Die vorliegende Vision zum göttlichen Gesetz und zu den damit verbundenen „himmlischen Wirkkräften“ leitet zur Epoche des Neuen Bundes über. Im Bild der Mauer ordnet Gott durch sein Gesetz sein Volk. Deshalb heißt es: „Kein Gläubiger, der Gott demütig gehorchen will, zögere, sich einer menschlichen Obrigkeit zu unterstellen. Denn durch den Heiligen Geist ist die Regierung zum Nutzen für die Lebenden eingerichtet worden. Sie soll für die kirchliche Disziplin da sein und gläubig und fest anerkannt werden. Das wurde am alten Bundesvolk schon angedeutet.“
Die Mauer führt von Nord nach West und ist dreistufig. Sie symbolisiert den Weg des alten Bundesvolkes zum Offenbarwerden des Dreifaltigen Gottes, der Menschwerdung des Erlösers und zum Leben in der Kirche. Dieser Weg im Bauwerk des Heilsplanes Gottes ist begleitet und gestützt von acht Tugendgestalten, von verschiedenen „himmlischen Wirkkräften“. Dies zeigt die Miniatur in der Mauer quer über der Bildfläche und den bunten Tugend-Gestalten, die davor angeordnet sind.
Der untere Teil der Mauer ist arkadenartig mit Bogen versehen, in denen sich Menschengestalten befinden. Sie stellen die geistigen Führer des Bundesvolkes dar. Von Abraham und Moses bis an den westlichen Winkel der Mauer. Das Volk Israel ist dem Gesetz der göttlichen Gerechtigkeit unterstellt und arbeitet am Bauwerk der Güte des allmächtigen Vaters. Das Alte Testament ist das Fundament, auf dem die Weisheit aller Lehre, die sich in der Menschwerdung des Gottessohnes kundtat, aufgebaut wurde.
An der dreifach gestaffelten Mauer, die sich zwischen der nördlichen und westlichen Ecke des Heilsgebäudes erstreckt, wird die göttliche Einteilung des Volkes Gottes in höhere und niedrigere Stände und deren Zusammenwirken erörtert. Die Menschen sollen zur Erkenntnis Gottes voranschreiten, in dem sie sich in Ehrfurcht und Ehrerbietung begegnen. Der Mensch steht an der Stelle Gottes im geistlichen Vorsteheramt. Gott unterstützt den geistlichen Stand und sein Volk mit himmlischen Wirkkräften.
Drei Tugenden stehen nebeneinander am Anfangt der Mauer, neben der Ecke, die nach Norden blickt, ebenfalls drei am Ende der Mauer neben der Ecke, die nach Westen blickt. Sie betrachten alle die Darstellungen in den Mauerbögen. Die Figur in der Mitte der ersten Dreiergruppe trägt eine safrangelbe Krone, in die eine daherfliegende Taube die Worte bläst: „Setze immer in Brand“. Es ist die Enthaltsamkeit, die auf allen Reichtum verzichtet, um den Bedürftigen in ihrer Not zu helfen. Das Erbarmen Gottes ist die Glut, die sie entfacht. Sie ist von der Freigebigkeit und der Frömmigkeit umgeben. Die Freigebigkeit trägt auf ihrer Brust etwas wie einen spiegelklaren Löwen, d.h. Jesus Christus, der stärkste Löwe ist in ihrem Herzen – auch geht eine fahle Schlange – gewunden und gekrümmt wie eine Rute – von ihrem Hals aus. Das bedeutet, der Sohn Gottes ertrug mit starker Geduld die qualvolle Verrenkung und Erhöhung am Kreuz. Die Schlange spricht: „Ich schaue auf den leuchtenden Löwen. Die feurige Schlange fliehe ich, aber ich liebe die Schlange, die am Holz hängt.“
Die Frömmigkeit ist mit einer hyazinthroten Tunika bekleidet und trägt auf ihrer Brust einen Engel mit Flügeln. Sie spricht: „Ich verkehre mit den Engeln, ich sitze zu Tisch mit den Gerechten.“
Die zweite Dreiergruppe am Ende der Mauer, am Ende des alten Bundes, stellt die Tugendkräfte der Wahrheit, des Frieden und der Glückseligkeit dar.
