die Institution der Virgines canonicae et diaconissae der Frühkirche. Vielleicht ist es ja doch heute – im Gegensatz zur Frühkirche – eine ungeklärte Frage, die dem Episkopat Schweigen gebietet: kann eine Frau die Diakonatsweihe empfangen? Diese Frage würde zu der weiteren nach dem fraulichen Presbyterat führen. Doch dieses Problem sei hier ausgeschaltet.

Anders verhält es sich mit der Verwirklichung des fraulichen Diakonats. Die Eignung der Frau zur Diakonie in vollem Umfang kann m. E. nicht bestritten werden. Doch müsste sich die Frau (wenigstens einstweilen) mit einer einfachen Weihe, einem Sakramentale, begnügen. Aber alle Dienste des männlichen Diakonats sollten auch ihr übergeben werden, ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar. – Die Diakonin sollte wie der Diakon dem Bischof unterstehen, nicht dem Pfarrer. Die heutige Stellung und der Arbeitsbereich der Seelsorgshelferin genügen nicht.

Das Anliegen „die Frau in der Kirche“ ist meines Erachtens nicht Ausdruck von Emanzipation. Es will reiche, gottgeschenkte Kräfte wecken, entwickeln und fruchtbar machen für den vielgestaltigen Dienst am Volke Gottes. Denn der Frau sind vom Schöpfer selbst Wesenszüge der heiligen Mutter Kirche eingeprägt.

Die vorstehenden Ausführungen geben nur die Ansichten der Schreiberin wieder. Sie sollen nicht Ausdruck der Meinungen von Mutter Äbtissin oder unseres Konventes sein.

Um gütige Aufnahme meiner Erwägungen und um Ihren Segen für das große Haus der heiligen Hildegard, das Ihnen nicht ganz fremd ist, bittet

Euer Eminenz

Ehrfurchtsvoll und dankbar ergebene

 

Gerhard Gruber, Ordinariatsrat, an Marianna Schrader OSB

München, 20. Mai 1968

Wohlehrwürdige Schwester M. Marianna!

Im Auftrag des hochwürdigsten Herrn Kardinal Döpfner bestätige ich mit bestem Dank den Empfang Ihres freundlichen Schreibens vom 1. Mai 1968.

Sie berühren darin ein Thema, das gegenwärtig umstritten sein mag, aber gewiss eingehende Überlegung verdient. Wohl scheint jetzt die Zeit noch nicht reif, das Amt der Diakonin einzuführen; was aber jetzt getan werden kann und soll, ist eine gründliche Prüfung und Klärung der Frage in pastoralen Instituten und Zeitschriften. Mit Ihrem Artikel in der „christlichen Frau“ haben Sie selbst ein Beispiel dafür gegeben.

Indem ich Ihnen freundliche Segensgrüße des Herrn Kardinals übermittle, bin ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr sehr ergebener

Dr. G. Gruber

(Dr. Gerhard Gruber)

Ordinariatsrat

 

Marianna Schrader OSB an Bischof Wilhelm Kempf

[Abtei St. Hildegard], 24. Januar 1969

Hochwürdigster Herr Bischof!

Darf ich mir erlauben, Ihnen den Sonderdruck eines Artikels über die Spiritualität der hl. Hildegard vorzulegen? Ihre große Verehrung unserer lieben Heiligen ermutigt mich hierzu. Und vielleicht hat das Thema auch einige Anziehungskraft in der heutigen Situation der katholischen Frau. Ist doch die hl. Hildegard wirklich eine „moderne“ Frau. Mehr noch, ich möchte sie eine „Diakonin“ nennen, denn ihr ganzes Leben stand im ausschließlichen „Dienst“ der heiligen Kirche. Viele Aufgaben des Diakonats hat sie bereits im 12. Jahrhundert erfüllt.

Und das „Diakonat der Frau“, weiterhin die „Stellung der Frau in der Kirche“ sind es, die mich drängen, diesen Brief an Sie, Hochwürdigster Herr Bischof, zu richten und ich möchte Sie bitten, Ihnen als dem „Vater“ unseres Bistums einige Gedanken offen aussprechen zu dürfen.

