Johannes der Täufer: Urgestalt des Advent

In der orthodoxen Kirche sind Johannes der Täufer und Maria die beiden größten Heiligen. Zwei Menschen der Stärke und der Demut zugleich, von Gott erwählt, Unerhörtes zu vollbringen: Gott zu gebären und IHN zu taufen. Beide hat Gott ganz und gar in seinen Dienst genommen, beiden auch hat er das Härteste abgefordert. Und: beiden war nichts anderes aufgetragen, als allmählich und immer mehr in den Hintergrund zu treten – abzunehmen, damit er wachsen könne. Das Wegbereiten des Täufers bleibt ein Mysterium – ebenso wie die Mutterschaft Mariens.

Ich möchte hier einerseits die Gestalt Johannes des Täufers selbst in seinen wichtigsten Äußerungen befragen, andererseits sollen die Evangelisten in ihrem Zeugnis über ihn zu Wort kommen. Hören wir auf das, was sie uns zu sagen haben – und fragen wir uns, wie wir mit unserem eigenen Leben Antwort geben können auf ihren Ruf.

Johannes – der Vorläufer und Wegbereiter

„Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Dieser kam, damit er Zeugnis ablege für das Licht, damit alle durch ihn glaubten.“ (Joh 1, 6-8)

Es ist sicher kein Zufall, dass alle Evangelisten gleichermaßen das Leben und Wirken Johannes des Täufers würdigen. Lukas erzählt sogar recht ausführlich von seiner Geburt und setzt damit eine deutliche Parallele zur Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu. Der Evangelist Johannes widmet sein erstes Kapitel fast ganz der Person des Täufers und macht ihn dadurch zur Schlüsselfigur seiner frohen Botschaft:

Ein Mensch trat auf – von Gott gesandt – sein Name war Johannes. Johannes, das bedeutet: Gott ist gnädig. War es nicht wirklich eine Gnade, dass Elisabeth, die als unfruchtbar galt, noch in fortgeschrittenem Alter ein Kind gebar? Bei Gott ist kein Ding unmöglich (Lk 1,37). Selbst Maria, die Mutter aller Glaubenden, konnte es zunächst nicht glauben. Und doch: Gottes Gnade war größer. Sie ist immer größer – auch heute. Gottes Pläne liegen immer schon jenseits der unsrigen, seine Gedanken überragen die unsrigen schon immer ins Unendliche hinein. Gott enttäuscht bisweilen unsere Vorstellungen und Erwartungen, aber nur, um uns für seine Hoffnung und seine Verheißung zu öffnen.

„Dieser kam, damit er Zeugnis ablege für das Licht, damit alle durch ihn glaubten.“ (Joh 1, 7.8)

So der Evangelist weiter. Hier werden die Rollen gleich verteilt. Johannes ist der Zeuge, der nicht sich selbst verkündigt, sondern auf einen anderen verweist, auf Christus, der das Licht ist für die Welt. Johannes der Täufer steht ganz im Dienst des Allerhöchsten, ist ganz Diener des Lichtes, durch das auch er selbst erleuchtet wird. Seine Zeugenschaft ist aber kein Selbstzweck, sondern geschieht, „damit alle durch ihn glauben“ und durch ihn dem einen und wahren Messias begegnen. So erfüllt sich in Johannes dem Täufer, was Maleachi (460 v. Chr.), der letzte Prophet des Alten Testamentes, verkündete: „Der Herr spricht: Siehe, ich will meinen Boten senden, der mir den Weg bereiten soll. Und bald wird er kommen, der Herr, den ihr sucht.“ (Mal 3,1)

„Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht eben seine Straßen“ (Joh 1, 23,; Mt 3,3)

