„Der lebendige Gott, der alles durch sein Wort erschuf, führte durch dieses fleischgewordene Wort das menschliche Geschöpf, das sich in die Finsternis gestürzt hatte, zur Erlösung im Glauben zurück.“ (Sc II, 1)
Auf dieser Miniatur sind die Schöpfung und der Sündenfall, die Menschwerdung, die Erlösung und Verherrlichung in einem einzigen Bild dargestellt, das Hildegard, „vom geheimnisvollen Hauch befruchtet,“ schaute. Von dem helleuchtenden Feuerkreis in der oberen Bildhälfte, der den allmächtigen und lebendigen Gott bezeichnet, und der einen himmelblauen Lichtkreis in sich trägt, geht das Leben aus. Aus dem helleuchtenden Feuer mit der blauen Flamme im Inneren schlägt eine Lichtflamme nach unten in eine dunkle Luftkugel, die mit dem Schöpfungswerk Gottes angefüllt ist. Das Sechstagewerk der Schöpfung leuchtet in der Luftkugel in kleinen Bildern auf.
1. Trennung von Licht und Finsternis in der Engelwelt
2. Scheidung des Wassers über und unter dem Firmament
3. die Erde mit ihren Pflanzen
4. Sonne, Mond und Sterne
5. die Tiere der Luft und des Wassers
6. die vierfüßigen Tiere
Die blitzende weißglühende Flamme bedeutet das Wort Gottes. (Es sprach und es geschah. So vollendete Gott Himmel und Erde.) Sie ist in der Miniatur auf einen kleinen Lehmklumpen gerichtet, der am Grunde der Luftkugel liegt. Der Mensch „als gebrechlicher Grundstoff der weichen, zarten, schwachen Menschennatur“, wurde von der Flamme erwärmt und angehaucht und so ins Leben gerufen. Der lebendige Mensch in der oberen rechten Bildhälfte riecht an einer blendendweißen Blume, die das leuchtende Feuer, Gott, dem Menschen als Zeichen seiner Liebe anbietet. Er verkostet sie nicht mit dem Mund und berührt sie nicht mit den Händen. Der Mensch nimmt das Angebot Gottes nicht im Gehorsam an, er wendet sich von Gott ab und fällt in die dichteste Finsternis, in den Tod, aus dem er sich aus eigener Kraft nicht erheben kann.
Die Mitte der Miniatur zeigt das Schöpfungswerk Gottes von der Finsternis durchzogen, ausgebreitet wie ein breites Band. Weil die Menschen in die verschiedenen Laster verwickelt sind, breitet sich der Tod in der Welt aus. In dieser Finsternis befinden sich viele kleine und große Sterne. Diese stehen für die Patriarchen und Propheten, die Gott in die Finsternis sandte. Drei sehr große Leuchten stehen für Abraham, Isaak und Jakob, die Patriarchen, die Verheißungsträger im Alten Bund. Ihnen folgen die Propheten, die kleinen Sterne. Ein riesengroßer Stern (unter der Blume im finsteren Feld ) kündet von Johannes dem Täufer, „der sich blitzend der erwähnten Flamme zuwendet“ und auf den Sohn Gottes hinweist, der „als starker Liebeswille wie ein Morgenrot“ aufleuchtet. Aus Maria (sie ist nicht in der Miniatur zu sehen) ersteht der Erlöser, der von der Finsternis zurückgestoßen wird und blutrot und erbleichend aber mit großer Kraft die Finsternis zurückschlägt, so dass der Mensch, der am Boden liegt, sich aufrichten kann.
Das Wort Gottes hat durch seinen Tod am Kreuz die Erlösung bewirkt, die Menschen „barmherzig zu ihrem Erbe zurückgeführt“ und vom Tod befreit. Dies zeigt der Lichtmensch in der unteren Bildhälfte, der aus der Morgenröte (aus der Jungfrau Maria) hervorgeht. Er steigt auf zum Vater in großer Herrlichkeit. Nun ist der Himmel offen für den Menschen.
In der Vision wird gezeigt, wie Gott den Menschen durch sein fleischgewordenes Wort zu sich führt.
„Der Schöpfer hat sein Geschöpf dadurch geschmückt, dass er ihm seine große Liebe schenkte. So ist alles Gehorchen der Kreatur nur ein Verlangen nach dem Kuss des Schöpfers.“ (LVM )
Und alle Kreatur empfängt den Kuss des Schöpfers, da Gott ihr alles schenkt, was sie braucht.“

Sr. Hiltrud Gutjahr OSB