Werk – Wirklichkeit – Wahrhaftigkeit Was ist der Maßstab für Ihre künstlerische Arbeit? Schwester Christophora: Das Maß meiner Arbeit muss das Göttliche selbst sein. Das ist ein hoher Anspruch, dem ich nie gerecht werde, aber es ist eine Latte, die Gültigkeit hat. Das Göttliche steht außerhalb von Zeit und Raum, deshalb steht das Künstlerische, wenn es das Göttliche zum Thema hat, auch außerhalb von Zeit und Raum. Die Arbeit an einem Bildnis jedweder Art kann man nicht mit den zeitlichen Maßstäben industrieller Gesellschaften messen. Zeit im heutigen Sinn des Wortes bedeutet für die künstlerische Arbeit gar nichts. Meine Arbeit ist mit Zeit nicht zu messen und nicht zu bezahlen. Besser gesagt: es geht hier um ein ganz individuelles Maß an Zeit, dass aus mir entspringt und etwas Neues schafft, was soviel Zeit zur Verwirklichung braucht, wie es eben braucht. Die Entwicklung von einer Idee, einem Gedanken bis hin zu dem fertigen Werk ist nicht zeitlich oder räumlich messbar. Da entsteht etwas, das manchmal sehr bewusst durchgearbeitet und durchlebt wird, um dann mehr oder weniger mühsam verwirklicht zu werden. Manchmal steht dann plötzlich ein fertiges Werk vor mir, dessen wirklicher Prozess des Entstehens mir erst im Nachhinein klar wird. Es ist dabei völlig egal, ob das zwei Stunden, zwei Tage oder zwei Jahre sind. Nur das Werk danach, die Wirklichkeit der Arbeit und ihre Wahrhaftigkeit sind wichtig. Können Sie Ihren Begriff des Göttlichen näher erläutern? Schwester Christophora: Ich spreche bewusst vom Göttlichen, nicht von Gott oder Kirche oder Christus, weil eine künstlerische Arbeit sich nicht von bestimmten religiösen Formen prägen lassen sollte, sondern bestimmt ist von der allgemeinen Bewegung des Menschen auf die Vertikale hin. Wenn ich vom Göttlichen rede, dann deshalb, weil der Begriff Gott oder Jesus Christus in unserem westeuropäischen Denken viel zu eng gefasst ist. Gott mit Namen zu nennen, haben die frommen Juden nie gewagt, was ich mir durchaus zum Vorbild nehme. Deshalb dieser etwas unbegreifliche Begriff, um nicht alles direkt in der christlichen Religion und in bestimmten moralischen Vorstellungen festzusetzen. „Das Göttliche“ ist für mich genau das, was unser Menschliches in neue Dimensionen versetzt und gleichzeitig uns selbst auf unser Menschliches verweist. Für mich lässt sich das Göttliche nur im Menschlichen finden. Deshalb sind die Bilder, die ich mache, meine ganz persönlichen Bilder von Wirken Gottes im Menschen. Grundsätzlich denke ich sehr positiv. Meine Bilder sind meistens positive Bilder. Ich möchte die Liebe Gottes zum Menschen lebendig werden lassen, aber ohne, dass der Betrachter von bestimmten religiösen Vorstellungen festgelegt wird. „Mach’s wie Gott: werde Mensch!“ hat Altbischof Franz Kamphaus einmal gesagt. Das bedeutet für mich: der Anspruch des Göttlichen ist der Anspruch, dass ich der Mensch werde, der ich bin! Dass ich das immer neu einübe, was Gott mir vorgelebt hat: Er selbst ist Mensch geworden, also muss auch ich erst einmal ich selbst werden. Was ist Ihr Bild vom Menschen? Schwester Christophora: Was ist mein Bild vom Menschen? Da würde ich jetzt am liebsten sagen: „Du sollst dir kein Bild machen!“… Der Mensch ist ein Abbild Gottes, von seinen Händen geformt! Das ist ein ganz wunderbares Bild: naiv im besten Sinn des Wortes: einfach, natürlich, eindeutig und tief. Ich wünsche mir, immer das Bild, das Gott vom Menschen hat, vor Augen zu haben (soweit mir das als Mensch irgend möglich ist), wenn ich meinen Mitmenschen begegne. Das gelingt mir selten, wie oft möchte ich den anderen eher den Kopf waschen anstatt die Füße. Jesus hat den Menschen die Füße gewaschen, also in einfacher, ruhiger Weise seine Botschaft weitergegeben. Die Botschaft vom Reich Gottes ist keine Botschaft der Massen. Sie ist ein ziemlich schwer verdauliches und ein Leben lang zu kauendes Bitterkraut, um es mal so bildlich auszudrücken. Sie beziehen sich in Ihrer Kunst ausdrücklich auf die Romanik. Was bedeutet das für Sie? Schwester Christophora: Ich gebrauche besonders die Bilder der Romanik, weil sie eine Welt darstellt, die sehr ursprünglich den Menschen mit allem Hellen und Dunkeln in das Erbarmen Gottes hineingesetzt hat. Diese deftige Ursprünglichkeit, die die Wahrheit sucht, ohne