Die Miniatur zeigt leider nur sehr unvollständig etwas von der Fülle und Tiefe des Visionstextes. Das Thema der Vision ist der Mensch im Lichtkreis Gottes: „Gott, der alles erschaffen und den Menschen für jene Herrlichkeit bestimmt hat, aus der der gefallene Engel mit seinen Nachahmern verstoßen wurde, ist von seiner ganzen Schöpfung mit größter Ehre und Furcht zu verehren und zu fürchten. Denn es ist recht, dass dem Schöpfer des Alls von seiner Kreatur Ehrfurcht erwiesen wird und er als Gott gläubig angebetet werde.“
Hildegard erblickte im Osten einen ungeheuer breiten und hohen eisenfarbenen Felsblock, über ihm eine glänzendweiße Wolke. Darauf stand ein runder Königsthron. Auf ihm thronte ein lebendiges Wesen von strahlender Herrlichkeit. Der eisenfarbene Felsblock, der in der Miniatur als großes blaues rundes Gebilde zu sehen ist, bedeutet die feste und erhabene Größe der Furcht des Herrn, die Haltung der Ehrerbietung, die dem Menschen seinem Schöpfer gegenüber gebührt. Die glänzendweiße (rot-weiße) Wolke über dem Fels symbolisiert die Weisheit des menschlichen Geistes, die aus der Erkenntnis und Haltung der Furcht Gottes hervorgeht. Fürchtet der Mensch Gott, so erkennt er Ihn durch die Weisheit des menschlichen Geistes im Glauben, der wie ein Thron errichtet wird. Im Glauben, in der innersten Hingabe, berührt der Mensch Gott wie ein Thronsitz seinen Herrn.
Das lebendige Wesen, das von solcher Herrlichkeit strahlte, trug in seiner Brust einen schwarzen schmutzigen Lehmklumpen von der Größe des Menschenherzens. Dieser ist mit Perlen und Edelsteinen umgeben. Leider ist in der Miniatur der Allherrscher nur mit Buch und Segensgeste zu sehen. Den Lehmklumpen, den der Schöpfer und Vater aus Liebe zu seinem Sohn in sich trägt, stellt den Menschen dar. Seit dem Sündenfall ist der Lehmklumpen schmutzig. Aber er ist mit Edelsteinen (große Persönlichkeiten wie Märtyrer ) und Perlen (unschuldige Kinder) geschmückt, mit Menschen, die zur Umkehr durch die Reue bewegt und die Erlösung in Jesus Christus angenommen haben.
Hildegard zeigt im Dialog des „verlorenen Sohnes“ die Erkenntnis: Vater, ich habe die menschliche Natur in mir zerstört. Wegen der Bosheit meines Herzens habe ich deine Schöpfung in mir verraten.“ Voller Güte schaut Gott als Vater auf sein Werk aus Lehm in seinem Sohn, den er zur Erlösung und Wiederherstellung des Menschen bestimmt hat.
Kein Engel oder ein anderes Geschöpf kann den Menschen verachten, denn der fleischgewordene Sohn des Vaters trägt in sich das Bild des Menschen und ist mit dem Menschengeschlecht im Herzen des Vaters.
Ein großer goldener Lichtkreis geht wie Morgenrot von dem auf dem Thron Sitzenden aus, dessen Umfang nicht zu ermessen ist. Vom allmächtigen Vater dehnt sich die stärkste Gewalt und sein kraftvollstes Werk aus, dass alles umfasst, mit der er in seinem Sohn wirkt. Und
die Macht und das Werk Gottes umkreisen und umfassen die ganze Schöpfung. Der große goldene Lichtkreis wie Morgenrot ist in der Miniatur nur schwach angedeutet. Dieser Kreis hat einen Abstand zur Erde, dass die Seherin ihn nicht ermessen kann, ebenso den Glanz, der sich nach allen Seiten hoch in den Himmel hinauf und hinunter in die Tiefe des Abgrundes erstreckt. Das bedeutet die Stärke der Macht und des Wirkens Gottes, seine Gerechtigkeit und sein richtiges Urteil hat nirgends eine Grenze in seiner Unbegreiflichkeit. Kein menschlicher Verstand kann dies fassen.
Der Mensch darf mit der ganzen Schöpfung im Lichtkreis Gottes leben an Stelle des gefallenen Engels. Gott selbst trägt den sündhaften Menschen am Herzen, den Er in seine Gemeinschaft gerufen hat.

Sr. Hiltrud Gutjahr OSB