Sobald ein Kind sagen kann:“Ich bin …“, hat es etwas sehr Wesentliches seines Lebens begriffen: dass es eine eigenständige, unverwechselbare Person ist, eben ein ICH, unterschieden vom DU, das ihm gegenübersteht. Die auf den ersten Blick so unscheinbare Existenzaussage „Ich bin“ berührt den Mittelpunkt menschlichen Begegnens. Jede Begegnung mit einem Unbekannten zielt zunächst auf die indirekte oder direkte Frage: Wer bist Du? Wie bist Du? Das Sein des anderen wird über die Entwicklung der Begegnung ebenso entschieden, wie die Art und Weise der Begegnung. Viele Mosaiksteinchen sind nötig, um die Formel „Ich bin“ inhaltlich zu füllen und mitteilbar zu machen. Menschen mühen sich seit jeher darum, denn keine Begegnung, kein Mensch mit seinem individuellen „Ich“ bleibt in einer Gemeinschaft ohne Wirkung, er prägt und gestaltet sie mit. Begegnungen bestimmter Art ersehnen wir, andere aber meiden wir lieber. Jede Begegnung hat Konsequenzen unterschiedlicher Tragweite. Die einen verblassen nach einiger Zeit, andere prägen Menschen und Kulturen. So wird die Erkenntnis und der Austausch des „ Ich bin“ von Menschen zu einer Art Lebensbarometer. Für uns als Glaubende stellt sich an oberster Stelle die Frage: „Gott – wer ist das? Wie ist er? Gibt es auch von ihm ein „ICH-BIN“?

Das Alte Testament beantwortet diese Frage an einer ganz entscheidenden Stelle, in der Erzählung vom brennenden Dornbusch im dritten Kapitel des Buches Exodus. Dort offenbart sich Gott dem Mose als der ICH-BIN-DA. Nur noch beim Propheten Jesaia findet sich ein Ich-Bin-Wort als Selbstrede Gottes: „Ich bin der Erste und der Letzte…“ (Jes 44,6). Alle weiteren biblischen Beschreibungen und existentiellen Bilder für Gott – Wasser, Licht, Brot, Guter Hirte – sollen dem Hörer des Wortes aufzeigen, dass es einen einzigen Gott gibt und wie er sich zur Welt verhält. Die verwendeten Bilder sind der Versuch, etwas von Gottes Wesen zu offenbaren, auf die Frage nach dem Wer bist DU? und Wie bist DU? eine Antwort zu geben. Allen Bildern zu Eigen ist, dass sie nur ein Bruchstück vom Wesen Gottes aufzeigen. Gott ist so, aber er ist zugleich auch der ganz andere, der fremde und unfassbare.

In der Person Jesu finden die Selbstoffenbarung Gottes als des ICH-BIN-DA und die Erwartung der Menschen auf das Kommen des verheißenen Messias ihre Vollendung. Gott kommt den Menschen in einer Art und Weise nahe, die nicht zu überbieten ist. Dies erlebten die ersten Christen in der direkten Begegnung mit Christus, dies erfahren wir aus der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift noch heute.

Die sieben Ich-Bin-Worte des Evangelisten Johannes, um die es mir heute geht, wollen in besonderer Weise deutlich machen, wer Gott und wie Gott zu uns Menschen ist. Bei Johannes geht es um eine Identifizierung Gottes mit dem Inhalt des jeweiligen Bildes, nicht um ein bloßes Gleichnis für Gott. Letztlich ist die Aussageabsicht bei allen Bildern dieselbe: Das Leben und die Frage an jeden einzelnen, wer ist Gott für dich! Die sieben Ich-bin-Worte wollen zum Glauben und Vertrauen auffordern. Wer erkennt, wer Jesus und wer damit Gott ist, wie nahe Gott uns ist, und wie sehr er sich um uns sorgt, der muss diese Erkenntnis verlebendigen, in sein Leben umsetzen und andere daran teilhaben lassen.

Die Bilder, die der Evangelist Johannes verwendet, stammen alle aus dem Alltagsleben Jesu und waren für die Menschen seiner Zeit leicht zugänglich. Für uns heute sind einige leichter verständlich, andere dagegen sind uns fremd oder ihre Aussagkraft hat sich geändert. Gemeinsam ist den sieben Ich-bin-Worten ihr Aufbau: auf die Selbstvorstellung „Ich bin…“, als Antwort auf die Frage „Wer bist Du?“ (Ich bin der Weinstock) folgt die Konsequenz, eine Aufforderung zum Tun („Wer in mir bleibt…“). Diese mündet dann in eine Verheißung ein „…der bringt reiche Frucht“.

