Gott weist seine Wege in den Ständen der Kirche und ruft so alle Menschen in die Nachfolge seines Sohnes. Diese Darstellung vermittelt nur andeutungsweise, welche Durchblicke Hildegard zum Mysterium der Kirche geschenkt wurden.

„Betrachte nur Sonne, Mond und Sterne. Ich bildete die Sonne als Tageslicht, sie bezeichnet meinen Sohn, und Mond und Sterne, dass sie nachts leuchten. Der Mond bezeichnet die Kirche, die meinem Sohn in himmlischer Vermählung angetraut ist. Die Sterne deuten auf die Angehörigen der verschiedenen Ständen des kirchlichen Lebens hin.“ (II, 5)
Die Miniatur zeigt die Kirche als mystischen Leib, der von den Ständen der Weltlichen, der Kleriker, der Ordensleute gebildet wird.
Eine Frauengestalt ist vom Scheitel bis zur Kehle ( ihr Haupt) umstrahlt von einem schneeweißen kristallklaren Glanz, ihr Oberkörper ist wie in ein goldenes Licht getaucht. Sie verbreitet einen Lichtschein bis in den Himmel. Die apostolische Lehre umgibt die unversehrte Braut, die Kirche. “Sie verkündet das Aufleuchten der Menschwerdung des Sohnes Gottes, der vom Himmel in den Schoß der Jungfrau herabstieg und der ein zuverlässiger, leuchtender Spiegel aller Gläubigen ist.“ Die Priester, die Nachfolger der Apostel, haben dem Volk die geistige Speise zu reichen und Gott ein unbeflecktes Opfer dar- zubringen. In weitem Gewand mit erhobenen Händen steht die Kirche in der Haltung der Betend-Segnenden, der „Orante“. Auf ihrer Brust entspringt ein Blütenkelch, der wie Flügel geöffnet ist und wie Morgenrot leuchtet. Eine schöne mädchenhaft Gestalt im roten Gewand mit zum Gebet erhobenen Händen, schaute Hildegard an der Brust, im Blütenkelch der Gestalt. Sie hörte eine Stimme vom Himmel sprechen: „Das ist die Blüte des himmlischen Sion, Mutter ist sie, Rosenblüte, Lilie der Täler. O blühende Blume, du wirst dem Sohn des allmächtigen Königs vermählt und wenn deine Zeit gekommen ist, wirst du dem erlauchtesten Kind Mutter sein.“ Diese Aussage deutet auf Maria hin.
Hinter Maria, tiefer im Blütenkelch, werden acht Gestalten sichtbar, die für eine ungeheure Schar von Menschen stehen. Sie leuchten heller als die Sonne, sind mit Gold und Edelsteinen, mit verschiedenen Symbolen ihres Standes geschmückt. Einige tragen Schleier, andere Mitren auf dem Haupt. Es sind die Jungfräulichen, die die Milde und das Leiden des Gottessohnes in himmlischer Liebe nachahmen, die der Glaube in ihren Herzen entzündet. Diese werden Töchter Sions genannt. Bei ihnen ertönt Zitherspiel, alle Art von Musik, Jubel und Freude. Sie singen das neue Lied.
Unter dem Glanz der Morgenröte schaute Hildegard zwischen Himmel und Erde dichteste Finsternis heranrücken durch den Sündenfall. „Wenn der Sohn Gottes nicht am Kreuz gelitten hätte, würde es diese Finsternis nicht zulassen, dass der Mensch zur himmlischen Herrlichkeit gelangt.“ Die Darstellung der Finsternis fehlt. (Vermutlich sollte sie durch eine dunkle Tönung der beiden freigebliebenen Pergamentstreifen rechts und links der bergeshohen Gestalt angedeutet werden.)
Die Miniatur ist nicht dem Visionstext entsprechend ausgemalt. So müsste der breite Gürtel der Kirche unter der Brust mit dem Blütenkelch purpurn- und hyazinthfarbig sein. Hier sind die Ordensleute angesiedelt, als Gürtel der Kirche, weil sie von der Menschwerdung des Sohnes Gottes ergriffen und die Lebensweise der Engel im Gotteslob führen.
Ein anderer Glanz wie eine blendenweiße Wolke umgibt die Gestalt vom Nabel abwärts. Er bedeutet das Leben der Laien. Diese tragen sehr zur Verherrlichung der Kirche bei, wenn sie Gott liebend in aufrichtiger Demut und Hingabe umfangen. Der dreifache Glanz der Stände in der Kirche breitet sich in den Nachkommen der Generationen aus, angedeutet in den Sitzreihen und Stufen im Leib der Kirche. In ihrem untersten Teil ist die Kirche unvollendet.