“Die Diakonissin – ihre Weihe und ihr Dienst”

Vor mehr als 50 Jahren hat sich unsere verstorbene Mitschwester, Sr. Marianna Schrader OSB, eine unserer großen Hildegardforscherinnen, ebenso engagiert wie fundiert mit dem Thema Diakoninnenweihe (sie benutzte noch den damals üblichen Begriff “Diakonissen”) auseinandergesetzt und auf vielfache Weise versucht, das Thema “Frauen in der Kirche” in die Konzilsberatungen einzubringen.

Sr. Marianna Schrader und viele andere Frauen waren damit ihrer Zeit weit voraus, denn bis heute gibt es keine substantiellen Fortschritte auf diesem Weg. Um zu zeigen, wie aktuell dieses Anliegen auch heute ist, dokumentieren wir einen Artikel, der von ihr in der Zeitschrift “Die Christliche Frau” (3/1966, S. 76-79) erschienen ist.

 

Von Sr. Marianna Sehrader OSB Eibingen

“Weil das II. Vatikanische Konzil bewußt den Geist der Frühkirche aufgegriffen hat und er auch unser modernes Leben durchdringen soll, sei im folgenden auf eine Institution der Frühkirche hingewiesen, das Amt der Diakonissin. Es war gänzlich dem Bewußtsein der heutigen Kirche entschwunden. In den Konzilsverhandlungen wurden nach heftigen Diskussionen die Diakone für den Dienst in der Kirche wieder angenommen. Der Diakonissin aber geschah keine Erwähnung. Doch haben manche Konzilsväter andere Möglichkeiten gefunden, sich für sie einzusetzen. Die Wiedereinführung der Weiblichen Diakonie würde neue Möglichkeiten für “die Frau in der Kirche” schaffen. Darum seien im folgenden kurz einige Erwägungenüber “die Diakonissin in der Frühkirche” und “die Diakonissin heute” vorgelegt.

Die Diakonissin in der Frühkirche

a. Historische Quellen:

Das Amt der Diakonissin wird auf den hl. Paulus zurückgeführt (Röm 16 und 1 Tim 3,10). Schon im außerkirchlichen Bereich des 1. Jhs spricht ein Brief Plinius des Jüngeren (Ep. 10,96) an Kaiser Trajan von christlichen Frauen, die den Titel ministrae, d. h. auf griechisch diakonissae tragen. In der Frühkirche werden sie u. a. diaconissae canonicae genannt, weil sie nach den canones, dem Ordo, den Anweisungen der altkirchlichen Synoden und der Väter, leben. Mehrere Synoden, die Didaskalia, die Constitutiones Apostolorum, Konzilien, u.a. Nicäa und Chalcedon, eine Anzahl von Kirchenlehrern und Kirchenvätern nennen die Diakonissin, Sie ist zuerst in der Ostkirche nachweisbar. Von der Ostkirche übernahm die römische Kirche frühzeitig das Amt der Diakonissin. Es wird in Italien, Gallien und am Rhein bis ins 11. Jahrhundert erwähnt.

b. Die Weihe der Diakonissin:

Der Diakonissin schenkte die Frühkirche ihre besondere Liebe und Hochschätzung, indem sie ihr eine eigene Weihe zuteil werden ließ. Diese Tatsache ist aus vielen Zeugnissen ersichtlich wie aus den in griechischer Sprache verfaßten Constitutiones Apostolorum des 4. Jhs (Kap VIII 19,20). Sie geben den vollen Wortlaut des sehr einfachen Ritus wieder. Nach der Weihe der Presbyter und der Diakone folgt, ebenfalls durch den Bischof, die Weihe der Diakonissinnen. Es schließt sich die Weihe der Subdiakone an.

Aus dem Wortlaut der Diakonissinnenweihe: “Betreffs der Diakonissinnen ordnet Bartholomeus [Apostel] an: Episkopus, breite die Hände über sie aus, umgeben von dem Presbyteriat mit den Diakonen und Diakonissinnen und spreche: Gott, Ewiger, Vater unseres Herrn Jesus Christus, Schöpfer des Mannes und der Frau … Gib ihr den Heiligen Geist und reinige sie von aller Unreinheit des Fleisches und des Geistes, damit sie das ihr übertragene Werk würdig vollbringe zu Deiner Ehre und zum Lobe Deines Christus, mit dem Dir Ruhm und Anbetung sei und mit dem Heiligen Geiste in Ewigkeit. Amen!”

Es ist Tatsache, daß die Riten der Weihe von Diakon und Diakonissin übereinstimmen: Der Spender der Weihe ist der Bischof, der die Hände über die zu Weihenden ausbreitet. Ihm zur Seite stehen die bereits Geweihten. Es folgt das Weihegebet, in dem der Heilige Geist eigens herabgerufen wird. –

Die Ostkirche besteht aus mehreren autokephalen Kirchen mit eigenen Riten. Es konnte noch nicht festgestellt werden, wieviele Teilkirchen die Diakonissinnenweihe übernommen hatten. In der lateinischen Kirche bezeugen die Ordines Romani die Weihe der Diakonissin. Auch hier ist diese dem Bischof vorbehalten. Mabillon berichtet (lter Ital. II S:91) u. a., daß nach dem Ordo Romanus IX die Weihe der diaconissae et presbyterissae auf ähnliche Weise vorgenommen wurde wie die Priester- und Diakonenweihe. Bedeutsam ist, daß im Anfang des 3. Jhs. die Didaskalia (II 26,6) die Diakonisse als Symbol des Heiligen Geistes bezeichnet, und vom Diakon sagt, er stelle Christus dar.

c. Ihr Dienst:

Der Diakonissin waren mehrere Aufgaben übertragen. Es oblag ihr, beim Gottesdienst die notwendige Ordnung unter den Frauen und Kindern aufrechtzuerhalten. Bei der Taufe der Frauen war ihre Hilfe unentbehrlich. Sie durfte Frauen und Kindern die hl. Kommunion reichen und sie kranken Frauen in ihre Häuser bringen. Die Beaufsichtigung der virgines canonicae war ihr anvertraut, weil jene in der Frühkirche noch keine Gemeinschaften bildeten, sondern in ihren Familien lebten. Die Diakonissin hatte in den Gemeinden die Frauen in den christlichen Wahrheiten zu unterrichten, für die Kranken zu sorgen und andere Dienste zu leisten. Die Diakonissinnenweihe verlor allmählich ihre Bedeutung für die Kirche. Im Abendland ging sie nach und nach in die Abtissinnenweihe über.

Die Diakonissin – heute

a. Voraussetzungen:

Für das heilige Amt einer Diakonissin sollten heute folgende Forderungen gelten: Eine eindeutige Berufung von Gott. Von seiten der Kandidatin: echte Religiösität, charakterliche Eignung, Bekenntnis zum Zölibat, Ausbildung in einschlägigen Fachgebieten wie Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Einführung in elementare Kenntnisse der Krankenpflege. Notwendig wären Ausbildung in Latein und eine gründliche theologische Schulung. Zu begrüßen wäre die Weiterbildung begabter Studentinnen an einer theologischen Fakultät. Die Vorbereitung der Weihekandidatinnen läge in der Hand des Ordinarius loci und könnte in einem bischöflichen Seminar erfolgen.

b. Weihe:

Hat die Kandidatin alle Forderungen erfüllt, so wird ihr vom Bischof (nur er hat die Fakultät) die Diakonissinnenweihe erteilt. Die Geweihte steht (wie die Priester und Diakone) unter der Autorität des Diözesanbischofs und ist ihm verantwortlich. Die Diakonissin ist nach der Weihe zur Persolvierung des Breviergebetes verpflichtet.

c. Dienst – diaconia:

Vom Bischof wird die Diakonissin einer Pfarrei zugeteilt, um hier ihren Dienst – ihre Diakonie – auszuüben. Sie ist jedoch nicht die Sekretärin des Pfarrers. In der Gemeinde ist ihr ein weites Betätigungsfeld eingeräumt. Die Familien,- Kranken- und Kinderfürsorge steht ihr offen, Religionsunterricht an den Mädchenschulen mit erzieherischer Betreuung der Schülerinnen. Auch nach der Schulentlassung sollte die weibliche Jugend noch unter der Leitung der Diakonissin verbleiben. – Wie eingangs erwähnt stimmen mehrere Konzilsväter für die Tätigkeit der Frau in der Kirche. Wir möchten uns einigen Vorschlägen anschließen, die Erzbischof P. Hallinan, Atlanta USA, beim Generalsekretariat des Konzils eingereicht hat: “Frauen sollten nach gründlichem Studium und Ausbildung als Diakonissen der Verkündigung des Wortes Gottes dienen und die Sakramente spenden dürfen, die Diakone spenden – besonders die Taufe und die heilige Kommunion. Frauen sollte man ermutigen, Lehrer und theologische Berater zu werden, wenn sie auf diesem Gebiete erfahren sind. Frauen sollten miteinbezogen werden in das, was für die wirksame Durchführung des Laienapostolats nach dem Konzil getan wird . . .” (Vgl. Deutsche Tagespost Nr. 153, 1965)

d. Der Stand:

Die Diakonissin legt keine Gelübde ab und gehört keinem Orden oder Säkularinstitut an. Ihr Dienst beruht einzig auf der Weihe. Durch diese Weihe aber ist sie in der denkbar innigsten Weise mit der hl. Kirche verbunden. Ihre Weihe gibt ihr vor Gott und der Kirche eine eigene Würde sowohl dem Klerus als auch den Laien gegenüber. In den Städten könnten sich die Diakonissinnen zu einer Gesellschaft. zusammenschließen, die dem Bischof untersteht. Die Diakonissinnenweihe kann den Ordensgemeinschaften und ihren Mitgliedern nicht gewährt werden. Sie ist kein additamentum zur Ordensprofeß, denn sie begründet einen eigenen Stand.

Die Konzilsberatungen haben gezeigt, wie schwer die Zustimmung der Väter zum Amt des Diakons zu erringen war. Für die Diakonisse dürfte sie vielleicht nicht so großen Hindernissen begegnen, da die Voraussetzungen bei der Frau durch das bereits weit verbreitete Amt der Seelsorgehelferin teilweise schon gegeben sind. Auf die Bedeutung der Diakonissin für die priesterarmen Länder – wie die Missionen und Lateinamerika – kann nur hingewiesen werden.

Schluß:

Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.”

 

Literatur:

Funk, F. K. Didascalia et Constitutiones Apostolorum, Paderborn 1905, verzeichnet Zustimmung und Ablehnung der Ordinatio diaconissarum.

Schäfer, H. Die Kanonissenstifter im Mittelalter. Kap 3,3 die Diakonissenweihe, ihr Ursprung und ihre Bedeutung; in U. Stütz, Kirchenrechtliche Abhandlungen, Heft 43/44, Stuttgart 1907. Der Verfasser reiht die Diakonissinnen in den klerikalen Stand ein.

Diaconia in Christo. Quaestiones disputatae 15/16 hg. v. Karl Rahner und H. Vorgrimler, Freiburg 1962. Lehnt den klerikalen Stand der Diakonissin ab.

 

Diakoninnenweihe – die Konzilsaktivitäten unserer verstorbenen Sr. Marianna Schrader OSB

In dem soeben erschienenen, ebenso umfangreichen wie spannenden Band „Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“, herausgegeben von Regina Heyder und Gisela Muschiol (Aschendorff Verlag, Münster 2018) sind u.a. auch die umfangreichen Aktivitäten unserer verstorbenen Hildegardforscherin, Sr. Marianna Schrader, zum Thema Diakoninnenweihe dokumentiert. Wie weit unsere Sr. Marianna und viele andere Frauen des Konzils ihrer Zeit voraus waren, und wie wenige Fortschritte seither in dieser für die Frauen in der Kirche so wichtigen Frage erzielt wurden, veranlasst uns dazu, die untenstehenden Dokumente hier allen interessierten und engagierten Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Wir danken den Herausgeberinnen und dem Verlag Aschendorff für die freundliche Abdruckgenehmigung.

