Diese Miniatur zeigt nun im Einzelnen die fünf Tugenden im Turm des göttlichen Ratschlusses. Die „Liebe zum Himmlischen“ trägt auf ihrem Haupt eine Bischofsmitra und hat gelöstes helles Haar. Sie trägt eine Krone, ihr offenes Haar weist darauf hin, dass das Priesteramt von ehelicher Verpflichtung frei ist, weil es der vollkommenen himmlischen Liebe anhangen soll. Die Gestalt ist mit einem weißen Mantel angetan, der an den Säumen mit Purpur besetzt ist. Das bedeutet, dass die Gnade Gottes diese Wirkkraft mit dem Schimmer der Sanftmut umgeben und mit schönen Ornamenten der Liebe geschmückt hat. In der Rechten trägt die „Liebe zum Himmlischen“ Lilien und andere Blumen, d.h. sie gewinnt im guten Werk der Gottes- und Nächstenliebe den Lohn des ewigen Lebens und der Heiligkeit. In der linken Hand trägt sie einen Palmzweig. Und sie spricht: „Ich kann mich niemals zur Genüge an der inneren Freude sättigen, die in meinem Gott ist, o süßes Leben!“

Die zweite Gestalt, die „Zucht“, ist bekleidet mit einer purpurroten Tunika und weist so auf Christus, den Sohn Gottes im Purpurgewand hin. Die „Zucht“ ist gleichsam eine jugendliche Gestalt von würdigem Aussehen. Die hl. Hildegard hört sie sprechen: weder der furchtbare Feind, nämlich der Teufel, noch diese Welt wird mich von der Zucht Gottes abschrecken, vor dessen Angesicht ich immer stehe.“

Die dritte Tugend, die „Schamhaftigkeit“, die keusche Ehrfurcht, bedeckt ihr Gesicht mit dem langen weißen Ärmel ihrer rechten Hand. Sie schützt ihr Inneres vor teuflischer Befleckung. „O Unrat und Schmutz dieser Welt, versteckt euch und weicht aus meinen Augen, denn mein Geliebter wurde von der reinen Jungfrau Maria geboren.“

Die vierte Gestalt bezeichnet die „Barmherzigkeit“. Sie träg einem weißen Kopfschleier und ist gleichsam die Mutter aller verlorenen Seelen. Sie ist in einen safrangelben Mantel gehüllt, weil sie von der strahlendsten Sonne, von Christus selbst, umgeben ist. Auf der Brust trägt sie das Bild Jesu Christi mit dem Schriftband: „Durch das Erbarmen unseres Gottes, mit dem er uns aus der Höhe heimgesucht hat.“

Die fünfte Tugendgestalt stellt den „Sieg“ dar: mit einem Helm auf dem Kopf und mit einem Brustpanzer angetan. Der Mensch soll dem Teufel widerstehen und das Verlangen seiner fleischlichen Begierden zügeln. Diese Tugend hat Beinschienen und Eisenhandschuhe an, um durch körperliche Zucht die Wege des Todes zu fliehen. Durch die Beschneidung des Herzens und den richtigen Glauben fliehen die Menschen die Macht des Teufels. In der Linken hält der “Sieg“ einen von der Schulter herabhängender Schild und ist mit einem Schwert bewaffnet. Der Mensch soll in der Kraft des Glaubens und der Gnade gegen die Bosheit kämpfen. Die rechte Hand umfasst eine Lanze, in Gott soll der Mensch alle Gemeinheit des Teufels überwinden. Unter den Füßen des Sieges liegt ein Löwe mit offenem Rachen, auch ein paar Menschen, von denen einige Trompeten blasen, andere Scherze treiben und lärmen. Die Gestalt steht mit ihren Füßen auf ihnen allen und durchbohrt sie mit der Lanze. „Ich besiege den starken Teufel und dich, Hass, Neid und auch dich, Unflätigkeit, mit denen du verführerisch dein Spiel treibst.“
Sr. Hiltrud Gutjahr OSB