Einführung in das Buch der Lebensverdienste Laster / Gotteskräfte und Tugenden

Darstellungen zum Buch der Lebensverdienste Hildegards von Bingen
Die Werke Hildegards verdanken ihre Berühmtheit nicht zuletzt den Bildern, die die Visionen auf beeindruckende Weise darstellen. Die großartigen Miniaturen zu Scivias und zum Buch der göttlichen Werke sind weithin bekannt. Man soll an das Bild des sogenannten Lucca-Kodex denken, auf dem der Mensch in der Mitte des Kosmosrades steht, oder an die minuziöse Ausarbeitung der Engelchöre sowie an das mandalaförmige Gebilde des Weltalls in der Rupertsberger Prachthandschrift. Während diese Illustrationen bereits im Mittelalter entstanden sind, hat man zum Buch der Lebensverdienste, zum zweiten Hauptwerk Hildegards, bis lang keine Darstellungen geschaffen.
Erstmalig erscheinen auf unserer Homepage Gemälde, die das Buch der Lebensverdienste bebildern und einen Zugang zu dieser Schrift bahnen. Sabine Böhm, freischaffende Künstlerin und ausgebildete geistliche Begleiterin, die seit langen Jahren in Verbindung mit unserer Abtei steht, spürt in ihren Gemälden die Intention dieses Werkes nach und vermittelt dessen Botschaft, die in der Verantwortung des Menschen angesichts der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse besteht.

Die Visionen des Buches der Lebensverdienste wirken auf den ersten Blick nicht so einladend. Wenn man dieses Buch aufschlägt, findet man eine ganze Reihe monströsen Mischwesen. Das eine beschreibt Hildegard beispielsweise so: „Die dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte. Seine Hände sahen aus wie Bärentatzen, und die Füße erschienen wie Greifenklauen. Er hatte schwarzes Haar und trug ein mattfarbendes Gewand.“ Und wenn man weiterblättert, liest man folgendes: „Die fünfte Gestalt hatte zwar den Kopf eines Menschen, aber das linke Ohr sah aus wie das eines Hasen, war aber so groß, dass es das gesamte Haupt überdeckte. Der übrige Leib glich dem Körper eines Wurms, eines knochenlosen Weichtieres, das in seinem Schlupfwinkel eingeschlossen liegt wie ein in Tücher gewickelter Säugling.“
Und es gibt solche Figuren im Buch der Lebensverdienste 35 an Zahl! Man ist dann schnell geneigt zu meinen, dass man sich von diesem Werk kein Vergnügen versprechen kann. – Oder doch? Vielleicht nicht auf den ersten oder auf den zweiten Blick, aber in einer nachdenklichen Lektüre geht es auf, dass gerade dieses Werk Hildegards uns Menschen am wesentlichen ansprechen kann. Hier geht es nicht nur um Kosmos und Heilsgeschichte im großen Rahmen, sondern um uns Menschen in einem ganz konkreten Sinne.

Einführung in das Buch der Lebensverdienste

Am Anfang vom Buch der Lebensverdienste sieht Hildegard eine den ganzen Kosmos überragende Menschengestalt:

„Ich sah einen Mann von solch hohem Wuchs, dass er von der obersten Höhe der Himmelswolken bis hinunter in die Abgründe reichte. So stand er da: Von seinen Schultern an ragte er über die Wolken hinaus in den strahlenden Äther. Von den Schultern abwärts bis zu seinen Hüften umschwebte ihn, unterhalb der erwähnten Wolkenschicht, eine andere blendendweiße Wolke. Von den Hüften bis zu seinem Knien umspielte ihn die irdische Luft. Von den Knien bis zu seinen Waden befand er sich in der Region der Erde. Seine Füße schließlich tauchten in die Wasser des Abgrundes, jedoch so, dass er dabei noch über dem Abgrund stand.“

