Der Turm des göttlichen Ratschlusses steht in der Mitte der leuchtenden Mauer des Heilsgebäudes. Der eisen farbene Turm stellt die heilsgeschichtliche Beschneidung in Abraham dar, der Turm den“ Vorauslauf des göttlichen Willens“, der auf das Erlösungswerk Christi und auf die Kirche hinweist. Im Turm des göttlichen Ratschlusses erblickt Hildegard fünf Gestalten, himmlischen Wirkkräfte oder Tugenden, die jede für sich unter einem eigenen Torbogen stehen. Keine Tugend besteht aus eigener Kraft, sondern sie sind ein hellleuchtender Schein, der von Gott her im Werk des Menschen aufleuchtet.

Die Miniatur zeigt die Basis des Turmes in der abschüssigen, schrägen Linie der Silberfläche. Von ihr aus gesehen sind der Turm der Beschneidung nach links und die auf der gleichen Basis stehenden Gotteskräfte nach rechts rücklings auf den Boden gelegt. Würden sich Turm und die Kräfte aufrichten, so stünden die Tugendkräfte dem Turm zugewandt, wie es der Beschreibung der Seherin entspricht. Die schwarze Zickzacklinie könnte die Darstellung der Dachzinnen sein. Im Inneren des Turmes befindet sich ein quadratförmiger Goldboden Von dort sind die „Gotteskräfte“ nach rückwärts auseinandergelegt in der Miniatur.

Diese fünf Tugenden, die für die fünf Sinne des Menschen stehen, sind in seidene Gewänder gekleidet und tragen weiße Schuhe, da sie der Gerechtigkeit Gottes ins Licht folgen. Nur die fünfte Gestalt, der Sieg, erscheint in kriegerischer Rüstung. Diese Tugendkräfte werden in der Tafel 23 näher gezeigt. Sie tragen gemäß ihrer Aufgabe entsprechende Symbole und beschreiben diese mit Worten. Zwei weitere Gestalten innerhalb des Gebäudes, im Bild auch rücklings auf dem Boden, sind dem Turm zugewandt, die eine unter einer Art feurigem Bogen. Beide waren mit seidenen Gewändern bekleidet. Nach Frauensitte haben sie das Haupt verhüllt, und zwar mit einem weißen Schleier. Die Gestalt in dem feurigen Bogen, der mit Dämonen bemalt ist, tritt die irdischen Dinge kraft der Güte des Vaters mit Füßen. Es ist die Geduld, die auf ihrem Haupt eine funkelnde dreizackige Krone trägt, die wie ein rötlicher Hyazinth glänzt. Ihr weißes Gewand zeigt grünliche Färbung in den Falten, die auf die Mühsal und Widerwärtigkeiten der Gläubigen hinweisen. Die zweite Gestalt stellt das Seufzen dar, die Kraft des Verlangens nach dem Erlöser. Ihr weißes Gewand ist ein wenig verblichen, weil sie immer nach der ewigen Glückseligkeit seufzt und weint. Im rechten Arm hält sie ein Kreuz mit der Gestalt des Erlösers. Sie umarmt in ihrem richtigen Tun das Leiden des Sohnes Gottes und ahmt Ihn im Leiden und in der Drangsal nach. Mit dem „Erdulden“ und der „seufzenden Sehnsucht“ erheben sich im Innern des göttlichen Heilsbauwerkes, dem Turm der Beschneidung zugewandt, zwei „Wirkkräfte“, die auf Christus und seine Nachfolge durch die Gläubigen sowie auf die göttliche Gnade und deren Mitwirkung durch den Menschen hinweisen. Die Kraft Gottes bewirkt die Tugend im Menschen.

Sr. Hiltrud Gutjahr OSB