Wie oft, wie eingehend, wie dringend wurde das Thema „Die Frau in der Kirche“ und „Das Diakonat der Frau“ dem Episkopat vorgelegt. Aber – er schweigt! Vielleicht in Anlehnung an die Haltung der römischen Kurie und die veralteten Bestimmungen des bisherigen CIC? Und doch haben bereits Papst Johannes XXIII. und auch Stimmen aus dem Konzil es für unhaltbar erklärt, dass der heutigen gewandelten gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Stellung der Frau noch keine Änderung und Anpassung ihrer Rolle in der katholischen Kirche gefolgt ist. Siehe u. a. die ausgezeichnete, maßvolle Schrift mit Dokumentation von G. Heinzelmann „Frauen nach dem Konzil“ (1967) und: St. Joan’s International Alliance, Resolutions, The Catholic Citizen 1967, 130.

Prof. Neumann – Tübingen nimmt in seinem objektiven Radio-Vortrag (14.1.1968) zu diesem Thema Stellung und nennt die Frauen „die vergessene Hälfte“ (die doch mehr als zwei Drittel des Kirchenvolkes ausmachen) und mahnt: die frauliche Intelligenz habe bereits den Auszug aus der Kirche begonnen!

Wäre es dem Episkopat nicht möglich, dahin zu arbeiten, dass die Frau (möglichst auch als Volltheologin) alle kirchlichen Aufgaben des Diakonats übernehmen würde, ausgenommen den Dienst am Altare. Es bedürfte hierzu – wenigstens vorläufig – keiner „klerikalen“ Weihe, sondern nur einer Segnung mit Auftrag. So könnte die Frau die reichen, ihr von Gott gegebenen Gaben in den direkten Dienst des Volkes Gottes stellen.

Darf ich mir noch eine kurze Bemerkung zum zölibatären Priestertum erlauben, das m. E. unbedingt aufrechterhalten bleiben muss, aber eben im Mittelpunkt der Diskussion weiter Kreise steht? Der Zölibat darf keine „Schutzmauer“ gegenüber der Frau sein, die den Priester hindert, die Frau als vollwertigen Menschen anzusehen – wie das leider nur zu oft der Fall ist.

Ob der Episkopat sich trotz der Überlast, die eben auf ihm ruht, auch der „vergessenen Hälfte“ erinnern und dem Diakonat der Frau zur Verwirklichung helfen kann? Wir bewundern die Klugheit, die Klarheit und die Maßhaltung der deutschen Bischöfe. Wir freuen uns, dass immer wieder gerade unsere Limburger Diözese als vorbildlich und führend anerkannt wird. Inständig beten wir, dass unter der Einwirkung und mit der Gnadenhilfe des Heiligen Geistes die Kirche – auch besonders in Deutschland – die gegenwärtige schwere Krise siegreich überwinden möge.

Unsere Mutter Äbtissin lässt ehrfurchtvolle Grüße entbieten, und ich bin mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

in dankbarer Ergebenheit

 

 

Bischof Wilhelm Kempf an Marianna Schrader OSB

Limburg, 27. Januar 1969

Ehrwürdige Frau Marianne [sic]!

Für die freundliche Übersendung Ihres eingehenden Artikels über die Hl. Hildegard in dem französischen Dictionnaire de spiritualité 1968 sage ich Ihnen aufrichtigen Dank und Glückwunsch!

Ihr besonderes Anliegen betr. Diakonat der Frau bitte ich näher zu präzisieren. Welche Konturen könnte und sollte nach Ihren Vorstellungen die Figur einer Diakonin und ihr Auftrag in concreto haben? Mir scheint, wir brauchen nicht ab ovo neu anzufangen; denn auf dem Gebiet der Caritas, der Pädagogik und der Erwachsenenbildung sind doch inzwischen schon viele Frauen „diakonisch“ tätig.

Für jede Anregung dankbar verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihr

in Christo ergebenster

+ Wilhelm Kempf

epps. Limbgs.