1 = Kreuzigungsgruppe2 = Die Beuroner Kunstschule3 = Die Gemälde der Apsis4 = Beuronisches Kreuz5 = Beuronische Ewiglichtlampe6 = Orgel7 = Die rechte (südliche) Seitenwand8 = Die linke (nördliche) Seitenwand9 = Darstellungen aus dem Leben der hl. Hildegard10 = Sakristei - und Rückwand
 

Die Gemälde der Apsis

Das Innere des Kirchenraumes wird von der monumentalen Christusfigur in der Apsis über dem Altar bestimmt. Das auf Goldgrund gearbeitete Gemälde erinnert den Betrachter an ein byzantinisches Mosaik - eine Assoziation, die von den Künstlern durchaus beabsichtigt war. Christus erscheint als Pantokrator; als erhabener König und Herrscher über das All, zugleich aber als Bruder, der die Menschen mit offenen Armen empfängt und aufnimmt. Die ausgebreiteten Arme deuten auf die tiefe Symbolik, die in dieser Christusgestalt liegt, hin: Wer eingeladen wird, kommt aus freiem Willen und nicht aus Zwang. Das Verhältnis zwischen Christus und den Menschen ist das Verhältnis der Freundschaft und Liebe. Jeder ist eingeladen, zu jeder Zeit und an jedem Ort, gleich wo er steht. So schaut auch die Christusfigur jeden Besucher an; an keiner Stelle kann sich der Betrachter ihrem Blick entziehen. Dieser Effekt ist der Wölbung der Apsiskuppel zu verdanken, die sich die Künstler in St. Hildegard zunutze gemacht haben.
An das Christusbild schließt sich nach unten ein Fries mit dreizehn Lämmern an, ein Motiv, das bereits in frühchristlicher Zeit in vielen Kirchen Verwendung gefunden hat. Die dreizehn Lämmer sind Sinnbild für Christus und die zwölf Apostel. In der Regel gilt diese Darstellung Christi als Hinweis auf die Eucharistie, in der das Opfer Christi gefeiert wird. Doch kann das Lamm hier diese Bedeutung nicht haben, da auch die Apostel unter demselben Bild dargestellt sind. Deshalb liegt die Verbindung zu Lk 10,3 nahe, wo es heißt: ,,Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe." Die Apostel und damit jeder Christ sollen die Frohe Botschaft und das Himmelreich nicht mit menschlicher Macht und Stärke aufbauen, sondern im Ge-genteil: ,,Das Schwache hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen, und das Törichte, um die Weisen zuschanden zu machen" (1. Kor 1,27). Der Maßstab der göttlichen Liebe entspricht nicht dem, was in der Welt Rang und Bedeutung hat, sondern Gott wirkt gerade im Unscheinbaren und Schwachen. Das ist die Botschaft, die diese dreizehn Lämmer dem Betrachter nahebringen wollen.
Dem Lämmerfries schließt sich nach unten hin ein zweiter Fries an, auf dem acht ganzfigurige Engelgestalten dargestellt sind. Die Engel, die streng frontal ausgerichtet dastehen, sind in eine weiße gegürtete Tunika (altrömisches Gewand, dem auch die Ordenstracht der Benediktinerinnen nachgestaltet ist) gekleidet. Uber ihren Flügeln sind die Buchstaben , ,SCTS" = Sanctus (heilig) zum Zeichen für das immerwährende Gotteslob zu sehen.

Tabernaculum Dei Cum Hominibus - Grundgedanke der Ausmalung des Hauptschiffs. Das Hauptschiff hat vier ausgemalte Flächen: die beiden Seitenwände, den Chorbogen mit dem Bogenfeld und die Rückwand.
Das Feld des Chorbogens wird beherrscht durch das Bild der Stadt Gottes, durch die Mauern des himmlischen Jerusalem, die an den Seiten von je zwei Türmen eingefaßt sind. Die in leuchtendem Ocker gehaltene Inschrift auf dem saphirblauen Untergrund deutet auf den Grundgedanken aller Darstellungen und damit auf das Thema der ganzen Kirchenausmalung hin: ,,Tabernaculum Dei Cum Hominibus", ,,die Wohnung, das Zelt Gottes unter den Menschen" (Offb. 21,3).
Der hier formulierte Gedanke des Wohnens Gottes unter den Menschen geht in seinem Ursprung auf das Alte Testament zurück. Der Ort, an dem sich das israelitische Gottesvolk versammelte - und damit der Ort der Gottesbegegnung schlechthin -, war zur Zeit der Wüstenwanderung das ,,Zelt der Begegnung", später dann der jerusalemische Tempel. Dort, in ,,seiner Stadt" und ,,seiner Wohnung", feierten und erfuhren die lsraeliten die hilfreiche Gegenwart Gottes.


Auch für Jesus und die Urgemeinde des Neuen Testaments galt der Tempel folgerichtig als Heiligtum und als ,,Haus des Vaters". Doch kam nun eine neue Dimension hinzu: Jesus selbst wurde durch seinen Tod und seine Auferstehung zur endgültigen und universalen Stätte der Gottesbegegnung und der Gottesgegenwart. So sprechen die Evangelien von seinem Leib als dem wahren Tempel, und in der paulinischen Weiterführung ist die Rede von dem geheimnisvollen Leib der Kirche, dessen Haupt Christus ist. So bilden also alle Gläubigen zusammen den ,,heiligen Tempel des lebendigen Gottes".
Eigentlicher Ort seiner Gegenwart ist also die Kirche als Ursakrament Christi, als Gottesvolk des Neuen Bundes. Dieses versammelt sich zum Hören des Wortes Gottes, zum Gebet und zum Mahl und macht damit das Kirchengebäude seinerseits wieder neu zum Ort der Begegnung mit Gott. Hier schließt sich der Kreis. ,,Inhabitatio Dei cum hominibus" (Einwohnen Gottes in den Menschen) wird also zum Sinnbild für die Geschichte Gottes mit dem Menschen schlechthin.


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