Das Bild vom Weinstock ist sicherlich für die meisten von uns fremd und kann kaum nachvollzogen werden. Wer kennt sich schon im Weinbau aus, hat schon einmal einen Weinstock gesehen, wer weiß, welche Arbeit und Mühe für die Pflege eines Weinberges notwendig ist. Um Jesu Wort „Ich bin der Weinstock“, mit all seiner Inhaltsfülle zu verstehen, müssten man schon einmal selbst im Weinberg gearbeitet haben. Für mich, die ich bis zu meinem Klostereintritt nie etwas mit Weinbau zu tun hatte, begann das Weinstockbild sehr lebendig zu werden, als ich die verschiedenen Arbeiten einmal selbst gemacht habe.

Ich möchte nun versuchen, das Bild des Weinstocks und Weinbergs mit meinen eigenen Erfahrungen aus dem Weinberg lebendig werden zu lassen.

Der Weinstock ist eine Kletterpflanze, die nach Möglichkeit ein Spalier oder eine andere Vorrichtung braucht, an der sie hochklettern kann. So pflanzte man zurzeit Jesu oft einen Feigenbaum und eine Rebe nebeneinander. Die Rebe besteht aus mehreren Teilen: Die Wurzeln, die den Rebstock mit Wasser versorgen, reichen oft metertief in die Erde. Auch in trockenen Gebieten oder in sehr trockenen Jahren, kann die Rebe somit gut überleben. Um zu verhindern, dass Schädlinge den Rebstock von unten annagen, wird dieser auf eine Unterlage aufgepfropft, d.h. veredelt und dann so eingepflanzt, dass die Veredlungsstelle gerade aus dem Boden herausschaut. Der Rebstamm, der 30-40 Jahre alt werden kann, besteht aus sehr hartem Holz. Meistens wird er 70-80cm hoch. An ihm wachsen die Rebschosse oder auch Rebzweige. Nur einjähriges auf zweijährigem Holz bringt Frucht.

Wird ein neuer Weinberg angelegt, wird zuerst der Boden, das sogenannte Pflanzbeet bereitet. Die Fläche liegt ein, zwei Jahre brach, man sät Klee, Raps oder etwas anderes ein, um dem Boden Nährstoffe zuzuführen. Dann muss die Fläche umgegraben, neue Erde aufgeschüttet, Steine entfernt und das Ganze fein säuberlich geebnet werden. Dann werden die Pflanzreihen, Zeilen genannt, ausgemessen und abgesteckt. Jeder Weinstock erhält somit den gleichen Standraum, genügend Platz damit er alles Notwendige in ausreichendem Masse bekommt.

Ein Jungfeld braucht viel Pflege. In einem warmen Sommer kann es notwendig werden, die frisch gesetzten Stöcke anzugießen. Unterkraut muss gehackt werden, damit dies die jungen Reben nicht überwuchert. Der Boden muss gelockert und bearbeitet werden. Die dünnen Stämmchen bindet man an Stützpfählen an, damit sie gerade wachsen und bei Sturm und Unwetter nicht abknicken. Alle Triebe, die am jungen Stock wachsen, werden entfernt bis auf zwei. Der Stock soll sich darauf konzentrieren, einen geraden kräftigen Stamm zu bilden. Frucht zu bringen, ist erst später seine Aufgabe. Aus Holzpfählen und Draht wird eine Unterstützungs-vorrichtung angelegt, die den Reben Halt bietet. Drei Jahre lässt man dem jungen Stock Zeit, sorgt sich um jeden Stock einzelnen, lockert den Boden. Dann trägt er das erste Mal. Er darf aber nicht zu viele Trauben tragen, damit er seine Kraft für viele Jahre einteilt. Um die jungen Stöcke davor zu bewahren, sich zu verausgaben, ist es oft notwendig, überzählige Trauben abzuschneiden.