Ihre Schwestern von St. Hildegard

 

 

 

Die Konzilsaktivitäten Marianna Schraders OSB (1961–1969)

„Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“[1] – diesen Satz stellt Sr. Marianna Schrader OSB (1882–1970), Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Eibingen, über ein ihrer Äbtissin vorgelegtes Exposé. Die Hildegardforscherin hat von 1961 an, fast schon achtzigjährig, ihre Reformvorschläge verschiedenen Konzilsvätern vorgetragen und stand darüber im Austausch mit zahlreichen katholischen Akademikerinnen und Akademikern. Anhand der bis zu ihrem letzten Lebensjahr geführten Korrespondenzen lassen sich nicht nur die überragende Bedeutung des Konzils für eine Ordensfrau in einem kontemplativen Orden und das Interesse der gesamten Klostergemeinschaft an diesem Ereignis nachvollziehen, sondern ebenso die Dynamik, die das Konzil ausgelöst hat. Dies gilt zunächst für Marianna Schrader persönlich: waren es zunächst Jungfrauen- und Diakoninnenweihe[2], mit denen sie sich befasste, so weiteten sich allmählich der Kreis ihrer Korrespondenzpartner und der von ihr vorgeschlagenen Reformen. In „heiliger Freiheit“[3] nannte sie später Anliegen, die die Lebensform der Benediktinerinnen selbst berührten: moderatere Klausurvorschriften und die Abschaffung des Gitters, das in vielen kontemplativen Klöstern den Kirchenraum der Nonnen vom Mittelschiff der Kirche trennt(e) und im Sprechzimmer üblich war. Horizont ihrer Überlegungen war „die Frage, ob wir Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation bei diesem Aufbruch mitgehen, ob wir das Überlebte des Mittelalters abstreifen, aber ohne von der Verwirklichung des monastischen Ideals abzuweichen.“[4]

Marianna Schraders Korrespondenz erlaubt darüber hinaus einen Blick aus der Schlüssellochperspektive auf die Konzilsdynamik im Eibinger Konvent, der nicht nur mit „ständigen Gebeten“ das Geschehen in Rom begleitete, sondern auch mit „lebhaftem Interesse“[5] die Konzilsereignisse mittels verschiedenster Medien verfolgte. Agierte Marianna Schrader zunächst ausdrücklich „aus eigener Initiative, nicht im Auftrag unserer hochwürdigen Mutter Äbtissin, aber mit ihrer Erlaubnis“[6] – Randnotizen von Mutter Fortunata Fischer zu einem Manuskript Marianna Schraders ist zu entnehmen, dass die Äbtissin die Aktivitäten ihres Konventsmitglieds zunächst skeptisch bis kritisch verfolgt hat – so erschloss sich Äbtissin und Klostergemeinschaft zunehmend die Plausibilität solcher Petitionen. 1963 trugen Äbtissin und Seniorat in einer Konzilseingabe den letztlich schon seit Kriegsende existenten Wunsch vor, die Trennung von Chorfrauen und Laienschwestern in kontemplativen Frauenklöstern aufzuheben;[7] 1965 verfasste man ein Memorandum zur Jungfrauenweihe.[8]

Aus der Retrospektive ist Marianna Schrader als prophetisch zu bezeichnen – bis auf die Diakoninnenweihe sind heute alle ihre Reformanliegen Wirklichkeit geworden. 2012 schließlich erfüllte sich ein letzter, bereits 1967 unter Berufung auf Weihbischof Kampe vorgetragener Wunsch Marianna Schraders: die Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin.[9]

 

[1] AAStH Eibingen, Nachlass Schrader, undatierte Schreibmaschinendurchschrift (2 Seiten) mit handschriftlichen Anmerkungen von Äbtissin Fortunata Fischer. Thematik ist das Verständnis des Konvents als „Kirche“. Die Durchschrift ist so schlecht lesbar, dass der Text leider nicht vollständig ediert werden kann. Wir danken M. Clementia Killewald OSB †, Sr. Matthia Eiden OSB † und Sr. Philippa Rath OSB für die gute Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck der Dokumente.

[2] Zur Terminologie: Marianna Schrader spricht zunächst bevorzugt von „Diakonissin“, später verwendet sie den Begriff „Diakonin“. In der Einführung wird einheitlich der Begriff „Diakonin“ verwendet.

[3] Diese Formulierung in einer Vorlage für das Exposé „Das Konzil verfolgt u. a. zwei Ziele“ (vgl. Dok. 76).

[4] Dok. 75.

[5] Vgl. z. B. Dok. 74, 78 und 80.

[6] Dok. 74.

[7] Vgl. Dok. 96.

[8] Vgl. dazu Heyder, Antizipation und Partizipation (in Vorbereitung).

[9] Vgl. Dok. 91.

 

Reformanliegen Diakonninnenweihe

Marianna Schrader verstand die Diakoninnenweihe als Weihe für Frauen, die in ihrem kirchlichen Dienst dem Bischof zugeordnet sein sollen und nicht einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinne angehören (müssen): „Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.“ Auch für das Institut der Diakoninnen rekurrierte Marianna Schrader auf historische Vorbilder, insbesondere die „Didascalia et Constitutiones Apostolorum“. In Schraders Argumentationen sind mehrere bemerkenswerte Züge feststellbar: ihre Kirchlichkeit, erkennbar an verschiedenen aus der Korrespondenz mit Experten entstehenden Modifikationen; ihr Pragmatismus, mit dem sie zuletzt „wenigstens einstweilen“ die Thematik der Weihe zurücksetzte, solange Frauen „alle Dienste des männlichen Diakonats, … ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar“ übertragen werden; ihre umfassende theologische und historische Bildung, mit der sie sich genau auf jene Texte bezog, die bis heute die Diskussion bestimmen.

Marianna Schrader hat ihre Bemühungen um die Einführung der Diakoninnenweihe im letzten Konzilsjahr – nach Verabschiedung der Kirchenkonstitution Lumen gentium, die in Nr. 29 die Wiederherstellung des ständigen Diakonats ermöglicht hat – nochmals intensiviert. Dazu gehörte auch, dass sie weitere Verbündete suchte und fand: Die Zusammenarbeit mit Gertrud Ehrle in der Diakonatsfrage ist charakteristisch für die neuen Allianzen zwischen Ordensfrauen und Laienkatholikinnen nach dem Konzil. Dass Marianna Schraders Forderung durchaus plausibel war, zeigen die undogmatischen Reaktionen der Weihbischöfe Frotz und Kampe und nicht zuletzt das von der Würzburger Synode (1971–1975) verabschiedete Votum: „Die Synode bittet den Papst, … die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen.“

Von Dr. Regina Heyder

 

Die Dokumente im einzelnen:

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB an „Ew. Exzellenz“ [Bischof Wilhelm Kempf]

Abtei St. Hildegard, 29. Mai 1961

… Die Ordinatio Diaconissarum

Diese uralte, kirchliche Weihe sollte wieder eingeführt werden und zwar für Mitglieder der Säkularinstitute. Diese Frauen können heute, da sie in der Welt leben, die Consecratio Virginum nicht empfangen. Die Diakonissinnenweihe aber wurde gerade Frauen, die im Dienste der Kirche standen, erteilt. Da diese Weihe nach den Constitutiones Apostolorum zwischen die Weihe des Diakons und Subdiakons eingereiht wurde, zählte die Diakonissin zum Klerus. Über die ordinatio diaconissarum siehe: F. X. Funk, Didascalia et Constitutiones Apostolorum, Teil 1, Paderborn 1905; H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907.

Die vorstehenden Ausführungen erwuchsen aus dem lebhaften Interesse, das wir dem Konzil und seinen Vorbereitungen entgegenbringen. Wir begleiten sie mit unseren ständigen Gebeten und wünschen von Herzen, dass das katholische Volk, unter Führung des Klerus, an diesen für die ganze heilige Kirche so hochwichtigen Vorbereitungen intensiven Anteil nehmen möchte.

Unsere hochwürdige Mutter Äbtissin lässt ihre ehrerbietigen Grüße entbieten. Mit der Bitte um Ihren hohepriesterlichen Segen für die ganze Familie der hl. Hildegard bin ich

Ew. Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB, Exposé: „Das Konzil verfolgt u.a. zwei Ziele“

Ordinatio Diaconissarum

Es wird von Mitgliedern der Kongregationen und der Säkularinstitute oft bedauert, dass sie die Consecratio Virginum nicht empfangen können. Wäre es möglich, für sie die altkirchliche Weihe der Diakonissin wieder einzuführen? Sie wurde gerade denjenigen erteilt, die für die Kirche im Dienst der Liebe tätig waren und verlangte nicht die Jungfräulichkeit. Die Frühkirche zählte vielerorts die Diakonissin zum höheren Klerus. Sie erhielt ihre Weihe nach den Diakonen, vor den Subdiakonen. Über die Diakonissinnenweihe siehe: H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, hg. von U. Stutz, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907, S. 46ff und Didascalia et Constitutiones Apostolorum, T. 1, ed. F. X. Funk, p. 524/25: Weihegebet.

Könnten nicht die Liobaschwestern und Haus Venio, München, für diese Weihe bahnbrechend vorbildlich werden?

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 8. November 1964

Benedicite!

Ew. Exzellenz!

Ihre Intervention während der 112. Generalkongregation des Konzils zu Art. 20 „Förderung der Personenwürde“ am 29. Oktober und Ihr Interview mit der N.C.W.C. am 7. Oktober über das Thema „Neue Möglichkeiten für Frauen in der Kirche schaffen“ haben wir mit lebhaftem Interesse verfolgt. So sah ich mich ermutigt, meine Überlegungen und Studien über ein Thema zu skizzieren, das mich seit längerer Zeit beschäftigt: Die Diakonissin.

Da Ew. Exzellenz dem katholischen Frauenbund nahestehen und der „Frau“ Ihr priesterliches Wohlwollen entgegenbringen, möchte ich Ew. Exzellenz bitten, in der Beilage meine Gedanken kurz aussprechen zu dürfen. Auf dem Konzil wurde wohl über die Diakone verhandelt und ein günstiges Resultat erzielt. Des altkirchlichen Standes der Diakonissin aber geschah keine Erwähnung. Und doch könnte die Diakonissin über die „Seelsorgshelferin“ hinaus eine sehr wertvolle Stütze für die Pfarrseelsorge werden. Der Frau würde durch die altkirchliche Diakonissinnen-Weihe eine neue Würde zuteil. Durch diese Weihe würde sie geheiligt und auf besondere Weise in den Dienst der Kirche treten, mit ihr aufs innigste verbunden werden.

Ew. Exzellenz möchte ich ergebenst ersuchen, Einblick in die Anlage zu nehmen und sie eventuell für die Konzilsbesprechungen zu verwerten.

Um den hohepriesterlichen Segen bittet

Ew. Exzellenz

In XPO ehrerbietig ergebene

Sr. Marianna Schrader OSB

 

Weihbischof Augustinus Frotz an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 9. Januar 1965

Sehr verehrte Schwester Marianna!

Für Ihren Brief vom 8. November 1964 möchte ich Ihnen noch danken, ebenso für die Beilage. Ich habe sie mit Interesse studiert. Persönlich bin ich auch der Auffassung, dass die „Diakonin“ in der Kirche ihren Standort haben muss. Wenn Sie aber die Diskussion über die „Diakone“ auf dem Konzil verfolgt haben, werden Sie erkannt haben, wie schwer es war, der Mehrheit des Konzils das nahezulegen, was jetzt beschlossen ist. Es braucht seine Zeit. Darum hielt ich die Erwähnung des Diakonissen-Berufs und seine Stellung in der Kirche von heute für verfrüht. Ich glaube aber, dass jetzt, nachdem der diakonische Dienst wieder stärker in den Blick gekommen ist, auch die zweite Frage einer neuen Lösung entgegengeht. Es kommt jetzt sehr viel darauf an, dass der „Diakon“ in der Kirche zunächst vollgültig und erstrebenswert sichtbar werde. Wie die Dinge liegen, ist es m. E. Voraussetzung für das zweite.

Also hoffen wir … instanter orantes!

Mit Segenswünschen für Sie und Ihren Konvent

+ Aug. Frotz

Weihbischof

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 21. Januar 1965

Benedicite!

Eurer Exzellenz

danke ich vielmals für Ihren gütigen Brief und die Freundlichkeit, mir das Pastoralblatt mit Ihrem Artikel „Erneuerter Diakonat“ beizulegen. Ja, wir haben die Konzilsdebatten über die Diakone mit Besorgnis verfolgt und das günstige Endergebnis mit Freude begrüßt. Ihren Einblicken in die gegenwärtige seelsorgliche Lage muss ich natürlich voll zustimmen. Die Stellung des Diakons muss zuerst in der Kirche wieder ausgebaut und sein Tätigkeitsbereich gefestigt werden. Dann wird sich die Kirche der Diakonin zuwenden können. Die Voraussetzungen für ihren „Dienst“ sind allerdings schon weithin gegeben. Jedoch wird die Tatsache, dass die Frau in der Kirche ein von der bischöflichen Weihe getragenes Amt bekleidet, besonders dem Klerus fremd erscheinen. Die ungeheuer weiten Aufgaben, die das Konzil unseren Bischöfen und mit ihnen dem ganzen Volke Gottes stellt, begleiten wir mit intensivster Teilnahme, mit Gebet und Opfer. Emitte Spiritum tuum et creabuntur: et renovabis faciem terrae.