Die mittlere Gestalt der Dreiergruppe, die Wahrheit, trägt auf der rechten Schulter eine schneeweiße Taube, die mit ihrem Schnabel in ihr rechtes Ohr bläst. Der Heilige Geist haucht durch seine Berührung das ins Herz der Gläubigen hinein, was Gott in seiner göttlichen Macht ist. Das unförmige, ungeheuerliche Menschenhaupt auf der Brust der Wahrheit bedeutet, Gott lässt zu, dass seine Erwählten Unglück und Verfolgung durch Herrscher erleiden werden. „Weil Gott im Herzen der Gläubigen wohnt, muss der Mensch aus Liebe zu Gott geduldig Verfolgung erleiden.“ Die Wahrheit zertritt die teuflischen Irrtümer, die in den Menschenköpfen unter ihren Füßen ruhen. Sie sagt von sich: „Eine Rute und Geißel will ich gegen den Lügner sein, der ein Sohn des Teufels ist. Auf mir gründet und steht jedes Bauwerk der Kräfte Gottes.“ Zur Rechten wird der Friede sichtbar mit engelhaftem Antlitz. „Ich widerstehe dem teuflischen Streit. Niemanden werde ich fürchten.“ Die sechste Gestalt, die Glückseligkeit oder Heilszuversicht, trägt ein Gefäß in den Händen, aus dem sich eine Fülle von Licht ergießt. Sie strebt nach dem ewigen Leben. Ihre weiße grünlich schattierte Tunika weist auf ihre Taten hin, die in himmlischer Sehnsucht hell sind und in der Grünkraft des Heiligen Geistes grünen. „Selig bin ich, denn der Herr Jesus Christus bereitet mich und macht mich schön.“
Im Bild sind zwei Gestalten herausgehoben: die Unterscheidung der Geister und die Erlösung der Seelen. Die Unterscheidungskraft sitzt am Ende der Mauer in einer schwärzlichen Tunika auf einem Stein und trägt auf der rechten Schulter ein Kreuz, auf dem das Bild Jesu Christi erscheint. Diese Tugend wirft die Leichtfertigkeit aller Eitelkeit ab, sie senkt ihre Wurzel zur rechten Seite der mächtigen Kraft Gottes ein, als der allmächtige Gott seinen Sohn sandte, um wunderbar Mensch zu werden und demütig zu leiden. Mit seiner Liebe ist die Unterscheidung verbunden. Aus den Wolken ergießt sich in ihre Brust ein Glanz von Heiligkeit, d.h. aus der Barmherzigkeit Gottes leuchtet wie aus einer hellleuchtenden Wolke die Flamme der göttlichen Liebe in die Menschenherzen. Sie bewirkt in ihnen die Unterscheidung und erleuchtet sie. Zeichenhaft sortiert diese Tugendgestalt in ihrem Schoß echte und unechte kleine Perlen. Im innersten Herzen der Menschen hält sie gleichsam in den Edelsteinen der Tugenden alles fest, was geeignet ist. „Sie prüft jede Gerechtigkeit von Gott in sorgfältiger Prüfung, damit sie in allen Dingen entsprechend in den Herzen der Menschen wirkt.“ Wie mit einem Fächer vertreibt sie die teuflische Überredungskunst. Sie spricht: „Ich, die Mutter der Tugenden, beobachte stets in allen Dingen die Gerechtigkeit Gottes. Ich erwarte im geistlichen Kriegsdienst und im weltlichen Getöse in meinem Bewusstsein immer meinen Gott. Der gekreuzigte Gottessohn wendet sich allen zu und ermahnt sie gemäß seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Auch ich will alles so haben, wie er es nach seinem Willen angeordnet hat.“
Die Gestalt, die am Ende auf der Mauer steht, bezeichnet die Erlösung der Seelen. Mit ihrem schwarzen krausen Haar und dem finsteren Gesicht weist sie auf das jüdische Volk hin, das vor der Menschwerdung des Gottessohnes noch im Schatten des Todes war.
Hildegard sieht, wie sie ihren schwarzen Mantel und ihre Schuhe auszieht, ausschüttelt und wie ein neugeborenes Kind erstrahlt. Als das Leiden des Gottessohnes mit dem Tod abgeschlossen war und nach dem Kommen des Heiligen Geistes Lehre und Wort der Apostel in die Welt ausgesandt waren, wurde die Erlösung der Seelen erweckt. Auf ihrer Brust ist das Kreuz Christi sichtbar, zu dem sich Lilie und Rosen hin ranken. Sie spricht: „Ich lege den Alten Bund ab und ziehe den Gottessohn mit seiner Gerechtigkeit in Heiligkeit und Wahrheit an. Ich bin zum Guten erlöst.“

Sr. Hiltrud Gutjahr OSB