In der darauf folgenden Auslegung sagt Hildegard, dass dieser Mann Gott darstellt. Deshalb sprengt seine Gestalt die Maße des geschaffenen Weltalls, weil Gott in seiner unermesslichen Majestät ohne Anfang und ohne Ende die ganze Schöpfung überragt. Die Schichten des Kosmos – Äther, Wolkenschichten, Region der Erde und die Abgründe – werden zugleich zeitlich gedeutet, so dass in diesem Bild des Universums auch die Heilsgeschichte gefasst wird. In dieser ganzheitlichen Sichtweise fügen sich also das Heilswirken Gottes in der Schöpfung und der Erlösung einerseits und das Heilsstreben des Menschen andererseits organisch zusammen.
Innerhalb dieser heilsgeschichtlichen Rahmenvision erscheint auch der Teufel. Er stößt einen abscheulichen Nebel aus, der die Erde bedeckt und aus dem die Laster heraustreten. Diese Laster halten jeweils große Reden. Die Beschreibung der Laster und die Reden, die sie halten, nehmen den meisten Platz im Buch der Lebensverdienste ein. Den Lastern antworten die Gotteskräfte (virtutes). Hildegard sieht sie nicht, sondern vernimmt nur ihre Stimme aus einer Sturmwolke.
Den eigentlichen Inhalt vom Buch der Lebensverdienste bildet also der Konflikt zwischen den Lastern und den Gotteskräften. Um die Tragweite dieser Auseinandersetzung verstehen zu können, muss man klären, was die Laster und die Gotteskräfte bedeuten.
Laster

Ursprünglich hat Gott alles gut geschaffen, er hatte den Engelfürsten, Luzifer, mit den schönsten Gaben beschenkt. Luzifer aber zerstörte durch Stolz seine Beziehung zu Gott und damit stürzte er in die Finsternis. Luzifer genügte es nicht, dass er selbst gestürzt war und noch eine große Schar seiner Anhänger mit in den Sturz hinabgezogen hatte, sondern er trachtete auch danach, den Menschen ins Verderben zu stürzen. Vom Ursprung des Bösen und seinem Eintritt in die Welt erzählt Hildegard in einer bildhaften Sprache. Die Theologie reflektiert darüber in der Lehre der Sünde bzw. der Erbsünde. Durch die Erbsünde hat der Mensch die integrale Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zur Schöpfung verloren. Zerrissenheit, Gespaltenheit und Versuchbarkeit bestimmen seinen personalen Kern. Gerade das sind die Laster: die Gefährdung unseres verletzten Menschseins.
Die Reden der Laster im Buch der Lebensverdienste wirken jedoch meistens sehr anlockend. Das Böse hat ja immer etwas Verführerisches an sich. Was aber sich hinter diesen propagierenden Worten birgt, wird durch ihre abschreckenden Gestalten einsichtig. Um vor der Gefahr der Laster zu warnen, antwortet ihnen je eine entsprechende Gotteskraft.
Gotteskräfte und Tugenden

Also haben nicht die Laster das letzte Wort. Die Gotteskräfte decken in ihren Antworten zum einen das wahre Wesen des Lasters auf, zum anderen offenbaren sie das Wesen des Guten in vielen Formen.
Die Gotteskräfte, die im Buch der Lebensverdienste ihre Stimmen aus der Wolke vernehmen lassen, treten auch in Scivias auf. Sie bevölkern dort das Heilsgebäude in Gestalt schöner Frauen. Trotz ihrem anmutigen Aussehen verbreiten sie keine idyllische Atmosphäre, sondern leisten Widerstand gegen das Böse und rüsten den Menschen zum Kampf aus.

Wie das geschieht, beschreibt Hildegard so:

„Das sind die starken Tugendkräfte, die dem Nährboden der Bescheidung entsproßten. Nicht als ob irgend eine Tugend ein lebendes, für sich seiendes Wesen wäre – sie ist ja nur wie helleuchtender Glanz, der von Gott ausstrahlt zur Hilfe des Menschen – aber weil der Mensch durch die Tugenden vollendet wird und sie das Werk des in Gott wirkenden Menschen sind, stehen sie hier in Menschengestalt.“ SV III.3.3.

Die Gotteskräfte sind also gestaltende Kräfte, die von Gott her kommen und durch den in Leib-Seele-Einheit wirkenden Menschen eine konkrete Gestalt bekommen. Indem der Mensch diese Gestaltung verwirklicht, wird er zur Person vollendet. Dies konkretisiert sich in mannigfaltigen Haltungen, für die der landläufige Sprachgebrauch eben das Wort „Tugend“ verwendet: die Tugend der Liebe, der Geduld, der Barmherzigkeit usw.
In den Auseinandersetzungen zwischen Lastern und Tugenden, wie das Buch der Lebensverdienste sie darstellt, wird die Realität menschlichen Daseins ausgedrückt: durch seine Freiheit hat der Mensch die Wahl zwischen Gut und Böse und es ist ihm aufgegeben, die Entscheidung gegen das Böse und für das Gute immer neu zu treffen.

Sr. Maura Zátonyi OSB