Um Ihren Hohepriesterlichen Segen bittet für das ganze Haus der Heiligen Hildegard

Eurer Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Briefexzerpt „Aus einem Brief von Weihbischof Kampe vom 24.10.1965“

[Limburg, 24. Oktober 1965]

… Sehr interessant fand ich die Ausführungen über die Jungfrauenweihe, obwohl einige Auffassungen durchzuschimmern scheinen, die nicht gerade biblischen Ursprungs sind, sondern aus andern Quellen kommen. Auch hier bin ich der Auffassung, dass man keinen Unterschied zwischen klausurierten Ordensfrauen und anderen Schwesterngemeinschaften machen soll, zumal gerade die letzteren wegen der Gefährdungen in der Welt an diesem Punkt sehr streng sind. Natürlich muss und wird der ganze Ritus vereinfacht und auch theologisch überprüft werden. Die Gedanken von Frau Maura geben dazu wertvolles Material. Auch die Ausführungen von Frau Marianna zur Diakonin waren vor allem in ihrem historischen Teil mir sehr wichtig, zumal gerade hier die internationalen Diakonatskreise tagen. Die Frage wurde auch gestreift, aber jeder Bezug auf die sakramentale Weihe abgelehnt. Hier müsste man gewiss Missverständnisse verhüten, aber der Gedanke der in der Welt lebenden und dem Bischof verbundenen Diakonin (oder wie man sie heute nennen sollte) scheint mir sehr wichtig zu sein. …

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Hannes Kramer, Internationaler Diakonatskreis Freiburg

Abtei St. Hildegard, 8. November 1965

Sehr geehrter Herr Kramer,

die erregenden Konzilsdiskussionen über das Diakonat und die befreiende Schlussannahme des Schemas haben wir mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Soviel uns bekannt wurde, geschah jedoch der Diakonin keine Erwähnung. Das veranlasste mich, meine Studien über die diaconissa und ihre Weihe in der Frühkirche in äußerst gestraffte Notizen zusammenzuschließen. Da heute der Frau noch keine Stellung in der Kirche eingeräumt ist, schien mir der Hinweis auf die Frühkirche dazu angetan, den berechtigten Wünschen der Frau einen Weg zu erschließen. Die Ordinatio diaconissarum würde sie in den klerikalen Stand erheben und ein ihrer Eigenart entsprechendes weites Arbeitsgebiet einräumen. Aus diesen Erwägungen entstand die Skizze: „Die Diakonin, ihre Weihe – ihr Dienst“, die ich Ihnen gerne zur Verfügung übergebe. Bis jetzt ist sie noch nicht im Druck erschienen, wird aber vielleicht veröffentlicht werden.

Auch an der Internationalen Studienkonferenz des Diakonatskreises haben wir mit Interesse teilgenommen. So wäre es mir eine große Freude, wenn die kurzen Ausführungen den für die Kirche so wichtigen Bestrebungen Ihres Kreises ein wenig dienen könnten. Vielleicht darf ich eine Antwort erwarten, welche Aufnahme meine in der Skizze vertretenen Ansichten gefunden haben.

Mit der Versicherung meiner Gebetshilfe für Ihre im Dienst unserer hl. Kirche so bedeutungsvollen Aufgaben und freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

Abtei St. Hildegard, 14. Februar 1966

Pax!

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Die Konzilsdiskussionen über den Diakon haben mich seiner Zeit veranlasst, einige Aufzeichnungen über die Diakonissin zusammenzustellen. Wenn ich recht darüber unterrichtet bin, ist auch einiges zu Ihnen vorgedrungen.

Nun beabsichtige ich die etwas überarbeitete Skizze in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. So möchte ich mir erlauben, Ihnen den Text vorzulegen mit der Anfrage, ob Sie ihn geeignet halten für eine Aufnahme in „die christliche Frau“. Der Leserkreis ist mir zu wenig bekannt.

Oder wären Sie der Meinung, eine andere Zeitschrift würde dem aktuellen Thema mehr entsprechen?

Vielleicht besteht durch die „chr. Frau“ bzw. durch Ihre persönliche Vermittlung die Möglichkeit[9], auch in fremdsprachl[ichen] Fr[auen]Z[ei]tschriften auf uns[ere] Sk[izze] hinzuweisen, so dass in gewisser Weise ein internation[aler] Fr[auen]kreis für unser Thema gewonnen würde. Für 1 gefäll[ige] Rückäußerung wäre ich Ihnen zu Dank verpflichtet.

Mit frdl. Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

[Abtei St. Hildegard], 23. April 1966

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Gerne übersende ich Ihnen ein zweites Exemplar meiner Skizze über die Diakonissin. Es freute mich aus Ihrem gestrigen Gespräch zu hören, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat, und Sie auch bei der in den nächsten Tagen stattfindenden Versammlung des Frauenbundes der Erzdiözese Köln die Aufmerksamkeit dieses Kreises auf die Diakonissin lenken wollen. Auch dass die Skizze Aufnahme in die „Christliche Frau“ finden wird, begrüße ich sehr. Es ist ja der dringende Wunsch vieler Frauen, dass „die Stellung der Frau in der Kirche“ gehoben wird. Vielleicht kann die kleine Arbeit dazu ein wenig beitragen. Im Grunde geht es ja um die nur zwischen den Zeilen stehende aktuelle Frage: Kann die Frau, weil sie Frau ist, eine Ordinatio empfangen? Das wäre auch ein Gesprächsthema, wenn es Ihnen möglich wäre, bei Ihren vielen Reisen einmal wieder in St. Hildegard vorsprechen zu können.

Würden Sie bitte die Freundlichkeit haben, das heute übersandte Exemplar für den Druck weitergeben zu wollen. Ich erinnere mich nicht, ob in dem Ihnen im Februar überreichten Exemplar einige kleine, aber notwendige Korrekturen eingefügt sind. Darum habe ich sie auf beiliegendem kleinen Zettel notiert.

Nun muss ich nochmals um Entschuldigung bitten, dass Sie gestern ein zweites Mal anrufen mussten. Nächste Woche werde ich sogleich zur Stelle sein!

Mit freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Gertrud Ehrle an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 28. April 1966

Sehr verehrte Schwester Marianna Schrader!

Herzlichen Dank für Ihre gütigen Zeilen und für die Zusendung eines zweiten Exemplares über die Diakonissinnen. Ich hatte am vergangenen Freitag Gelegenheit, mit H. H. Weihbischof Dr. Frotz zu sprechen. Wir beabsichtigen, dieser so drängenden Frage unserer Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es war mir schon als Laienauditorin in Rom klar, dass zu diesem Thema eine besondere nachkonziliare Arbeit in Betracht kommt. Ihre Ausführungen werden wir in der „Christlichen Frau“ bringen. Es folgen jetzt zwei Hefte rasch nacheinander. Wenn Ihre Ausführungen also noch nicht in dem nächsten Heft enthalten sind, dann liegt der Grund darin, dass der Druck bereits abgeschlossen ist. Es folgt aber – wie gesagt – sofort ein weiteres Heft der „Christlichen Frau“, das dann Ihre Ausführungen bringt und ich denke mir, dass weitere Ausführungen folgen werden.

Leider kann ich im Augenblick noch nicht übersehen, wann ich einmal nach Eibingen komme.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Gertrud Ehrle

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Weihbischof“ [Kampe],

[Abtei St. Hildegard], 13. August 1966

Benedicite!

Hochwürdigster Herr Weihbischof!

Bei Ihrem letzten Besuch in St. Hildegard nahmen Sie den sehr minderwertigen Durchschlag meiner Skizze über die „Diakonissinnenweihe“ mit. Ich darf vielleicht daraus schließen, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat. Inzwischen ist sie in der „Christlichen Frau“ im Druck erschienen, und ich erlaube mir, Ihnen ein Exemplar zuzusenden.

Die mir gütig gewährte Aussprache habe ich damals – mea culpa, mea maxima culpa– leider versäumt, und so bitte ich Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, heute einige Gedanken schriftlich vorbringen zu dürfen.

In der Skizze handelt es sich um die nur zwischen den Zeilen stehende Kernfrage des Problems: Ist die Frau seins- und wesensmäßig vom klerikalen Stand (incl. Priestertum) auszuschließen?

Sie ist nach der Taufe fähig, alle Sakramente zu empfangen, nur das Sakrament der Priesterweihe ist ihr versagt. Warum? Gerade erhielt ich vom Informationszentrum in Freiburg die ersten Hefte „Diakonia“. Heft 2 enthält den kurzen Eintrag „Frauenarbeit im kirchlichen Bereich“ (S. 50/51). Hier wird darauf hingewiesen, dass die Wiedererweckung des beruflichen Diakonats das schwer belastende Faktum der Diskriminierung der Frau im kirchlichen Bereich noch vertiefen wird. –

Meine Skizze weist nach, dass in der Frühkirche des Ostens Diakon und Diakonissin die gleiche Weihe (mit xeirotonia[9]) empfingen. Warum soll die gleiche Weihe nicht die gleiche Wirkung im kirchlichen Raum haben? In der Teilkirche des Ostens war die Aufnahme der Diakonissin in den klerikalen Stand nicht einheitlich durchgeführt. Schäfer (s. Skizze) glaubte aber, die Aufnahme nachgewiesen zu haben.

In der bewegten nachkonziliaren Zeit wird dem männlichen Diakonat von den Bischofskonferenzen weithin zugestimmt werden. Könnten diese sich nicht auch dem Problem der Diakonissin zuwenden? Ihre Weihe (und vielleicht auch ihre Aufnahme in den klerikalen Stand) dürften wohl doch der Erwägung wert sein, ist ja die Frau für die Diakonie in der Kirche besonders geeignet. – Das Priestertum der Frau aber dürfte noch abzulehnen sein. Die Zeit scheint noch nicht reif zu sein. Denn erst einmal müsste die seins- und wesensmäßige, von Gott, dem Schöpfer und Begnader ausgehende Bestimmung und Befähigung der Frau untersucht und geklärt werden.

Ich bitte Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, meine Erwägungen gütig aufnehmen zu wollen.

Von unserer Mutter Äbtissin darf ich ehrerbietige Grüße übermitteln und versichern, dass wir die übergroßen Lasten, die die Auswirkungen des Konzils unseren Bischöfen auferlegen, in steter Anteilnahme und in unserem Beten mittragen.

Mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

ehrfurchtsvoll ergeben

 

Weihbischof Walther Kampe an Sr. Marianna Schrader OSB

Limburg, 2. September 1966

Ehrwürdige Schwester Marianne [sic]!

Sie rühren in Ihrem Schreiben, für das ich herzlich danke, eine schwierige Frage an. Ich glaube, dass sie im Augenblick theologisch nicht zu lösen ist. Es scheint mir besser, auf dem Weg der Praxis voranzuschreiten. Wenn die Kirche das weibliche Diakonat und die Weihe der Diakonissin erneuert, ohne viel zu fragen, ob es sich dabei um eine Teilnahme an dem Ordo oder um ein Sakramentale handelt, wird man eher zu einem Ergebnis kommen. Die alte Kirche hat ähnlich gehandelt. Viele Dinge sind in der Zeit theologisch geklärt worden, die einfach aus dem Leben der Kirche erwachsen waren. Wird aber zu viel theologische Problematik hinein getragen, so ist zu befürchten, dass wir auch in der Praxis nicht vorankommen. Das sollte natürlich nicht ausschließen, dass weiter geforscht und theologisch gearbeitet wird.

Wollen Sie mich bitte Ihrer Mutter Äbtissin empfehlen, der ich für ihre letzte Information noch bestens danken lasse.

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen

+ W. Kampe

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Kardinal [Julius Döpfner]

Abtei St. Hildegard, 29. April 1968

Hochwürdigster Herr Kardinal,

Lumen gentium Nr. 37 hat die einfachen Glieder des Volkes des Gottes ermuntert, unbehindert ihre Anliegen den Bischöfen vorzutragen. Obgleich ich um Ihre außerordentliche Überbelastung weiß, bitte ich, dennoch einige Gedanken äußern zu dürfen, weil sie „die Hälfte“ des Gottesvolkes betreffen.