Hat man nun alle Mühe und Sorgfalt bei der Pflanzung eines Weinberges angewandt, kann man sich nicht zur Ruhe setzen, vielmehr wiederholen sich Jahr für Jahr viele notwendige Arbeiten, damit der Weinberg seinen Ertrag bringt. Im Winter, wenn die Reben ruhen, beginnt das Schneiden der Reben. Ohne beschneiden würde der Rebstock wild wuchern und keine Trauben tragen. Bis auf einen Rebzweig, der ausgewählt wird, um die Frucht zu tragen, werden alle anderen Rebzweige vom Stock abgeschnitten. Dies geschieht von Hand und der Winzer muss sich jeden Stock genau anschauen, damit er geeignetes Holz zum Anschneiden findet. Das Wetter ist in unseren Breiten zu dieser Zeit oft eisig kalt, regnerisch oder nebelig trüb. Kein angenehmes Arbeiten. Nach dem Schneiden erfolgt das sogenannte Ausheben. Alle übrigen Rebzweige müssen aus dem Stützdraht herausgezogen werden, damit die neuen Triebe Platz und Halt bekommen. Von Hand werden die trockenen Rebzweige herausgezogen und in die Mitte der Zeile auf den Boden geworfen. Dafür braucht man oft Kraft und eine Schere, denn die Rebzweige haben sich fest an den Draht geklammert. Die trockenen Rebzweige werden gehäckselt und bleiben so als Dünger im Weinberg.

Beginnt der Fruchtsaft in die Rebzweige zu steigen, geht der Winzer zum Gerten in die Weinberge. Die einzelne sogenannte Fruchtrute wird um einen der Drähte gebogen und mit einem Draht festgebunden. Sinn dieser Arbeit ist es, die wachsende Rebe in eine Form zu bringen, die es erleichtert, später die Trauben zu ernten und während des Jahres notwendige Arbeiten schneller und maschinell zu erledigen. Wieder wendet sich der Winzer jedem einzelnen Weinstock zu. Er muss vorsichtig die Fruchtruten biegen, denn sie können schnell abbrechen und jeder Stock hat so seine Eigenart. Mitte bis Ende April beginnen die Reben auszutreiben. Tag für Tag kann man ihnen beim Wachsen zuschauen, jeden Tag werden die Triebe ein Stück länger. Ca. 2-4 Wochen nach dem Austrieb, abhängig ist dies von der Witterung und dem Wachstum, beginnt das Ausbrechen. Der Weinstock treibt nämlich nicht nur aus der Fruchtrute neu aus, auch aus dem Stamm schießen Wasserschosse hervor. Man wundert sich, wie aus dem so tot wirkenden alten Stammholz, junge grüne Triebe wachsen können. Jedenfalls müssen diese entfernt werden, der Stock soll seine Energie nicht verschwenden, sondern in die Fruchtruten konzentrieren. Auch würde der Rebstock zu einem üppigen Strauch verkommen, an dem keine Trauben oder nur ganz kleine zu finden wären. Die Triebe werden von Hand entfernt. Am sinnvollsten ist es, jeden Stock mit der durch einen kräftigen Handschuh geschützten Hand von oben nach unten abzustreifen. Da diese Arbeit nur in gebückter Haltung erledigt werden kann, ist sie gerade an heißen Tagen sehr anstrengend. Wer einmal einen Hektar Weinberg so durchgearbeitet hat, weiß jeden Tropfen Wein hoch zu schätzen. Gegen Ende der Vegetationsphase (Mitte bis Ende Juli) muss man diese Arbeit noch einmal wiederholen. Sind die Triebe ca. 50 cm lang werden sie geheftet. Die Rebe ist zwar eine rankende Pflanze, hat aber nicht die Kraft sich von allein am Drahtrahmen emporzuranken. Also müssen die jungen Triebe von Hand in den Drahtrahmen eingesteckt werden. Zwei bis dreimal geht man also durch die Weinberge und gibt den jungen Trieben durch das Einstecken Halt. Täte man dies nicht, würden sie bei Wind oder starkem Regen einfach abbrechen. Gerade die grünen Triebe sind sehr empfindlich und brechen schnell. Diese Arbeit ist zeitaufwendig, muss aber schnell geschehen, da zu dieser Jahreszeit plötzlich auftretende Gewitter einen ganzen Weinberg zerstören und so die Ernte gefährden können.

