„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen!“ Mit dem heutigen Fest beginnt die Zeit des Abnehmens. Die Tage werden kürzer und kürzer, bis dann ab Weihnachten, der Wintersonnenwende, das Licht, Christus, wieder wächst. Die auf Johannes veranstalteten volkstümlichen Sonnwendfeuer, bei denen auch Küchenreste und Gerümpel aller Art verbrannt wurden, sagen ein gleiches: „Ihr werdet das Alte wegwerfen, wenn das neue kommt.“ (Lev 26,10)

Eine Zeit des Abnehmens und Sterbens, der Bedrängnis auch nach dem Zeugnis des Martyrologiums: Die Feste der Martyrer der Urkirche liegen alle in der Zeit vom 24. Juni (64) bis 25. Dezember (303). In der Kirche, in der Liturgie und ihren Bräuchen inkarniert sich das Geheimnis: wir müssen das Abnehmen spüren, sehen (- das Nachlassen des Lichtes, das Sterben der Zeugen), damit wir wirklich mit unserem ganzen Sein, Christus, das Leben, erwarten.

Johannes sagt das auf anderer Ebene noch einmal: „Ich bin die Stimme, er ist das Wort.“ Ich bin die Hülle, er ist der Inhalt, das Wesen der Verkündigung. Um dieses Bild der Stimme, Stimme des Rufenden in der Wüste, ranken dann auch die Texte des Festes. Und auch hier zur Verdeutlichung um das Gegenteil: die Stummheit. Der Unglaube des Zacharias führt zur Stummheit, die Geburt des Johannes öffnet seinen Mund wieder – es ist jetzt die Zeit des Zeugnisses. Jetzt in dieser Zeit geschieht es: bereitet dem Herrn den Weg.

Der wichtigste Text des Propriums ist wohl der Hymnus Ut quéant laxis. So wie das Datum des 24. Juni ein zentrales für die Liturgiegeschichte ist, ist dieser Hymnus zentral für die Musikgeschichte, seit Guido von Arezzo (†1050) vor ungefähr tausend Jahren die Töne in aufsteigender diatonischer Folge nach den jeweils ersten Silben der einzelnen Halbverse der ersten Strophe benannte.[1] Dieser, die Musik so prägende Text heißt übertragen: Dass unsre Stimmen frei und hell erklingen / von deines Lebens Wundertaten singen / löse die Fesseln unsrer stummen Zungen, / heilger Johannes. Zeit des Zeugnisses – auch unsere Stimme ist gefragt – Johannes löse die Fesseln. Paul Diakon, ein Mönch von Monte Cassino hat diesen Hymnus im 8. Jh. verfasst. Die Legende erzählt, er sei auserwählt worden, das Exsultet zu verkünden, und merkte dann plötzlich, dass seine Stimme völlig versagte. So rief er den heiligen Johannes um Hilfe an, der seine Stimme heilte und zum Dank verfasste er den heutigen Hymnus.

Der lateinische Matutinhymnus wiederholt das Motiv, indem er singt: … dass nicht die Tugend scheitere an den Klippen strafbarer Lippen. Es ist für die Entwicklung der Welt notwendig, die Dinge beim Namen zu nennen. Seien es der Name des Johannes, die Namen der Töne, die Phänomene unserer Zeit.

Johannesgestalten zu werden, lädt das Fest uns ein. Stimme eines Rufers in der Wüste unserer Zeit: „Bereitet dem Herrn den Weg.“ Keine Posaune, sondern sacht und anklopfend wie das „parare vias eius“ in der Communio. Das Beitragsbild zeigt die Melodie…

 

Text: Sr. Klara Antons OSB

[1] Der fehlende Ton, das si (aus Sancte Johannes) wurde 1482 von Bartolomeo Ramis de Pareja eingeführt.