Seitdem das II. Vaticanum – nach heftiger Diskussion – den frühchristlichen Diakonat in der Kirche wieder eingeführt hat, erfreuen sich die Diakone der so notwendigen Förderung vonseiten der Bischöfe. Vom fraulichen Diakonat war auf dem Konzil keine Rede. Die internationale Studienkonferenz, die vom Internationalen Diakonatskreis vom 22.–24. Oktober 1965 in Rom abgehalten wurde, erwähnte nur beiläufig die Diakonin. P. Congar lehnte sie auf Grund des heiligen Paulus ab! P. Koser OFM hatte einige Worte, die von Verständnis für die Frau zeugten. Die Bischofskonferenzen scheinen sich nicht mit der Diakonin zu befassen. Wegen der in der Kirche leider bis jetzt unüberwindbaren Unterbewertung der Frau findet sie wenig Beachtung. Dagegen hat Papst Paul VI. einen neuen, erfreulichen Anfang gesetzt.

Prof. J. Neumann, Tübingen, hielt am 14. Januar d. J. einen klaren, nüchternen, objektiven Radiovortrag: „Die vergessene Hälfte – Gedanken zur Stellung der Frau in der Kirche“. Es wäre zu wünschen, dass dieser Vortrag vom deutschen Episkopat zur Kenntnis genommen würde. Er könnte eine Wandlung der Stellung der Frau in der Kirche einleiten und vielleicht dazu beitragen, dass hindernde Paragraphen im CIC getilgt würden.

Das Schweigen des Konzils veranlasste mich zu Studien über die Diakonin. Ich habe sie in einer kurzen Skizze zusammengefasst, die ich mir erlaube beizulegen.

Ich konnte u. a. aus der Didascalia et Constitutiones Apostolorum XVII–XX (Funk, 522–525) nachweisen, dass die Diakonin in der Ostkirche dieselbe Weihe wie der Diakon empfing, also in den Klerus eingereiht wurde. Annahme und Ablehnung der ordinatio Diaconarum ebd. 525, Anm. zu XX. H. Schäfer, „Die Kanonissenstifter im Mittelalter“, 25–69 (in U. Stutz: Kirchenrechtliche Abhandlungen 1907) gibt einen orientierenden Einblick in die Institution der Virgines canonicae et diaconissae der Frühkirche. Vielleicht ist es ja doch heute – im Gegensatz zur Frühkirche – eine ungeklärte Frage, die dem Episkopat Schweigen gebietet: kann eine Frau die Diakonatsweihe empfangen? Diese Frage würde zu der weiteren nach dem fraulichen Presbyterat führen. Doch dieses Problem sei hier ausgeschaltet.

Anders verhält es sich mit der Verwirklichung des fraulichen Diakonats. Die Eignung der Frau zur Diakonie in vollem Umfang kann m. E. nicht bestritten werden. Doch müsste sich die Frau (wenigstens einstweilen) mit einer einfachen Weihe, einem Sakramentale, begnügen. Aber alle Dienste des männlichen Diakonats sollten auch ihr übergeben werden, ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar. – Die Diakonin sollte wie der Diakon dem Bischof unterstehen, nicht dem Pfarrer. Die heutige Stellung und der Arbeitsbereich der Seelsorgshelferin genügen nicht.

Das Anliegen „die Frau in der Kirche“ ist meines Erachtens nicht Ausdruck von Emanzipation. Es will reiche, gottgeschenkte Kräfte wecken, entwickeln und fruchtbar machen für den vielgestaltigen Dienst am Volke Gottes. Denn der Frau sind vom Schöpfer selbst Wesenszüge der heiligen Mutter Kirche eingeprägt.

Die vorstehenden Ausführungen geben nur die Ansichten der Schreiberin wieder. Sie sollen nicht Ausdruck der Meinungen von Mutter Äbtissin oder unseres Konventes sein.

Um gütige Aufnahme meiner Erwägungen und um Ihren Segen für das große Haus der heiligen Hildegard, das Ihnen nicht ganz fremd ist, bittet

Euer Eminenz

Ehrfurchtsvoll und dankbar ergebene

 

Gerhard Gruber, Ordinariatsrat, an Marianna Schrader OSB

München, 20. Mai 1968

Wohlehrwürdige Schwester M. Marianna!

Im Auftrag des hochwürdigsten Herrn Kardinal Döpfner bestätige ich mit bestem Dank den Empfang Ihres freundlichen Schreibens vom 1. Mai 1968.

Sie berühren darin ein Thema, das gegenwärtig umstritten sein mag, aber gewiss eingehende Überlegung verdient. Wohl scheint jetzt die Zeit noch nicht reif, das Amt der Diakonin einzuführen; was aber jetzt getan werden kann und soll, ist eine gründliche Prüfung und Klärung der Frage in pastoralen Instituten und Zeitschriften. Mit Ihrem Artikel in der „christlichen Frau“ haben Sie selbst ein Beispiel dafür gegeben.

Indem ich Ihnen freundliche Segensgrüße des Herrn Kardinals übermittle, bin ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr sehr ergebener

Dr. G. Gruber

(Dr. Gerhard Gruber)

Ordinariatsrat

 

Marianna Schrader OSB an Bischof Wilhelm Kempf

[Abtei St. Hildegard], 24. Januar 1969

Hochwürdigster Herr Bischof!

Darf ich mir erlauben, Ihnen den Sonderdruck eines Artikels über die Spiritualität der hl. Hildegard vorzulegen? Ihre große Verehrung unserer lieben Heiligen ermutigt mich hierzu. Und vielleicht hat das Thema auch einige Anziehungskraft in der heutigen Situation der katholischen Frau. Ist doch die hl. Hildegard wirklich eine „moderne“ Frau. Mehr noch, ich möchte sie eine „Diakonin“ nennen, denn ihr ganzes Leben stand im ausschließlichen „Dienst“ der heiligen Kirche. Viele Aufgaben des Diakonats hat sie bereits im 12. Jahrhundert erfüllt.

Und das „Diakonat der Frau“, weiterhin die „Stellung der Frau in der Kirche“ sind es, die mich drängen, diesen Brief an Sie, Hochwürdigster Herr Bischof, zu richten und ich möchte Sie bitten, Ihnen als dem „Vater“ unseres Bistums einige Gedanken offen aussprechen zu dürfen.

Wie oft, wie eingehend, wie dringend wurde das Thema „Die Frau in der Kirche“ und „Das Diakonat der Frau“ dem Episkopat vorgelegt. Aber – er schweigt! Vielleicht in Anlehnung an die Haltung der römischen Kurie und die veralteten Bestimmungen des bisherigen CIC? Und doch haben bereits Papst Johannes XXIII. und auch Stimmen aus dem Konzil es für unhaltbar erklärt, dass der heutigen gewandelten gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Stellung der Frau noch keine Änderung und Anpassung ihrer Rolle in der katholischen Kirche gefolgt ist. Siehe u. a. die ausgezeichnete, maßvolle Schrift mit Dokumentation von G. Heinzelmann „Frauen nach dem Konzil“ (1967) und: St. Joan’s International Alliance, Resolutions, The Catholic Citizen 1967, 130.

Prof. Neumann – Tübingen nimmt in seinem objektiven Radio-Vortrag (14.1.1968) zu diesem Thema Stellung und nennt die Frauen „die vergessene Hälfte“ (die doch mehr als zwei Drittel des Kirchenvolkes ausmachen) und mahnt: die frauliche Intelligenz habe bereits den Auszug aus der Kirche begonnen!

Wäre es dem Episkopat nicht möglich, dahin zu arbeiten, dass die Frau (möglichst auch als Volltheologin) alle kirchlichen Aufgaben des Diakonats übernehmen würde, ausgenommen den Dienst am Altare. Es bedürfte hierzu – wenigstens vorläufig – keiner „klerikalen“ Weihe, sondern nur einer Segnung mit Auftrag. So könnte die Frau die reichen, ihr von Gott gegebenen Gaben in den direkten Dienst des Volkes Gottes stellen.

Darf ich mir noch eine kurze Bemerkung zum zölibatären Priestertum erlauben, das m. E. unbedingt aufrechterhalten bleiben muss, aber eben im Mittelpunkt der Diskussion weiter Kreise steht? Der Zölibat darf keine „Schutzmauer“ gegenüber der Frau sein, die den Priester hindert, die Frau als vollwertigen Menschen anzusehen – wie das leider nur zu oft der Fall ist.

Ob der Episkopat sich trotz der Überlast, die eben auf ihm ruht, auch der „vergessenen Hälfte“ erinnern und dem Diakonat der Frau zur Verwirklichung helfen kann? Wir bewundern die Klugheit, die Klarheit und die Maßhaltung der deutschen Bischöfe. Wir freuen uns, dass immer wieder gerade unsere Limburger Diözese als vorbildlich und führend anerkannt wird. Inständig beten wir, dass unter der Einwirkung und mit der Gnadenhilfe des Heiligen Geistes die Kirche – auch besonders in Deutschland – die gegenwärtige schwere Krise siegreich überwinden möge.

Unsere Mutter Äbtissin lässt ehrfurchtvolle Grüße entbieten, und ich bin mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

in dankbarer Ergebenheit

 

Bischof Wilhelm Kempf an Marianna Schrader OSB

Limburg, 27. Januar 1969

Ehrwürdige Frau Marianne [sic]!

Für die freundliche Übersendung Ihres eingehenden Artikels über die Hl. Hildegard in dem französischen Dictionnaire de spiritualité 1968 sage ich Ihnen aufrichtigen Dank und Glückwunsch!

Ihr besonderes Anliegen betr. Diakonat der Frau bitte ich näher zu präzisieren. Welche Konturen könnte und sollte nach Ihren Vorstellungen die Figur einer Diakonin und ihr Auftrag in concreto haben? Mir scheint, wir brauchen nicht ab ovo neu anzufangen; denn auf dem Gebiet der Caritas, der Pädagogik und der Erwachsenenbildung sind doch inzwischen schon viele Frauen „diakonisch“ tätig.

Für jede Anregung dankbar verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihr

in Christo ergebenster

+ Wilhelm Kempf

epps. Limbgs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“[1] – diesen Satz stellt Sr. Marianna Schrader OSB (1882–1970), Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Eibingen, über ein ihrer Äbtissin vorgelegtes Exposé. Die Hildegardforscherin hat von 1961 an, fast schon achtzigjährig, ihre Reformvorschläge verschiedenen Konzilsvätern vorgetragen und stand darüber im Austausch mit zahlreichen katholischen Akademikerinnen und Akademikern. Anhand der bis zu ihrem letzten Lebensjahr geführten Korrespondenzen lassen sich nicht nur die überragende Bedeutung des Konzils für eine Ordensfrau in einem kontemplativen Orden und das Interesse der gesamten Klostergemeinschaft an diesem Ereignis nachvollziehen, sondern ebenso die Dynamik, die das Konzil ausgelöst hat. Dies gilt zunächst für Marianna Schrader persönlich: waren es zunächst Jungfrauen- und Diakoninnenweihe[2], mit denen sie sich befasste, so weiteten sich allmählich der Kreis ihrer Korrespondenzpartner und der von ihr vorgeschlagenen Reformen. In „heiliger Freiheit“[3] nannte sie später Anliegen, die die Lebensform der Benediktinerinnen selbst berührten: moderatere Klausurvorschriften und die Abschaffung des Gitters, das in vielen kontemplativen Klöstern den Kirchenraum der Nonnen vom Mittelschiff der Kirche trennt(e) und im Sprechzimmer üblich war. Horizont ihrer Überlegungen war „die Frage, ob wir Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation bei diesem Aufbruch mitgehen, ob wir das Überlebte des Mittelalters abstreifen, aber ohne von der Verwirklichung des monastischen Ideals abzuweichen.“[4]

Marianna Schraders Korrespondenz erlaubt darüber hinaus einen Blick aus der Schlüssellochperspektive auf die Konzilsdynamik im Eibinger Konvent, der nicht nur mit „ständigen Gebeten“ das Geschehen in Rom begleitete, sondern auch mit „lebhaftem Interesse“[5] die Konzilsereignisse mittels verschiedenster Medien verfolgte. Agierte Marianna Schrader zunächst ausdrücklich „aus eigener Initiative, nicht im Auftrag unserer hochwürdigen Mutter Äbtissin, aber mit ihrer Erlaubnis“[6] – Randnotizen von Mutter Fortunata Fischer zu einem Manuskript Marianna Schraders ist zu entnehmen, dass die Äbtissin die Aktivitäten ihres Konventsmitglieds zunächst skeptisch bis kritisch verfolgt hat – so erschloss sich Äbtissin und Klostergemeinschaft zunehmend die Plausibilität solcher Petitionen. 1963 trugen Äbtissin und Seniorat in einer Konzilseingabe den letztlich schon seit Kriegsende existenten Wunsch vor, die Trennung von Chorfrauen und Laienschwestern in kontemplativen Frauenklöstern aufzuheben;[7] 1965 verfasste man ein Memorandum zur Jungfrauenweihe.[8]

Aus der Retrospektive ist Marianna Schrader als prophetisch zu bezeichnen – bis auf die Diakoninnenweihe sind heute alle ihre Reformanliegen Wirklichkeit geworden. 2012 schließlich erfüllte sich ein letzter, bereits 1967 unter Berufung auf Weihbischof Kampe vorgetragener Wunsch Marianna Schraders: die Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin.[9]

[1] AAStH Eibingen, Nachlass Schrader, undatierte Schreibmaschinendurchschrift (2 Seiten) mit handschriftlichen Anmerkungen von Äbtissin Fortunata Fischer. Thematik ist das Verständnis des Konvents als „Kirche“. Die Durchschrift ist so schlecht lesbar, dass der Text leider nicht vollständig ediert werden kann. Wir danken M. Clementia Killewald OSB †, Sr. Matthia Eiden OSB † und Sr. Philippa Rath OSB für die gute Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck der Dokumente.