Es ist sicher kein Zufall, dass das Selbstzeugnis des Johannes auf das Prophetenwort des Maleachi Bezug nimmt: Parate viam Domini – bereitet den Weg des Herrn! Gilt dieser Ruf nicht auch uns? Bedenken wir: welche Täler müssen zunächst in uns selbst aufgefüllt und welche Berge in uns abgetragen werden, damit wir dem Herrn den Weg mitten in unser Herz und mitten in das Herz der Menschen bereiten können? Wie oft bedarf es da eines Rufers in den Wüsten unseres Lebens, in der Wüste unserer enttäuschten Hoffnungen, in der Wüste unserer eigenen Engen und Ängste? Doch sind wir auch bereit, auf die Stimme des Rufers zu hören? Sind wir bereit, gerade auch in scheinbar unscheinbaren Begegnungen und Erfahrungen den Rufer in der Wüste zu erkennen? Und umgekehrt: haben wir den Mut, ein offenes Wort zur rechten Zeit zu sprechen, um so unser aller Berufung zum Rufer in den geistigen Wüsten unserer Zeit zu entsprechen?

„In eurer Mitte steht einer, den ihr nicht kennt.“ (Joh 1,26)

Johannes der Täufer war von Gott gesandt, um dem Volk Israel zu sagen: Jetzt ist die Zeit erfüllt, jetzt wird wahr, was der Prophet Jesaia einst verkündet hat – „denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden“ (Jes 40,5). Unter euch steht einer – Christus – den ihr nicht kennt. Das Licht kam in die Welt, und die Welt hat es nicht erkannt. Jesus wäre nicht einmal unerkannt geblieben, würde er nicht immer, auch heute, der Unerkannte bleiben. Das biblische cognoscere – erkennen – bedeutet auch und in erster Linie glauben und lieben. Lassen wir uns also von Johannes in unserem oft frommen Unglauben fragen: Glauben wir, wirklich, dass Jesus Christus, der Gekreuzigte, Gottes eingeborener Sohn ist, der in die Welt kam, um uns zu erlösen? Glauben wir das, was wir tagtäglich im Credo beten und den Gläubigen verkünden, – ganz und gar, aus tiefstem Herzen, mit unserm ganzen Verstand, mit unserer ganzen Existenz? Und: ist unsere Liebe zu IHM wirklich mehr als ein wohlmeinendes Lippenbekenntnis, ist sie rein und unverfälscht, frei von selbstsüchtigen oder auch pharisäischen Begleittönen? Hat sie auch dann noch Bestand, wenn er, Gott, uns im Unbekannten, im Unbequemen begegnet? „In eurer Mitte steht einer, den ihr nicht kennt“ – lassen auch wir es uns von Johannes dem Täufer gesagt sein und öffnen wir die Augen und Ohren unseres Herzens weit, damit wir uns selbst immer tiefer erkennen lernen und von dort her IHN, Christus, immer tiefer lieben lernen.

Der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.“ (Joh 1, 15)

Der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen von seinen Schuhen zu lösen,“ (Mt 3, 11)

Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen (Mk 1, 8; Lk 3, 16)

Diese Worte des Johannes sind Zeugnisse wahrer Demut und Selbsterkenntnis. Johannes gibt der menschlich gesprochen durchaus nahe liegenden Versuchung nicht nach, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Er erniedrigt sich in Demut, um Jesus zu erhöhen. Auf IHN hin wird alles ausgerichtet: auf sein Kommen, auf seine Gegenwart, auf sein Mysterium. Johannes bleibt trotz seiner kraftvollen und sicher auch ausgesprochen charismatischen Persönlichkeit ganz durchsichtig, ganz transparent auf Christus hin. Er lässt sich in seinen Dienst nehmen – auch dann noch, als seine Anziehungskraft und sein Erfolg so groß waren, dass längst Scharen von Menschen zu ihm kamen, um sich von ihm, Johannes, taufen zu lassen. Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass sich Demut nicht mit Stärke vereinbaren lasse, auch, dass Gottesfurcht Ängstlichkeit und Schwäche mit sich bringe. Johannes der Täufer zeigt uns das Gegenteil. Wahre Demut setzt den Mut voraus, in Würde vor Gott klein zu sein und die eigenen Grenzen anzunehmen. Solche Demut, die wenig mit Duckmäusertum und mit Kleinmacherei zu tun hat, dafür aber umso mehr mit Wahrhaftigkeit, ist wahre Größe, die Gott Gott sein lässt und die eigene Würde dankbar annimmt .

