Diese Vision über den Ursprung der Kirche, über die Feier der hl. Messe und das Sakrament der Eucharistie steht in der Mitte des Buches Scivias und umfaßt die Hälfte des zweiten Teils. “Die Vergegenwärtigung des Heilswerkes vor Gott und den Gläubigen in der Eucharistiefeier erscheint als komplexes Beziehungsgeschehen zwischen Gott und der Kirche, indem sich die heilsgeschichtliche Vergangenheit, die Gegenwart und die eschatologische Bestimmung der Kirche in Gedächtnis, Opfer und Kommunion miteinander verbinden.“ (Michael Zöller S. 293 )
Die Kirche als Braut Christi wird unter dem Kreuz mit Fleisch und Blut ihres Bräutigams beschenkt und fordert diese Mitgift in der hl. Messe vor Gott ein.

Hildegard schaut den Anfang, den Ursprung , der Kirche, obere Bildhälfte der Miniatur. Die Kirche ging wie ein Lichtglanz aus dem ewigen Ratschluß hervor und wurde durch göttliche Macht dem Sohn Gottes zugeführt, der am Kreuze hing. Überströmt vom Blut der Seitenwunde des Herrn wurde sie durch den Willen des himmlischen Vaters dem Sohne Gottes angetraut. Als Hochzeitsgabe empfing sie sein heiliges Fleisch und Blut. „Und Hildegard hörte, wie die Stimme vom Himmel sprach: “Diese, mein Sohn, sei dir Braut zur Wiederherstellung meines Volkes! Sie soll ihm Mutter sein. Den Seelen schenke sie das Leben durch die erlösende Wiedergeburt aus dem Geist und aus dem Wasser“. Die Kirche ist dem Sohne Gottes im Dienste der Demut und Liebe geeint, sie geleitet ihre Kinder zur himmlischen Heimat. Deshalb empfängt sie sein heiliges Fleisch und Blut als Lebensnahrung auf dem Weg.
In der unteren Bildhälfte schaute Hildegard einen Altar, zu dem die Kirche häufig hinzutrat. Mit tiefer Ehrfurcht schaute sie immer wieder auf ihre Brautgabe und zeigte sie dem Vater und seinen Engeln
Wie einst aus dem Schoß der Jungfrau, so geht sein Fleisch aus der Unversehrtheit der Kirche im Glauben hervor und wird den Glaubenden zu ihrer Heiligung gereicht. Durch den Mund des Priesters erbittet die Kirche ihre Hochzeitsgabe, den Leib und das Blut Jesu Christi. Deshalb umleuchtet die Herrlichkeit des Himmels den Altar, Engel steigen herab. Das Licht bleibt solange über dem Altar, bis sich nach der Vollendung des hl. Opfers der Priester entfernt. Die Kirche schenkt durch die Hinopferung des hl. Blutes den Seelen das Heil, das neue Leben in Jesus Christus. Mit dem „Sanctus“ beginnt das unaussprechliche Mysterium: der Himmel öffnet sich und ein feuriges Blitzen fällt auf die Opfergaben hernieder. Göttliche Glut aus der Kraft des Vaters durchflutet diese (goldener senkrecht verlaufender Strom). Wie der Mensch beim Atmen die Luft einzieht und sie wieder ausatmet, so zieht das himmlische Feuer die Gaben von Brot und Wein mit unsichtbarer Kraft in jene verborgene Höhe empor, die ein sterbliches Auge nicht zu schauen vermag. Dann senkt es sich wieder auf den Altar herab. Die Gaben sind durch den Hauch des Heiligen Geistes in das wahre Fleisch und Blut des Herrn verwandelt, obwohl die Gestalten von Brot und Wein bleiben. Geheimnis des Glaubens! Dann leuchteten die Sinnbilder der Geburt, des Leidens, des Begräbnisses, der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn wie in einem Spiegel auf.
Wenn auf dem Altar zum Gedächtnis des Sohnes das Opfer von Brot und Wein dargebracht wird, tritt dem Vater im Himmel vor Augen, was sein Sohn aus Liebe zu den Menschen in der Welt gelitten hat. In diesem Leiden schaut der Vater alle bis zum Ende der Welt voraus, die dieses Sakrament im Glauben annehmen. Hildegard hört den Vater sprechen: „Täglich reinigt mein Sohn voll Erbarmen den Menschen. Esset und trinket den Leib und das Blut meines Sohnes, auf dass die Sünde Evas getilgt werde und ihr in eurer rechtmäßiges Erbe eingeht.“ Durch aufrichtigen Glauben sollen wir im Sichtbaren das Unsichtbare empfangen und in die Erlösung eingehen, in die befreite liebende Verbundenheit mit dem dreifaltigen Gott als Kinder Gottes.
In einer weiteren Miniatur ist der Empfang der Lebensspeise dargestellt. Hildegard sah fünf verschiedene Gruppen von Menschen, die zum Empfang des Sakramentes hinzutraten. „Die ersten haben leuchtende Körper und feurige Seelen“. Sie glauben, ihre Seelen werden durchströmt und entflammt vom Heiligen Geist. „Bei anderen sind die Körper schattenhaft und die Seelen finster. “Lau ist ihr Glaube, schwach ihre Überzeugung. „Andere starren vom Schmutz menschlicher Befleckung“. Sie leben schamlos dahin in schmutzigen Lastern. „Wieder andere erscheinen wie von scharfen Dornen umgeben und ihre Seelen wie mit Aussatz behaftet“. Mit Zorn, Haß und Neid haben sie ihr Herz umzäunt. „Die letzten sind mit Blut befleckt, ihre Seelen geben einen üblen Geruch wie ein verwesender Leichnam“. Sie haben ihre Hand nach dem Leben anderer ausgestreckt, weil sie ihre Augen von der Furcht Gottes abgewandt haben. Dennoch wird der Quell der Erlösung sie durchströmen, wenn sie sich durch würdige Buße reinigen.
Der Vater erwartet von uns, dass wir glauben. Den Menschen aus dem Erdenlehm zu formen oder aus Brot und Wein das Fleisch und Blut des Sohnes Gottes zu bilden, ist für Gott eine Kleinigkeit. Jesus bleibt beim Vater im Himmel und bei den Menschen auf der Erde in der Eucharistiefeier.

Gebet
Vater im Himmel, wir danken dir, daß du die Kirche beim Tod deines Sohnes am Kreuz gestiftet hast und dass dein Sohn bei uns bleibt im Sakrament des Altares bis zum Ende der Zeiten. Du gibst uns Menschen das Fleisch deines Sohnes zu essen und sein Blut zu trinken zu unserer Heiligung, damit wir das Leben in Fülle haben, damit durch uns, die einzelnen Glieder, der Leib des Herrn vollendet werde. Wir bitten um aufrichtigen Glauben, um Demut und Liebe, um eine tiefe Ehrfurcht beim Empfang des Sakramentes. Dir sei Anbetung und Lobpreis in alle Ewigkeit. Amen.