Vom Ruhen in Gott: die Stille bei Hildegard von Bingen Stille – ein Stichwort für viele von uns heute. Wir sehnen uns danach; wir suchen sie, weil wir in unserem Alltag oft von Hektik und Lärm überrollt werden. Aber dies sind nur äußere Umstände. Das, was wir im Tiefsten unseres Herzens suchen, ist die innere Ruhe, die innere Stille. Hildegard von Bingen, eine gottverbundene Ordensfrau, die zwei Klöster gründete, war Benediktinerin. Sie lebte somit – wie auch wir heute - nach der Regel des heiligen Benedikt, in der das Schweigen (und damit auch das Reden ) eine besondere Bedeutung haben. Welchen Wert hatte für die hl. Hildegard die Stille, das Schweigen? Drei Beispiele möchte ich in diesem Zusammenhang betrachten. a) Hildegard hat ihrer Zeit, dem 12. Jahrhundert, gesagt, dass es eine „weibische Zeit“, d.h. eine Zeit der Gottvergessenheit, ist. Das ist auch heute aktuell. Wo überlassen wir uns noch Gott? Wo brauchen wir heute noch Gott, in einer Zeit, in der eigentlich alles möglich ist, in der man alles haben kann? Ein Anzeichen für diese Problematik ist die innere Unruhe. Als Hildegard den Ruf Gottes vernahm, ihre Visionen (das, „was sie sieht und hört“) aufzuschreiben, ging sie nicht sofort an die Öffentlichkeit: „Bis zu der Zeit, da Gott es durch seine Gnade kundtun wollte, begrub ich alles in tiefem Schweigen.“ ( Scivias , S. 5 ) Darin zeigt sich ihre tiefe Gottverbundenheit: Hildegard überlässt es Gott, den Zeitpunkt anzuzeigen, wann ihre Visionen offenbar werden sollen. Damit überlässt sie sich ganz Ihm - alles ist seine Gnade. Gott allein weiß, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Hildegards Visionen sind ein Geschenk Gottes. Doch nur zögerlich teilt sie diese anderen mit, nachdem sie das Außergewöhnliche (d.h., dass Visionen nicht jedem zuteil werden) daran erkannt hat: „Dann wurde ich in derselben Schau durch einen großen Ansturm von Schmerzen gezwungen, offen darzulegen, was ich gesehen und gehört hatte, aber ich fürchtete mich sehr und schämte mich, bekannt zu machen, was ich so lange verschwiegen hatte.“ ( Vita, S. 127 ) Die Größe der Offenbarung Gottes bringt sie zu einem inneren Schweigen. b) Die Zeiten des Schweigens sind für Benediktiner und Benediktinerinnen von der Regel des heiligen Benedikt her vorgegeben. So soll z.B. nach der Komplet, dem Abendgebet, keiner mehr sprechen (Kapitel 42), oder es ist die Zeit festgelegt, in der man sich der geistlichen Lesung widmen soll (Kap. 48). Dies sind Zeiten, in denen die Schwestern bzw. Mönche auf Gott hören sollen. Die größte Gefahr des unbedachten Redens ist z.B. die Ablenkung, die Flucht vor dem, was in mir ist oder ein falsches Wort, das innere Unruhe zur Folge hat. Hildegard von Bingen hat zur Regel des heiligen Benedikt eine Auslegung – explanatio - geschrieben. Dort sagt sie: „Aber da es fast unmenschlich ist, dass der Mensch immer die Schweigsamkeit übt und nicht redet, überlässt es der Vater der Unterscheidungsgabe und der Macht des Abtes – wie er auch in anderen Fällen dem Abt die Entscheidung überlässt - , für seine Jünger die angemessene Stunde zu bestimmen, zu der sie das, was würdig und notwendig ist, miteinander besprechen. So empfinden sie keinen Überdruss durch unmäßiges Schweigen. Denn wenn das Reden miteinander auf diese Weise erlaubt wird, können sie nachher noch angemessener und ernsthafter auf die Schweigsamkeit und Stille achten und sich in Zucht nehmen.“ (Auslegung, S. 37) Nur zu schweigen ist unmenschlich – das weiß Benedikt; das weiß auch Hildegard. Es geht hier also um das rechte Maß, um die „discretio“. Ein Schweigen ohne rechtes Maß ist unmenschlich, „inhumanum“. Es führt zu Überdruss und Ekel. In Hildegards Denken kommt hier die Menschwerdung Christi, des Wortes Gottes zum Tragen: Das menschliche Wort soll gemeinschaftsstiftend, aufeinander bezogen sein, aus der Notwendigkeit heraus kommen (Not wendend sein), und aus der Liebe und Güte zueinander (Auslegung, S. 21). Dann kann auch das Schweigen ein gutes Schweigen werden bzw. sein. Aber all dies wächst