Die Taufe Jesu durch Johannes zeigt uns dies auf wunderbare Weise:

Johannes sagte: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Doch Jesus antwortete ihm: lass es jetzt geschehen! Denn so geziemt es sich für uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er ihn zu. Als aber Jesus getauft war,… da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabschweben. Und eine Stimme sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Mt 3,14-17).

Erst in diesem Akt der Demut und des Gehorsams wurde Johannes die Gnade geschenkt, als erster die Offenbarung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu empfangen. In dem Augenblick demütiger Selbsterkenntnis lernte er das Wesen Christi verstehen. Und von diesem Moment an, gleichsam auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner Sendung, trat Johannes dann in den Hintergrund, in das Schweigen und in den Tod.

2) Johannes – der radikale Prediger der Umkehr

„So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf … er war gekleidet mit Kamelhaaren und nährte sich von Heuschrecken und wildem Honig.“ (Mk 1, 4.6)

Johannes der Täufer, so hat es Papst Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 in einer Predigt zum 24. Juni gesagt, „war in erster Linie ein Glaubender, der höchst persönlich einen anspruchsvollen spirituellen Weg gegangen ist … Er bezeugt einen weltabgewandten und armen Lebensstil; er beweist großen Mut in der Verkündigung des Willens Gottes vor allen Menschen – bis zur äußersten Konsequenz.“

Johannes verließ sein Elternhaus und ging in die Wüste, wie es viele vor und nach ihm getan haben. Er entzog sich dem Lärm der Welt und seiner saturierten Umgebung. Das karge und einfache, unbehauste und entbehrungsreiche Leben hat ihn geprägt. Die Wüste war für ihn Herausforderung und Prüfung, zugleich aber auch Ort der Gottesbegegnung. Darin können wir, die wir in den Wüsten unserer Zeit zu leben haben, uns durchaus wiederfinden. Allerdings müssen wir uns fragen lassen: nehmen wir diese Wüsten bewusst an? Umarmen wir sie sozusagen liebend, um sie damit zu verwandeln in fruchtbare Äcker? Fragen wir uns in diesem Zusammenhang aber auch, wie es mit unserer Armut steht, mit unserer Bereitschaft zum Verzicht und zum einfachen Leben.

Armut, das zeigt uns die Gestalt des Täufers Johannes, ist ja viel mehr ist, als nur eine „Tugendübung“. Sie ist eine fundamentale Lebenshaltung, die sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckt – auch ganz konkret auf meinen Lebensstil. Es geht dabei um „Enteignung“, um das Loslassen-Können, das alleinwirklich frei macht, auch um den bewusst gewollten Zustand der Wehrlosigkeit, um empfangen zu können, um die „unditas“, wie Johannes Kassian es einmal sagte, um Blöße, Nacktheit, um einen Zustand, in dem alles Äußere, alle Schutzhüllen, alle Masken, alle vermeintliche Unabhängigkeit wegfällt. Der Prozess des Armwerdens, der Preisgegebenheit will im Tiefsten und Letzen Leere schaffen. Leere im Sinne des Leerseins von kann aber niemals das Ziel sein. Gemeint ist das Leersein für: Empfänglichkeit, Erwartung, Ausgerichtet – Sein auf eine Erfüllung. Kein Ziel, aber ein Weg, Offenheit auf das Ziel des Daseins hin, auf die Erfüllung mit Gottes Geist und Leben. Sind wir dazu bereit? Oder gehen wir – wie der reiche Jüngling – traurig weg, da wir ein großes Vermögen haben?

In der Kunst wurde Johannes der Täufer immer wieder als der asketische und wortgewaltige Wüstenprediger dargestellt. Er war wahrlich kein Angepasster, kein „süßlich-frommer“ Heiliger, sondern einer, der zupackte und dessen Predigt schroff und bedingungslos, aufrüttelnd, manchmal auch anstößig, ja schockierend war. Die sogenannte Standespredigt legt dafür ein beredtes Zeugnis ab:

„Kehrt um und glaubt an das Evangelium … Bringt Früchte, die der Umkehr entsprechen … Wer zwei Röcke hat, gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue ebenso …“ (Lk 3, 8.11.)