sich manieristische Hintertürchen offen zu lassen, suche ich immer wieder neu für mich und für meine Arbeiten. Die Romanik findet heute bei vielen Menschen Anklang. Heute suchen wir wieder das wirklich alte, eben das Ursprüngliche. Etwas, was uns den Eindruck von Authentizität und Stand gibt, die heute von jedem einzelnen erst einmal neu gesucht werden muss. Wir haben keine „Stände“ mehr, deshalb ist es schwer, Stand zu finden. Das ist nicht bedauernd gemeint, sondern es ist so und es ist gut so. Ich bin froh, nicht in die Zeit der Romanik hineingeboren zu sein, ich bin froh, dass ich meinen Stand suchen musste und immer wieder neu suchen muss und nicht von vorneherein unabänderlich festgelegt wurde. Diese Faszination der Romanik hat auch etwas mit meinem Glauben zu tun: die Bilder und Formen, die mir hier begegnen, entsprechen in gewisser Weise meiner Glaubenserfahrung und deshalb orientiere ich mich gerne an ihnen, um meine konkreten Glaubensbilder zu schaffen. Wenn ich eine solche Konkretheit anstrebe, so ist es meine subjektive Konkretheit, die in den alten Bildern eine Nahrung findet, die von mir subjektiv übernommen wird. Es ist eine ganz persönliche Sprache. Das scheint altmodisch zu sein. Ich benutzte aber keine alten Moden, sondern alte Bilder und alte Grundlagen unseres Glaubens, die ich auf meine Wiese zu konkretisieren versuche. Um Ihre ganz persönliche künstlerische Sprache zu verstehen, ist es da notwendig, selbst in dieser christlichen Tradition zu leben? Schwester Christophora: Es ist natürlich so, dass zuerst ein christlich geprägtes Publikum zu mir kommt und sich angesprochen fühlt. Als Ordensschwester habe ich da sicher eine eindeutige Vorgabe. Dennoch denke ich, dass meine Figuren mit ihren anthropologischen Fragestellungen auch Menschen berühren, die nichts vom Christentum kennen. Meine Großskulpturen sind Urgestalten in Form von Stelen, wie sie von vielen Völkern vor dem Christentum als künstlerisches Ausdrucksmittel benutzt wurden. Mein Wunsch ist es, dass über dieser klaren Ebene die ganz allgemeine menschliche Fragen thematisiert und meine christliche Antwort als etwas positiv Lebensbejahendes erfahren wird, das deutlich macht: es gibt einen Gott, der die Menschen liebt. Ich lebe in einer Tradition. Sie ist das Fundament meines Lebens, ohne dass ich nicht künstlerisch arbeiten könnte. Jeder hat ein solches Fundament, auch wenn es oft nicht dezidiert wahrgenommen wird. Ohne Fundament kann man nicht bauen, auch keine Kunstwerke. Man kann das als Begrenzung empfinden, manchmal denke ich das auch, manchmal möchte auch ich ausreißen und mich befreien. Aber wovon? Ich richte mich mit meinen Kunstwerken als Suchende und Lernende an suchende und lernende Menschen. Sind Sie als Ordensfrau Künstlerin geworden oder als Künstlerin Ordensfrau? Schwester Christophora: Ich bin Schwester Christophora. Ich mag weder den Begriff Künstlerin, so wie er heute verstanden wird, noch den Begriff Ordensfrau, weil er zu sehr belastet ist. Ich habe nicht zwei Berufungen, sondern das eine ist aus dem anderen erwachsen und das andere aus dem einen. Dass ich meine künstlerische Begabung, die sicher längst vorhanden war, sich erst im Kloster verwirklichen konnte, ist für mich nur die Bestätigung, dass es das eine ohne das andere bei mir nicht gibt.
Was bedeuten Ihnen der klösterliche Lebensraum und die Gemeinschaft, in der sie leben? Schwester Christophora: Betrachten Sie einmal die Lebensläufe verschiedenster guter Künstler, dann werden Sie verstehen, dass die Idee eines Künstlerlebens frei von Ordnung, Disziplin und viel Arbeit Unsinn ist. Bei mir ist das nicht anders. Eine Gemeinschaft wie die meinige, die mich mitträgt und akzeptiert, ist eine riesige Hilfe und Rückendeckung. Zudem muss jeder Künstler, der sich selbst ernst nimmt und weiß, dass er eine Botschaft zu vermitteln hat, diszipliniert und hart arbeiten und ist an den ständigen Gehorsam seiner Berufung gebunden. Ansonsten geht man unter: in den Wünschen und Moden der Allgemeinheit, in dem Versuch, sich anzupassen, in der Versuchung, dass der Beifall der Masse Zeichen guter Arbeit ist. Für mich ist die Zustimmung der Menschen die größte Versuchung: der Wunsch, akzeptiert und anerkannt zu sein. |
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