„Die Übertretung, die im Garten der Wonne geschah, sollte einst liebreich und barmherzig getilgt werden.“ (Scivias I.2.26.)

Nachdem sich in der Eröffnungsvision das Gottesreich vor unseren Augen entfaltet hat, werden nun die ersten Seiten der Heiligen Schrift in ungewöhnlich anmutenden Bildern ausgelegt. Die Meditationen dieser Vision kreisen um drei Themen: den Anfang des Bösen, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Erlösung. Theologisch gesehen stehen sie in engem Zusammenhang zueinander. Die Miniatur leistet Großartiges, indem sie diese heilsgeschichtlichen Momente in einem Bild zusammenfügt.

Ursprünglich hat Gott alles gut geschaffen. Luzifer, der Engelfürst, den Gott mit den schönsten Gaben beschenkt hatte, wandte sich in seinem Stolz von Gott ab. Sein Sturz stellt einen Anfang des Bösen in der Schöpfung dar. Die Auflehnung Luzifers spaltete die Schar der Engel. Die guten Engel bleiben in der Liebe Gottes – auf der Miniatur leuchten sie als Sterne im oberen Bereich. Die Anmaßung des Teufels aber bewirkte seinen Fall und die Entstehung der Hölle, die wie ein finsterer Nebel aus einem schwarzen See emporsteigt und von links aus die Miniatur verdunkelt.

Im Mittelpunkt des Bildes erscheint ein schlafender Mensch, aus dessen Seite eine sternengeschmückte Wolke, wie ein zartes grünes Blatt dargestellt, hervorgeht.

„Das ist die unschuldige Eva, die aus dem unschuldigen Adam hervorgegangen, mit ihm im Garten der Wonne weilt. Alle Menschenkinder trägt sie – so hat es Gott vorherbestimmt – leuchtend in ihrem Schoße.“ (Scivias I.2.10.)

Aus Neid wollte der Teufel den Menschen in seine tödliche Macht bringen und verführte ihn zum Ungehorsam Gott gegenüber. Mit dem Sündenfall des Menschen trat das Böse in die Geschichte hinein. Auch die Schöpfung verlor ihren gottgewollten Zustand und wurde mit hineingerissen in die Ruhelosigkeit. Die Symbole der Elemente an den vier Ecken der Miniatur deuten darauf hin.

„Dass die erste Frau aus dem Mann geformt wurde, deutet auf die eheliche Verbindung mit dem Manne.“ (Scivias I.2.11.) Die Betrachtung über Ehe und Geschlechtlichkeit verdeutlichen, dass die Geschlechterliebe ursprünglich von Gott gewollt ist. Erst der Abkehr von Gott folgte auch die Verkehrung der Sexualität in bloße Begierde und selbstsüchtige Lust. Liebende Hingabe dagegen führt zu gottgefälligem und ehrenhaften Vollzug menschlicher Geschlechtlichkeit.

„Deshalb muss vollkommene Liebe zwischen beiden sein wie einst zwischen den ersten Menschen.“ (Scivias I.2.11.) Ein abschließendes Lob auf die Jungfräulichkeit leugnet nicht, dass die Ehelosigkeit der gefallenen Menschennatur viel Verzicht, Leid und Kampf kostet. (Scivias I.2.24.)

Als Antwort auf den Sündenfall lässt Gott seine Barmherzigkeit aufleuchten und offenbart seinen Heilsplan in der Menschwerdung seines Sohnes. Durch Demut und Liebe kommt der Eingeborene des Vaters aus der Jungfrau in die Welt.

Aus dieser Perspektive heraus erhält das Böse seinen heilsgeschichtlichen Platz. Der durch die Menschwerdung erlöste Mensch empfängt noch größere Würde als bei seiner Erschaffung:

„So leuchtet der erlöste Mensch in Gott und Gott im Menschen. Strahlendere Herrlichkeit besitzt nun der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott im Himmel, als er im Anfang im Paradies empfangen hatte.“ (Scivias I.2.31.)

Sr. Maura Zátonyi OSB