Johannes fordert zu Umkehr, zu Besinnung und Buße auf. Buße kann für ihn zu jeder Zeit erfolgen, Umkehr, Neubesinnung und Neuanfang sind immer möglich. Es ist nie zu spät, weil Gott immer von neuem beginnt und weil uns jeden Morgen eine neue Chance geboten wird. Gottes Geduld ist beharrlicher als unser Unglaube und unsere Halbherzigkeit, seine Barmherzigkeit und sind Liebe sind immer größer als unsere Schwäche. Johannes scheut sich auch nicht, seine Zuhörer in die Pflicht zu nehmen und ihnen konkrete Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe vor Augen zu führen. Haben wir heute dazu noch den Mut? Oder scheuen wir uns, mit Rücksicht auf die wirkliche oder vermeintliche Schwäche der Menschen die Dinge beim Namen zu nennen? Wer ernsthaft auf dem Weg ist und in seiner Suche auch ernst genommen wird, der will und muss gefordert werden. Oft genügt es schon, bei einem konkreten Punkt zu beginnen, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Unterfordern wir die Menschen nicht und „verkaufen“ wir das Reich Gottes nicht unter Wert. Wagen wir es, christliche Existenz als echte Alternative zu leben und zu verkündigen.

Der Bußruf Johannes des Täufers hatte ein konkretes Motiv:

„Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe … Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen … der aber nach mir kommt, hat seine Wurfschaufel in der Hand: er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird er verbrennen in unauslöschlichem Feuer.“ (Mt 3, 2.10.12)

Ist das ein Heilsversprechen oder eine Drohung? Jedenfalls ist es ein untrüglicher Hinweis auf die Entscheidung und ein unmissverständlicher Aufruf, unseren Glauben ernst zu nehmen und aus ihm heraus verantwortlich zu leben. Die Taufe verstand Johannes nicht erstlich als Reinigung, sondern als bekräftigendes Zeichen und als Bekenntnis, das immer neu eingelöst sein will – in der Firmung, in der Priesterweihe, in der Profess – in den Hochzeiten des Lebens, vor allem aber im Alltag.

Wenn wir die Predigt und den Umkehrruf des Johannes in wenigen Worten zusammenfassen wollen, dann wohl am besten in denen, die mir das kostbarste Vermächtnis des Täufers zu sein scheinen und von denen das eine an ganz zentraler Stelle Eingang in unsere Liturgie gefunden hat:

„Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt.“ (Joh 1, 29)

Und der Evangelist fährt fort:
„Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.“ (Joh 1,36)

Und schließlich:
„Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ (Joh 3, 30)

Das Verweisen auf Jesus als den Christus, als das Lamm, das geopfert wird, um die Menschen von der Sklaverei der Sünde zu erlösen, hat in unzähligen Kunstwerken seinen Ausdruck gefunden. Vor unserem geistigen Auge wird jetzt vielleicht der Isenheimer Altar aufleuchten. Wer vor diesem Bild je schon einmal betend und meditierend verweilt hat, der mag die ganze Größe dieses Täufers spüren. Von der Osterbotschaft, von Kreuz und Auferstehung Jesu, kann er noch nichts wissen. Er kann sie nur erahnen und wird so zum wahren Propheten auf der Schwelle zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Genau deshalb stellt Matthias Grünewald den lange vor Jesus hingerichteten Johannes auch symbolisch mit unter das Kreuz.

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen: Auf dem Höhepunkt seines eigenen Wirkens, als seine Jüngerschaft beständig wuchs, während Jesus selbst noch gar keine Jünger hatte, weist Johannes die, die ihm folgen, auf Christus hin. Andreas folgt seiner „Aussendung“ und ihm wiederum folgen dann Simon und die anderen Apostel. Welche Überzeugungskraft und welche Demut zugleich muss Johannes besessen haben, um seine Jünger dazu zu bringen, Jesus als den größeren Meister anzuerkennen. Hier an dieser Stelle wird Johannes noch einmal ganz durchsichtig auf IHN hin und legt damit das bleibende Fundament und den bleibenden Anspruch für ein Leben der Nachfolge.