[2] Zur Terminologie: Marianna Schrader spricht zunächst bevorzugt von „Diakonissin“, später verwendet sie den Begriff „Diakonin“. In der Einführung wird einheitlich der Begriff „Diakonin“ verwendet.

[3] Diese Formulierung in einer Vorlage für das Exposé „Das Konzil verfolgt u. a. zwei Ziele“ (vgl. Dok. 76).

[4] Dok. 75.

[5] Vgl. z. B. Dok. 74, 78 und 80.

[6] Dok. 74.

[7] Vgl. Dok. 96.

[8] Vgl. dazu Heyder, Antizipation und Partizipation (in Vorbereitung).

[9] Vgl. Dok. 91.

 

 

 

Reformanliegen Diakonninnenweihe

 

 

Marianna Schrader verstand die Diakoninnenweihe als Weihe für Frauen, die in ihrem kirchlichen Dienst dem Bischof zugeordnet sein sollen und nicht einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinne angehören (müssen): „Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.“ Auch für das Institut der Diakoninnen rekurrierte Marianna Schrader auf historische Vorbilder, insbesondere die „Didascalia et Constitutiones Apostolorum“. In Schraders Argumentationen sind mehrere bemerkenswerte Züge feststellbar: ihre Kirchlichkeit, erkennbar an verschiedenen aus der Korrespondenz mit Experten entstehenden Modifikationen; ihr Pragmatismus, mit dem sie zuletzt „wenigstens einstweilen“ die Thematik der Weihe zurücksetzte, solange Frauen „alle Dienste des männlichen Diakonats, … ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar“ übertragen werden; ihre umfassende theologische und historische Bildung, mit der sie sich genau auf jene Texte bezog, die bis heute die Diskussion bestimmen.

Marianna Schrader hat ihre Bemühungen um die Einführung der Diakoninnenweihe im letzten Konzilsjahr – nach Verabschiedung der Kirchenkonstitution Lumen gentium, die in Nr. 29 die Wiederherstellung des ständigen Diakonats ermöglicht hat – nochmals intensiviert. Dazu gehörte auch, dass sie weitere Verbündete suchte und fand: Die Zusammenarbeit mit Gertrud Ehrle in der Diakonatsfrage ist charakteristisch für die neuen Allianzen zwischen Ordensfrauen und Laienkatholikinnen nach dem Konzil. Dass Marianna Schraders Forderung durchaus plausibel war, zeigen die undogmatischen Reaktionen der Weihbischöfe Frotz und Kampe und nicht zuletzt das von der Würzburger Synode (1971–1975) verabschiedete Votum: „Die Synode bittet den Papst, … die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen.“

Von Dr. Regina Heyder

 

Dokumentation der einzelnen Dokumente

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB an „Ew. Exzellenz“ [Bischof Wilhelm Kempf]

Abtei St. Hildegard, 29. Mai 1961

… Die Ordinatio Diaconissarum

Diese uralte, kirchliche Weihe sollte wieder eingeführt werden und zwar für Mitglieder der Säkularinstitute. Diese Frauen können heute, da sie in der Welt leben, die Consecratio Virginum nicht empfangen. Die Diakonissinnenweihe aber wurde gerade Frauen, die im Dienste der Kirche standen, erteilt. Da diese Weihe nach den Constitutiones Apostolorum zwischen die Weihe des Diakons und Subdiakons eingereiht wurde, zählte die Diakonissin zum Klerus. Über die ordinatio diaconissarum siehe: F. X. Funk, Didascalia et Constitutiones Apostolorum, Teil 1, Paderborn 1905; H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907.

Die vorstehenden Ausführungen erwuchsen aus dem lebhaften Interesse, das wir dem Konzil und seinen Vorbereitungen entgegenbringen. Wir begleiten sie mit unseren ständigen Gebeten und wünschen von Herzen, dass das katholische Volk, unter Führung des Klerus, an diesen für die ganze heilige Kirche so hochwichtigen Vorbereitungen intensiven Anteil nehmen möchte.

Unsere hochwürdige Mutter Äbtissin lässt ihre ehrerbietigen Grüße entbieten. Mit der Bitte um Ihren hohepriesterlichen Segen für die ganze Familie der hl. Hildegard bin ich

Ew. Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

 

Auszug aus: Sr. Marianna Schrader OSB, Exposé: „Das Konzil verfolgt u.a. zwei Ziele“

Ordinatio Diaconissarum

Es wird von Mitgliedern der Kongregationen und der Säkularinstitute oft bedauert, dass sie die Consecratio Virginum nicht empfangen können. Wäre es möglich, für sie die altkirchliche Weihe der Diakonissin wieder einzuführen? Sie wurde gerade denjenigen erteilt, die für die Kirche im Dienst der Liebe tätig waren und verlangte nicht die Jungfräulichkeit. Die Frühkirche zählte vielerorts die Diakonissin zum höheren Klerus. Sie erhielt ihre Weihe nach den Diakonen, vor den Subdiakonen. Über die Diakonissinnenweihe siehe: H. Schäfer, Die Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter, in: Kirchenrechtliche Abhandlungen, hg. von U. Stutz, Heft 43 und 44, Stuttgart 1907, S. 46ff und Didascalia et Constitutiones Apostolorum, T. 1, ed. F. X. Funk, p. 524/25: Weihegebet.

Könnten nicht die Liobaschwestern und Haus Venio, München, für diese Weihe bahnbrechend vorbildlich werden?

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 8. November 1964

Benedicite!

Ew. Exzellenz!

Ihre Intervention während der 112. Generalkongregation des Konzils zu Art. 20 „Förderung der Personenwürde“ am 29. Oktober und Ihr Interview mit der N.C.W.C. am 7. Oktober über das Thema „Neue Möglichkeiten für Frauen in der Kirche schaffen“ haben wir mit lebhaftem Interesse verfolgt. So sah ich mich ermutigt, meine Überlegungen und Studien über ein Thema zu skizzieren, das mich seit längerer Zeit beschäftigt: Die Diakonissin.

Da Ew. Exzellenz dem katholischen Frauenbund nahestehen und der „Frau“ Ihr priesterliches Wohlwollen entgegenbringen, möchte ich Ew. Exzellenz bitten, in der Beilage meine Gedanken kurz aussprechen zu dürfen. Auf dem Konzil wurde wohl über die Diakone verhandelt und ein günstiges Resultat erzielt. Des altkirchlichen Standes der Diakonissin aber geschah keine Erwähnung. Und doch könnte die Diakonissin über die „Seelsorgshelferin“ hinaus eine sehr wertvolle Stütze für die Pfarrseelsorge werden. Der Frau würde durch die altkirchliche Diakonissinnen-Weihe eine neue Würde zuteil. Durch diese Weihe würde sie geheiligt und auf besondere Weise in den Dienst der Kirche treten, mit ihr aufs innigste verbunden werden.

Ew. Exzellenz möchte ich ergebenst ersuchen, Einblick in die Anlage zu nehmen und sie eventuell für die Konzilsbesprechungen zu verwerten.

Um den hohepriesterlichen Segen bittet

Ew. Exzellenz

In XPO ehrerbietig ergebene

Sr. Marianna Schrader OSB

 

Weihbischof Augustinus Frotz an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 9. Januar 1965

Sehr verehrte Schwester Marianna!

Für Ihren Brief vom 8. November 1964 möchte ich Ihnen noch danken, ebenso für die Beilage. Ich habe sie mit Interesse studiert. Persönlich bin ich auch der Auffassung, dass die „Diakonin“ in der Kirche ihren Standort haben muss. Wenn Sie aber die Diskussion über die „Diakone“ auf dem Konzil verfolgt haben, werden Sie erkannt haben, wie schwer es war, der Mehrheit des Konzils das nahezulegen, was jetzt beschlossen ist. Es braucht seine Zeit. Darum hielt ich die Erwähnung des Diakonissen-Berufs und seine Stellung in der Kirche von heute für verfrüht. Ich glaube aber, dass jetzt, nachdem der diakonische Dienst wieder stärker in den Blick gekommen ist, auch die zweite Frage einer neuen Lösung entgegengeht. Es kommt jetzt sehr viel darauf an, dass der „Diakon“ in der Kirche zunächst vollgültig und erstrebenswert sichtbar werde. Wie die Dinge liegen, ist es m. E. Voraussetzung für das zweite.

Also hoffen wir … instanter orantes!

Mit Segenswünschen für Sie und Ihren Konvent

+ Aug. Frotz

Weihbischof

Sr. Marianna Schrader OSB an Weihbischof Augustinus Frotz

Abtei St. Hildegard, 21. Januar 1965

Benedicite!

Eurer Exzellenz

danke ich vielmals für Ihren gütigen Brief und die Freundlichkeit, mir das Pastoralblatt mit Ihrem Artikel „Erneuerter Diakonat“ beizulegen. Ja, wir haben die Konzilsdebatten über die Diakone mit Besorgnis verfolgt und das günstige Endergebnis mit Freude begrüßt. Ihren Einblicken in die gegenwärtige seelsorgliche Lage muss ich natürlich voll zustimmen. Die Stellung des Diakons muss zuerst in der Kirche wieder ausgebaut und sein Tätigkeitsbereich gefestigt werden. Dann wird sich die Kirche der Diakonin zuwenden können. Die Voraussetzungen für ihren „Dienst“ sind allerdings schon weithin gegeben. Jedoch wird die Tatsache, dass die Frau in der Kirche ein von der bischöflichen Weihe getragenes Amt bekleidet, besonders dem Klerus fremd erscheinen. Die ungeheuer weiten Aufgaben, die das Konzil unseren Bischöfen und mit ihnen dem ganzen Volke Gottes stellt, begleiten wir mit intensivster Teilnahme, mit Gebet und Opfer. Emitte Spiritum tuum et creabuntur: et renovabis faciem terrae.

Um Ihren Hohepriesterlichen Segen bittet für das ganze Haus der Heiligen Hildegard

Eurer Exzellenz

in XPO ehrfurchtsvoll ergebene

Briefexzerpt „Aus einem Brief von Weihbischof Kampe vom 24.10.1965“

[Limburg, 24. Oktober 1965]

… Sehr interessant fand ich die Ausführungen über die Jungfrauenweihe, obwohl einige Auffassungen durchzuschimmern scheinen, die nicht gerade biblischen Ursprungs sind, sondern aus andern Quellen kommen. Auch hier bin ich der Auffassung, dass man keinen Unterschied zwischen klausurierten Ordensfrauen und anderen Schwesterngemeinschaften machen soll, zumal gerade die letzteren wegen der Gefährdungen in der Welt an diesem Punkt sehr streng sind. Natürlich muss und wird der ganze Ritus vereinfacht und auch theologisch überprüft werden. Die Gedanken von Frau Maura geben dazu wertvolles Material. Auch die Ausführungen von Frau Marianna zur Diakonin waren vor allem in ihrem historischen Teil mir sehr wichtig, zumal gerade hier die internationalen Diakonatskreise tagen. Die Frage wurde auch gestreift, aber jeder Bezug auf die sakramentale Weihe abgelehnt. Hier müsste man gewiss Missverständnisse verhüten, aber der Gedanke der in der Welt lebenden und dem Bischof verbundenen Diakonin (oder wie man sie heute nennen sollte) scheint mir sehr wichtig zu sein. …

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Hannes Kramer, Internationaler Diakonatskreis Freiburg

Abtei St. Hildegard, 8. November 1965

Sehr geehrter Herr Kramer,

die erregenden Konzilsdiskussionen über das Diakonat und die befreiende Schlussannahme des Schemas haben wir mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Soviel uns bekannt wurde, geschah jedoch der Diakonin keine Erwähnung. Das veranlasste mich, meine Studien über die diaconissa und ihre Weihe in der Frühkirche in äußerst gestraffte Notizen zusammenzuschließen. Da heute der Frau noch keine Stellung in der Kirche eingeräumt ist, schien mir der Hinweis auf die Frühkirche dazu angetan, den berechtigten Wünschen der Frau einen Weg zu erschließen. Die Ordinatio diaconissarum würde sie in den klerikalen Stand erheben und ein ihrer Eigenart entsprechendes weites Arbeitsgebiet einräumen. Aus diesen Erwägungen entstand die Skizze: „Die Diakonin, ihre Weihe – ihr Dienst“, die ich Ihnen gerne zur Verfügung übergebe. Bis jetzt ist sie noch nicht im Druck erschienen, wird aber vielleicht veröffentlicht werden.