wiederum aus einer engen Gottverbundenheit, einem starken Vertrauen auf Gott. So wird das Schweigen zum Raum des Wortes. Erst durch das Schweigen kommt das Wort zur Geltung: ein Schweigen, eine wohltuende Stille, in der Gott der Urgrund ist. c) Das dritte Beispiel soll aus Hildegards Werk „Der Mensch in der Verantwortung“ (Liber Vite Meritorum) genommen sein. In dessen fünftem Teil (es geht um die Darstellung von Lastern, denen die entsprechenden Tugenden gegenübergestellt werden) spricht die zweite Gestalt, das Umherschweifen: „Das wäre mir doch ein törichtes Verlangen, wenn ich immerfort an der gleichen Stelle und bei denselben Leuten verkehren sollte. Nein, überall möchte ich mich sehen lassen; überall soll man gelegentlich auch von mir hören. Wenn man mich allerorts zu Gesicht bekommt, wird mein Ansehen nur gewinnen. Wächst doch überall das Gras und geht doch frei die Blüte daraus hervor. Wenn es bei den Menschen nicht genauso wäre, welchen Ruhm hätten sie denn sonst wohl zu erwarten? Drum bin ich nun mal so, mit all meiner Gescheitheit und Gewitztheit, bin wie dieses Gras, komme in meiner Schönheit zur Blüte und zeige mich hier wie dort und überall in voller Deutlichkeit.“ ( Liber Vite Meritorum, S. 223 / 224 ) Dieser Figur geht es nur um das Ansehen, die Bewunderung der anderen, ihr zur – Geltung - Kommen, die Darstellung ihrer Klugheit. Sie baut auf sich selbst. Die Tugend der Stetigkeit, die ihr antwortet, sagt, dass sie „... in ihrer unruhestiftenden Erscheinung nur eine Stimme leerer Eitelkeit ist. Du hast die Worte der Vernünftigkeit noch nicht durchgesiebt. Wie eine Heuschrecke springst du da hin, hier her, dort hin. Wie Schneegestöber wirst du irgendwohin gewirbelt. Von der Speise der Weisheit hast du noch keinen Brocken gekostet, auch nichts vom Getränk wirklicher Maßhaltung genossen. Dein Leben gleicht gewissen Vögeln, die nirgends ein sicheres Nest und eine Heimat finden können. ..., und nirgendwo wirst du jemals zur Ruhe kommen.“ ( Liber Vite Meritorum, S. 224 ) Weder die Weisheit noch die Maßhaltung sind für das Laster des Umherschweifens ein Begriff. Beides sind Haltungen, die von einer anderen Ausrichtung des Lebens sprechen: Weisheit ist nicht das intellektuelle Wissen, sondern das Vertrauen auf Gottes Wirken und seinen Schutz. Das weise Herz ruht in Gott, ist barmherzig und lässt sich nicht von der Welt treiben. Maßhaltung ist das Gegenteil von der Haltung, alles haben zu müssen, weil ich sonst nicht existieren kann. Weil das Ziel des Lebens Gott ist, muss man nicht ständig die eigenen Bedürfnisse befriedigen. Die Folge ist, dass die Dinge, die uns sonst erstrebenswert erscheinen, einen anderen Stellenwert bekommen; sie werden zweitrangig. Dadurch weicht die innere Unruhe und wächst in eine Stille hinein: Eine innere Ausgeglichenheit, die aus dem Vertrauen auf Gott erwächst. Stille im Herzen ist die Ruhe in Gott. ER allein ist wichtig. Dazu gehört auch die Aufrichtigkeit vor Gott und nicht die Rechtfertigung seiner unguten Lebensweise durch viele Worte, denn dadurch kann man Gott nicht gefallen, wie Hildegard in einer Vision im Buch „Wisse die Wege“ schreibt : „... Denn ich finde nicht am vielen Reden mein Gefallen, sondern an der Herzensreinheit derer, die mich getreulich suchen und mich mit der Glut ihrer Liebe liebevoll ( benigne ) umarmen.“ ( Scivias, S: 254 / 255 ) Die Stille, die innere Ruhe ist somit für Hildegard von Bingen das Stehen in der Verbundenheit mit Gott. ER bestimmt ihr Leben. Sie vertraut darauf, dass Gott allein weiss, was gut und richtig ist. Ihr Inneres ist geprägt von der Sicherheit, die aus dieser Gottverbundenheit erwächst. Sie verdankt sich IHM, strebt nur nach dem, was von Gott kommt. Das ist Hildegards Sehnsucht, wie es das abschließende Gebet ausdrückt: Nach dem Geheiß deines Wortes Sr. Lydia Stritzl OSB Quellen: - Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, ( Liber Scivias ), übersetzt von Walburga Storch OSB, Pattloch Verlag, Augsburg 1991.
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