Fragen wir uns an dieser Stelle noch einmal, was in uns abnehmen muss, damit er wachsen und in uns Gestalt annehmen kann, was in uns an Egoismus und an Eigensinn, an Vorbehalten und immer neuen Bedingungen abgebaut werden muss, damit er Wohnung in uns nehmen kann. Und denken wir, die wir oft so stolz sind und die eigenen Schwächen mit viel Aufwand zu verbergen suchen, dabei auch an den hl. Hieronymus, der als 80-Jähriger Gott einst fragte, was er ihm, Gott, noch geben könne, damit er alles in allem für ihn würde. Gott gab ihm zur Antwort: „Gib mir deine Sünden.“

3) Johannes – der Einsame und unsicher gewordene Zweifler

Über Johannes den Täufer nachsinnen kann man nicht, wenn man nicht auch an sein furchtbares Ende denkt. Seine Unbeugsamkeit und sein Mut haben ihm im wahrsten Sinne den Kopf gekostet. Er war bereit, den Weg bis zu Ende zu gehen und für seine Überzeugung zu sterben. Doch zuvor musste er noch einmal eine trostlose Wüste durchschreiten – das Verließ, in das Herodes ihn hatte werfen lassen. Hier durchlebt Johannes der Täufer furchtbare Stunden der Einsamkeit, der Angst und des Zweifels.

„Bist du der Messias, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? (Mt 11,3)

Johannes kamen im Gefängnis und im Angesicht des Todes Zweifel. Vielleicht macht gerade das den fast so Übermenschlichen für uns am Ende noch einmal so menschlich. Geht es uns nicht oft genauso? In den Gefängnissen unseres Lebens, in den Engen und Ängsten unseres Daseins, in Einsamkeit und Verzweiflung, im Angesicht von Krankheit, Leid und Tod? Auch im Zweifel vertraute Johannes noch genug, um Jesus selbst die Frage zu stellen, was er von IHM glauben solle. Auch darin bleibt er der Vorläufer, denn auch der Herr rief ja in seiner Todesstunde den Vater an: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und wir? Wenn wir diesen oft so furchtbaren Sprung ins Leere zu machen haben, der uns von dem Glauben, wie wir ihn uns ausgemalt haben, zu jenem führen soll, den Gott für uns vorgesehen hat, dann dürfen wir von Angst und Zweifeln ergriffen werden. Vielleicht besteht unser Glaube dann einzig darin, unseren Blick nicht von IHM zu lassen und zu bekennen: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. Dann werden wir begreifen, was Jesu Antwort auf die Frage des Johannes „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ bedeutet– nämlich: Selig, wer kein Ärgernis nimmt an der Weise, wie ich komme.

4) Johannes, der Freund des Bräutigams und seliggepriesene Prophet

Johannes der Täufer kann uns also – trotz seiner überragenden Gestalt – sehr nahe kommen. Von Ferne, tastend, ganz allein hat er am Ende noch einmal neu entdecken müssen, wer sein Herr und Meister sei. So wurde er zum Freund des Bräutigams und kann sagen:
„Der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist jetzt in Erfüllung gegangen.“ (Joh 3, 28.29)

Und der Freund, Jesus Christus, antwortet:
„Ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist keiner größer als Johannes der Täufer; aber der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er.“ (Lk 7, 28)

So ist in Erfüllung gegangen, was Zacharias im Lobgesang des Benedictus über seinen Sohn geweissagt hat:

„Und du, Kind,
wirst Prophet des Höchsten genannt werden;
denn du wirst dem Herrn vorausgehen,
und ihm den Weg bereiten,
um seinem Volk die Erkenntnis des Heiles zu geben,
in der Vergebung der Sünden.“ (Lk 1,76.77)
Sr. Philippa Rath OSB