Auch an der Internationalen Studienkonferenz des Diakonatskreises haben wir mit Interesse teilgenommen. So wäre es mir eine große Freude, wenn die kurzen Ausführungen den für die Kirche so wichtigen Bestrebungen Ihres Kreises ein wenig dienen könnten. Vielleicht darf ich eine Antwort erwarten, welche Aufnahme meine in der Skizze vertretenen Ansichten gefunden haben.

Mit der Versicherung meiner Gebetshilfe für Ihre im Dienst unserer hl. Kirche so bedeutungsvollen Aufgaben und freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

Abtei St. Hildegard, 14. Februar 1966

Pax!

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Die Konzilsdiskussionen über den Diakon haben mich seiner Zeit veranlasst, einige Aufzeichnungen über die Diakonissin zusammenzustellen. Wenn ich recht darüber unterrichtet bin, ist auch einiges zu Ihnen vorgedrungen.

Nun beabsichtige ich die etwas überarbeitete Skizze in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. So möchte ich mir erlauben, Ihnen den Text vorzulegen mit der Anfrage, ob Sie ihn geeignet halten für eine Aufnahme in „die christliche Frau“. Der Leserkreis ist mir zu wenig bekannt.

Oder wären Sie der Meinung, eine andere Zeitschrift würde dem aktuellen Thema mehr entsprechen?

Vielleicht besteht durch die „chr. Frau“ bzw. durch Ihre persönliche Vermittlung die Möglichkeit[9], auch in fremdsprachl[ichen] Fr[auen]Z[ei]tschriften auf uns[ere] Sk[izze] hinzuweisen, so dass in gewisser Weise ein internation[aler] Fr[auen]kreis für unser Thema gewonnen würde. Für 1 gefäll[ige] Rückäußerung wäre ich Ihnen zu Dank verpflichtet.

Mit frdl. Grüßen

in caritate XPI

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an Gertrud Ehrle

[Abtei St. Hildegard], 23. April 1966

Sehr verehrte Frau Dr. Ehrle!

Gerne übersende ich Ihnen ein zweites Exemplar meiner Skizze über die Diakonissin. Es freute mich aus Ihrem gestrigen Gespräch zu hören, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat, und Sie auch bei der in den nächsten Tagen stattfindenden Versammlung des Frauenbundes der Erzdiözese Köln die Aufmerksamkeit dieses Kreises auf die Diakonissin lenken wollen. Auch dass die Skizze Aufnahme in die „Christliche Frau“ finden wird, begrüße ich sehr. Es ist ja der dringende Wunsch vieler Frauen, dass „die Stellung der Frau in der Kirche“ gehoben wird. Vielleicht kann die kleine Arbeit dazu ein wenig beitragen. Im Grunde geht es ja um die nur zwischen den Zeilen stehende aktuelle Frage: Kann die Frau, weil sie Frau ist, eine Ordinatio empfangen? Das wäre auch ein Gesprächsthema, wenn es Ihnen möglich wäre, bei Ihren vielen Reisen einmal wieder in St. Hildegard vorsprechen zu können.

Würden Sie bitte die Freundlichkeit haben, das heute übersandte Exemplar für den Druck weitergeben zu wollen. Ich erinnere mich nicht, ob in dem Ihnen im Februar überreichten Exemplar einige kleine, aber notwendige Korrekturen eingefügt sind. Darum habe ich sie auf beiliegendem kleinen Zettel notiert.

Nun muss ich nochmals um Entschuldigung bitten, dass Sie gestern ein zweites Mal anrufen mussten. Nächste Woche werde ich sogleich zur Stelle sein!

Mit freundlichen Grüßen

in caritate XPI

 

Gertrud Ehrle an Sr. Marianna Schrader OSB

Köln, 28. April 1966

Sehr verehrte Schwester Marianna Schrader!

Herzlichen Dank für Ihre gütigen Zeilen und für die Zusendung eines zweiten Exemplares über die Diakonissinnen. Ich hatte am vergangenen Freitag Gelegenheit, mit H. H. Weihbischof Dr. Frotz zu sprechen. Wir beabsichtigen, dieser so drängenden Frage unserer Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es war mir schon als Laienauditorin in Rom klar, dass zu diesem Thema eine besondere nachkonziliare Arbeit in Betracht kommt. Ihre Ausführungen werden wir in der „Christlichen Frau“ bringen. Es folgen jetzt zwei Hefte rasch nacheinander. Wenn Ihre Ausführungen also noch nicht in dem nächsten Heft enthalten sind, dann liegt der Grund darin, dass der Druck bereits abgeschlossen ist. Es folgt aber – wie gesagt – sofort ein weiteres Heft der „Christlichen Frau“, das dann Ihre Ausführungen bringt und ich denke mir, dass weitere Ausführungen folgen werden.

Leider kann ich im Augenblick noch nicht übersehen, wann ich einmal nach Eibingen komme.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Gertrud Ehrle

 

 

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Weihbischof“ [Kampe],

[Abtei St. Hildegard], 13. August 1966

Benedicite!

Hochwürdigster Herr Weihbischof!

Bei Ihrem letzten Besuch in St. Hildegard nahmen Sie den sehr minderwertigen Durchschlag meiner Skizze über die „Diakonissinnenweihe“ mit. Ich darf vielleicht daraus schließen, dass die kleine Arbeit Ihr Interesse gefunden hat. Inzwischen ist sie in der „Christlichen Frau“ im Druck erschienen, und ich erlaube mir, Ihnen ein Exemplar zuzusenden.

Die mir gütig gewährte Aussprache habe ich damals – mea culpa, mea maxima culpa– leider versäumt, und so bitte ich Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, heute einige Gedanken schriftlich vorbringen zu dürfen.

In der Skizze handelt es sich um die nur zwischen den Zeilen stehende Kernfrage des Problems: Ist die Frau seins- und wesensmäßig vom klerikalen Stand (incl. Priestertum) auszuschließen?

Sie ist nach der Taufe fähig, alle Sakramente zu empfangen, nur das Sakrament der Priesterweihe ist ihr versagt. Warum? Gerade erhielt ich vom Informationszentrum in Freiburg die ersten Hefte „Diakonia“. Heft 2 enthält den kurzen Eintrag „Frauenarbeit im kirchlichen Bereich“ (S. 50/51). Hier wird darauf hingewiesen, dass die Wiedererweckung des beruflichen Diakonats das schwer belastende Faktum der Diskriminierung der Frau im kirchlichen Bereich noch vertiefen wird. –

Meine Skizze weist nach, dass in der Frühkirche des Ostens Diakon und Diakonissin die gleiche Weihe (mit xeirotonia[9]) empfingen. Warum soll die gleiche Weihe nicht die gleiche Wirkung im kirchlichen Raum haben? In der Teilkirche des Ostens war die Aufnahme der Diakonissin in den klerikalen Stand nicht einheitlich durchgeführt. Schäfer (s. Skizze) glaubte aber, die Aufnahme nachgewiesen zu haben.

In der bewegten nachkonziliaren Zeit wird dem männlichen Diakonat von den Bischofskonferenzen weithin zugestimmt werden. Könnten diese sich nicht auch dem Problem der Diakonissin zuwenden? Ihre Weihe (und vielleicht auch ihre Aufnahme in den klerikalen Stand) dürften wohl doch der Erwägung wert sein, ist ja die Frau für die Diakonie in der Kirche besonders geeignet. – Das Priestertum der Frau aber dürfte noch abzulehnen sein. Die Zeit scheint noch nicht reif zu sein. Denn erst einmal müsste die seins- und wesensmäßige, von Gott, dem Schöpfer und Begnader ausgehende Bestimmung und Befähigung der Frau untersucht und geklärt werden.

Ich bitte Sie, hochwürdigster Herr Weihbischof, meine Erwägungen gütig aufnehmen zu wollen.

Von unserer Mutter Äbtissin darf ich ehrerbietige Grüße übermitteln und versichern, dass wir die übergroßen Lasten, die die Auswirkungen des Konzils unseren Bischöfen auferlegen, in steter Anteilnahme und in unserem Beten mittragen.

Mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

ehrfurchtsvoll ergeben

 

Weihbischof Walther Kampe an Sr. Marianna Schrader OSB

Limburg, 2. September 1966

Ehrwürdige Schwester Marianne [sic]!

Sie rühren in Ihrem Schreiben, für das ich herzlich danke, eine schwierige Frage an. Ich glaube, dass sie im Augenblick theologisch nicht zu lösen ist. Es scheint mir besser, auf dem Weg der Praxis voranzuschreiten. Wenn die Kirche das weibliche Diakonat und die Weihe der Diakonissin erneuert, ohne viel zu fragen, ob es sich dabei um eine Teilnahme an dem Ordo oder um ein Sakramentale handelt, wird man eher zu einem Ergebnis kommen. Die alte Kirche hat ähnlich gehandelt. Viele Dinge sind in der Zeit theologisch geklärt worden, die einfach aus dem Leben der Kirche erwachsen waren. Wird aber zu viel theologische Problematik hinein getragen, so ist zu befürchten, dass wir auch in der Praxis nicht vorankommen. Das sollte natürlich nicht ausschließen, dass weiter geforscht und theologisch gearbeitet wird.

Wollen Sie mich bitte Ihrer Mutter Äbtissin empfehlen, der ich für ihre letzte Information noch bestens danken lasse.

Mit den besten Grüßen und Segenswünschen

+ W. Kampe

 

 

Sr. Marianna Schrader OSB an „Hochwürdigster Herr Kardinal [Julius Döpfner]

Abtei St. Hildegard, 29. April 1968

Hochwürdigster Herr Kardinal,

Lumen gentium Nr. 37 hat die einfachen Glieder des Volkes des Gottes ermuntert, unbehindert ihre Anliegen den Bischöfen vorzutragen. Obgleich ich um Ihre außerordentliche Überbelastung weiß, bitte ich, dennoch einige Gedanken äußern zu dürfen, weil sie „die Hälfte“ des Gottesvolkes betreffen.

Seitdem das II. Vaticanum – nach heftiger Diskussion – den frühchristlichen Diakonat in der Kirche wieder eingeführt hat, erfreuen sich die Diakone der so notwendigen Förderung vonseiten der Bischöfe. Vom fraulichen Diakonat war auf dem Konzil keine Rede. Die internationale Studienkonferenz, die vom Internationalen Diakonatskreis vom 22.–24. Oktober 1965 in Rom abgehalten wurde, erwähnte nur beiläufig die Diakonin. P. Congar lehnte sie auf Grund des heiligen Paulus ab! P. Koser OFM hatte einige Worte, die von Verständnis für die Frau zeugten. Die Bischofskonferenzen scheinen sich nicht mit der Diakonin zu befassen. Wegen der in der Kirche leider bis jetzt unüberwindbaren Unterbewertung der Frau findet sie wenig Beachtung. Dagegen hat Papst Paul VI. einen neuen, erfreulichen Anfang gesetzt.

Prof. J. Neumann, Tübingen, hielt am 14. Januar d. J. einen klaren, nüchternen, objektiven Radiovortrag: „Die vergessene Hälfte – Gedanken zur Stellung der Frau in der Kirche“. Es wäre zu wünschen, dass dieser Vortrag vom deutschen Episkopat zur Kenntnis genommen würde. Er könnte eine Wandlung der Stellung der Frau in der Kirche einleiten und vielleicht dazu beitragen, dass hindernde Paragraphen im CIC getilgt würden.

Das Schweigen des Konzils veranlasste mich zu Studien über die Diakonin. Ich habe sie in einer kurzen Skizze zusammengefasst, die ich mir erlaube beizulegen.

