Kunst im Heute

Dass man in Klöstern nicht selten eine Anzahl von Hobbykünstlern antreffen konnte und antreffen kann, ist fast alltäglich. Dass die oder der eine davon über diesen Status hinauswächst, stellt eher die berühmte Ausnahme der Regel dar. Dafür, dass es sich gibt, steht der Name von Sr. Christophora Janssen. Sie steht als Beispiel dafür, dass das, was man „Kunst im Kloster“ genannt hat, möglich und tatsächlich ist.

Keramik, Glas und ein Abstecher in die Malerei stellen die bisherigen Schwerpunkte ihres künstlerischen Schaffens dar. Ihre Inhalte empfängt sie nahezu ausschließlich aus dem Bereich von Religion und Glaube. Es sind vor allem Gestalten und Texte der Bibel, die sie inspirieren.

Das ist keineswegs verwunderlich, wenn man bedenkt, wie sehr in der Bibel alles, das Geheimnis Gottes, aber auch der Schöpfung, der Geschöpfe und der Geschichte, im Reich des Bildes und der Bilder beheimatet ist. Dazu gesellt sich für Sr. Christophora als weiterer Anreger ihr klösterliches Lebensumfeld mit seiner konkreten Alltagsgestalt, aber auch mit seiner ausgewiesenen Lebenstradition und seinem spirituellen Gehalt. Der Umgang eines Künstlers mit seinen Quellen und Inspirationen lässt sich nicht eindimensional beschreiben noch auf einen Nenner bringen. Es ist ein Geben und Nehmen, das im Kern einem Gespräch gleicht, dessen Qualität von Faktoren wie Charisma, Begabung, Erfahrung, Einsicht, Weisheit und dergleichen abhängt.

Will ich mich auf das Wagnis einer Deutung des künstlerischen Werks von Sr. Christophora einlassen, so möchte ich von dem Eindruck ausgehen, den ihre Großskulpturen auf mich machen. Wenn man sie in einer Landschaft oder auf einem Platz angeordnet sieht, dann sagt mir mein erstes Empfinden: Sie wachsen gewissermaßen aus dem Boden oder aus der Erde heraus. Dieses Wachsen ist in einem mehr als oberflächlichen Sinn gemeint. Ich möchte nicht behaupten, dass sie aus ihrem Untergrund bereits gewachsen sind; nein, der Vorgang oder Prozess des Wachsens dauert an: Sie sind mitten im Wachsen und man kann ihnen dabei zusehen. Deswegen wirken sie durchaus nicht starr oder steif. Sie sind in Bewegung; ihre Richtung weist meiner Beobachtung nach eindeutig nach oben. Darum haftet ihnen ein urpositiver, optimistischer, auf Verheißung, Gelingen und definitives Ankommen verweisender Grundzug an. Es dominiert in ihnen nicht das Scheitern, Zerbrechen oder der Untergang, sondern das Gegenteil davon. Wollte ich es in der Sprache des Glaubens formulieren, dann müsste ich sagen, dass sie etwas genuin Österliches in und an sich haben. Es sind Auferstehungsgestalten, Gestalten, die auferstehen oder in Auferstehung begriffen sind; sie wachsen Ostern, ihrer Auferstehung, Verklärung und Herrlichkeit entgegen. Etwas von diesem stillen und geheimnisvollen österlichen Glanz ist auch im übrigen Werk von Sr. Christophora präsent und wirksam.

Ein anderer Zug, den ich in ihren Darstellungen zu entdecken glaube, besteht darin, dass die Künstlerin keine Momentaufnahmen zeigt. Es sind mehr Zustände und Haltungen, die sie ins Bild hebt, als Augenblicke, Ereignisse und Aktionen. Repräsentativ dafür ist die Benedikt von Nursia darstellende Keramik, wie sie das Plakat unserer Ausstellung im Ausschnitt zeigt. Was daran auffällt, sind die überdimensionalen dunklen Augen und Ohren der Gestalt. Das sind nicht einfach Augen und Ohren, es sind Augen und Ohren besonderer Art. Sie sind in Aktion, oder noch besser: in Passion. Sie schauen und hören, sie sind im Schauen und im Hören. Der Betrachter erhält den Eindruck, dass sich diese Augen und Ohren in einem Austausch, in Kommunikation, im Dialog oder Gespräch mit einem Gegenüber befinden, dessen Anteil und Echo in ihnen widerscheint und sich spiegelt. Es ist die Welt des Anderen, deren Licht in diesen Augen aufstrahlt und reflektiert wird, auf das sie schauend zugehen und das Wort des Anderen in den sich vergrößernden Ohren sammelt. Wovon Augen und Ohren berührt werden, das setzt sich im Ausdruck der ganzen Erscheinung fort.

Es ist Kunst im Dialog mit der verborgenen, höheren oder tieferen, anderen und geheimnisvollen Wahrheit unseres Daseins. Die Werke von Sr. Christophora verleugnen und ignorieren diese andere Seite nicht. Es ist, als ob sie diese andere Welt, mit der sie kommunizieren, durch ihre Eindruckspuren präsent machen würden. So kommt es, dass die verschiedenen Exponate auf ihre Weise Beziehung stiften, zum Kontakt einladen, Verbindungen herstellen, uns dazu verlocken, in ihre Zwiesprache einzusteigen. Die Sammlung, der Friede, die Stille, die Ruhe und Intensität des Hörens, Schauens, Bleibens, Wartens und Empfangens, die von den Darstellungen ausgehen, ermutigen und bestärken uns dazu. Es ist etwas insgesamt sehr Heiles, Heilendes, ja Heiligendes, das uns hier entgegen geht. Wer sich dieser Bewegung öffnet und aussetzt, erfährt, wie er selber dadurch geheilt und heiler wird. Nicht zuletzt darin liegt etwas vom Charisma, das der Kunst eigen ist.