Hat sich eine vollständige Laubwand gebildet, dient der Laubschnitt dazu, dass die Rebe ihre Kräfte zur Ausbildung der Trauben gebraucht und nicht für ein unendliches Längenwachstum der Triebe. Zwei bis dreimal werden die Triebe maschinell eingekürzt. Im Sommer ist der einzelne Weinstock kaum vom anderen unterscheidbar, die Reben bilden eine grüne Laubwand in der jeder Stock untergeht. Der Winzer muss auch mit wachen Augen seine Weinberge kontrollieren, ob nicht ein Pilzbefall vorliegt oder Schädlinge die Knospen auffressen. Mit gezielten Mitteln kann er manches verhindern. Auch muss er wissen, ob ein Weinberg gedüngt werden muss, weil ihm wichtige Nährstoffe fehlen.

Wichtig ist es, immer wieder den Boden aufzulockern und die Begrünung zwischen den Zeilen zu schneiden. Das Unkraut zwischen und unter den Stöcken darf nicht wuchern, es muss kurz gehalten werden.
Nun lässt sich das Heranwachsen der Trauben gut beobachten. Die Fruchtansätze sind gut zu sehen. Die Rebblüte geht je nach Witterung sehr schnell. Es ist eine risikoreiche Zeit, denn wenn starker Regen oder Hagel in die Blüte fällt, kann diese durchrieseln und es bilden sich keine Trauben. Die Rebblüte ist eigentlich unscheinbar, aber sie verbreitet einen feinen, sehr süßlichen, ganz eigenen Geruch im Weinberg. Nach der Blüte sind die Fruchtansätze gut zu erkennen und das weitere Wachsen der Trauben lässt sich gut verfolgen. Haben die Beeren eine solch prächtige, geschlossene Traube gebildet, braucht es noch Sonne und trockenes Wetter, damit genügend Zucker in den Beeren entsteht und der Winzer eine gute Qualität ernten kann. Das Wetter spielt eine wichtige Rolle: zuviel Regen und die Beeren saugen sich voller Saft, sie faulen und die Arbeit eines Jahres wäre umsonst gewesen. Der richtige Lesezeitpunkt ist nur mit Glück und einem guten Blick auf die Qualität der Trauben und das Wetter zu finden. Gelesen wird von Hand. Jede Traube wird abgeschnitten, in einen Leseeimer geworfen. Dann kommt sie in den Legel und wird aus dem Weinberg getragen, auf den Traubenwagen geworfen und zum Keltern nach Hause gefahren. Dort reift der Wein nach der Kelterung langsam heran und bedarf der ständigen Kontrolle und Umsorgung. Heute wird vermehrt maschinell gelesen. Die Arbeit der Lese und die damit verbundene Freude über die heimgebrachte Ernte, verliert damit ihren gemeinschaftlichen Charakter. Bei uns im Kloster ist die Lese, zu der immer viele Helfer und Freunde kommen, auch eine Art Fest. Es ist schön, die Ernte gemeinsam einzuholen und so die Mühe eines Jahres zu vollenden.

Der Weinstock hat nun seine Hauptaufgabe erfüllt. Die herbstlichen Tage mit Sonne und Wärme nutzt er, um Energien für den Winter im Holz einzuspeichern und für das nächste Jahr gerüstet zu sein. Langsam fällt der Fruchtsaft wieder, die Blätter fallen und bald schon kann der Winzer den Rebstock aufs Neue beschneiden, damit er auch im nächsten Jahr wieder reiche Frucht bringen kann.

Wein, Weinberg und Weinstock, das Wachsen und Reifen der Trauben, die Arbeit und Mühe des Winzers – all das ist ein Gleichnis für unser menschliches und für unser christliches Leben. Nicht umsonst ist in der Heiligen Schrift an 513 Stellen vom Wein und von dem, was dazugehört, die Rede. Ich möchte Sie – liebe Leser und Hörer – ermuntern, sich in diesem Monat Oktober einmal mit dem Bild des Weinstocks näher zu beschäftigen. Was sagt mir persönlich dieses Bild? Lassen sich die einzelnen Schritte des Wachstums und der Reifung mit meinem Leben vergleichen? Was können die Arbeiten des Winzers am Weinstock mir für meinen Alltag an Hilfe und Orientierung geben? Lesen Sie doch vor dem Hintergrund dieser Fragen einmal in Ruhe das 15. Kapitel im Johannesevangelium. Sie werden sehen: Sie werden dabei manches entdecken – über sich selbst und über ihre Beziehung zu Gott.

Sr. Thekla Baumgart OSB