Ich konnte u. a. aus der Didascalia et Constitutiones Apostolorum XVII–XX (Funk, 522–525) nachweisen, dass die Diakonin in der Ostkirche dieselbe Weihe wie der Diakon empfing, also in den Klerus eingereiht wurde. Annahme und Ablehnung der ordinatio Diaconarum ebd. 525, Anm. zu XX. H. Schäfer, „Die Kanonissenstifter im Mittelalter“, 25–69 (in U. Stutz: Kirchenrechtliche Abhandlungen 1907) gibt einen orientierenden Einblick in die Institution der Virgines canonicae et diaconissae der Frühkirche. Vielleicht ist es ja doch heute – im Gegensatz zur Frühkirche – eine ungeklärte Frage, die dem Episkopat Schweigen gebietet: kann eine Frau die Diakonatsweihe empfangen? Diese Frage würde zu der weiteren nach dem fraulichen Presbyterat führen. Doch dieses Problem sei hier ausgeschaltet.

Anders verhält es sich mit der Verwirklichung des fraulichen Diakonats. Die Eignung der Frau zur Diakonie in vollem Umfang kann m. E. nicht bestritten werden. Doch müsste sich die Frau (wenigstens einstweilen) mit einer einfachen Weihe, einem Sakramentale, begnügen. Aber alle Dienste des männlichen Diakonats sollten auch ihr übergeben werden, ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar. – Die Diakonin sollte wie der Diakon dem Bischof unterstehen, nicht dem Pfarrer. Die heutige Stellung und der Arbeitsbereich der Seelsorgshelferin genügen nicht.

Das Anliegen „die Frau in der Kirche“ ist meines Erachtens nicht Ausdruck von Emanzipation. Es will reiche, gottgeschenkte Kräfte wecken, entwickeln und fruchtbar machen für den vielgestaltigen Dienst am Volke Gottes. Denn der Frau sind vom Schöpfer selbst Wesenszüge der heiligen Mutter Kirche eingeprägt.

Die vorstehenden Ausführungen geben nur die Ansichten der Schreiberin wieder. Sie sollen nicht Ausdruck der Meinungen von Mutter Äbtissin oder unseres Konventes sein.

Um gütige Aufnahme meiner Erwägungen und um Ihren Segen für das große Haus der heiligen Hildegard, das Ihnen nicht ganz fremd ist, bittet

Euer Eminenz

Ehrfurchtsvoll und dankbar ergebene

 

Gerhard Gruber, Ordinariatsrat, an Marianna Schrader OSB

München, 20. Mai 1968

Wohlehrwürdige Schwester M. Marianna!

Im Auftrag des hochwürdigsten Herrn Kardinal Döpfner bestätige ich mit bestem Dank den Empfang Ihres freundlichen Schreibens vom 1. Mai 1968.

Sie berühren darin ein Thema, das gegenwärtig umstritten sein mag, aber gewiss eingehende Überlegung verdient. Wohl scheint jetzt die Zeit noch nicht reif, das Amt der Diakonin einzuführen; was aber jetzt getan werden kann und soll, ist eine gründliche Prüfung und Klärung der Frage in pastoralen Instituten und Zeitschriften. Mit Ihrem Artikel in der „christlichen Frau“ haben Sie selbst ein Beispiel dafür gegeben.

Indem ich Ihnen freundliche Segensgrüße des Herrn Kardinals übermittle, bin ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr sehr ergebener

Dr. G. Gruber

(Dr. Gerhard Gruber)

Ordinariatsrat

 

Marianna Schrader OSB an Bischof Wilhelm Kempf

[Abtei St. Hildegard], 24. Januar 1969

Hochwürdigster Herr Bischof!

Darf ich mir erlauben, Ihnen den Sonderdruck eines Artikels über die Spiritualität der hl. Hildegard vorzulegen? Ihre große Verehrung unserer lieben Heiligen ermutigt mich hierzu. Und vielleicht hat das Thema auch einige Anziehungskraft in der heutigen Situation der katholischen Frau. Ist doch die hl. Hildegard wirklich eine „moderne“ Frau. Mehr noch, ich möchte sie eine „Diakonin“ nennen, denn ihr ganzes Leben stand im ausschließlichen „Dienst“ der heiligen Kirche. Viele Aufgaben des Diakonats hat sie bereits im 12. Jahrhundert erfüllt.

Und das „Diakonat der Frau“, weiterhin die „Stellung der Frau in der Kirche“ sind es, die mich drängen, diesen Brief an Sie, Hochwürdigster Herr Bischof, zu richten und ich möchte Sie bitten, Ihnen als dem „Vater“ unseres Bistums einige Gedanken offen aussprechen zu dürfen.

Wie oft, wie eingehend, wie dringend wurde das Thema „Die Frau in der Kirche“ und „Das Diakonat der Frau“ dem Episkopat vorgelegt. Aber – er schweigt! Vielleicht in Anlehnung an die Haltung der römischen Kurie und die veralteten Bestimmungen des bisherigen CIC? Und doch haben bereits Papst Johannes XXIII. und auch Stimmen aus dem Konzil es für unhaltbar erklärt, dass der heutigen gewandelten gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Stellung der Frau noch keine Änderung und Anpassung ihrer Rolle in der katholischen Kirche gefolgt ist. Siehe u. a. die ausgezeichnete, maßvolle Schrift mit Dokumentation von G. Heinzelmann „Frauen nach dem Konzil“ (1967) und: St. Joan’s International Alliance, Resolutions, The Catholic Citizen 1967, 130.

Prof. Neumann – Tübingen nimmt in seinem objektiven Radio-Vortrag (14.1.1968) zu diesem Thema Stellung und nennt die Frauen „die vergessene Hälfte“ (die doch mehr als zwei Drittel des Kirchenvolkes ausmachen) und mahnt: die frauliche Intelligenz habe bereits den Auszug aus der Kirche begonnen!

Wäre es dem Episkopat nicht möglich, dahin zu arbeiten, dass die Frau (möglichst auch als Volltheologin) alle kirchlichen Aufgaben des Diakonats übernehmen würde, ausgenommen den Dienst am Altare. Es bedürfte hierzu – wenigstens vorläufig – keiner „klerikalen“ Weihe, sondern nur einer Segnung mit Auftrag. So könnte die Frau die reichen, ihr von Gott gegebenen Gaben in den direkten Dienst des Volkes Gottes stellen.

Darf ich mir noch eine kurze Bemerkung zum zölibatären Priestertum erlauben, das m. E. unbedingt aufrechterhalten bleiben muss, aber eben im Mittelpunkt der Diskussion weiter Kreise steht? Der Zölibat darf keine „Schutzmauer“ gegenüber der Frau sein, die den Priester hindert, die Frau als vollwertigen Menschen anzusehen – wie das leider nur zu oft der Fall ist.

Ob der Episkopat sich trotz der Überlast, die eben auf ihm ruht, auch der „vergessenen Hälfte“ erinnern und dem Diakonat der Frau zur Verwirklichung helfen kann? Wir bewundern die Klugheit, die Klarheit und die Maßhaltung der deutschen Bischöfe. Wir freuen uns, dass immer wieder gerade unsere Limburger Diözese als vorbildlich und führend anerkannt wird. Inständig beten wir, dass unter der Einwirkung und mit der Gnadenhilfe des Heiligen Geistes die Kirche – auch besonders in Deutschland – die gegenwärtige schwere Krise siegreich überwinden möge.

Unsere Mutter Äbtissin lässt ehrfurchtvolle Grüße entbieten, und ich bin mit der Bitte um Ihren bischöflichen Segen

in dankbarer Ergebenheit

 

 

Bischof Wilhelm Kempf an Marianna Schrader OSB

Limburg, 27. Januar 1969

Ehrwürdige Frau Marianne [sic]!

Für die freundliche Übersendung Ihres eingehenden Artikels über die Hl. Hildegard in dem französischen Dictionnaire de spiritualité 1968 sage ich Ihnen aufrichtigen Dank und Glückwunsch!

Ihr besonderes Anliegen betr. Diakonat der Frau bitte ich näher zu präzisieren. Welche Konturen könnte und sollte nach Ihren Vorstellungen die Figur einer Diakonin und ihr Auftrag in concreto haben? Mir scheint, wir brauchen nicht ab ovo neu anzufangen; denn auf dem Gebiet der Caritas, der Pädagogik und der Erwachsenenbildung sind doch inzwischen schon viele Frauen „diakonisch“ tätig.

Für jede Anregung dankbar verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihr

in Christo ergebenster

+ Wilhelm Kempf

epps. Limbgs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bildband über die Wandmalereien unserer Abteikirche erschienen

Unter dem Titel “Gotteswohnung – Die Wandmalereien der Abteikirche St. Hildegard als ein Hauptwerk der Beuroner Kunstschule” ist jetzt die Doktorarbeit unserer Sr. Klara Antons OSB im Beuroner Kunstverlag erschienen. Der sehr schön gestaltete Band mit einer Fülle von bisher unveröffentlichten Bildern untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum unserer Abteikirche, die in den Jahren 1907-14 von den Malerinnen und Malern der Beuroner Kunstschule unter Leitung von Pater Paulus Krebs ausgemalt wurde. Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang.

Der Band hat 384 Seiten und enthält 277 Abbildungen. Er ist ab sofort über unseren Klosterladen (klosterladen@abtei-st-hildegard.de) zum Preis von € 34,80 zu erwerben.

 

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Bandes und seiner Ergebnisse:

Virulentes Thema gegenwärtiger Liturgiewissenschaft ist der Stellenwert sakraler Räume in einer sich radikal verändernden Gesellschaft. Neuere Forschungen belegen, dass die auratische Wirkung religiöser Orte und Räume stärker als vor einigen Jahrzehnten wahrgenommen und gesucht wird. Die vorliegende Arbeit untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum der Abteikirche St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein (Ausmalung 1907-14). Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang. Der Anspruch der Kunstschule war nicht nur die christliche Kunst zu reformieren, sondern durch die Rückkehr zu den Wurzeln der Gotteserfahrung der „Alten“ den Lebensraum für die Erneuerung des Mönchtums und der Liturgie zu schaffen.

Die als „Beuroner Kunst“ bezeichnete Gesamtgestaltung kultisch/liturgischer Räume ist hervorgegangen aus der gegenseitigen Befruchtung des 1863 in Beuron neugegründeten benediktinischen Reformklosters und einer Künstlergruppe um Peter Lenz (1832-1928), Jakob Wüger (1829-1892) und Fridolin Steiner (1849-1906), die später selbst Mönche wurden unter den Namen P. Desiderius, P. Gabriel und P. Lukas. Die Begegnung mit der altägyptischen Kunst, vermittelt durch die Forschungsberichte der Königlich-Preußischen Expedition nach Ägypten von 1842-45 von Karl-Richard Lepsius, bestärkte in Lenz das Streben nach Überwindung der – seiner Ansicht nach – gefühlvollen Kunst des Historismus und Naturalismus hin zu einer objektiven christlichen Kunst, die überzeitlich gültige religiöse Wahrheiten ausdrücken sollte. Das Zentrum dieser Suche bildet Lenz‘ Arbeit am Kanon, einer aus der Geometrie abgeleiteten Proportionslehre, die zur allgemeingültigen Richtschnur und Konstruktionsgrundlage der Darstellungen der Kunstschule wurde. Durch die strikte Einhaltung des Kanon sollte alle Subjektivität in der Darstellung vermieden werden.

Forschungen zur Beuroner Kunst haben bisher vor allem deren Genese und Stellung in der Kunst der Moderne erarbeitet. Es wurde jedoch noch nie versucht, an einem großen, in sich geschlossenen Werk der Kunstschule dessen Dimensionen aufzuspüren, aufzuzeigen und deren Wirkungen auf die Betrachter und Betrachterinnen zu untersuchen. Die Abtei St. Hildegard bietet sich dafür an, weil sie der einzige Ort in Europa ist, an dem eine fast geschlossene Beuronische Gestaltung und monastische Liturgie noch zusammen kommen.

Die Fragestellung steht unter einem deutlichen Erwartungshorizont. Am Ende der Untersuchung sollen Grundlagen und Horizonte  für die Sanierung des Raumes stehen, für die ein theologisches Gesamtkonzept gegenwärtiger klösterlicher Liturgie in diesem konkreten Raum zu entwerfen ist und in dem kunstgeschichtliche und denkmalpflegerische Positionen ihren je eigenen Stellenwert erhalten.

Die vorliegende Arbeit ist dafür in vier große Teile gegliedert. Im ersten Teil wird einleitend die Geschichte der Abtei St. Hildegard dargestellt. Neben der Bauforschung wird hier auch ein erster Überblick über das theologische Konzept der Ausgestaltung der Kirche und dessen Veränderungen in den 1960er Jahren geboten.

Der zweite Teil besteht im Kern aus einer nur leicht kommentierten und mit zeitgenössischem Bildmaterial illustrierten Quellenedition zum Wirken der Kunstschule für die Zeit der Ausmalung in St. Hildegard. Dadurch können sich die Leser und Leserinnen selbst ein Bild machen von den Erwartungen und Handlungsimpulsen der beteiligten Persönlichkeiten. Die Edition der Quellen zum Entstehungszusammenhang des Gesamtkunstwerkes der Eibinger Abtei St. Hildegard bietet nicht nur einen detaillierten Einblick in die komplexe Entstehungsgeschichte der Wandgemälde, sondern zeigt darüber hinaus viele Einzelheiten und Zusammenhänge zum Klosterleben und zur Organisation der Kunstschule am Anfang des 20. Jahrhunderts auf.

Der dritte Teil wertet die Quellen aus, untersucht die Malereien der verschiedenen Raumteile im Einzelnen und zeigt ihre Genese, Vorbilder, Deutungen und Wirkungen auf. Mit dem Rekurs auf die verschiedenen altägyptischen Vorlagen wird der Blick über Bekanntes hinaus geweitet. Durch die Erforschung der einzelnen Wandbilder (zusammen mit den Ergebnissen des vierten Teils)  wird gleichzeitig eine Art Raumbuch geschaffen, sodass in nahezu vollständiger Weise zu jedem Bild Vorlagen, Entwürfe, Kartons, historische Fotos und Unterlagen zu Restaurierungen und Veränderungen bis hin zum materialen Schichtaufbau der Wände greifbar werden. Die Betrachtung bleibt aber nicht auf der pragmatischen Ebene, sondern nimmt auch die geistes- und theologiegeschichtlichen Hintergründe in den Blick. Das Ziel ist eine theologisch-spirituelle Erschließung des ikonografischen Konzepts als Grundlage für einen adäquaten Umgang mit dem Raum und seiner restauratorischen Ertüchtigung in Hinblick auf Liturgie und Spiritualität, aber auch in Hinblick auf wachsende Touristenströme.

Im vierten Teil werden die technischen Daten zur Malerei aufgearbeitet und die im Laufe der Zeit vorgenommenen Veränderungen untersucht. Den wichtigsten Teil nimmt hierbei die Aufarbeitung des Prozesses ein, der zur Übermalung der Malereien im Frauenchor geführt hat.

Als Ergebnisse stehen in Kapitel fünf unter dem Titel Perspektiven einerseits die Eckdaten für den anstehenden Prozess der Erstellung eines soliden Sanierungs- bzw. Restaurierungskonzeptes, bei dem es gilt, Denkmalpflege und Liturgie, ökonomische und ökologische Gesichtspunkte, Außen- und Innenperspektive miteinander in Einklang zu bringen. Darüber hinaus betrachtet die theologische Reflexion die gewonnenen Ergebnisse von der Meta-Ebene aus und beleuchtet ihre kirchliche und gesellschaftliche Relevanz.  

Dabei wird deutlich, dass Beuroner Kunst – entgegen dem Vorurteil – keine flache Schablonenmalerei ist. Thomas Holenstein und Paulus Krebs haben eine geniale kontextuelle Theologie für den Frauenchor entworfen, deren Verlust durch Übermalung sowohl aus kunsthistorischer als auch frauentheologischer Perspektive schwer wiegt. Die Bildfindung der Beuroner Malerei in St. Hildegard ist überraschend neu und unangepasst. Die Darstellungen sind Ausdruck des Selbstverständnisses der Nonnen, die ihren aufgetragenen Dienst – den Vollzug des kirchlichen Stundengebetes – gewissenhaft und selbstbewusst als gleichsam priesterlichen Dienst wahrnehmen. Insgesamt ergibt sich ein verblüffend modernes theologisches Konzept, welches die beiden Seiten der Liturgie dargestellt, lange vor den diesbezüglichen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort wird ausgesagt, dass christlicher Gottesdienst ineinander verschränkt Ereignis ist, das uns geschieht, und Tun, das wir vollziehen. „Opus Dei“, so der Fachbegriff benediktinischen Gottdienstes, ist zugleich Gottes Werk an uns und unser Werk für Gott. Die geschenkhafte (katabatische) Dimension ist im Kirchenschiff zum Ausdruck gebracht, die darbringende (anabatische) im Nonnenchor. So ist die Abteikirche mit ihrer Beuronischen Malerei kein purer Versammlungsraum. Sie ist christlicher Sakralraum und darüber hinaus religiös offener Transzendenzraum.

Darüber hinaus ist der Kirchenraum nicht nur, wie ausgehend dargelegt, „Subjekt“ der Liturgie, sondern wirkt durch seine Ausstrahlung auch als „Subjekt“ der Denkmalpflege. Das bedeutet einerseits, dass der Kirchenraum quasi selbst für seine Erhaltung verantwortlich ist. Wenn seine Stellung – überregional und international bekannt durch die Verehrung der hl. Hildegard – so ist, dass er auch als Identifikationspunkt für die Stadt Rüdesheim und den Rheingau wirkt, ist seine Erhaltung das Anliegen vieler. Wenn die Identifizierung dazu noch familiär, lebensgeschichtlich und emotional ist, kann sie enorme Ressourcen freisetzen, diesen geistlichen Mittelpunkt zu erhalten. Damit ist zugleich ausgesagt, dass Kirchenräume eben nicht nur „Adiaphora“ sind, sondern konstitutiv für den Glauben und die Beheimatung in der Glaubensgemeinschaft. Ein nur virtueller Besuch kann diesen Eindruck nicht vermitteln. Der technische Fortschritt kann nicht die Einkehr am „heiligen Ort“ ersetzen. Dem entspricht, dass Globalisierung nicht identisch ist mit fortschreitender Homogenisierung aller Kulturen, sondern es vielmehr immer unterschiedene, unterschiedliche Identitäten gibt und geben wird. Durch „Glokalisierung“, den „spatial turn“ zum einzigartigen Ort werden Räume der Selbsttranszendenz neu wahrgenommen. Kulturdenkmäler erlauben einzutreten in eine fremde und offene Welt, einen Hybridraum der Transzendenz. Kirchen stellen ein Angebot dar für Menschen, die nach Orientierung und Sinn suchen; und das auf mehreren verwobenen Ebenen: der Ebene des Religiösen, der Kunst und der Zeit.

Die Beuronische Ausmalung in St. Hildegard bietet einen Einstieg in den Andersort auch durch die „Heterochronie“ der dargestellten Szenen. Die Arche Noah mit ihren altorientalischen Parallelen, der Sphinx und viele andere Details für die altägyptische Kultur, der Altar des unbekannten Gottes und die Siegeskränze der Heiligen für den griechischen Kulturkreis und die Zitation der römischen Basiliken für den lateinischen. Dargestellt ist eine „Anhäufung von Zeit und Wissen am unerschütterlichen Ort“. Durch die Bilder hat der Kirchenraum „Haken“ oder „Passstellen“ in die wie ein Puzzle-Stück passgenau jeweils aktuelle Blickpunkte und Theologien verankert wurden und verankert werden können. Der Anhäufung von Zeit entsprechen eine Anhäufung von Energie der Verehrung und Klangspuren, die die Raumqualität quasi materiell verdichten. Der bergende Kirchenraum verbindet mit den Generationen von Vorfahren am Ort und dargestellten Heiligen und öffnet den Blick in die Zukunft. Damit ist der Kirchenraum die „materialisierte Erinnerung an die Erinnerung“.

Diesen besonderen und wirkungsvollen Ort gilt es zu bewahren. Ihn den verschiedensten Menschen, auch den zufällig vorbeikommenden Wandernden und Touristen und Touristinnen als Sinn­ort und Transzendenzort offen zu halten ist eines, ihn darüber hinaus als Liturgieort erkennbar lebendig und inspirierend zu nutzen, könnte ihn noch mehr zu einem spirituellen Kraftort für Suchende und zu einem Glaubenszentrum in der Diözese werden lassen. Ein Drittes ist, die Malerei auch wieder oder neu als besonderes Kulturphänomen, als außergewöhnlichen Kunst- und Kulturschatz zu begreifen, der den Rheingau und die Stadt Rüdesheim am Eingangstor zum Unesco-Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal bereichert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.01.2018

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Gottes große Töchter – die aktuelle Ausstellung im Kunstkeller

Die Künstlerin

Susanne Janssen, geboren 1965, studierte zunächst Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule für Gestaltung in Düsseldorf. Nach dem Diplom 1992 und einem Volontariat in der Kommunikationsabteilung des Carl Hanser Verlags in München entwirft sie erste Buchumschläge, u.a. zu einer Märchensammlung Italo Calvinos (erschienen in Hanser Verlag). Seit 1993 arbeitet sie als freie Buchillustratorin und Malerin, veröffentlicht zahlreiche Bücher für Verlage in Deutschland, Frankreich und Spanien. Ihre Veröffentlichungen werden in mehrere Sprachen übersetzt und erscheinen in Südkorea, Brasilien, den Niederlanden und Portugal. Neben zahlreichen Auszeichnungen, wiederholten Nominierungen und dem Grand Prix Illustrarte 2007 in Lissabon erhält sie 2008 den deutschen Jugendliteratur-preis für ihre Arbeit „Hänsel und Gretel“, erschienen bei Editions Être in Paris und dem Hinstorff Verlag in Rostock. Parallel zu den Buchveröffentlichungen werden Ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen in ganz Europa gezeigt. Den Bildzyklus „Gottes große Töchter“, der nun in der Abtei St. Hildegard zu sehen ist, schuf sie 2015 für eine Ausstellung in der Kathedrale von Moulins in Frankreich im Rahmen des Festival des Illustrateurs.


 

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit Sr. Thekla zur Weinlese 2018

In diesen Tagen hat Sr. Thekla dem Domradio Köln ein Interview zur Weinlese 2018 gegeben. Hier können Sie es nachhören:

https://www.domradio.de/node/292395

 

 

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Großer Erfolg bei der Hessischen Landesweinprämierung 2018

Unsere Weine wurden bei der Hessischen Landesweinprämierung 2018 mit 12 x Gold, 4 x Silber und 1 x Bronze ausgezeichnet. Wir sind stolz auf diesen großen Erfolg unseres Klosterweinguts und freuen uns besonders mit Sr. Thekla und unserem Winzermeister Arnulf Steinheimer. Sie können alle prämierten Weine im Online-Shop bestellen.


Gold

02/18 Kloster Secco
2017er Riesling

90 Punkte: 03/18 Weißherbst Seccolo
2017er Spätburgunder Weißherbst

90 Punkte: 04/18 Abtei St. Hildegard Riesling QbA
2017er Rüdesheimer Klosterberg

93 Punkte: 06/18 Domus Domini
2017er Riesling Spätlese trocken

90 Punkte: 07/18 Mons Sanctus
2017er Riesling Spätlese feinherb

90 Punkte: 08/18 Hildegardis Scivas
2017er Riesling Spätlese mild

90 Punkte: 09/18 Benedictus
2017er Riesling Spätlese feinherb

93 Punkte: 11/18 Weißherbst
2017er Spätburgunder Weißherbst

90 Punkte: 12/18 Blanc de Noir
2017er Assmannshäuser Hinterkirch Spätburgunder

90 Punkte: 14/18 Abbatissa
2017er Riesling Spätlese mild

17/16 Kloster Sekt
2015er Riesling Skt b.A.

16/17 Assmannshäuser Hinterkirch
2016er Spätburgunder Rotwein trocken


Silber

82 Punkte: 01/18 QbA trocken
2017er Riesling

88 Punkte: 10/18 Classic
2017er Riesling

85 Punkte: 13/18 Pilgertrunk
2017er Riesling feinherb

17/17 Rotwein
2016er Spätburgunder trocken

Bronze

79 Punkte: 05/18 Abtei Sommer
2017er Riesling QbA

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HR-Film über unsere Gemeinschaft

Veranstaltungskalender 2018

Hier können Sie sich über alle Seminare und Veranstaltungen für das Jahr 2018 informieren. Wenn Sie etwas finden, wofür Sie sich interessieren, ist jederzeit eine Online-Buchung möglich. Sie können sich auch telefonisch anmelden unter: 06722 / 499-122 oder per Mail: gaeste@abtei-st-hildegard.de

Herzlich willkommen!

Download der Broschüre “Unterwegs … wohin?”

PDFAbtei_Gäste_Flyer_2018

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